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Geschichte und Leistungsschau

19451960198020002020

Die Maschinenbauer von Andritz. Von Grete Scheuer und Mirko Jelusich. Andritzer Verlagsgesellschaft, Graz-Andritz 1952. Leinen, 98 Seiten, 49 Bildtafeln

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Die Maschinenbauer von Andritz. Von Grete Scheuer und Mirko Jelusich. Andritzer Verlagsgesellschaft, Graz-Andritz 1952. Leinen, 98 Seiten, 49 Bildtafeln

Eine Festschrift, verfaßt aus Anlaß des lOOjähngen Bestandes der Maschinenfabrik Andritz als Historie, Leistungsschau und Bekenntnis zur wurzelhaften Werkatmosphäre.

Was der Titel ankündigt, hält der Inhalt: Von den Menschen her wird Werksgründung und Werksleistung vorgeführt, und so erhebt sich hinter jeder Leistungsrealität die lebendige Gestalt ihres Schöpfers. Keine deskriptive Werksgeschichte also, sondern dramatischer Gestaltungswille! So ist es zu verstehen, daß in der Ökonomie des Werkes der Gründerpersönlichkeit, dem aus dem ungarischen Szeged „zugereisten" homo novus Josef Körösi eine die H ä 1 f te der Schrift umfassende Porträtdarstellung gewidmet wird, daß er damit — unbeschadet der Wirkung nachfolgender Profilzeichnungen führender Köpfe des Werkes bis herauf zur Gegenwart — als Genius loci in seinem Andritz Verehrung genießt. Seine Leistungsetappen bis 1852: Vom Handlungskommis zum Eisen warenhändler, zur „Landesfabriksbefugnis auf die Erzeugung von Eisenschnallen, Ringen, Ketten und Geschmeidewaren" bis zur intuitiven Platzwahl des weiten Andritztales, wo er laut Wortlaut seines Gesuches „ein großartiges Fabriksetablissement für verschiedene Maschinen und Maschinenbestandteile vorzüglich größerer Art' zu errichten wünscht; das ist nacht die in atemberaubendem Tempo abrollende Story eines amerikanischen Selfmademan, vielmehr wird von der Verfasserin mit historischer Gewissenhaftigkeit eine Fülle dokumentarischer Zitate in den Text verarbeitet und wird kritisch alles Geschehen als charakterlich, milieu- und wirtschaftsgeschichtlich bedingt, argumentiert. Der wörtliche Abdruck des Testaments Körösis am Schluß seiner Charakterzeichnung darf als gelungene Wirkungsabsicht der Autorin bezeichnet werden, da doch dieses wesentliche Selbstäußerungen über sein eigenwilliges Privatleben und seine Familienverhältnisse andeutungsweise enthält, über die die Autorin fein- sinnig-bewußt einen. Schleier gelegt haben mag. — Die Schilderung der Jahre 1868 bis 1883 enthalten den rapiden Abstieg des Werkes unter dem Sohn und Erben des Gründers bis zum Verkauf von Andritz an die Alpine Montangesellschaft. Hier setzt die Darstellung des zweiten Autors ein, wobei es als angenehm empfunden werden darf, daß der Autorenwechsel ohne Fugen und Nähte erfolgt.

Das Schicksal der Gründung der initiativen Persönlichkeit Körösis ist nicht die klassische Tragödie vom schöpferischen Vater und dem dekadenten „Herrn Sohn“, sondern hat paradigmatische Geltung für die ganze, im Kampf mit den aufstrebenden Konzernen unterliegende Epoche der „Gründerzeit“. Achtmal wechselte Andritz seine Besitzer; doch es hat symbolische Kraft, daß die Darsteifungsabschnitte ab 1900 nicht mehr nach den innerbetrieblichen Wandlungen, sondern nach einer, das Einzelschicksal niederwälzenden schematischen Zeitabgrenzung erfolgt: 1900— 14, 1914—18, 1918—38, 1938—45, 1945 bis zur Gegenwart. — Die großen Arbeitsdomänen von Andritz: Hütten- und Walzwerksbau, Dampfmaschinen-, Gebläse- und Kompressorenbau, Wasserturbinen- und Kreiselpumpenbau, Kran-, Schützen- und Wehrbau, auch nur mit wenigen Spitzenleistungen innerhalb der einzelnen Werksepochen anzuführen, fühlen wir uns im Rahmen dieser Rezension nicht berufen. Daß sie einen Dichter zur Behandlung faszinierten, vermag ihre Eindruckswirkung am beredtesten zu dokumentieren. — Die Darstellung der jüngsten Geschichte ab 1945 wird als „Heldenlied des Werks Andritz" bezeichnet. Nach trostloser Demontage bis auf wenige alte Werkzeugmaschinen, nach Abtransport der Vorräte hieß es, sozusagen mit bloßen Händen neu beginnen. Durch Kauf, Tausch und Leihabkommen gelang es, aus anderen Werken teils stark beschädigte Maschinen zu gewinnen. Die erste produktive Arbeit war Nachbarschaftshilfe an ungefähr 30 Betrieben, wie zum Beispiel Mühlen, die ihrerseits der unterernährten Andritzer Belegschaft, von der mancher aus Schwäche an den Maschinen zusammenbrach, halfen. Mit der

Bestellung des derzeitigen Generaldirektors Ing. Schönbaumsfeld stand das Werk vor der Alternative, „den mühseligen Aufbau im kleinen fortzusetzen" oder „mit kühnem Entschluß ihm Aufgaben zu steilen, die ein Wagnis bedeuteten, es aber im Fall des Gelingens binnen kürzester Zeit unter die führenden Industrieunternehmen Österreichs reihen mußte". Wie sehr dies gelang, berichtet seither in einmütiger Anerkennung über jeden Leistungserfolg die Tagespresse und Fachpublizistik und fand anläßlich dęs 100jährigen Bestandsjubiläums eingehende Würdigung. Für den Geist der Werkführung aber zeugen die Worte in der Festrede des Generaldirektors „Wir haben viel materielle und moralische Hilfe erhalten. Trotzdem wären Leistungssteigerungen in so hohem Maße ohne die tatkräftige, ja sogar begeisterte Mitarbeit unserer Männer und Frauen nicht möglich gewesen." Der Geist von Andritz ist die Verwirklichung des Begriffes „human relation", oder in das Andritzer Idiom übertragen: „Werkstreue". „Wenn guter Wille und gesunder Menschenverstand (und das ist die Andritzer Auslegung von „human relation'!) wirken, ist auch der seelische Zusammenklang gemeinsam arbeitender Menschen unausbleiblich und der Erfolg ergibt sich von selbst.' Dieser Geist von Andritz reicht aber zurück bis in die patriarchalische Zeit Körösis.

Der Himmel. Von P. Ludwig H e r 11 i n g S. J. Verlag Ars Sacra, München. 144 Seiten.

Wenn wir nur einen Augenblick die Herrlichkeit des Himmels schauen dürften, wir würden hier nicht mehr leben können, son dern sterben vor Sehnsucht nach der ewigen Heimat. Aber das ist es eben: was nick' durch die Pforten der Sinne eingeht, da macht uns keinen Eindruck und deshalb is unser Glaube so schwach. Diesem Mange kommt das Buch P. Hertlings zu Hilfe. Ei hat zwei große Vorzüge: einmal die gründ liehe dogmatische Fundierung. Keine schwär merische Phantasterei, sondern tiefe, gesund

Lehre. Und dann die Fülle der Beispiele und Vergleiche, die uns die Lehre vom Unfaßbaren und Unvorstellbaren eindrucksvoll und leicht verständlich macht. Dieses schmale Bändchen kann vielen Trost und Hoffnung geben in einer Zeit, in der das irdische Leben so schwer zu tragen ist.

P. Vinzenz S i 1 v a -T a r o u c a O. S. B., Seckau

Die Glut im Rücken. Roman. Von Hermann Schreiber. Volksbuchverlag, Wien. 223 Seiten.

Man hat den Autor, Jahrgang 1920, zutreffend unter die Neorealisten, die „Männer vom

Kahlschlag", eingereiht. Aber Wien Im Jahr Eins (1946) ist nicht dasselbe wie Berlin oder Neapel im Jahre Null. Vor allem seine Menschen nicht, die der Vergangenheit stärker verhaftet und deren Leben, auch in der düstersten Zeit, vom freundlichen Licht der Kunst überglänzt und — wie in diesem Roman — von Musik durchklungen ist. Die „Glut im Rücken": das ist die Schuld, in die der junge

Wiener Graphiker Dolansky während des Krieges in Frankreich verstrickt wurde und aus der er sich zu lösen versucht. Seinen Schicksalsweg kreuzen etwa ein halbes Dutzend (zum Teil hach dem Leben gezeichnete) Gestalten, die alle jener Schicht armer Intellektueller und „Kulturträger“ entstammen, an denen diese Stadt so reich ist und von deren Armut sie lebt.

Der Leser eines „realistischen" Gegenwartsromans wird keine Schönfärberei erwarten. Vieles in dem spannenden Buch ist bitter und geradeheraus gesagt. Deshalb hätte der Autor auf den „Aufputz“ mit zahlreichen jungen, unvollständig bekleideten Mädchen verzichten können. Mit der Suada des Direktors Zelawny, der unter dem Titel „Vom Himmel durch die Welt zur Hölle" eine Überrevue starten will, ist dem Autor (S. 90 ff.) ein kabarettistisches Meisterstück gelungen.

Dr. H. A. Fiechtner

Die Anfechtungen der jungen Ursula. Von Heinrich Hanselmann. Rotapfel-Verlag, Zürich 1952. Leinen.

Eine höchst unerfreuliche Mischung von Höherem-Töchter- und Aufklärungsbuch. Vielleicht ist es in glücklicheren Ländern anders; hier bei uns jedenfalls haben die jungen Mädchen andere Sorgen, als in langen pseudopsychologischen Erörterungen das Wesen der „Sexualität“ zu zergliedern. Wo Gefühl durchschimmern soll, wirkt es unecht; die Handlung — soweit man von einer solchen überhaupt sprechen kann — scheint völlig unproblematisch und gekünstelt; nirgends schimmert wirkliche Menschlichkeit durch. Sprachlich weist der Roman nicht abzuleugnende Mängel auf und zu guter Letzt — er ist langweilig.

Dr. Jörg Mauthe. Von Josef Wenter. Pilgram-Verlag, Salzburg. 313 Seiten.

Das Lachsmännchen ist laut vorliegendem Buch: vor allem „herrisch“ (auf jeder Seite mindestens einmal); ferner ist es (wenigstens auf jeder dritten Seite) ein „Edeling“ — im Gegensatz zu den weniger adeligen beziehungsweise minderrassigeren Karpfen, Schleien usw. Das Lachsweibchen hingegen ist eine „stolze Frau“, zu bestimmten Zeiten allerdings auch eine „hochzeitliche Frau“

usw. Wer an diesem Vokabular keine literarische Fischvergiftung erleidet, wird den übrigen Lachsschmaus — ein quasi-heldisches Epos vom Fressen und Gefressenwerden — einigermaßen verdauen können und vielleicht sogar entdecken, daß neben allzu vielen verknöcherten Gräten in diesem Fischbuch auch genießbare Naturbeobachtung und -Schilderung stecken. Druckfehler. Akzeptabler Umschlag.

so scheint mir doch, es hat in Spanien eine eigene, auf die Jugend anderer Nationen nicht anwendbare Bedeutung.

Im Kinderzimmer fängt es an. Der Spanier hat die häßliche Angewohnheit, eine Reihe von obszönen Worten immer wieder als Interjektion seiner Unterhaltung auszusprechen, und von dieser Gewohnheit läßt er meist nicht einmal in Gegenwart seiner Frau und Kinder. Der Ausnahmen sind wenige. Schon lernt der kleine Bub die Worte und plappert sie unbeholfen nach, der erste Schritt zur Verrohung ist getan. In der Schule lernt er — der Lehrer, der Priester sagt es ihm — so spricht man nicht, aber dann hört er in der Pause den Lehrer mit den Amtskollegen sprechen, und auch da springt ihn das obszöne Wort an. t Was er lernt, ist, daß „man" irgend etwas nicht sagen soll, daß aber der einzelne es damit halten kann, wie er will.

Übrigens gehen die spanischen Kinder nicht in die Schule, sie gehen in Schulen. Es besteht allgemeine Schulpflicht, aber es fehlt jede Einheitlichkeit und Zusammenarbeit. In dieser unübersichtlichen Vielheit, diesem Durcheinander von Schulen, Privatunterricht, Akademien, Klosterschulen, staatlichen Instituten, deren Lehrpläne parallel gehen, sich überschneiden, einander diametral entgegenwirken, liegt meines Erachtens der wirksamste Mechanismus, der diese Jugend auseinanderreißt, sie zu einer „juveiitud sin rumbo" gleichsam eicht.

Mit halber Schulbildung treten sie ins Berufsleben über und verbinden mit der Berufsarbeit einen ein- oder zweijährigen Besuch einer Handels- oder technischen Akademie. Ganz zu schweigen von den Jugendlichen, deren Eltern nichts dabei finden, daß sie mit neun oder zehn Jahren den Schulbesuch abbrechen; sie sind nicht besser dran als die immer noch erschreckend zahlreichen Analphabeten.

Die jungen, angehenden Akademiker hingegen haben das Rennen zunächst einmal geschafft. Das Staatsexamen und die Immatrikulation fand unter scharfen Bedingungen statt, aber bei den Papieren der Kandidaten lagen auch‘die Empfehlungsbriefe von Gouverneuren, Alkalden, Bischöfen, Industriebaronen und Marquisen. Der Eintritt in die Universität hebt den jungen Studenten nicht nur geistig, sondern auch materiell, ja geradezu körperlich aus der Gesamtheit der Jugend seines Volkes heraus und über sie empor. Sie werden einmal Führer sein. Führer oder Herrscher? Unleidliche Tyrannen, jeder auf seinem Posten? Den Problemen ihres Volkes entfremdete Forscher und Gelehrte? — Für die einzigen, die aus dem Volk und für das Volk in ihre führende Stellung emporzuwachsen scheinen, möchte man die Geistlichen halten, die neue, die jüngste Priestergeneration, aus der Mahnungen klingen wie jene des Jesuitenpaters de Llanos. Dr. Grete Steinbock

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