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Wien bleibt Wien. Oder doch nicht?

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier. Letzten Dezember, da waren wir wieder wer. Der Nabel der Europäischen Union, immerhin. Der EU-Gipfel als Revival von 1815, Wiener Kongreß II. Die Karawane ist längst weitergezogen. Wien ist wieder so anders wie immer. David Axmann nimmt dieses Anderssein kritisch unter die Lupe, Christoph Chorherr lobt im Furche-Interview Michael Häupl, Johann Strauß und die Osterweiterung, und Albert Brandstätter hellt eine urbane Schattenseite auf: Armut

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier. Letzten Dezember, da waren wir wieder wer. Der Nabel der Europäischen Union, immerhin. Der EU-Gipfel als Revival von 1815, Wiener Kongreß II. Die Karawane ist längst weitergezogen. Wien ist wieder so anders wie immer. David Axmann nimmt dieses Anderssein kritisch unter die Lupe, Christoph Chorherr lobt im Furche-Interview Michael Häupl, Johann Strauß und die Osterweiterung, und Albert Brandstätter hellt eine urbane Schattenseite auf: Armut

Wie ist es um das heutige Wien in geistiger und kultureller Hinsicht bestellt? Das ist nicht in einem Satz zu beantworten; jedenfalls nicht von mir. Denn ich bin davon überzeugt, daß die großen und wichtigen Probleme unserer Zeit - und die eingangs gestellte Frage ist, zumindest für die kulturbewußten Wiener, natürlich ein solches Problem - ohne gründliche Ursachenforschung nicht zu lösen sind. Nur wer die Vergangenheit kennt, vermag die Gegenwart zu verstehen.

Als der Schriftsteller Alfred Polgar nach dem Ende der Nazi-Herrschaft, vor welcher er ins Exil hatte flüchten müssen, seinem Geburtsort einen Besuch abstattete und dabei erwartungsgemäß auch gefragt wurde, wie er denn nun die Stadt an der blauen Donau finde und was er von ihr halte, antwortete Polgar, daß er über sie leider ein vernichtendes Urteil abgeben müsse. Welches Urteil, fragte man bestürzt. Daraufhin Polgar: Wien bleibt Wien.

Eine geistreiche Bemerkung; aber sie stimmte nicht, zumindest nicht ganz. Das Wien von 1950 war nicht mehr das Wien von 1938. Mochte auch vieles, was den Charakter dieser Stadt ausmacht, sich nicht verändert haben - eines jedenfalls war jetzt ganz anders, und Alfred Polgar, der geistreiche Besucher aus Zürich, bestätigte ja selber aufs anschaulichste dieses traurige Anderssein: Wien war eine Stadt ohne Juden. Die wenigen Ausnahmen (wie Hans Weigel oder Friedrich Torberg) machten den unwiederbringlichen Verlust des einst großen jüdischen Anteils am Wiener Geistes- und Kulturleben nur noch schmerzlicher bewußt.

Die hervorragende Stellung als eine europäische Kulturmetropole, die weltweite Beachtung, welche die Reichs- und Residenzstadt Wien seit dem Fin de siecle genoß, verdankte diese Stadt einer besonderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konstellation: Das Industriezeitalter machte ungeahnte Kräfte frei, der Mittelpunkt des Habsburgerreiches zog die in dessen Randgebieten lebenden, nach sozialem Aufstieg und Erfolg strebenden Menschen unwiderstehlich an, und der enorme Zustrom von jungen, tatkräftigen, geistreichen, erfolgshungrigen Bürgern, vornehmlich aus den östlichen Teilen des Reiches, veränderte die Hauptstadt grundlegend und nachhaltig. Zu den erfolgreichsten unter den jungen, tatkräftigen und geistreichen zählten die jüdischen Bürger, welche sich hier rasch assimilierten und vor allem das geistige und kulturelle Leben Wiens beeinflußten und bestimmten. "Neun Zehntel von dem, was die Welt als Wiener Kultur des neunzehnten Jahrhunderts feierte, war eine vom Wiener Judentum geförderte, genährte oder sogar schon selbstgeschaffene Kultur", schrieb Stefan Zweig.

Der jüdische Einfluß zeigte sich in der Musik, in der Malerei, auf dem Theater, in der Literatur, auch in der sogenannten Kaffeehausliteratur. Die Grundlage für das kulturelle Leben aber bot das jüdische Bürgertum, das die Künste förderte und genoß. Dies erklärt auch (und damit kommen wir allmählich in die Gegenwart), warum ein vor ein paar Jahren in Wien gegründeter Verein zur Wiederbelebung des Kaffeehausgeistes von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Einen Toten kann man nicht wiederbeleben, es sei denn, man hätte übernatürliche Kräfte.

Wie ist es um das heutige Wien in geistiger und kultureller Hinsicht bestellt? Nicht so schlecht. Eigentlich ganz gut. Doch keinesfalls zum besten.

Die Stadt braucht dringend eine Geistesauffrischung. Braucht einen frischen Zustrom von jungen, tatkräftigen, geistreichen, erfolgshungrigen Menschen. Die Lebenskraft einer Metropole muß regelmäßig von außen, von der Umgebung genährt werden.

Ein schönes und mir liebes Beispiel bietet die Wiener Kabarettszene, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu erstaunlicher Breite und Fülle entwickelt hat. Der Stammvater der neuen Kleinkunstbetriebsamkeit, Lukas Resetarits, ist ein burgenländischer Kroate; der kabarettistische Altmeister Josef Hader kommt aus der tiefsten niederösterreichischen Provinz; und der Stammbaum des hochtalentierten Simpl-Chefs Michael Niavarani wurzelt zu einem guten Teil in Persien.

Das Kunstleben einer Stadt erschöpft sich freilich nicht im Kabarett. Es erstreckt sich auch auf die Musik, auf die Malerei, auf das Theater, auf die Literatur - und auf all diesen Gebieten erreicht die Kunst hierorts manchmal (also viel zu selten) ein ganz ansehnliches Niveau, Hervorragendes aber leistet sie in der Regel nicht.

Kann man diesen Zustand ändern? Man kann. Die Wiederbelebung des jüdischen Bürgertums ist leider unmöglich. Sehr wohl möglich ist es hingegen, Wien für den Zustrom aus dem Osten Europas (und aus ihm "benachbarten" Himmelsrichtungen) zu öffnen. Allerdings nur, wenn sich die Einstellung der Wiener zu Mittel-, Ost- und Südosteuropa ändert. Was die Beziehung der Stadt zu diesem Teil ihrer Nachbarschaft betrifft, darf Wien nicht Wien bleiben.

Gewiß, auch das schlechte Verhältnis der österreichischen Bundeshauptstadt zum östlichen Europa hat historische Ursachen. Der jahrzehntelange Kalte Krieg zwischen Ost und West, der Eiserne Vorhang, welcher die kommunistisch beherrschten Staaten von der freien Welt trennte, und die enormen Schwierigkeiten, mit Künstlern, Wissenschaftlern, Journalisten, kurz mit intellektuellen Menschen aus der Tschechoslowakei, aus Ungarn, Polen, Rumänien, Bulgarien oder Jugoslawien in Kontakt zu kommen, haben die Bewohner all dieser Länder den Wienern entfremdet. Nur wenige vorausschauende und tieferblickende Köpfe (zu denen etwa Jörg Mauthe und Erhard Busek zählten) haben damals schon die Notwendigkeit erkannt, Wien zum Ausgangs- und vielleicht gar zum Mittelpunkt einer neuen mitteleuropäischen Geisteslandschaft zu machen.

Doch auch nach dem Jahre 1989, nach dem so unerwarteten wie unerhörten Fall des Eisernen Vorhangs änderte sich an dem Verhältnis Wiens zu seinen östlichen Nachbarn leider nur wenig und jedenfalls nichts grundlegend oder nachhaltig. Ja, man mußte sogar bemerken, daß hierorts eine Mauer der Ablehnung oder wenigstens der Gleichgültigkeit gegen das Unerwartete und Unvertraute errichtet wurde. Als die ersten Touristen aus Bratislava mit großen Augen und leeren Plastiksackerln durch die Praterstraße bummelten, als die ersten Autobusse mit ungarischen Tagesausflüglern die Mariahilferstraße ansteuerten, da frohlockten wohl manche Geschäftsleute, die meisten Wiener jedoch fühlten sich von den neuen Nachbarn eher belästigt. Duldung war das Äußerste, was man ihnen entgegenbringen wollte, von Anteilnahme oder Interesse keine Spur.

Das ist sehr schade. Und ist auch zu unserem Schaden. Wien könnte wichtiger sein, wenn es weiter dächte. Wien könnte interessanter sein, wenn es offen wäre für Einflüsse aus seiner östlichen Umgebung.

Der hiesige Kunstbetrieb ist durchwegs westlich orientiert, das gilt sowohl für Produzenten als auch für Rezipienten. Der kulturbewußte Wiener kann - dank diesbezüglicher Berichterstattung - ziemlich genau wissen, welche wichtigen aktuellen Kunstereignisse in London, Paris, Brüssel, Amsterdam, Madrid, Mailand, Zürich, München, Bochum oder Berlin stattfinden. Hingegen erfährt er (fast) nichts zu diesem Thema aus Prag, Brünn, Preßburg, Krakau, Warschau, Bukarest, Budapest, Laibach, Zagreb, Sarajevo oder Belgrad. Der alte Wahlspruch "Ex oriente lux" hat heutzutage offensichtlich keine Bedeutung mehr. Dies ist, wie gesagt, schade. Das Wiener Geistes- und Kulturleben könnte von lichtvollen Begegnungen mit dem östlichen Europa sicherlich gewinnen: neue Anschauungen, neue Anregungen, neuen Antrieb.

Ein solcher Gewinn täte durchaus not. Denn die Künste im heutigen Wien leisten, wie ebenfalls schon gesagt, in der Regel nichts Hervorragendes. Auf musikalischem Gebiet kann die Kulturmetropole Wien (von den Philharmonikern einmal abgesehen, die ja angeblich immer hervorragend und unvergleichlich spielen), speziell in Sachen moderner Musik, keine Weltgeltung beanspruchen. Die zeitgenössische Malerei aus Wien findet international wohl nur geringe Beachtung und lebt eher von ihrer jüngeren, aber mittlerweile auch schon ergrauten Vergangenheit, in welcher vieles phantastisch und kunterbunt war wie ein Hundertwasserhaus. Die Wiener Literaten von heute sind, verglichen mit ihren Kollegen aus den zwanziger und dreißiger Jahren, mehr oder minder von lokaler Bedeutung. Die Wiener Theaterszene schließlich bietet alles andere denn einen üppigen Anblick. Nachdem der frische Peymann-Wind verpufft war, wurde das Burgtheater wieder eine Bühne, auf der (leider nur) manchmal ein ganz ansehnliches Niveau erreicht wird. Die übrigen Schauspielhäuser der Stadt, die großen, mittleren und kleinen, produzieren ebenso unverdrossen und wacker: viele Klassiker, bisweilen auch zeitgenössische Werke fremdsprachiger (westlicher) Autoren, sehr selten Stücke junger österreichischer Dramatiker; die Mehrzahl der Inszenierungen verdient das Prädikat "eh recht schön".

So ist es um das heutige Wien in geistiger und kultureller Hinsicht bestellt. Also eigentlich ganz gut, könnte man meinen, wenn man sich mit der resignativen Erkenntnis zufrieden geben wollte: Wien bleibt Wien. Wenn es aber besser werden soll, muß es anders werden.

Der Autor ist Chefredakteur des "Wiener Journal".

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