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Österreichkunde: mangelhaft!

Mit dem sonst so ausgezeichneten Grand Larousse encyclopedique steht es in be-zug auf alles Österreichische sehr im argen. Nicht aus kleinlicher Sucht, zu bekritteln, sondern in der Hoffnung, daß es für die weiteren, dem eben erschienenen ersten folgenden Bände nicht zu spät ist, die1 Austriaca in bessere Hut zu nehmen, seien einige der einschlägigen Artikel hier näher unter die Lupe genommen. Da erfahren wir gleich zu Beginn des Schlagworts „Autriche“, daß dieses Land 9,428.000 Einwohner zähle und daß es aus acht Bundesländern zusammengesetzt sei. Woher der Verfasser diese Zahlen bezogen hat, ist unerfindlich. Jedenfalls beweisen sie, wie sehr der Grundsatz, nur französisch geschriebene Bücher zu verwerten, unerlaubt ist; sie bezeugen dem Kundigen indessen noch mehr; daß Monsieur Pierre Gillardot sogar Französisch erschienene Druckschriften nicht kennt, wenn sie außerhalb seiner Heimat publiziert wurden, nämlich die vom Bundespressedienst seit 1954 in mehreren Auflagen veröffentlichte inhaltsvolle Broschüre: „L'Autriche, les faits et les chiffres“ (welche grundlegende Einführung, ebenso wie die französische Ausgabe des Österreich-Buches Marboes, „Le Livre de TAutriche“, anstatt manchen wertlosen Geschwätzes in der Bibliographie zu nennen gewesen wäre, das dort unnötigen Platz beansprucht). Springen wir hinüber aus dem Raum und in die Zeit! Die Blüte der Monarchia Habsburgica wird mit rund 30 Zeilen erledigt (während für das „Tolle Jahr“ der doppelte Platz bereit ist). Kein Wort über den Glanz der Barockkultur. Die Türkenkriege werden mit der linken Hand beiseite geschoben. Über die zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen und über das gesamte Jahr 1683 lesen wir: „Ein neuer Angriff der Türken gegen Wien wird an den Zufahrtsstraßen zur Stadt aufgehalten, am Kahlenberg.“ Als ob Kara Mustafa nicht vorher die Residenz umschlossen und seine Scharen weit nach Westen ausgesandt hätte! Das Maria-Theresianische Österreich wird nur, und unzureichend, als Stätte administrativer Veränderungen behandelt. Die Ära Metternich erscheint, trotz einem Srbik, als der üblich-üble Völkerkerker. Nichts über den Wirtschaftsaufschwung ; na nichts?- über^derc ^g*istigerii MwAfi* rischeft Zauber • de*• Vorrsär*: &#9632; l^ss^-fSeftwWfcen- < berg läßt, kaum daß er zum Kanzler ernannt ist — eine wertvolle Bereicherung unserer Kenntnis der österreichischen Geschichte —, mehrere Vertreter der Frankfurter Nationalversammlung erschießen: Robert Blum und Messenhauser, den wir bisher nicht einen großdeutschen Parlamentarier wußten. Recht sonderbar ist die Bezeichnung Felix Schwarzenbergs als „Franken“ und die Alexander Bachs als „Schwaben“. Wird man wohl in Frankreich den Herzog von Broglie als Italiener und Marschall Mac Mahon als Schotten einstufen? ... Kaiser Karl I. „verläßt Österreich am 11. November 1918“. Der heutige Bundespräsident heißt Scherf. Weder Figl noch Raab werden in der verhältnismäßig ausführlichen Geschichte der Zweiten Republik mit einem Sterbenswörtchen erwähnt. Auch die Einzelartikel zur österreichischen Geschichte strotzen von kleinen Irrtümern, die mitunter sich zu überzeugenden Belegen für die Inkompetenz des Artikelverfassers, für dessen Leichtfertigkeit und vor allem für die Mangelhaftigkeit der Korrektur auswachsen. Hier einige Proben. Vorausgeschickt sei, daß die Auswahl der SchlagWörter an sich recht gut ist. Wir vermissen nur wenige Ereignisse und Institutionen, Orte und Personen, die genannt werden sollten — zum Beispiel den zeitweilig für die politische Entwicklung wichtigen Kriegsminister Freiherrn v. Auffenberg, den einflußreichen Berater Erzherzog Franz Ferdinands, FML. Freiherrn v. Bardolff, den bedeutendsten Sozialistenführer der Zwischenkriegszeit, Otto Bauer. Wir freuen uns dagegen, daß Männer, wie GO. Freiherr Arz v. Straußenburg, gewürdigt werden, die man in deutschen Konversationslexiken vergebens suchte. Doch zurück zur Beschwerdeliste! Über den Titel Erzherzog (archiduc) schreibt der Larousse: „II fut confere en 1156, par Frederic Barberousse, lors de la creation de la Marche d'Autriche, au margrave Henri II.“ Es ist schwer in einen Satz mehr Unsinn hineinzupressen. Der französische Historiker hat anscheinend nichts erfahren vom Unterschied zwischen dem gefälschten Privilegium maius — auf das sich Rudolf der Stifter berief und das erst 1453 bestätigt wurde - und dem 1156 verliehenen Privilegium minus, in dem vom erzherzoglichen Titel keine Rede war. Er verwechselt ferner die „Begründung“ der Ostmark, die auf Karl den Großen zurückgeht, mit der Erhebung der Markgrafschaft Österreich zum

Herzogtum, die 1156 geschah. Offenbar derselbe feine Kenner des österreichischen Mittelalters läßt im Artikel über die Babenberger Leopold II. vorzeitig sterben, den Heiligen Leopold III. ein Jahr zu spät die Regierung antreten, Leopold IV. gar 1238 statt 1230 verscheiden. Über die Schlacht bei Aspern drückt sich ein anderer Geschichtsforscher sehr euphemistisch aus: „Blutige Schlacht, geliefert von Napoleon I. den von Erzherzog Karl befehligten Österreichern, bei der Marschall Lannes getötet wurde.“ Etwas deutlicher ist da die neueste, 1960 erschienene, keineswegs prohabsburgischer Vorurteile verdächtige „Polnische Enzyklopädie“: 1809, Niederlage Napoleons in einer Schlacht gegen die von Erzherzog Karl befehligten Österreicher.“

Viktor Adler als „israelite“ zu bezeichnen, geht nicht gut an. Er war formell, wenn wir uns nicht täuschen, zuerst Katholik, dann Protestant und wesenhaft Agnostiker, dazu jüdischer Herkunft. In der Notiz über FM Erzherzog Albrecht vermissen wir jeden Hinweis auf 6eine wichtige politische Rolle. Baron Arz hatte zum Prädikat Straußenburg, nicht Strausenburg; er war zuletzt Generalstabschef der gesamten k. u. k. Armee' (1917/18), nicht der gegen Italien angesetzten Streitkräfte. Alexander Bach, dem der biographische Artikel richtig den Geburtsort Loos-dorf (Niederösterreich) zuspricht, war Freiherr und nicht nur „Chevalier“. Es wäre anzumerken gewesen, daß er nach seinem Rücktritt vom Ministerposten Botschafter beim Vatikan war. Der galizische Landesmarschall Graf Stanislaw Badeni lebte von 1850 bis 1912, nicht von 1849 bis 1913. (Aus dieser kleinen, an sich unbeträchtlichen Datenverschiebung entnimmt man die wichtige Tatsache, daß die Artikelverfasser zur österreichischen und polnischen Geschichte die Gothaischen Almanache und das große Lexikon polnischer Berühmtheiten Polski Slownik Biograficzny nicht kennen.) Im Schlagwort Bän lernen wir einen gewissen Zellaciö kennen, der dieser Würde „einen Teil ihres Ansehens wiedergab“. (Wer mag das sein?) Der böhmisch-österreichische Hofvizekanzler Johann Christoph Freiherr von Bartenstein wird zum „Juristen und Diplomaten“ wie zum schlichten „von“ degradier^,; Wenden wir uns. nun den Gefilden der, Musen :zu.-, Von.;d r.!;,vÖsteTreichischen . Literatur bis zum IS. Jahrhundert wird ausgesagt, ihre:ersten authentischen, von der deutschen Literatur zu unterscheidenden Repräsentanten seien erst nach 1800 aufgetreten. Raimund und Nestroy werden mit der kurzen Zensur abgespeist, sie hätten keinen europäischen Ruf gewonnen. Besser kommen Lenau und vor allem Adalbert Stifter weg, „neben dem man nur... Seals-field erwähnen kann“. Worauf sofort Schniteler, Beer-Hofmann, Altenberg, Bahr und „der Polemiker K. Krauss (sie!)“ aufmarschieren, der „für eine neue Litetatur, Synthese aus Realismus und Romantik“, ficht. Man wird zugeben, daß Zumindestens derlei Übersicht samt der Ansicht über Karl Kraus, neu ist. Arme Friedrich Schwarzenberg, Ebner-Eschenbach, Saar, RoSegger, Schaukai, Däubler, Schönherr, Handel-Mazzetti und dazu der „Brenner“-Kreis, die Ihr literarische Unpersonen geworden seid! Rilke, Hof-mannsthal, Broch, Musil gelangen zwar zu verdienten Ehren, ebenso wie als „einziger, der das Theater vertritt“, Csokor und als Lyriker Felix Braun, Trakl und Werfel (den wir eher um seiner Erzählungen und als Dramatiker schätzen). Doch was verkörpert ein wirrer Namenskatalog — Zweig, Wildgans, Max Meli, „der Tscheche Kafka“, Martina Wied (noch als lebend genannt). Gütetsloh, J. Roth, J. Leitgelb (vermutlich identisch mit Leitgeb), Lernet-Holenia, Waggerl und, „ganz nahe bei uns“, Ilse Aichinger —, noch dazu, wenn diese Autoren sämtlich als „Romanschriftsteller“ bezeichnet werden, „die die österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts bereichert haben“? In dieser Reihe ist, wie man in Frankreich sagt, „ä manger et ä boire“. Es will uns dünken, daß man einige aus ihr heraustanzen lassen sollte und dafür gar manchen (und gar manche) statt dessen ihr einordnen müßte. Bei aller Hochachtung vor Csokor wären neben ihm unbedingt mindestens Bruckner, Hochwälder, Billinger und Meli zu erwähnen gewesen, der vornehmlich als Bühnendichter Geltung erworben hat. Und Rudolf Kassner, Däubler, Paula Grogger, Bruno Brehm, Franz Nabl, Herzmanovsky-Orlando, Artmann, Zusa-nek?... Wir erinnern nur an einige der „Übersehenen“, die jeder einen Aspekt der österreichischen Literatur darbieten.

Hin zu den Schönen Künsten! Fischer von Erlach, Hildebrandt, Rafael Donner: ganz recht. Doch wo bleibt Prandtauer, Otto Wagner, Olbrich, Josef Hoffmann, doch wo bleiben Loos, Holzmeister, Neutra? Von Malern finden Gnade loseph Koch, Schwind. Waldmüller, Makart, Kokoschka. Warum nicht Amer-ling, Alt, Romako, Klimt, Egger-Lienz, Kubin, Boeckl?

Die österreichische Musik wird keiner gesonderten Darstellung gewürdigt. Für sie verweist man auf den, übrigens kläglichen, Artikel über gesamtdeutsche Tonkunst.

Es ist jammerschade, daß ein weithin wohlgeratenes, in vieler Hinsicht vorbildliches enzyklopädisches Werk großen Stils in seinen österreichi' scheri' Abschnitten ein t^ivea besitzt, von dessen Art.;die hier, als kleiner Ausschnitt eines viej längeren Sündenregisters herausgehobenen, nicht sehr beispielhaften Beispiele eine ausreichende Vorstellung geben. Wahrlich keine Galavorstellung!

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