6838249-1975_27_13.jpg
Digital In Arbeit

Das Gelehrtenleben Theodor Gomperz'

Theodor Herzl hat 1896 den Antisemitismus seiner Zeit als eine der Folgen der Judenemanzipation hingestellt. Der im Mittelalter eingetretene Verlust der Assimilierbarkeit hätte eine Überproduktion an mittlerer Intelligenz gezeitigt, für die es keinen Abfluß nach unten und keinen Aufstieg nach oben gegeben habe. Und so seien die Juden nach un-tenhin zu Umstürzlern proletarisiert worden, bildeten sie die „Unteroffiziere“ aller revolutionären Parteien, wüchse nach Oben hin die furchtbare Geldmacht der Juden. (Der Judenstaat, Wien 1896, S. 25.) Sieht man davon ab, daß Juden nicht bloß Unteroffiziere, sondern Generalfeldmarschälle in den seit 200 Jahren gemachten Revolutionen gewesen sind, dann gehört Theodor Gomperz nach dem von Herzl aufgestellten Schema zu den Abkömmlingen der Geldmacht, die mit ihrer Gelehrsamkeit das für die Ära Franz Josephs I. typische Bündnis von Besitz und Bildung vollkommen verkörpern. Richard Meister, zwischen 1951 und 1963 Vizepräsident und Präsident der Akademie der Wissenschaften, hat das franzisko-josephi-nische Zeitalter (1848—1916) ein „goldenes Zeitalter für Wissenschaft und Kunst in Österreich“ genannt. Aristokratische Kultiviertheit und bürgerliche Freiheit sind nach der Ansicht Jakob Burckharts „optimale Möglichkeiten für eine Atmosphäre der Intelligenz“. Rundet man solche Einschätzungen mit einem Wort Hugo Hantschs ab, wonach Altösterreich ein progressiver Feudalstaat gewesen ist, dann ist bereits einiges über das geistige Klima gesagt, in dem Theodor Gomperz (1832—1912)' lebte.

Ein kurzer Blick in die Verwandtschaftstafel Gomperz' zeigt, daß dieser und seine Familie tatsächlich jener Geldmacht im Sinne Herzls zuzurechnen sind (S. 35). Die vom Niederrhein stammende Kauf manns-und Gelehrtenfamilie Gomperz kam In Brünn zu Besitz und Ansehen. Ein Bruder des Gelehrten, aufgewachsen in der Ideenwelt des Altliberalismus, wurde Präsident der Mährischen Handelskammer, zugleich Präsident der Kultusgemeinde. 1861 wurde er Landtagsabgeordneter, 1873 Reichsratsabgeordneter, 1892 lebenslängliches Herrenhausmitglied. 1879 erfolgte seine Nobili-tierung.

Mütterlicherseits stammte Gomperz von den Auspitz ab. Die Auspitz, in geschäftlicher Hinsicht den Gomperz' branchenverwandt, waren In mehreren Generationen den Gomperz verschwägert. Er selbst wurde durch seine Brüder und Schwestern mit den Wertheims verschwägert, die zu den ältesten in Österreich nobilitierten Judenfamilien zählen; ebenso mit den Bettelheims Und mit den Todescos, deren Palais in der Wiener Kärntnerstraße heute Sitz der Bundesparteileitung der ÖVP ist. Wenn es jemals den politischen Typ „fconservatiw-Uberol“ gegeben hat, dann war dieser im Kreis um Theodor Gomperz tragend. Tragend in einem Continuum, das zum Teil selbst das Ende der Monarchie in Österreich überdauerte. In dem vorliegenden Buch werden Reden und Aussprüche Gomperz' erwähnt, wie sie etwa zu Kaisers Geburtstag (18. August) fielen. Darin kommt, fern von betulicher Lobhudelei, eine wohl noch religiös fundierte Loyalität zum Haus Habsburg zum Ausdruck. Dieses mit dem Begriff „Geldjudentum“ ungebührlich abgewertete österreichische Judentum unterschied sich scharf von einer meistens bereits glaubenslos gewordenen oder besitzlosen jüdischen Intellgentsia der freien Berufe, die, radikal bis anarchistisch gesinnt, bis in die jüngste Zeit in allen revolutionären Bewegungen hervorgetreten ist.

Zum Schema des Liberalismus gehört die Judenemanzipation genauso wie der wertlose Formalkatholizismus der Christen. Man redet heute nur von der Assimilierung der Juden, obwohl seinerzeit gleichzeitig eine Assimilierung der Christen im ehedem katholischen Österreich stattgefunden hat. Der Liberalismus war das Sammelbecken der jüdischen wie der christlichen Assimi-lanten.

Theodor Gomperz selbst hat mit großer Gelassenheit den jüdischen Glauben abgestreift (S. 175). In seinem Testament empfiehlt er (1887) seinen Kindern, sich jenem religiösen Kreis anzuschließen, dem sie sich „innerhalb der großen christlich-europäischen Gemeinschaft am nächsten fühlen“. Der Wissenschaftler seiner Zeit wünscht nicht, daß seine Nachfahren „auf dem rassen-haft abgesonderten jüdischen Isolierschemel verharren“. Er warnt sie gleichzeitig davor, diesen Schemel mit dem „Isolierstuhl der Confes-sionslosigkeit“ zu vertauschen. So österreichisch dachte Gomperz, daß er seinen Kindern den „im großen und ganzen so weitherzigen österreichischen Katholizismus“ empfohlen hätte, wäre dieser nicht auch einem gewissen Jesuitismus ausgeliefert.

Mit der metaphysisch verankerten völkischen Idee eines Judentums der Zukunft, wie sie Theodor Herzl propagierte, hatte Gomperz, wie die meisten österreichischen Juden in Kreisen von Besitz und Bildung, nichts zu tun. Friedrich Torberg hat einmal in einem Fernsehinterview gesagt, er hätte am liebsten die Zeit um 1880 erlebt. Treffsicher hat er mit dieser Jahreszahl die letzte, die entscheidende Bruchstelle in der neuesten Geschichte Altösterreichs aufgezeigt. Was nachher geschehen ist, wäre in der Welt Theodor Gomperz' nicht möglich gewesen.

Der Antisemitismus in Österreich ist eines jener tabuisierten Phänomene, deren Erscheinungsform durch ein unkritisch-emotional bedingtes Schema nach dem Freund-Feind-Verhältnis fixiert ist. Hinter diesem Gitterwerk bleibt zum Beispiel die Tatsache verborgen, daß sowohl Georg von Schönerer als auch Karl Lueger jenem geistig-politischen Klima entstammen,, das vor 1880, zum Teil vorwiegend, von einer jüdischen Intelligenz gemacht worden ist. Von Pater Abel SJ wissen wir, daß Lueger durch seinen Religionsprofessor in der Jugendzeit um den religiösen Glauben gebracht wurde. In den siebziger Jahren paßte ersieh mit seinem parteipolitischen Stellenwert dem liberal-demokratischen Milieu der Vorstadtdemokraten an. Im Bezirk Landstraße hat ihm Doktor Mandl, ein Jude, die ersten politischen Gehversuche beigebracht. Nicht anders erging es Georg von Schönerer, der viele Jahre den jüdischen Publizisten und Historiker Heinrich Friedjung seinen persönlichen Freund nannte, ehe er den „Juden Hersch“ verächtlich abtat. Noch 1888 reflektierte Victor Adler auf die politische Ausgangssituation, die er in Kreisen eines „fortschrittlichen Bürgertums (darunter auch Schönerer)“ erlebt hat. Ja selbst das deutschnationale Programm Altösterreichs (Linzer Programm von

1882) enthält unerläßliche Beiträge der Juden Victor Adler und Heinrich Friedjung. j.

Die Geschichte des Antisemitismus in Österreich muß erst erkundet werden.

Herrenhausmitglied zu werden und es darin einem älteren Bruder gleichzutun, war der stille aber zähe Ehrgeiz im Gelehrtenleben Theodor Gomperz'. Gomperz war kein politisierender Hochschullehrer. In dem vorliegenden Buch ergibt sich sein eigener politischer Standpunkt ganz eindeutig aus bestimmten Distanzen, die er im Vergleich zu landläufigen politischen Chiffren bemißt. Ganz im liberalen Sinn war er antiklerikal. Mit seiner Einstellung zum Haus Österreich unterschied er sich klar und deutlich von den Deutschnationalen und den späteren Völkischen. Die aufkommende Sozialdemokratie hat er lange nicht einmal ignoriert.

Dabei war er gegenüber zeitbedingten Ursachen eines rassisch bedingten Antisemitismus, wie er in den achtziger Jahren aufkam, nicht blind. 1884 schreibt er an seine in Franzensbad zur Kur befindlichen Frau wörtlich: „Gestern war ich nach langer Zeit im Prater, wo es wunderschön war, wo man aber auch Dr. Pattai und seine Richtung begreifen lernt. Ich übertreibe nichts wenn ich sage, daß längs den (3) Kaffeehäusern kein einziger Nicht-jude zu erblicken war, u. zw. lauter verbogene, verzerrte, mauschelnde Erscheinungen utriusque generis ...“ Ende des Zitats. Über im Judentum immer wieder aufbrechenden Selbsthaß, der gerade jetzt wieder Gegenstand einiger Publikationen ist, soll an dieser Stelle nichts weiteres gesagt werden.

Was den Dr. Pattai (1846—1920) anlangt, so war dieser in Altösterreich Antisemit der ersten Stunde. Der christlichsozial gewordene Lueger distanzierte sich zunächst von Pattai, dieser rückte hinwieder vom Antisemitismus Schönerers ab, welch letzterer ihn zu den ersten seiner zahlreichen Renegaten rechnete. Im Alter zählt Pattal zu den politischen Vertrauten Josef Redlichs. Um auf derlei oft krummen Wegen des Antisemitismus in Österreich zurechtzukommen, bedarf es vorerst noch jener verläßlichen Zeugnisse, wie das vorliegende eines ist.

Die Freud-Forschung wird in diesem umfangreichen Werk (556 S.) zweifellos zahlreiche neue Anregungen zur Erkundung des geistig-politischen Klimas jener Jahre finden, in denen sich die Frage: Freud oder Wagner-Jauregg an der Wiener Universität zugunsten des letzteren entschieden hat. In diesen Zusammenhängen tritt insbesondere die Person des k. u. k. Ministers für Kultus und Unterricht der Jahre 1889 bis 1905 hervor. Jahre, in denen angeblich ein antiquierter und primitiver politischer Katholizismus, eine antisemitische Intelligenz sowie eine bestechliche Bürokratie den Aufstieg Freuds zur Lehrkanzel blockiert haben sollen. 1899 war aber zum Beispiel der Physiologe Julius Wiesner Rektor in Wien; ein militanter Antiklerikaler, dem übrigens im selben Jahr Houston St. Chamberlain sein Werk „Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“ (nachher Standardwerk des Hitlerismus) gewidmet hat. Politischer Leiter der Unterrichtsverwaltung war (bis 1905) Wilhelm von Härtel, dem Gomperz einen großartigen Nachruf in der „Neuen Freien Presse“ vom 16. Jänner 1907 schrieb. Gomperz und Härtel waren Fachkollegen; sie förderten sich gegenseitig im beruflichen Fortkommen, verkehrten untereinander von Haus zu Haus, und Gomperz' Gemahlin solles bekanntlich unternommen haben, Härtel mittels einer Spende an die staatlichen Sammlungen für eine Lehrkanzel Freuds zu gewinnen. Derlei bedurfte es im Falle Harteis nicht. Denn: Härtel, der während seiner Studienzeit zur Gründergeneration der Wiener Burschenschaft „Silesia“ gehörte, war längst einem Gesinnungswandel zum Opfer gefallen. Während seines Dienstes in der Hofbibliothek vergaß

man, daß sich die „Silesia“ zu seiner Zeit im sogenannten Reinigungskrieg von 1866 ausdrücklich der Sache Preußens angenommen hatte. Am Ende der nationalliberalen Epoche ging Härtel nicht den Weg zu den Völkischen, vielmehr siedelte er sich im liberalen Establishment der Jahre 1859 bis 1879 an. Nein, Freud stolperte nicht über klerikale und nationalistische Fallen; er wurde primär von jüdischen Fachkollegen radikal abgelehnt.

Robert Kann schreibt in seiner Einleitung zum vorliegenden Buch, es handle sich um ein Kulturd'. u-ment. Um ein Kulturdokument, ües-sen Gegebenheiten zum größten Teil unwiederbringlich — und nicht durch den Zahn der Zeit — zerstört sind.

Theodor Gomperz erweist sich in dieser ungewollten Selbstinterpretation als ein „problematischer Fall“ für die Geschichtsauffassung von heute. Das Buch zerstört Mythen, die während der modischen Nostalgie zu blühen beginnen.

Den heutigen Epigonen des Christlichsozialen Bielohla.wek sowie jenen des Georg von Schönerer wird gerne und oft Geist und Inhalt eines „unvergänglichen Liberalismus in Österreich“ als Kontrast zur politischen Aktualität hingestellt. 1894 beschrieb Gomperz auf einer offenen Postkarte ein Bankett, auf dem noch einmal für den (wie es sich bald herausstellte) letzten liberalen Bürgermeister von Wien Furore gemacht werden sollte. „Ein Hauch von Banalität und Trivialität lag auf Gesichtern und Trinksprüchen“, erinnert sich Gomperz, der der guten Sache wegen gekommen war. Lediglich der Wiener Korpskommandant General Schönfeld hätte Leben, und Geist entwickelt, indem er (laut „Neuer Freier Presse“) versicherte, man werde ihn in den Reihen der Bankettbesucher finden, wenn „Existenz der Gesellschaft, der Genuß des sauer erworbenen Besitzes bedroht wird“. Man bemerkt, wenn es um liberale Belange ging, wurde die Parteilosigkeit der Generalität zuweilen schleißig. Geist und Leben fiel an jenem Abend auch in Ansehung der Person des Grafen Erich Kielmannsegg auf. 1895 wurde dieser der erste protestantische Ministerpräsident in Österreich, nachher hat er bis 1911 die Hochwassermarke des Liberalismus in der politischen Landesverwaltung Niederösterreichs bedeutet.

Leider bekam es Gomperz bei dem fraglichen Bankett selbst mit Banalität und Trivialität zu tun. Mit sichtlicher Entrüstung erzählte er seinem Sohn, er habe sich als ein nobody einen Platz an der Tafel suchen müssen. So wurde er Tischnachbar eines Mannes, der sich als Bürgermeister von Ober-Hollabrunn entpuppte. Das Desert beim Ganzen war, daß man dem mit dem damals noch vollwertigen Hofratstitel ausgezeichneten Gelehrten (demnächst Herrenhausmitglied aus Kaisers Gnade) unter den nobodies beließ, während der in seiner politischen Bedeutung schließlich agnoszierte Lokalmatador von Ober-Hollabrunn unter Beifallsbezeigungen erkannt und an das Präsidium der Ehrentafel gebeten wurde. Seliger Bieloh-lawek schau oba!

Theodor Gomperz ist 1912 gestorben und ihm blieb erspart, den Untergang einer Welt zu erleben, von der er, so wie Friedrich Torberg zwei Generationen später, meinte, es hätte sich gelohnt, darin zu leben. Torberg ging allerdings den nächstfälligen Schritt und wurde Sozialist. Der Jude Gomperz aber wurde im alten Österreich als emeritierter k. u. k. Universitätsprofessor, als Hofrat einer Zeit, in der es noch einen Hof gab, und als lebenslängliches Mitglied des Herrenhauses begraben.

Der Säuglinge Lallen festiget Dein Reich, las ich auf dem längst zerstörten jüdischen Waisenhaus in der Wiener Leopoldstadt. Das heutige Lallen von Epigonen tut längst keinen Schaden mehr jenem Reich an, das einmal die mitte und West geriet.

THEODOR COMPERZ. Ein Gelehrtenleben imBurgertum der Franz-Joseph-zeit, Auniahl seiner Briefe und Aufzeichnungen 1869 bis 1912, erlautert und zu einer Darztellung seines Lebens verknupft was 536 Seiten, ulustriert.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau