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VON NEUEN BÜCHERN

Als der bayerische Herodot Johannes Turmair (1477 bis 1534), nach seinem Geburtsort Abensberg (Aventinum) an der Donau Aventinus genannt, für seine ursprünglich gar nicht zur Veröffentlichung bestimmten, erst nach seinem Tod erschienenen „Annalmm Boiorum libri VII“ nebst vielen anderen Schriftstellern auch des „Bernardus Noricus monadius in Chrembs-munster de rebus Boiorum“ verwendete, ahnte er wohl kaum, daß er damit ein Problem geschaffen hatte, dessen Lösung seitdem durch lange Zeit vergeblich gesucht worden ist. Es handelt sich um die Persönlichkeit des Verfassers der Geschichtsquellen von K-emsmünster aus dem beginnenden 14. Jahrhundert, der, von Aventin erstmals genannt, dadurch seiner Anonymität entkleidet und eigentlich gestalthaft wurde. Bisher war es allen Sdireibern und Lesern gleichgültig gewesen, wer die Fontes Cremi-fanenses verfaßt hatte: erst die Namensgebung durch Aventin wirkte ähnlich dem Namenszauber der Primitiven bahnbrechend und realisierend. Der Name wurde zur Person und diese wird von nun ab überall als Bernardus Noricus bezeichnet, wobei „Noricus“, ursprünglich nur eine Herkunftsbezeichnung, allmählich Bei- und Zuname wird, bis im 18. Jahrhundert das Zweifellose dieser Autorschaft in Frage gezogen und der seinerzeitige Cellfrarius (Kellermeister, besser wohl: Verwalter) und spätere Abt von Lambach, Sigmar, an seine Stelle gehoben wurde. Aber diese Änderung befriedigte ebensowenig wie die spätere Aufspaltung des Ganzen auf die beiden in Betracht Kommenden förmlich zu gleichen Teilen. Daher kehren die letzten sich mit dieser Frage befassenden Untersuchungen wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück, indem sie bloß einen Autor, entweder Bernhard oder Sigmar, für die Geschichtswerke von Kremsmünster beanspruchen. Schließlich hat Georg Leidinger 1917 sdieinbar endgültig die Persönlidikeit des Bernardus Noricus überhaupt für die Frucht einer Reihe von Irrtümern erklärt. Nun hat sich aber doch wieder ein Forscher mit dem vielumstrittenen Monachus Cremi-fanensis befaßt, und indem er auf die älteste Theorie greift und sich der nüchternsten Mittel der Untersudiung bedient, kommt er zu Ergebnissen, deren Überzeugungskraft nur der Lohn des sorgsamen Fleißes und der musterhaften Sauberkeit jahrelanger Arbeit ist. In dem bescheidenen Rahmen eines 90. Jahresberichtes des Obergymnasiums der Benediktiner 2u Kremsmünster (Schuljahr 1947) legt Dr. P. Will i-brord Neumüller einen Beitrag über „Bernardus Noricus von Kremsmünster“ vor, den er zwar nur als Vorarbeit für eine umfangreichere Darstellung betrachtet wissen will, der aber doch durchaus für sich bestehend die Frage der Verfasserschaft der Kremsmünsterer Geschichtsquellen behandelt und wohl zweifelsfrei löst. Mag auch der Weg von den Quellen zur Literatur, den Neumüller ursprünglich darin ging, wie er selbst richtig sagt, nicht ganz orthodox erscheinen, so ist er doch unbedingt der reichere, wenn auch mühsamere, und der Weg jedes Eigenen. Was an den Untersuchungen Neumüllers auffällt, noch ehe man zu den Ergebnissen Stellung nehmen mag, ist ihre glänzende und klare Disposition, die auch den Außenstehenden Einblick in die Methode gewährt und daher die Möglichkeit gibt, etwas logisch Stück für Stück mit aufzubauen. Man sage mir nicht, daß diese Art der Anlage ungenialisch ist und daß ein schöpferischer Mensch eben kein Handwerker wäre. Sie ist vielleicht trocken, aber sie ist dafür eindeutig, während das Genialische immer irgendwo verschwommen ist und oft zuviel Weiterungsmöglichkeiten gibt. Deshalb bietet es auch nie das Letzte, während das „Unnebulose“ — welche Eigenschaft Paul Kehr den Hilfswissenschaften beilegte — auch hier wieder seine hervorragende Verwendbarkeit vor allem für die Vorbereitung des Materials bewies. Dank einer in der ganzen Welt einzigartigen Schulung — im österreichischen Institut für Geschichtsforschung — ist Neumüller vor allem auf Grund paläographischer Untersuchungen unter Heranziehung des gesamten bis 1330 geschriebenen Urkunden- und Handschriftenbestandes seines Klosters nun imstand gewesen, den Nachweis zu erbringen, daß es tatsächlich nur ein Mann war, der maßgebend an den historiographischen Arbeiten von Kremsmünster im 14. Jahrhundert beteiligt gewesen, er konnte auch erkennen, daß der ihm zugeteilte Name Bernhardus aus der mißverständlichen Auflösung der Kürzung „Berh“ entstanden ist, die in diesem Fall als Berchtold gedeutet werden muß, und findet deshalb endlich für den solange unscharf konturierten Geschichtsschreiber das richtige Bild: Berchtold. der zwischen 1290 und 1326 als Kustos, Bibliothekar und vielleicht Scholastikus in Kremsmünster ein durchaus greifbares, viel-spuriges Leben geführt hat. Im Anhang bringt Neumüller auf seine Forschungen bezügliche Fragmente, Notizen und vor allem Briefe, die er aus' Falzen und Flicken in einer Reihe von Handschriften rekonstruiert hat. Nur wer selbst mit der Kleinarbeit des Paläographen und Urkundenforschers vertraut ist, kann ermessen, wieviel undendliche Mühe hier aufgewendet werden mußte, um ein anscheinend so naheliegendes Resultat verzeichnen zu können. Der langwierige vorausgegangene Streit ze'gt am beredtesten, daß diese Lösung eben nicht auf der Hand lag und daß durch sie wieder ein kleiner Meilenstein auf der breiten Straße der noch offenen Fragen der Geschichte bewältigt werden konnte.

Die heilige Margareta von Cortona. Von Francois Miuriac. Paulus-Verlag, Freiburg, Schweiz.

Dieses neue Werk des französischen Dichters stellt das äußere Leben und die innere Entwicklung der italienischen Heiligen dar. Die Etappen ihres mystischen Aufstieges werden an der Lehre des heiligen Johannes vom Kreuz gemessen und das Einmalige und Besondere ihrer Berufung deutlich herausgestellt. Aber Mauriac kommt es wohl nicht darauf an, eine allen wissenschaftlichen Anforderungen genügende Biographie zu verfassen, weshalb es auch keinen Sinn hätte, manche überspitzte Formulierungen und geistreiche Sentenzen in ihrer nur sehr bedingten Geltung hervorzuheben. Die Aufgabe, die Maurice sich stellt, ist die, das Leben der Heiligen in ihrer Gegensätzlichket zur allgemeinen Lebensauffassung (die der frommen Christen mit inbegriffen) zu zeichnen und zu rechtfertigen. Die Extravaganzen der italienischen Heiligen kommen ihm gelegen, um illustrieren zu können, wie das vollkommen gelebte Evangelium der Welt immer eine Torheit und ein Ärgernis sein muß. Der Wert dieses Werkes liegt darin, daß es mit großer Kunst die Wirklichkeit und die überragende Erhabenheit des übernatürlichen Lebens darzustellen weiß. Es ist wie ein Schlag gegen jene, die es verlernt haben, in den Dingen des Diesseits sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen, die, weil sie die Natur vor der Übernatur schützen zu müssen glauben nur mehr ihrem eigenen Geist zu folgen vermögen. Aber Mauriac fällt ins andere Extrem. So blendend Kapitel für Kapitel geschrieben ist, so richtig und tief vieles vom Verfasser gesehen ist, das Buch kann nicht restlos befriedigen. Nicht nur, daß manche nicht unwichtige Episoden des äußeren und inneren Lebens (das Verhältnis zu ihrem Kind oder die Beurteilung der mystischen Erlebnisse nach den Regeln des heiligen Johannes vom Kreuz) wenig glücklich gezeichnet sind, das Werk in seiner Gänze hinterläßt den Eindruck, daß das Leben in dieser Welt und das Leben in Gott zwei ganz verschiedenen Regionen angehört, zwischen denen keine Harmonie hergestellt werden kann. „Daß die offenbarte Wahrheit mit der Welt im Widerspruch steht, daß sie nur Wurzel fassen und dauern kann auf dem Weg von Niederlagen und Zugeständnissen und Einschränkungen ist eine unleugbare Tatsache, die einen aus der Fassung bringt, wenn man daran denkt.“ (S. 94.) Aus dieser und anderen Stellen wird deutlich, daß es Mauriac nicht gegeben ist, die Harmonie zu sehen, in die gerade bei den Heiligen Natur und Ubernatur gebracht sind eine Harmonie ohne Zugeständnisse an die Natur. Muß durch diese Darstellung nicht ein falscher Heiligkeitsbegriff entstehen, eine falsche Weltflüchtigkeit oder ein Pessimus? Fast kann man die im Vorwort des Buches angeführte Behauptung verstehen, Mauriac habe den Krieg verloren, weil seine Romane die Jugend verführt habe, nicht zu kämpfen...

Das verborgene Leben. Von Sören K i e r k e-. g a r d. Schriftenreihe Symposion, Amandus-Edition, Wien.

Dieses schmale Bändchen bedeutet eine herrliche Gabe. Hier offenbart Kierkegard mehr als sonstwo seine tiefe und zartempfindende Seele und jenes reine, wahrhaft christliche Denken, das auf der Liebe beruht.

Vor der Entscheidung. Überlegungen zur seelischen Bedrohtheit des heutigen Menschen. Von Michael P f 1 i e g 1 e r. 6. Auflage. Verlag Anton Pustet, Graz.

Es sind soeben 40 Jahr her, daß wir zum erstenmal Pflieglers großen Mut zum öffentlichen Wort aufrichtig bewundern mußten. Er hatte es damals als Quintaner gewagt, eine Schülerzeitschrift erscheinen zu lassen und war imstande, trotz aller Gegnerschaft ein Jahr lang damit durchzuhalten. Lehrern und Kollegen wurde klar, daß sich ein starkes Talent, verbunden mit einem unbeugsamen zähen Willen gemeldet hatte. Was von diesem ersten Versuch zu sagen ist, gilt vom gesamten Schrifttum Pflieglers und im besonderen von diesem Buche. Im Nachwort zur letzten Auflage — die erste erschien 1936 — berichtet er selbst, von welchen Gefahren der tapfere Aufruf zur Entscheidung bedroht war. Das Einschreiten der Staatspolizei galt als sicher, aber es unterblieb. Ohne den Willen zum offenen Freimut wäre selbst heute das Buch als Ganzes nicht möglich, denn es hat auch dem Freund und Bruder bittere Wahrheiten zu sagen vom Erkennen und. Verkennen der christlichen Sendung für die Welt von heute. „Ich bin kein Bücherschreiber“, rief einmal Pfliegler vor vielen Zuhörern aus. Wie so manches andere, das er dem Druck übergab, ist auch „Vor der Entscheidung“ aus Vorträgen entstanden. Darin ist ein Vorzug zu sehen, denn man spürt wohltuend auch noch heute beim Lesen die Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes. Im Jahre 1936 war ich selbst Zuhörer bei dem Vortrag über „Die religiöse Entscheidung, eine Forderung der Zeit“. Neben mir saß ein Professor der bildenden Kunst, der sich zu den suchenden und ringenden Modernen rechnete. Er war tief ergriffen von der brennenden Sorge des Redners, der mit der Wucht seines Wortes ein erschütterndes Bild des geistigen Niederganges erleben ließ, um zu warnen und den Weg der Rettung zu zeigen. So wirkte auch jetzt wieder das Buch auf mich: als der Ausdruck eines feurigen Willens, eines verhaltenen heiligen Zornes und einer großen Liebe.

25 Jahre Burgenland. Eine Rückschau auf seine politische, kulturelle und wirtschaftlche Entwicklung. Herausgegeben vom Volksbildungswerk für das Burgenland, österr. Bundesverlag, Wien 1946. 112 Seiten.

Beiträge all der Männer, die dem heutigen Burgenland sein Gepräge geben, zeichnen in diesem friedensmäßig ausgestatteten Buch die Entwicklung zusammenhangloser Gebiete zu einer Einheit, kulturell, volkstumsmäßig, wirtschaftlich, und seinen heutigen Stand. In richtiger Werteinschätzung wird diese Reihung eingehalten; dabei wird leider eine tiefere Abstimmung der Beiträge aufeinander vermißt. Dem Leser, der den Burgenländer etwa nur als Marktlieferanten kennt, aber auch dem wirklichen Kenner des Landes wird viel unbekannt Gebliebenes geboten. Man staunt über die Fülle dieses Bändchens.

Ein Bauerngericht. Nach einer alten Volkssage aus den Jahren 1569 und 1570. Von Jakob F t f i' d. Verlag Mayer u. Co., Wien 1947. 336 Seiten.

Eine im Mistelbacher Kreis erhaltene Volkssage wird hier in schlichter Erzählung berichtet. Die Begebenheit spielt in einer Zeit rauher Rechtsauffassung und großer Verwirrung der Seelen, die böse Leidensdiaft zur wildesten Orgie des Verbrechens entfesselt und edle Gesinnung zum höchsten Opfer verklärt. Die Gestalten sind klar umrissen, doch manchmal zu schematisch. Auch will der Leser nicht sosehr Werturteile des Autors, sondern er will an der Hand einer glaubwürdigen, lebendigen Darstellung sich selbst eine Meinung bilden können. Es ist wertvoll, die Vergangenheit des österreichischen Landes und Volkes in Geschichte und Sage der Leserwelt von heute wieder nahe zu bringen, lnsoferne verdient das Buch, das in liebevoller Schilderung durch die niederösterreichische Heimat führt, Beachtung und Wertschätzung. Nur — wir haben des Grauenvollen so viel erlebt, daß wir uns nach minder aufwühlender, ruhigerer Lektüre sehnen. Und warum auf dem Umschlag jene greuliche moderne Kunst, die jede Gestalt zur Karikatur verzerrt und jedes Gesicht zur Fratze macht?

Hornwerk und Glockenspiel. Von Hans Nüchtern. Donau-Verlag, Wien 1947.

Der neue Gedichtband, mit Federzeichnungen von Willi Bahner reizvoll umrahmt, ist ein echtes „Salzburger Buch“, an dem Ohr, Auge und Herz sich erfreuen können. Nüchtern hat es verstanden, schon im Namen der Sammlung die Spannung zwischen Berglandschaft und Ebene, zwischen Jugend und Lebensherbst Wort werden zu lassen. Hornwerk und Glockenspiel, mächtig dröhnender Klang von Orgel und Posaune, der von der Festung herabbraust, und silbriges Glockengebimmel, das vom Residenzplatz sich aufschwingt, sind die Elemente, aus deren Antithetik das Bild Salzburgs und das Bild des Lebens des Dichters und schließlich „das ewige Ziel“ in der „Stille Geheimnis“ aufsteigt. Was man vermißt, das ist der barocke Schwung, der die Kraft der Synthese im Schnörkel zur Grazie umwandelt — allzu dunkel ist auch die Klage um das Vergangene. Im Sprachlichen ist die Aufhebung des Wortmaterials zum Gedicht oft nicht geglückt. Nüchterns Formkraft erreicht ihr Höchstes im balladesken Gedicht. Wer Salzburg liebt, wi-d dieses Bändchen gern zur Hand nehmen, um das helle Loblied der Stadt zu hören, dem dunkel sich das Lied vom Menschen zwischen Geburt und Tod anschmiegt, „hörig der Erde, dem Ew'gen genehm“.

Nahrungsfreiheit! Das Schicksalsproblem Österreichs. Von Stephan Pfeffer. Verlag C. Fromme, Wien 1947.

Anläßlich des 25jährigen Bestandes werden die Landwirtschaftskammern auf der Herbstmesse die gewaltige Produktionssteigerung im Landbau während der Zwischenkriegszeit de-• monstrativ aufzeigen. War doch schon 1937 eine 80prozentige Eigenversorgung Österreichs durch die Landwirtschaft erreicht worden. Darüber hinaus versucht St. Pfeffer mit eindrucksvollem Zahlenmaterial nachzuweisen, daß die gänzliche Selbstversorgung in Nahrungsmitteln keine Utopie ist. Wer auch seinen Optimismus für eine Umstellung der Ernährungssitten nicht teilt und glauben mag, daß ein dauerndes Erzeugungsmanko von etwa 15 Prozent kein Nachteil für die Volkswirtschaft sein muß, ja sogar ein brauchbarer Kompensationsfaktor für einen natürlichen Ausgleich von Uberschüssen auf anderen Gebieten bedeuten kann und der für ein geeintes Europa in der wirtschaftlichen Autarkie der einzelnen Staaten kein erstrebenswertes Ziel sieht, kann dem gesunden Optimismus und dem gerüttelten Maß von Anregungen seine Anerkennung nicht versagen. Das Kapitel „Ertüchtigung des Landvolkes“ verpflichtet “alle hiezu Berufenen zum Nachdenken und Handeln!

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