Digital In Arbeit

Größe ist gefährlich

Deutsche Sprache und österreichische Identität. Teil II: Über das Österreichische in der österreichischen Nationalliteratur.

Im Vielvölkerstaat, der wir nicht mehr sind, wäre die schwierigere Frage zu erörtern: Was macht die österreichische Identität aus, wenn die Unterscheidung zwischen Amtssprache und Umgangssprache not tut? heutzutage aber liegt näher die Frage, ob es eine österreichische Literatur gibt respektive was dieselbe ausmacht.

wer österreichischer Nation ist, könnte man sagen, der schreibt österreichische Literatur, wahrscheinlich (es gibt aber genug österreichische Dichter, die in ihrer slawischen oder ungarischen Muttersprache schreiben!) deutscher Sprache wie die meisten Schriftsteller der deutschsprachigen Schweiz - in diesem Sinn hat sich Franz Grillparzer als einen deutschen Dichter und österreichischen Menschen gesehen, als einen deutschsprachigen Dichter, wie er wohl heutzutage lieber sagen würde.

Deutscher Imperialismus

daß aber deutsche Herrschaften der Literatur, Literaturkritik oder allgemein der Kultur österreichische Autoren allzu oft und gar so selbstverständlich den ihren zuzählen, sofern nicht etwa Wiener Dialekt oder ein spezifisch österreichisch-politisches Thema das Zweierlei sichtbar macht, das kommt auch daher, daß unsere Großen der Zwischenkriegszeit in deutschen Verlagen publiziert haben, bei S. Fischer, Rowohlt, Kurt Wolff, mangels eines tauglichen österreichischen Verlages und wegen des deutschen Marktes.

was nun die da und dort heutzutage wieder gerühmte Kulturgemeinschaft mit den Deutschen anlangt - die endet meines Wissens 1806, als der Habsburger Franz II. (in Österreich Franz I.) die römisch-deutsche Kaiserkrone niederlegt, 1804 hatte er sich zum ersten Kaiser von Österreich gemacht - es kann nicht ein Zufall sein, daß es so lange so gut wie keine österreichische Literatur gibt, als wir dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zugehören: wenn wir zu etwas begabt sind, dann gewiß zur Lyrik, aberwir haben keine Barocklyrik, wie sehr die in Deutschland auch blüht; von der Renaissance-Literatur gar nicht zu reden, langweilig-akademisch bei uns.

die österreichische Literatur beginnt erst um die Zeit des Wiener Kongresses, zehn Jahre nach der Entstehung des österreichischen Kaisertums (ähnlich verhält es sich dann wieder nach der Befreiung Österreichs 1945: zehn Jahre danach beginnt eine neue österreichische Literatur, mit Bachmann und Celan): mit Grillparzer: was wäre schon zwischen Walther von der Vogelweide, sofern der überhaupt ein Unsriger war, und Grillparzer Belangvolles geschrieben worden! und ich riskiere auch die Behauptung, daß wir daher auch keine oder so gut wie keine Romantik haben - Eichendorff, in Heidelberg mit Brentano und Arnim befreundet, kämpft in den Freiheitskriegen als Lützower Jäger, lebt dann in Danzig, Königsberg und Berlin, war, in Oberschlesien geboren, mehr ein Deutscher, trotz unserem Anspruch auf ihn. Nikolaus Lenau, alles in allem ein Ungar, Niembsch von Strehlenau.

Österreichs Nationalgefühl

schon bei Grillparzer ist ein österreichisches Nationalgefühl nachzuweisen, so wenn sein Ottokar von Horneck sagt: zwischen dem Manne Deutschland und dem Kinde Italien liegst du, der wangenrote Jüngling da ... da tritt der Österreicher hin vor jeden ...; und bei Grillparzer ist auch schon das "österreichische Lebensgefühl" zu entdecken, Skepsis, Schwermut, Müdigkeit: verwandter ist er Hofmannsthal als den deutschen Klassikern. lang vor Nietzsche sieht er im Nationalismus etwas Zerstörendes, nichts Aufbauendes, und er drückt es weniger aufdringlich aus, sieht die Bestialität heraufkommen und das Ende. in die nicht-österreichische Geschichte weicht er in seinen Dramen aus, selbst Ein treuer Diener seines Herrn spielt in Ungarn. verbohrt und selbstquälerisch ist er weit vom deutschen Idealismus entfernt, seine Frauengestalten sind mit Einfühlsamkeit weiblich gemacht. in ihm zeigt sich, wozu wir außer zur Lyrik noch begabt sind: zur psychologischen Erzählung.

das Lob der Bescheidenheit, das er weltschmerzlich singt und die anderen wie Raimund:

Was ist der Erde Glück? - Ein Schatten!

Was ist der Erde Ruhm? - Ein Traum!

oder:

Eines nur ist Glück hienieden.

Eins: des Innern stiller Frieden...

Und die Größe ist gefährlich

Und der Ruhm ein leeres Spiel;

Was er gibt, sind nicht'ge Schatten, Was er nimmt, es ist so viel -

dieses barocke Lebensgefühl der österreichischen Nationalliteratur kommt nicht von ungefähr: nur bei den Protestanten liegt Segen auf der Tüchtigkeit und Gnade auf dem Erfolg.

Katholische Kultur

Raimund, Nestroy. das einzig populäre literarische Theater im deutschen Sprachraum - wir haben uns die volkstümliche Tradition, die Barocktheatermaschinerien, den Kasperl nicht hinwegreinigen, nicht wegrationalisieren lassen, Komisches und Tragisches, Lächerliches und Erhabenes darf beisammenbleiben wie in der Schikanederschen Zauberflöte, weil es bei uns mangels Protestantismus und dank wenig Aufklärung (immerhin diesen Vorzug hat ihr Ausbleiben) noch lange nicht ein Bildungsbürgertum gibt. während die deutsche Geistigkeit, siehe Gottfried Benns diesbezügliche Ausführungen, ihren Boden im Pastorenhaus hat - Stegreiftheater bleibt, Improvisation, einen Jux macht sich noch Thomas Bernhard.

oder Stifter, der bis Handke nachwirkt und über Handke hinaus - in der deutschen Literatur hat es dergleichen nicht gegeben, nämlich die Verinnerlichung von Autorität ins Ästhetische, bis hin zum Humanistischen: das kommt wohl daher, daß in der Zeit nach dem Wiener Kongreß, im Biedermeier, der Despotismus bei uns viel größer war - in Preußen sollte man tüchtig sein und kuschen, bei uns konnte man nur trotz allem tüchtig sein: der Staat war gegen alle Neuerungen, von Mißtrauen erfüllt gegenüber Neuem, ganz zögernd findet eine Industrialisierung statt, und so gibt es Großstadtliteratur erst sehr spät bei uns, im Unterschied zu Berlin, siehe Fontane (eine Parallele wäre zu ziehen zu dem restaurativen Klima unserer fünfziger Jahre - unverbindlich Herzinniges wird geschätzt und bepreist, Waggerl und Konsorten, lieb-ländlich, regional gefärbt, also falsche, aber anheimelnde Idyllen, die niemandem weh tun und auf österreichisch beruhigen; das alles ist mausetot, aber die Künstler wären in diesem post-austrofaschistischen und reaktionär-katholischen Mief erstickt, Aichinger, Bachmann, dann auch Handke gehen nach Deutschland)

Stifter und Handke - bei uns sind die Milden die von Natur aus Wilden, und wie ruhig sich Handke heute auch geben mag: spürbar bleibt, wie eruptiv er ist, wie am Morden; ein schönes Insekt, dessen Flügel vor angespannter Beherrschung beben.

Lyrik und Psychologie

wie gesagt, neben der Lyrik ist die psychologische Erzählung eine unserer Stärken - Marie von Ebner-Eschenbach behandelt die tschechische Thematik mit Respekt und Ehrfurcht; ich wüßte aber nicht, bei welchem deutschen Zeitgenossen Polen oder Polnisches was Nobles gewesen wäre -

siehe auch Nikolaus Lenau, der (wie die Ebner-Eschenbach die Zigeuner in Schutz nimmt vor dem, was ihnen so angedichtet wird: Die Spitzin) in dem Gedicht von den Drei Zigeunern von drei romantisch verklärten Zigeunerburschen Trübseligkeit zu überwinden lernt.

weniger gut ist es um unsere Begabung zum Roman bestellt - Grillparzer hat erst gar nicht einen zu schreiben probiert. Franz Werfel, Joseph Roth sind Ausnahmen, und ich denke, daß ihre epische Begabung aus ihrem Judentum sich herleitet. was später nachkommt, wie Doderer, wie Lernet-Holenia, möchte ich als spätbürgerlichepigonal, als monarchistisch-epigonal abtun, als verkrampftes Nicht-wahrhaben-Wollen des Endes, aber auch Werfel, Roth und Stefan Zweig sind sprachlich hinter der Zeit zurückgeblieben: bei ihnen geht ein Sinn für Aktualität mit beruhigend epigonalem Stil zusammen; Roths Hiob biblisch antiquiert.

die Müdigkeit der Jahrhundertwende, das Gefühl, es gehe dem Ende zu, das ist Wien, jede Zeile Schnitzlers ist von dieser Schwermut durchtränkt - und in Deutschland nichts Analoges: das Deutsche Reich ist jung, unsere Monarchie alt und prekär konstituiert; die Deutschen haben ihre Kriege gewonnen, wir die unseren verloren.

Müde Jahrhundertwende

Naturalismus gibt's übrigens keinen bei uns - ich weiß nicht, ob aufgrund unserer Begabung zur Gesellschaftsstrukturen (ähnliche Gründe dürfte auch die Wertschätzung heutiger österreichischer Literatur durch die Deutschen haben)

nach einem überhitzten expressionistischen Zwischenspiel eine neue Epoche der Literatur, in der Sprache dreier Österreicher ist sie da, bei keinem von ihnen findet sich eine Zeile, die noch neunzehntes Jahrhundert sein könnte: die neue Zeit sind, das ist klar, Kafka, Karl Kraus und Musil.

Kafka, Kraus und Musil

Kafka hat den Schlüsselroman des Jahrhunderts geschrieben, ein gedehntes Gleichnis; mit dem ist der Roman zu Ende; Musil hat sich ins Essayistische und Fragmentarische gerettet.

Karl Kraus. die Gesamtheit der Problematik des Staates hat er im Kopf, vom Kleinsten bis zum Herrscherhaus, und dieses große Thema hat er reflektiert - Apokalyptisches wie bei Grillparzer ins Entsetzliche: dergleichen hat Deutschland nicht gehabt; und auch wenn dies nichts geholfen hätte, wäre es trotzdem gut gewesen: zwei Generationen hat er hier sprachlich und moralisch beeinflußt.

oder Musil. Thomas Mann hat zwar auch Ironie, aber ironisch ist er auf sich selbst, auf sein Künstlertum; Musil jedoch war viel radikaler, alles war ihm fragwürdig geworden, jede Entwicklung der Menschheit.

Musils Törleß - von welch einzigartiger psychologischer Unerschrockenheit! nie zuvor und nie wieder hat ein Dichter so radikal vor Augen geführt, was Faszination von Gruppen ist, was Mitläufertum, was Sadomasochismus; vergleichsweise ist das, was Frank Wedekind für kühn hält, ein altmodisches Getue.

Unsympathische Züge

nach diesem Lobgesang auf das Österreichische in der österreichischen Nationalliteratur möchte ich aber noch sagen, was einem daran unsympathisch sein kann:

zum Unterschied von der ernsthaften deutschen Literatur zeichnet uns eine große Selbstverliebtheit aus; das gibt es zwar auf der ganzen Welt, aber anderswo doch eher auf die Werbung beschränkt - als Beispiel nenne ich Herzmanovsky-Orlando, und der blüht auf seinem eigenen Mist (bei Karl Kraus taucht er mir auf, in dem Personenregister von Literatur, wenn es da, das könnte von ihm sein, heißt: Bacchanten, Mänaden, Schachspieler, Tarockspieler, Faune, Schmöcke)

das Selbstverliebte also, die Verspieltheit, manch ästhetisch fauler Zauber, etwa pseudopoetische Arrangements aus heruntergekommenem Surrealismus; die Frivolität, mit der man mit Todernstem Scherz treibt, ich nehme mich nicht aus; die oft angemaßte Ironie;

Ein weites Land

der Zug ins Feuilletonistische; die vor Selbstkoketterie penetrante Verwendung von Austriazismen, auch die Virtuosität mit wenig Substanz; ja und die Wichtigmacherei mit Wittgenstein, den dort, wo es ernst wird, kaum einer von uns lesen kann

(es ginge wohl nicht an, noch eines als österreichisch zu bezeichnen, wenn auch nicht als österreichisch-unsympathisch: daß die um gehobene Umgangssprache bemühte Bühnensprache und "Leichthingesagtes" gern an das Lächerliche gerät, nicht nur beim Philosophieren über Moral, nicht nur bei Einsichten wie etwa der, daß die Seele ein weites Land sei)

FURCHE-Navigator Vorschau