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VON NEUEN BÜCHERN

Zwei neue Psalmenübersetzungen

In kurzer Zeit erschienen nun in Österreich zwei Psalmenübersetzungcn. die lateimsch-deutsche von C. J. Perl* und die von Claus S c h e d 1 **. Vom ideellen Gesichtspunkt aus ist es zu begrüßen, daß zwei Verlage trotz der schwierigen Zeitlage sich darangewagt haben, den Psalmen ein neues Kleid zu geben, um so das hohe Gedankengut in die weitesten Kreise des Volkes zu tragen. Es ist interessant, wie die beiden Übersetzer zu Werke gingen. Perl begegnet den Psalmen von Augustinus her. Dies gibt seiner Übersetzung auch das Gepräge, denn im Anmerkungsapparat hat er weitestgehend die Gedanken des augustinischen Psalmenkommentars verarbeitet. Augustinus lebte in einer ähnlichen Zeitenwende wie wir. Für ihn wurden die Psalmen die Meilensteine auf dem Weg in die neue Civitas Dei und er hat seine tiefste Theologie in sie hineingebetet. Mit dieser Übersetzung wurde ein neuer Zugang zum Psalmenverständnis des heiligen Augustinus eröffnet. Perl sieht die Psalmen im innerkirchlichen Raum, als das Gebet des mystischen Christus und im wesentlichen, wenn der Ausdruck erlaubt ist, „pneumatisch“. Um ein Verständnis der Psalmen aus der Mysterienfeier her zu vertiefen, hat der Übersetzer bei jedem Psalm die jeweilige Verwendung in der Meßliturgie angeführt, und so erwächst aus dem Gebetsgebrauch der Kirche ein neues Psalmenverständnis.

Claus Schedl ist Orientalist und betrachtet die Psalmen vor allem als Lieder des. alttestament-lidien Volkes. Seine Ubersetzung ist deshalb auch dem „betenden Volke der Christen“ gewidmet. Volkslieder müssen bei einer Übersetzung in eine Form gegossen werden, die auch im modernen Leser die Vorstellung eines Gedichtes und Liedes zu erwecken vermag. Das Verdienst der Schedlschen Übersetzung besteht nun darin, den Rahmen des rein Sakralen durchbrochen und die Psalmen in ein Gewand gekleidet zu haben, das auch den modernen Menschen ansprechen kann. Dies erreicht der Übersetzer vor allem durch die prägnanten Psalmen-Überschriften, die jedem Psalm gleich sein bestimmtes Gepräge geben, weiter durch die klare Strophengliederung und nicht zuletzt durch die großzügige Verwendung des Platzes, wo trotz der herrschenden Papierknappheit jedem Psalm womöglich nur eine Seite eingeräumt wird. Dies sind jedoch nur alles äußere Gesichtspunkte. Viel wesentlicher ist das Verhältnis der beiden Übersetzungen in ihrer sprachlichen Formulierung, denn hier liegt der entscheidende Punkt einer Übersetzung. Wir greifen aus der Fülle der 150 Psalmen den 120. heraus, da an ihm die Eigenart beider Übersetzer sehr gut zum Vorschein kommt.

Perl :

Ich hebe meine Augen zu den Bergen auf: von wo wird mir die Hilfe kommen?

Die Hilfe kommt vom Herrn,

dem Schöpfer Himmels und der Erde...

Der Herr wird deinen Ein- und Ausgang schützen von nun an bis in Ewigkeit.

Schedl:

Ich erheb meine Augen zu den Bergen;

von wannen wird Hilfe mir kommen? Hilfe kommt mir vom Herren,

der Himmel und Erde geschaffen . .. Der Herr behüte dein Gehen und Kommen

jetzt und in Ewigkeit!

Es sei dabei gestattet, auf kleine Unterschiede hinzuweisen. Im letzten Vers hat der lateinische Text „exitus“ und „introitus“. Perl übersetzt gewissenhaft die lateinischen Substantive ebenfalls mit deutschen Substantiven „Ein- und Ausgang“; Schedl abr hört hinter den lateinischen Substantiven die hebräischen Infinitive heraus und übersetzt dementsprechend auch im Deutschen mit den Infinitiven „Gehen und Kommen“. In dieser Art schneidet der Orientalist an etlichen Stellen gut ab. Andererseits kommt die römische Prägnanz bei Perl zu ihrem Recht. Denn im Psalm 4, 8 ist wohl bei Schedl das hebräische unbestimmte „man“ (3. Person Plural) mit einem unbestimmten deutschen „es“ wiedergegeben, wodurch aber eine kleine Zweideutigkeit herauskomm, die bei Perl vermieden ist.

In der Bucherzeugung bedeutet es einen großen Erfolg, daß uns in Österreich trotz der größten Schwierigkeiten diese beiden Übersetzungen geschenkt wurden. Mögen sie den Zweck erfüllen, den ihnen die Übersetzer zugedacht haben: die Perlsche Übersetzung als Wiedererweckung des augustinischen Geistes in der umwälzenden Zeitenwende unserer Tage und die Schedlsche Übersetzung, in der kaum ein Wort vorkommt, daß nicht der schlichte Mann aus dem Volke auch sagen würde. Über die eventuelle Verwendung der einen oder anderen Übersetzung in den liturgischen Gebeten der Kirche hat die Entscheidung das liturgische Referat der österreichischen Bischofskonferenz, die noch abzuwarten ist.

Trotzdem ja zum Leben sagen. Von Dr. Viktor Frankl. Drei Vorträge. Verlag Franz Deuticke, Wien.

Aus den Ausführungen des Autors spricht eine positive Schicksalsgläubigkeit im Sinne von Schicksalsbejahung, der es wesentlich darauf ankommt, durch die Setzung von aktiven oder passiven Einstellungswerten, dem Leben, das uns befragt, zu antworten und nicht nach einen festen Sinn zu fragen, der lediglich in der Verantwortung zu suchen ist, mit der der einzelne die Probleme, die ihm als unvertretbarer Einzelpersönlichkeit von seinem Schicksal gestellt werden, durch sein positives oder negatives Verhalten löst. Derjenige aber, der dieses Schicksal verhängt, der göttliche Auftraggeber, wird bei Frankl vielleicht mit Rücksicht auf diejenigen, die noch nicht glauben können oder wollen, etwas in den Hintergrund gedrängt. Daß Frankl selbst an diesen Auftraggeber glaubt, hat er in einem seiner Vorträge über Verantwortung selbst bekannt mit dem schönen Bilde von dem Unsichtbaren, der dem Geschehen auf der Bühne der Welt zusiehr, dem wir alle verantwortlich sind und an den wir glauben müssen, weil wir ihn nicht sehen.

Arnos et Os^e. Von G. B r i 11 e t. — IsaVe. Von G. B r i 11 e t. — Job. Von J. Stein-mann. Les Editions du Cerf, Paris.

Der bekannte Verlag hat mit der Herausgabe einer Reihe von kleineren Bänden begonnen, in denen das Werk der „Zeugen Gottes“ dargestellt wird. Durch die Herausstellung der religiösen Grundideen wird eine größere Eindringlichkeir erzielt, als dies sonst in den Kommentaren der Fall ist, wo vielfach zwischen Wichtigem und Unwichtigem, Zeitbedingtem und überzeitig Gültigem nicht unterschieden wird. Die Bände der Sammlung sind für den Theologen und Laien ein guter Behelf in das nicht leicht zugängliche Alte Testament.

Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, Band 5/6. Touristik-Verlag, Wien 1947.

Nach fünfjähriger Unterbrechung kommt erstmals wieder das von vielen ersehnte Jahrbuch der Wiener Heimatkunde heraus. Die von namhaften Wiener Lokalhistorikern geleisteten Beiträge können als wahrer Almanach der Viennensia-Forschung angesehen werden und dürften das volle Interesse jener Kreise finden, die sich ernsthaft mit der Geschichte der Stadt Wien beschäftigen. Reiches Quellenmaterial wurde durchforscht und in diesem Jahrbuch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Lettres de femmes. Herausgegeben von Dr. M. Jungwirt h. Amandus-Edition, Wien.

Eine reizvolle Aufgabe wurde mit dieser Ausgabe nett gelöst. Die interessanten Frauengestalten Frankreichs im 17. und 18. Jahrhundert waren große Briefschreiberinnen. Eine kleine und praktische Auswahl mit Anmerkungen und einer kurzen Darstellung der kulturellen Verhältnisse rundet das Büchlein zu einem geschlossenen Ganzen.

Buntes Leben um uns. Von Heinz Scheiben pflüg. Ein naturkundliches Wanderbuch. Universum-Verlag, Wien 1947.

Für jeden, dem die Natur, der ewige Wechsel von Sterben und Werden in Tier- und Pflanzenwelt etwas zu sagen hat, ein ungemein anziehendes Buch. Es führt in klarer und übersichtlicher Darstellung der Vegetationsgemeinschaften in Wald, Wiese, Au, Feld und Alm und der ihnen verbundenen Tierwelt das stets sich ändernde Situationsbild während des Jahres hindurch vor Augen. Ebenso interessant wie belehrend ist die Einführung in die Geheimnisse des Lebens der Natur, das auf Kampf und gegenseitige Hilfe nach unergründlichen Gesetzen aufgebaut ist. Schade, daß seine Anschaulichkeit nicht durch Bebilderung erhöht ist.

Das Strahlenmeer. Von Heinrich M a n 1 i k. Universum-Verlagsgesellschaft, Wien.

Das Buch führt in allgemeinverständlicher Weise in die Atomphysik ein, gibt ein klares Bild vom Aufbau der Atome der verschiedenen Stoffe und zeigt deren Welt als die Quelle der verschiedenartigsten Strahlungen. Dabei wird nicht unterlassen, auf die mannigfaltige praktische Auswertung dieser Strahlungen hinzuweisen. Die Kernreaktionen und die sich hieraus ergebende „Entfesselung der Atomenergie“ ist besonders gut methodisch herausgearbeitet. Außerordentlich wertvoll Ist das reiche Zahlenmaterial, das hier geboten wird. Das Buch gibt dem Lehrer für den Unterricht viele Anregungen, ist aber auch als Behelf für den Schüler und zum Selbststudium hervorragend geeignet.

Der ewige Grillparzer. Eine Auswahl aus dem Bleibenden des Dichters. 1. Band: Lebensbild und Werk; 2. Band: Dramen; österreichischer Verlag für Belletristik und Wissenschaft, Linz 1947.

Mit dieser Auswahl liegt die erste umfangreiche Grillparzer-Ausgabe nach dem Kriege vor. 240 Seiten allein umfaßt die biographische Einleitung mit Tabellen über Leben, Werk und Zeit. Breiter Raum ist auch den wenig bekannten Aphorismen, Tagebuchaufzeichnungen und Notizen gewährt, die eine wahre Fundgrube für den Psychologen und den Kulturhistoriker darstellen. Die fehlenden Dramen, die nur inhaltsmäßig und an Merkversen behandelt werden, sollen in einem Ergänzungsband nachgetragen werden. Die Ausstattung ist nachkriegsmäßig, das Format der beiden voluminösen Bände wenig handlich.

Puccini. Versuch einer Psychologie seiner Musik. Von Frank T h i e ß. Paul-Zsolnay-Ver-lag, Berlin-Wien-Leipzig 1947.

Der Untertitel müßte eigentlich heißen: Versuch einer Pathographie Puccinis, denn darauf läuft es hinaus: Puccini — der Leidende, der das Grauen unserer Zeit voraus erlebte und gestaltete und von der „grausamen Prinzessin Turandot“ in den Tod flieht. Gewiß, all das ist auch in Puccinis Musik, aber nicht dies allein! Wer es versuchte oder darauf angewiesen wäre, sich ausschließlich nach dem Buche von Thieß eine Vorstellung von der Musik Puccinis zu machen, wäre erstaunt und freudig überrascht, vernähme er wirklich nur ein paar Takte dieser Musik. Was Thieß wortreich vorträgt, ließe sich in einem gehaltvollen Essay sagen. Der Autor hat sich gewissermaßen in einige Eigenarten Puccinis festgebissen und sieht daher alle anderen Wesenszüge des Künstlers und seiner Musik überhaupt nicht — oder wie durch einen Nebel und verzerrt. Denn neben gewissen überfeinerten, ja krankhaften Zügen weist Puccini ebenso viele vitale und robuste auf. Das Musikantische, Theatralische, Melodisch-Schlagkräftige und Effektvolle stellt Thiess in Abrede, will es nicht wahrhaben. So übersieht er auch die nüch-tern-veritistische Prosadiktion, zu welcher Puccini — als erster mit solcher Konsequenz — seine Librettisten zwang. Die Lektüre des Buches ist, trotz mancher Längen und Wiederholungen, anregend.

Passion der Stille. Von Hans Nüchtern. Querschnittverlag, Graz.

Sonette von beachtlicher Vollendung der sprachlichen Form, dazu aufwühlende Gedanken, Zeitbilder von erschütternder Tiefe und Kraft. Diese Verse sind nicht leicht zu lesen, sie sind nicht flüssig und melodienreich, aber Hans Nüchtern meistert die Sprache so sehr, daß der Leser bisweilen vor der geradezu schauerlidien Prägnanz und Sicherheit mancher ganz unerwarteter Worte erschrickt, die nur so und gerade so stehen müssen.

Frauenspiegel. Das lyrische Frauenbild vom Barock bis zur Gegenwart. Bellaria-Verlag, Wien 1947.

Wenngleich das Buch Beiträge meist berühmter Dichter aufweist, so ist es doch durch eine ziemlich einseitige Auswahl beeinträchtigt. Es ist fast ausnahmslos das Thema Liebe, in dem sich die Darstellung erschöpft. Da dieses aber wenig Niederschlag in der geistig-seelischen Formulierung findet, gibt das Buch kaum ein gut kon-turiertes Bild der Entwicklung, der im Laufe der letzten drei Jahrhunderte auch das Wesen, die Stellung und Wertung der Frau und der Ausdruck ihrer Persönlichkeit unterworfen war. Die aufkeimende soziale Frage zum Beispiel, die schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts in das Leben der Frau griff, klingt nur wenig an. Die Frau als Dichterin kommt wohl auch zu Wort, aber ihre Mitleistung etwa an der religiösen Dichtung des 17. Jahrhunderts findet ebensowenig Berücksichtigung wie die Lyrik einer Buol, Gertrude von Le Fort oder die Lieder einer Hedwig Dransfeld in unserem Zeitalter. Wegen dieser Einseitigkeit wirkt das Buch, trotz seiner hübschen Ausstattung etwas unbefriedigend.

Zwei suchen das Glück. Ein Wiener Roman von Mela Deutsch-Brady. Verlag A. Sexl, Wien 1947.

Der Wiener Roman ist in die geistige Krise unserer Zeit einbezogen. Seine würdigen Dichter schweigen vorläufig angesichts der großen inneren und äußeren Umformung der Stadt; daneben läuft eine Schar von talentierten Routiniers) die ihr Ohr vor dem Katarakt der Zeit verschließen und erschreckt in das Wien von gestern flüchten. Zu diesen gehört die Verfasserin des Romans „Zwei suchen das Glück“. Scharfe Charakteristik und eine virtuose, die letzten Feinheiten der „speziellen Syntax“ und des Tonfalles beherrschende Instrumentierung der Wiener Mundart sind die Lichtseiten des Buches, eine mehr als be denkliche moralische Freizügigkeit seine Schatten Seiten. Ob man wirklich einmal in Wien da? Glück so leichtlebig und leichtsinnig gesucht hat? Das Wien von heute und morgen jedenfalls muß sich das Leben (nicht das Glück) härter erkämpfen Der Preis ist freilich auch höher als ein Romanglück in Pappe und Rosawolken der guten alten Zeit.

Gewitter über den Äckern. Von Fritz E d e r. österreichischer Agrarverlag, 1946.

Vier Erzählungen aus dem Weinviertel werden durch fein gezeichnete Betrachtungen des bäuer-lidien Lebenskreises, durch künstlerische Gestaltungskraft der Handlungen und durch Wohllaut und Fluß der Sprache zu einem Loblied auf die österreichische Heimat und ihre Menschen. Die Darstellung der Ui-Mundart in den Gesprächen weist zu Vergleichen.

Steingucker. Heitere Erinnerungen eines Zwei-tausendjähngen. Von Erik Grat Wickenburg. Zeichnungen von Lajos v. Horvath Festungrverlag, Salzburg—Wien, Südtirolerplatz 2 136 Seiten.

Ein Stein vom Tennengebirge, den die Salzach bis Salzburg gespült hat, erlebt dort Salzburgs Urgeschichte und alles weitere bis auf den heutigen Tag. Schnurrig und burschikos, nicht ohne Reiz und wirklichem Gehalt erzählt. Eine fröhliche Lektüre in griesgrämiger Zeit.

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