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Verfall und ein neues Licht

1945 1960 1980 2000 2020

Gibt es eine Literaturstadt Wien? Warum wird ihre Vergangenheit heute untersucht? Wie steht es mit ihrer Zukunft? Ein Symposion derGesellschaftfürLi-teratur sucht -nach einer Antwort.

1945 1960 1980 2000 2020

Gibt es eine Literaturstadt Wien? Warum wird ihre Vergangenheit heute untersucht? Wie steht es mit ihrer Zukunft? Ein Symposion derGesellschaftfürLi-teratur sucht -nach einer Antwort.

Literaturstadt, das sagt man leicht, doch wäre erst einmal die Frage zu beantworten: Was ist eine Literaturstadt? Ist das eine Stadt, in der bedeutende Werke der Literatur geschrieben werden, oder eine Stadt, in der über Literatur viel gesprochen, diskutiert, geschrieben wird, in der es viele Literaturzeitschriften und literarisch aktive Medien gibt, oder wird in einer Literaturstadt vor allem intensiv gelesen, findet man dort ein besonders zahlreiches Publikum für Literatur? Die einfachste Antwort wäre: In einer

Literaturstadt geschieht alles das, ist alles das vorhanden. Zeitüberdauernde Werke entstehen, über die in hochstehenden Zeitschriften scharfsinnig und in Massenblättern ausführlich und wirksam geschrieben wird, alle zur Verfügung stehenden Medien warten nur auf die jeweiligen Neuerscheinungen, und die größten Säle sind voll, wenn ein Autor aus seinen Büchern liest.

Wenn wir das von einer Literaturstadt erwarten, dann hat es sie nie gegeben.

War Paris in der Zeit von Balzac, Victor Hugo, Baudelaire, Verlaine, Rimbaud, Flaubert (also etwa zwischen 1830 und 1885) eine Literaturstadt? Man muß das wohl bejahen. Dennoch konnte ein Schriftsteller damals in akute Not geraten, von Hunger und Kälte bedrängt werden und auch bei erheblicher Qualität ohne jeden Erfolg bleiben. Keine Rede von Literaturpreisen oder Stipendien. Mit den Autorenrechten stand es miserabel, man mußte seinem Geld nachrennen. Damals sei eben die Gesellschaft anders gewesen, damals gab es großzügige Mäzene? Gewiß, aber um dort anzukommen, um in den Salons verwöhnt zu werden, dazu bedurfte es besonderer Eigenschaften. Viele Begabte flogen dort hinaus oder gelangten gar nicht dorthin. Und wie stand es mit Wien zwischen 1890 und 1938? Damals lebten Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Franz Werfel, Hermann Broch, Karl Kraus, um nur einige wenige von unzähligen Namen zu nennen. Es gab eine beachtliche Zeitungskultur, mehrere umfangreiche, stark mit Literatur befaßte Zeitungen, einige mitunter kurzlebige Zeitschriften und die „Fackel”, die gegen sie alle leidenschaftlich polemisierte. Die Kaffeehäuser waren voll von Intellektuellen, die über Literatur unendlich diskutierten. Bekannte und manchmal sogar bedeutende Schriftsteller hielten in einigen von ihnen Hof, außerdem waren mehrere großzügig geführte Salons vorhanden, in denen zahlreiche Schriftsteller verkehrten. •

Warum aber sind das Wien von 1880 bis 1938 und auch das heutige Wien überall in der kulturellen Welt seit einigen Jahren so aktuell? Und wie steht es mit dem gegenwärtigen Wien als Literaturstadt?

Zu Frage eins: In Wien wurde zum ersten Mal ein Syndrom von Vorgängen erlebt, das mehrere Jahrzehnte später die anderen großen Staaten und Metropolen Europas erschütterte, und von denen auch die USA nicht verschont blieb. Dazu kommt, daß dieses Syndrom in Wien durch seine Literatur, Psychologie und Philosophie auf einzigartige Weise dargestellt und dokumentiert wurde. Hier war die Auflösung des Bürgertums, die Krise der bürgerlichen Werte sehr früh, sehr deutlich zu beobachten, und man kann sie heute in den Werken von Schnitzler, Musil, Broch, Werfel, Stefan Zweig, Karl Kraus, von Freud, Adler, Reik, von Moritz Schlick und Wittgenstein in allen ihren Ursachen und Symptomen nachlesen.

Die Entdeckung des „Unbewußten” durch Freud richtete die kritische Aufmerksamkeit auf die Irrationalität unseres Daseins, wobei sich als schreckliche Bedrohung herausstellte, daß der Mensch keineswegs Herr in seinem Haus ist, was die Aufklärung zumindest als erreichbare Möglichkeit erklärt hatte.

Der Weltuntergang des übernationalen Staates wurde am Zerbrechen der Donaumonarchie in allen Vorstufen, dramatischen Einzelheiten und mit seinen katastrophalen Folgen zum ersten Mal sichtbar: der französische Kolonialstaat, das britische Commonwealth folgten den Phasen dieses Auseinanderfallens erst in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts, also erst nach dem siegreichen Zweiten Weltkrieg.

Die bürgerlichen Werte und ihre Ordnung, die in den USA noch puritanisch versteift waren, für die man aber einst leidenschaftlich gekämpft hatte, gerieten in den Vereinigten Staaten ebenfalls erst nach dem Zweiten Weltkrieg in schwere Krisen. Uber den Generationskonflikt, die Folgen der in einer puritanischen Gesellschaft gesteigerten Verdrängung konnte man anschaulich bei Freud, Adler und ihren oft schon amerikanischen Schülern, die sich auf sie beriefen, nachlesen.

Die Auseinandersetzung mit sich auflösenden Werten, mit dem eintretenden Wertvakuum, mit den Möglichkeiten neuer Werte und dem Problem der Sprache, welche diese Vorgänge ausdrük-ken könnte, war bei Hofmannsthal, bei Hermann Broch, bei Moritz Schlick, bei Wittgenstein klar und erhellend vorweggenommen. ^

Und hätte man ein aktuelleres Thema für die von realen Zukunftsängsten bedrohte heutige Lebenssituation finden können als Karl Kraus mit seinen „Letzten Tagen der Menschheit”? Wer wül nicht dort nachsehen, wer fragt nicht, was damals in Osterreich geschehen war, wie sich Weltuntergänge ankündigen — und letztlich auch, wie man so etwas überlebt?

Damit sind wir nahe an der zweiten Frage, nämlich jener nach der gegenwärtigen Literaturstadt Wien. Diese Literaturstadt ist auf eine höchst fatale Weise explodiert. Sie hat ihre Ableger heute in der halben Welt. Canetti lebt in Zürich und London, Sperber starb kürzlich in Paris, Emile Cio-ran, der große Untergangsanalytiker, schreibt französisch in Paris, Stanislaw Lern aus Lemberg, der philosophische Zukunftsvisionär, schreibt polnisch in Krakau, wenn er nicht gerade wie jetzt ein längeres Gastspiel in Wien gibt, Milan Kundera aus Brünn, 130 km nah von Wien, schreibt tschechisch in Paris, Popper und Gombrich, die zur philosophischen Literatur gehören, schreiben englisch in London, zumindest meist in englisch. Sie alle hätten - vor fünfzig Jahren — in Wien gelebt.

Diese Zerstörung, diese Selbstzerstörung haben uns Hitler und wir selbst beschert — wiederum ein höchst aktuelles Phänomen, aktuell freilich in ganz anderer Erscheinungsform: gerät nicht heute die gesamte europäische Kultur, die keineswegs nur Westeuropa, sondern ebenso den russischen — nämlich beherrschenden - Teil der Sowjetunion und die USA umfaßt, tief in eine neue Gefahr der Selbstzerstörung?

Die Literaturstadt Wien, die heute so imaginär geworden erscheint, die Stadt, die so gepflegt, sauber und funktionierend wirkt, ist verkürzt um gerade für ihre Kultur wichtige Lebensteile. Man spricht heute viel vom „geteilten Berlin” und übersieht, daß auch Wien amputiert wurde, allerdings nicht innerhalb des gleichen Sprachbereichs. Wien war einst eine „Tripolis”, eine kulturell gemeinsame Stadt mit Prag und Budapest; nicht zu reden von Preßburg und Brünn. Man schaue ins Wiener Telefonbuch und erinnere sich an die Geburtsorte der „großen Wiener”, von denen so viele nicht aus Wien kamen. Ich kann nur warnen, wiederum einmal den Schein mit dem Sein zu verwechseln: der Schein ist tadellos, harmonisch, angenehm, erfreulich, das Sein sieht wesentlich karger aus.

Ist das aber nicht wiederum ein für unsere gesamte europäische Kultur verdächtig zutreffender Zustand? Wie steht es denn mit der kulturellen und literarischen Kreativität heute in Paris, London, auch den USA im Vergleich zur Jahrhundertwende oder den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts?

Man kann sich am Beispiel Wiens sehr deutlich bewußt werden, wie sich die Krise der europäischen Kultur, die Teilung Europas in West und Ost, wie sich auch der Ausgleich der Klassenunterschiede, die weitgehende demokratische Sozialisierung, der erfreuliche Wohlstand der technischen Zivilisation auf die Kreativität auswirken. Hier hat man das alles überschaubar vor sich, nicht nur als „Versuchsstation des Weltuntergangs”, sondern auch als ein einigermaßen geglücktes Modell des Uberlebens und des Neuanfangs. Wie Osterreich und Wien nach 1945 neu begonnen haben — innerhalb einer bestehenden Tradition —, so ergeht es der europäischen Kultur, die allerdings erst langsam entdeckt, daß es ihr so ergeht und noch ergehen wird.

Diese Entdeckung eines „österreichischen Vorgangs” im kulturellen Europa machte Österreich und Wien für die Welt interessant. Wir beobachten dieses Interesse bei unterschiedlichsten weltanschaulichen Positionen im Ausland: von konservativer, liberaler, linksliberaler, kommunistischer, ja anarchistischer Seite. Sogar die romantische Nostalgie holt sich hier ihre Belehrung: die Backhendlzeit war schrecklich, die fraqptisko-josephinische Epoche nur durch ihre Spannungen, ihre furchtbaren Probleme, ihre Bedrohtheit fruchtbar, aber alles andere als vergnüglich und angenehm.

Die neue Literaturstadt und Kulturstadt Wien ist zu schaffen. Wie weit sie schon besteht, kön-r nen wir heute nur mit skeptischer Vorsicht beurteilen. Sie wird in ihrer sozialen Struktur, ihren Problemen und den Werken, die dies darstellen, sehr anders sein als die alte Literaturstadt. Wir können es bei Bernhard, Habeck, Henisch, Scharang, bei Jandl, Mayröcker und vielen anderen nachlesen. Sie wird anders sein als das neue Europa, das sich nicht weniger vom alten Europa unterscheiden dürfte — wenn es, was wir hoffen, noch weiterbestehen bleibt.

Leicht gekürzte Fassung eines Referates anläßlich des Symposions „Wien-Wandlungen einer Stadt im Bild der Literatur”

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