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Neue österreichische Lyrik

DIE BOTEN JEDER STUNDE. Von Karl UHREN NICHT MESSBAR. Von Vera Fe TAGEBUCH. Von Helene Lahr. 80 Seit Verlages für Jugend und Volk, Wien. Pre Von Ernst Benedikt. M.-F.-Rohrer-V 35 S. - NACHTKUPFER. Von Heinz Po genfurt. 92 Seiten. - WUNDEN U m a i r. Oberösterreichischer Landesverlag, IM GEBIRGE. Schrifttum aus Tirol, Folg Preis 48 S.

Die Lyrik als sensibelste geistige Äußerung der Gegenwart findet wie ein schöner Vogel, der sich verflogen hat, doch immer wieder Heimstatt und Liebe. Österreich, das in der neueren Lyrik des deutschen Sprachraums das musikalische Element hütet, fällt durch seinen Mut zum Maß auf. Es ist ein großes Unrecht, an dem die Tages- und Wochenpresse einen guten Teil Schuld trägt, daß die Lyrik in Österreich so unpopulär geworden ist. Die Preise, mit denen sich die Öffentlichkeit von ihrem schlechten Gewissen loskauft, sind noch unpopulärer als die Gedichte. Es ist ein Jammer, der lyrisch gar nicht auszudrücken ist.

Die sieben Neuerscheinungen haben alle Gewicht. Sie zeigen die Variationsbreite möglichen Ausdrucks. Der Verlag für Jugend und Volk publiziert eine Lyrikreihe „Neue Perspektiven“ und läßt sie jeweils von einem jungen Graphiker illustrieren. Karl Wawra hatte mit 6einem graphischen Partner nicht sehr viel Glück. Aber vielleicht ist es wirklich sehr schwierig, diese vielen Engel, die Wawra mit den „Boten jeder Stunde“ meint, einzu-fangen. Theologisch ist diesen Engeln keinesfalls beizukommen. Sie sind eine originelle Spielerei, im Duktus manchmal an den frühen Rilke anklingend, aber bei weitem nicht „schrecklich“, sondern recht menschlich. Am Ende werden die Stilzimmerengel der Neureichen noch in der Dichtung Mode? Einer der gütigsten, der „Landstraßenengel“, sei hier für seine himmlischen Brüder zitiert:

Emst ging er neben heimatlosen Brüdern her

und brachte ihnen Schatten, Brot und Dach.

Nun sind die Straflen autovoll und menschenleer,

doch er, der Unsichtbare, ist noch immer wach.

Er sammelt sorgsam die entstellten

Leichen ein, den totgefahrnen Falter, die zermahnte

Maus,

und baut bei Apfelbaum und Kilometerstein

aus Grillengras und Staub für sie ein Leichenhaus.

Lyrik in des Wortes anspruchsvollster Bedeutung ist, was Vera Ferra-Mikura schreibt. Milder Zynismus, der geradewegs aufs Herz zielt und eine musikalisch schwingende Sprache kennzeichnen die Zeilen dieser Autorin. Bernard Stephan Lipka, in schwermütiger Beziehung zu den Strophen stehend, hat das Buch illustriert. Man begegnet manchen Gedichten, die man schon lange kennt, aus den Kreisen um Felmayr und Weigel. Aber es ist gut und heute notwendiger als gestern, sich daran zu erinnern.

Die Parade

Die Straße dröhnt. Ein goldgeschuppter Drache

wälzt seinen Leib vorbei an den Tribünen

und schlägt die Pranken stolz auf den Granit.

Die Menge jubelt. Mit verzückten Mienen

wirft sie ihr Herz vor den gespornten Schritt

des schönen Untiers, und der grelle Himmel

blitzt festlich auf im Antlitz einer Lache.

Am Rand der Stadt — wie ist die Zeit

vergangen? — greift schon das Unkraut nach vergeß-

nen Malen, die auf den Gräbern der Soldaten stehn.

Wawra. 41 Seiten. ZEIT IST MIT rra-Mikura. 110Seiten. SKEPTISCHES en. In der Reihe „Neue Perspektiven“ des is je 65 S. - VON NEUEM BLÜHT... erlag, Wien-Innsbruck. 105 Seiten. Preis t o s c h n i g. Verlag F. Kleinmayr, Kla-ND WUNDER. Von Otto Jung-Linz. 100 Seiten. Preis 39 S. — WORT e 10. Tyrolia-Verlag, Innsbruck. 199 Seiten.

Ein Invalider fühlt des Jammers schalen Geschmack im Mund und denkt ans

Heimwärtsgehn. Auf der Tribüne aber steht noch immer ein Generat mit frisch rasierten Wangen,

Das „Skeptische Tagebuch“ der Helene Lahr hat in Gertrude Diener die beste Graphik der drei Bände gefunden. Die Verse sind etwas spröde, Vorstadtempfinden in der Art Theodor Kramers und manches mehr Gemeinte als Getroffene.

Se/bsfporfrät

Vieles gewann ich im Spiel, manches errang ich im lauf, und Sehnsucht mündet im Überdruß. Dennoch bin ich nicht reicher als ihr. Scheinbaren Überfluß heben verborgene Mängel auf. Nie noch kam meine Arbeit ans Ziel, Blut und Tränen belohnen sie. Ein Zu-wenig und ein Zu-viel, ungelöst wohnen sie nebeneinander in mir.

Ernst Benedikt, einst eine bekannte Erscheinung des Wiener Journalismus, wie Oskar Maurus Fontana in seiner Einleitung erzählt, lebt heute in Schweden und treibt Kunst in mehreren Gattungen. Der sonore Klang seiner Lyrik hat noch etwas von der vergangenen Fülle der zwanziger Jahre. Bitterkeiten eines Emigrantenschicksals und ein Suchen, das sich noch weit von Erfüllung weiß, ist in den Gedichten zu spüren.

Der Arzt Dr. Potoschnig schreibt seine Lyrik im Schatten seines Berufes. Die Psychologie schaut ihm über die Schulter. Das Surreale, zu dem seine Dichtungsform neigt, bleibt nur am Rand. Die Zeilen sind noch gut verständlich, ja sie prägen sich ein. Manche sind Alarmrufe, die in der Stille, die den Gedichten wie ein Hohlraum folgt, lange nachhallen:

Du kannst nichts bewahren: Deine Träume plaudert der Schlaf aus. Der Honig deiner Wünsche nährt

die Pilze des Schimmels. Im Mark deines Baumes gähnt

eine Höhle.

Otto Jungmair, Forscher und Interpret im Dienst Adalbert Stifters, i6t ein Dichter, den die Lesebücher gerne „feinsinnig“ zu nennen geneigt sind. Ist Stifter für die Oberösterreicher eine Gefahr? Man möchte das manchmal glauben, denn in keinem Bundesland wird die lyrische Idylle 60 gepflegt wie in Oberösterreich.

Rosenrote Wölklein gleiten Hoch am Himmel und zergehn, In den Abenddämmerweiten Goldne Wolkenburgen stehn. (Seite 69.)

Das ist kein Wunder, sondern eine Wunde, aus der das Blut gegenwärtigen Lebens entwichen ist. Die Sprache mag noch so schön sein. Stifter ist tot, und wenn er heute lebte, müßte er anders reden.

Die Tiroler Autoren sammeln ihre neueste Ernte alljährlich in dein Almanach „Wort im Gebirge“. EMesmal legen siebzehn Lyriker und Erzähler Proben ihres Schaffens vor. Zum Unterschied von den literarisch recht exzentrischen Almanachen einiger Bundesländer atmet dieses Buch eine weltoffene Volkstümlichkeit im guten Sinn und dürfte geeignet sein, nicht nur von Subventionen zu leben. l>enn schreiben ohne sich selbst untreu zu werden und doch nicht ausgeholten werden zu müssen: das ist zwar nicht die höchste, wohl aber wertvollste Kunst.

EINE BIBLIOPHILE KOSTBARKEIT, vom einem anspruchsvollen literarischen Werk angeregt, legt der Hans-Deutsch-\'erlag, Wien, als erste Erscheinung seiner neuen Reihe der „Serapionsdrucke“ den Kennern vor, die sich an der wunderbaren Übereinstimmung des Inhalts und der Graphik mit den ästhetischen Werten makelloser typographischer Gestaltung und Ausstattung zu erfreuen wissen. In einmaliger Auflage von zweihundert Exemplaren (Preis 550 S) erschien eine Mappe mit fünf Originallithographien, die Haus Frowins zu der entscheidenden Szene aus Max Zweigs religiösem Drama „Saul“ schuf. Zum Unterschied von dem namentlich in erar.Kreich gebräuchlichen Lithographieverfahren, unter Zuhilfenahme chemischer Mittel, entstanden diese meisterlichen, expressiven Graphiken des bedeutenden Illustrators in der unmittelbaren, freien Niederschrift auf den Stein. Die „Saul“-Mappe mit ihrer dramatischen, verdichteten Interpretation des Geschehens im Abbild ist nicht nur ein neuer Höhepunkt im Schaffen des Künstlers, sondern auch eine verlegerische Tat, ein Bekenntnis zur Buchkunst, ein ideeller Kontrapunkt zur praktischen Frage nach dem „Gängigen“. Gunther Martin

FRITZ VALJAVEC

Geschichte der abendländischen Aufklärung

380 Seiten / Leinen S 159.—

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