6593056-1952_39_05.jpg
Digital In Arbeit

Randbemerkungen ZUR WOCHE

LEOPOLD KUNSCHAK hat seine Präsidentschaft im Nationalrat niedergelegt. Soll das ein Abschied aus dem öffentlichen Leben sein? Der Einundachtzigjährige sieht nicht nach einem Ruheständler aus, und man kann sich, ihn in dieser Rolle auch nicht .vorstellen. Die jüngere Generation christlicher Gesinnung ist kaum deutlich gewahr, wie sehr ihr Standort von dem Lebenswerke dieses Mannes mitbestimmt ist, der im ausgehenden vorigen Jahrhundert, fast noch im Jünglingsalter stehend, Pionier der christlichen Volksbewegung war, Katholik, Österreicher, Freund, Führer, und doch immer selbstloser Diener für I die Sache des christlichen Volkes. Um ihn, den Arbeiter aus den Werkstätten des Westbahnhofes, sammelten sich anfangs der neunziger Jahre arbeitende Menschen vieler Berufsgruppen, vielversprechende Begabungen. Leopold Kunschak wurde ihr Vormann, bevor er noch ein öffentliches Mandat hatte. Daß er, der um die Jahrhundertwende bei den damals gegebenen Bedingungen befähigt gewesen wäre, eine eigenständige christliche Arbeiterbewegung ohne äußere bürgerliche Bindungen ins Leben zu rufen, immer, wenn es zur Entscheidung kam — wiederholt war er vor diese Wahl gestellt —, sein Tun auf das Volksganze gerichtet hielt, sein Wirken der allgemeinen christlich-sozialen Volksbewegung einordnete, das ist das zu wenig beachtete und noch weniger bedankte Opfer Leopold Kunschaks, dieses Mannes, der bis in sein Alter stolz war, dem Arbeiterstande zu entstammen. Manche wollen es zwar nicht gelten lassen, daß, was in der Volkspartei kernhaft und wetterfest ist, aus dem Erbe der Christlichsozialen Partei herkommt; tief eingegraben in die geistigen Konturen dieses Landes, sichtbar noch in großen Werken und der Schönheit Wiens, ist die Erinnerung an diese christlichsoziale Vergangenheit. Einen zweiten Bürgermeister Lueger hat Wien von nirgendwoher erlebt. Aber auch dieser Christlichsozialen Partei blieb die zur Selbstprüfung zwingende Heimsuchung nicht erspart. Die schwere Niederlage in den Reichsratswahlen 1911, kurz nach dem Tode Luegers und nach einem von Untreue und widerspruchsvoller Parteiung erfüllten Intervall, in dem mit einem Schlage der ganze alte Wiener Führerstab stürzte, stellte die Existenz der Partei in Frage. Wenn sie dennoch gerettet wurde und aus dem katastrophenähnlichen Geschehen gereinigt und gefestigter hervorging, so war dies das historisch gewordene Verdienst Leopold Kunschaks, eine Tat, ohne die der Gang der innerpolitischen Entwicklung Österreichs nach dem ersten Weltkriege nicht denkbar ist. Wäre sie nicht gewesen, so hätte Österreich das Schicksal Ungarns geteilt, den Sturz in die kommunistische Räteherrschaft mit unabsehbaren Folgen. Da Leopold Kunschak den Präsidentenstuhl des Nationalrates verläßt, seien diese nicht immer und überall gegenwärtig gehaltenen Erinnerungen vorgestellt.

HERBST- ODER FRÜHJAHRSWAHLEN stehen zur Debatte. Die Exponenten der Parteien schließen sich ein im stillen Kämmerlein, halten Rat und befragen ihre Wahlstrategen und politischen Konjunkturforscher. Ergebnis: Kommuniques, der Pythia würdig — und alle Möglichkeiten werden offengelassen. Wenn man aber, wie das von der ersten Regierungspartei betont wurde, keine gewichtigen Gründe zu einer Vorverlegung des Wahlganges erkennt (vorausgesetzt, daß es dem bösen politischen Nachbar gefällt ), so ist dem nur herzhaft beizupflichten. Ruhig ab g ew artet e Wahltermine sind immer e i n gutes Zeichen innerpolttischer Stabilität. Nervöse, voreilige Parlamentsauflösungen und Neuwahlen verraten schlechten Barometerstand.

DER NAME, DIE PERSÖNLICHKEIT LUDWIG KOSSUTHS Und nicht seine liberal-nationalistischen Prinzipien oder deren radikale Anwendung hielten breite Schichten der ungarischen Nation in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, welches bekanntlich erst mit dem Weltkrieg endete, in dem fiebernden Zustand der Begeisterung. „Nicht von Ideen ist da die Rede, sondern von einer Person“, schrieb einst ein weiser Zeitgenosse. Kossuth war die Inkarnation der Charaktereigenschaften seines Volkes, der guten wie der weniger guten. Für die wahren Realitäten blinde Gefühle — das vielzitierte ungarische Strohfeuer — rissen auch ihn mit sich: doch was er tat, tat er aus flammender Vaterlandsliebe. Seine unvergleichliche Rednerkunst war das Mittel: eine zündende Rede war in Ungarn immer unwiderstehlich. Dennoch: die Aufbauarbeit der Reformpolitiker vor 1848, an ihrer Spitze ein Szėchėnyi, die Realpolitik eines Deäk, welche 1867 zum Aus- 9 gleich führte; dies waren Taten! Aber i wenn Kossuth auf den Plan trat, flogen die 9 Herzen ihm und ausschließlich ihm zu. Mit

einer genialen Demagogie verrammelte er die Wege zur Verständigung. Warum schreiben wir darüber? Weil die ungarische Volksdemokratie in diesen Tagen die hundert f ünf zi g st e Wiederkehr des Geburtstages von Kossuth feiert, mit der größten Pompentfaltung, deren eine wohlgeübte Propaganda fähig ist. Ein neues Denkmal wird enthüllt, die Festreden halten die Würdenträger des Staates, historische Publikationen und Festschriften jagen einander. Aus ihnen erfahren wir nicht bloß, daß Kossuth der größte Sohn Ungarns im — wohlgemerkt! — neunzehnten Jahrhundert (wo wäre Sonst Platz für Matthias Rakosi?), sondern auch, daß er der genialste Stratege, der weiseste Staatsmann und der größte Kämpfer für die Freiheit gewesen, letzterer freilich für eine damals noch kümmerliche Freiheit Der wahre Erbe Kossuths sei, so erklärt man, „die Arbeiterklasse“, welche heute im Süden „einem neuen Jellaiic" gegenüberstünde, welcher heute eine neue Armee, außerdem eine mächtige Eisen- und Stahlindustrie auf baue „So müssen wir die Gestalt Kossuths zeichnen, ihn unserem Volk von der hohen Warte des wissenschaftlichen Sozialismus, des Marxismus-Leninismus zeigen!“ Armer Szėchėnyi! Seine dunkelsten Ahnungen sind wohl übertroffen! Doch wundern wir uns nicht. Es ist nur1 natürlich, daß ein Regime, in seinem Bemühen, sich in das Herz des Volkes einzuschleichen, auf einen wahren und echten, immer aufrichtig und herzenswarm gewesenen Volkstribun nicht verzichten kann. Bedenklicher stimmt, daß der ganze Apparat der von der westlichen Welt unterstützten ungarischen Emigration in Presse und Rundfunk über einen schönklingenden, aber schalen Kossuth-Nationalliberalismus noch nicht hinaus ist. Also, hier wie dort: Kossuth! Daß die ganze Politik Kossuths vor und nach. 1848 nicht bloß für die Monarchie, sondern für das Zusammenleben der Donauvölker und für das Gedeihen des ungarischen Volkes nicht förderlich war, wurde schon Vor Jahrzehnten in den Standardwerken der ungarischen Geschichtswissenschaft (Szekfü!) festgestellt; Es wäre zu wünschen, daß in München und in New York solche Bände nachgelesen würden

DIE ZIONISTISCHE STAATSGRÜNDUNG auf dem Boden des alten Palästina, dieses Unternehmen, dem Judentum zum ersten Male seit dem Staatswesen Herodes Agrippas einen nationalen Mittelpunkt wiederzugeben, bedeutet mehr, als die erreichten geringen Ausmaße des Staates Israel besagen. Dieser Versuch, der fast zweitausendjährigen Zerstreuung eines Volkes mindestens auf diesem kleinen Fleck Erde sichtbar und unter internationaler Anerkennung dieses Staatswesens ein Ende zu setzen, ist einmalig in der Geschichte. Aber er ist schwierig, und wäre die geldmächtige Hilfe der New-Yorker Kapitalswelt nicht zur Stelle, wäre er aussichtslos. Eine der gefährlichsten Bestandsproben muß offenbar durch die Aufgabe gelöst werden, die außerordentlich unterschiedlichen Stammes- elemente zu einer lebensfähigen Gemeinschaft, wenn schon nicht Einheit zu verschmelzen. Da sind neben den westlichen Ankömmlingen die orientalischen Zuwanderungen; Menschen, die aus mohammedanischen Ländern, völlig anderen Lebensbedingungen, kultischen Sitten und Traditionen und nach unkontrollierbarer Aufnahme von fremden Beimischungen kommen — vor allem sind die kulturellen Unterschiede so groß, daß es Generationen brauchen wird, die Gegensätze etwas erträglich zu machen. Die jüngst erschienene Nummer der zionistischen Zeitschrift „Neue Welt" (1 2) veröffentlicht einen Artikel aus Jerusalem, der aus dem Ernst der Lage kein Hehl macht und sich gegen die in solcher Situation unvermeidlichen Defaitisten wendet. Der Verfasser, J. Benari, Jerusalem, sagt: „Die Gefahr, der sich unser Land gegenübersieht, ist die Schaffung von z w-e i verschiedenen Teilen der Bevölkerung, von denen jeder nach seiner eigenen Auffassung sein eigenes Leben lebt, ohne den anderen zu beinflussen. Das heißt, daß an Stelle der Schaffung einer homogenen Nation mit gemeinsamer Moral, Ethik, ästhetischen und kulturellen Werten wir Gefahr laufen, den augenblicklichen Zustand zu verewigen — eine gespaltene Nation zu sein. Es muß Zugegeben werden, daß die Verantwortung für diesen Zustand ausschließlich auf die europäische Bevölkerung fällt. Hier wieder in erster Linie auf die modernen Propheten der Strandkaffeehäuser von Tel-Aviv, die ein Pseudowissen der pseudo-demokratischen Prinzipien Polens und Rumäniens in sich aufgenommen haben und nunmehr versuchen, Demokratie zu lehren.“ — Die Situation ist plastisch erkennbar gemacht.

Optimismus des Hausherrn, der selbst, als seine drei Söhne unter den Waffen standen, stärkenden Trost und unerschütterliche Zuversicht allen Kleingläubigen, Zweiflern, Nörglern bot.

Sein frommer Glaube verließ ihn auch nicht, als das alte Österreich, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing, in die Brüche ging, als er durch einen ungetreuen Vermögensverwalter zum Bettler geworden war, als er nur mehr vom Ertrag seiner nimmermüden Feder lebte. Wie wohltätig war ihm damals die Hilfe Brabanter Katholiken, die eine oder andere Ehrengabe, die die Heimat ihm gewährte. Es war eine besondere Gunst des Schicksals, daß dieser große Patriot die Abschaffung des Namens Österreich nicht mehr erlebte, als er 82jährig (am 15. Februar 1934) starb. Der überlebenden Gattin war es noch vergönnt, seinen Nachlaß zu ordnen und der Obhut der Wiener Stadtbibliothek anzuvertrauen.

Die Fülle des Geschaffenen ist selbst für den Literarhistoriker schwer zu übersehen. Als midi Franz Schnürer 1907 zu Kraliks 65. Geburtstag um einen biographischen Artikel für das „Allgemeine Literaturblatt“ anging, habe ich mich kurzerhand an Kralik selbst um Daten gewandt, und er ließ mich die Urfassung seiner Lebenserinnerungen lesen, die er später (1922) verkürzt und vielfach entfärbt unter dem Titel „Tage und Werke“ in Druck gab. Aber erst in der „Deutschösterreichischen Literaturgeschichte" vermochte ich ein klares Bild seiner gewaltigen Arbeitsleistung zu zeichnen, das ich ihm noch vor seinem Tod vorlegen und mit seiner Gutheißung veröffentlichen konnte.

Kralik ist nicht von allem Anfang an der „integrale" Katholik gewesen, als der er seit 1880 erschien. In seiner Jugend stand er dem Kreis Siegfried Lipiners nahe, zu dem Viktor Adler, Engelbert Pernerstorfer, Gustav Mahler, Wilhelm Klein, Joseph Winter und andere zukunftstrunkene, höchst radikal, fortschrittlich, revolutionär oder gar anarchistisch denkende junge Leute gehörten. Sein Aufenthalt in Italien, eine griechische Reise, der Besuch von Oberammergau und der heimischen Weihestätten Mariazell und Maria-Lanzendorf brachten ihn zu seiner auch von Richard Wagner inspirierten Idee, Bildung und Volk, Wissen und Kunst zu einer Einheit zu verbinden, der Nation wieder eine einheitliche Kultur auf religiöser, katholischer Grundlage zu schaffen. Wie das von Virchow 1873 ausgegebene Schlag wort vom „Kulturkampf“ ihn ins Herz getroffen hatte, so neuerdings 1896 die von Hertling und Hermann Schell angeblich als feststehend hingestellte Behauptung „der geistigen Inferiorität der deutschen Katholiken". Da sein ganzes Wirken auf eine von einer einheitlichen Weltanschauung getragene Gesamtkultur abzielte, hat er in die Titel so vieler seiner Bücher das Wort „Kultur" gestellt: „Kulturstudien", „Kulturarbeiten“, „Kulturfragen". Um die Grundlage für eine einheitliche Volkskultur wieder zu schaffen, hat er das „Deutsche Götter- und Heldenbuch" erneuert, die alten Mysterienspiele wiederbelebt; Calderons Fronleichnamsspiele, Fastnachtspiele des Hans Sachs, Kasperl- spiele für die Marionettenbühne sollten den katholischen Vereins- und Volksbühnen, den Laienspielscharen, den Heimat- und Festspielern ein reiches Repertoire gewähren.

Da er auch mit seiner auf dem Spielbegriff des alten Heraklit beruhenden Philosophie nicht hinter dem Berg hielt, seine Studien über Homeros, Sokrates, Jesu Leben und Werk im Rahmen der Zeitgeschichte dem Lesepublikum vorlegte, wollte man ihn nicht als Dichter, sondern nur als Kulturpolitiker und genialen wissenschaftlichen Liebhaber gelten lassen. Das ist sehr unbillig. Man kann manche von seinen Versen preisgeben (wiewohl ich die Sammlung der besten seiner Gedichte lebhaft wünschen würde), man kann manche von seinen Erzählungen unbefriedigend finden, völlig wertlos ist auch nicht eine; doch sicherlich Dichtung ist sein dramatisches Hauptwerk „Die Revolution", das sich Gobineaus „Renaissance" würdig an die Seite stellt. Man kann kritische Einwände erheben gegen seine Geschichte von „Wien", gegen seine „österreichische Geschichte", aber seine „Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit von 1815 bis zur Gegen-

wart" ist ein durchaus respektables Werk, zwar nicht gerade zum Lesen, aber als ein unerhört reiches Stoffmagazin sehr geeignet zum Nachschlagen.

Kralik, selber von schlichtester Lebensweise und Bedürfnislosigkeit, war in der glücklichen Lage, im größeren Teil seines

Lebens ein ererbtes Vermögen von einer Million Gulden ausschließlich in den Dienst seiner Kulturarbeit zu stellen. Er hat sein Pfund nicht vergraben und es als ein guter Wirtschafter für die Allgemeinheit angelegt. Dafür gebührt ihm ein herzliches, dankbares Gedächtnis.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau