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Ein Direktor wird gesucht

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Einer im Moment ungewissen Zukunft entgegen geht das von Dr. Werner Hofmann mit Zähigkeit aufgebaute Wiener Museum des 20. Jahrhunderts. Wie bereits durch Vertrag und Antrittsrede fixiert, übernimmt Hofmann die Leitung der Hamburger kunsthalle am 1. Oktober 1969. Seine schriftliche Kündigung hat Hofmann an das Bundesministerium für Unterricht am vergangenen Montag abgesandt; die Ausschreibung für die vakante Stelle des Direktors des „Zwanz'ger-Hauses“ im Schweizergarten wird von Sektionschef Dr. Karl H a e r 11 sobald wie möglich, also noch im März, vorgenommen werden. Die Wahl unter den Bewerbern, in deren Reihen bereits jetzt einige prominente Fachleute des österreichischen Kunstlebens aufscheinen, wird man im Unterrichtsministerium wohl erst im Juni treffen. Wie sich indes Werner Hofmann selbst seinen Nachfolger vorstellt und was sich zum Beispiel Landeskonservator und „Neue-Kunst“-Experte Dr. Alfred Schmeller, Avantgardegalerieleiter Monsignore Professor Otto Mauer, Kunsthändler und „Wiener-Schule“-Vertreter Manfred Scheer und das Oberhaupt der Phantastischen Realisten, Ernst Fuchs, von dem neuen Museumschef wünschen, erfragte „Furche“-Mitarbeiter Karlheinz Roschitz. Weitere Gespräche mit bekannten Künstlern und Akademieprofessoren, Wiener Kunstkritikern und Museumsdirektoren folgen in der nächsten Nummer.

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Einer im Moment ungewissen Zukunft entgegen geht das von Dr. Werner Hofmann mit Zähigkeit aufgebaute Wiener Museum des 20. Jahrhunderts. Wie bereits durch Vertrag und Antrittsrede fixiert, übernimmt Hofmann die Leitung der Hamburger kunsthalle am 1. Oktober 1969. Seine schriftliche Kündigung hat Hofmann an das Bundesministerium für Unterricht am vergangenen Montag abgesandt; die Ausschreibung für die vakante Stelle des Direktors des „Zwanz'ger-Hauses“ im Schweizergarten wird von Sektionschef Dr. Karl H a e r 11 sobald wie möglich, also noch im März, vorgenommen werden. Die Wahl unter den Bewerbern, in deren Reihen bereits jetzt einige prominente Fachleute des österreichischen Kunstlebens aufscheinen, wird man im Unterrichtsministerium wohl erst im Juni treffen. Wie sich indes Werner Hofmann selbst seinen Nachfolger vorstellt und was sich zum Beispiel Landeskonservator und „Neue-Kunst“-Experte Dr. Alfred Schmeller, Avantgardegalerieleiter Monsignore Professor Otto Mauer, Kunsthändler und „Wiener-Schule“-Vertreter Manfred Scheer und das Oberhaupt der Phantastischen Realisten, Ernst Fuchs, von dem neuen Museumschef wünschen, erfragte „Furche“-Mitarbeiter Karlheinz Roschitz. Weitere Gespräche mit bekannten Künstlern und Akademieprofessoren, Wiener Kunstkritikern und Museumsdirektoren folgen in der nächsten Nummer.

Das Museum des 20. Jahrhunderts hat in den letzten Jahren durch Werner Hojmann unleugbar eine spezifische Entwicklung durchgemacht, eine besondere Note erhalten, dabei die Tendenzen der bildenden Kunst möglichst vielschichtig dokumentiert. Hofmanns Stärke lag nicht zuletzt in der Schaffung der Querverbindungen zu anderen Künsten, zu Musik, Film, Tanz, denen er immer wieder aufsehenerregende Spireen widmete. Etwa mit Merce Cunningham, Max Neuhaus, der „reihe“. Seinen Abgang aus Wien hat er nun für Ende Juli angekündigt.

„Seit Jahren genieße ich in Wien sozusagen Narrenfreiheit. Das gefällt einem eine gewisse Zeit, dann hat man'is satt“, resümiert Hofmann. „In Hamburg kommt dem .Leiter, der traditionsreichen Runsthalle ewie zentrale Funktion im künstlerischen Leben der Stadt zu, man wird wenigstens ernstgenommen. Vorschläge werden diskutiert. Ich kann dort meinen Wunschtraum verwirklichen, das Museum zum Ausgangspunkt für die Realisierung zeitgemäßer künstlerischer Ideen zu machen. Es soll gewissermaßen als Zentrum der Agitation, als Diskussionsplattform dienen. Hier können künstlerische Ideen animiert werden. Seitens der Stadt hat man mir nach meinem ersten Vortrag alle Unterstützung zugesagt.

In Wien nimmt man hingegen von meiner Arbeit kaum Kenntnis, geschweige denn, daß man für die zeitgemäße Weiterentwicklung des Museums Verständnis aufbrächte.“ Ein zweiter Punkt: Hof mann ist Kunsthistoriker, beschäftigt sich seit Jahren mit den Wurzeln der modernen Kunst im 19. Jahrhundert. In Hamburg wird er dort anknüpfen können. Schließlich: „Ohne Raunzen zu wollen, in Wien bin ich nur zweimal wirklich in die Öffentlichkeit gedrungen, mit meinem Prozeß, der manche Gemüter gegen die neue Kunst erhitzte, und jeitzt mit meinem Abgang. Das ist freilich falsche Publizität. Aber sie kennzeichnet die Wiener Situation. Wissen Sie, die Hamburger Situation ist grundlegend anders. Laufende Ausstellungen obliegen dem Kunstverein, der über ein großes Haus verfügt. Und auch die Erweiterung der Sammlungen steht nicht so sehr dm Mittelpunkt. Ich werde mich weniger mit Retrospektivschauen befassen als Neuestes zur Diskussion stellen.“ Für seinen Nachfolger vorgearbeitet hat Werner Hof mann bis 1970: So ist kommenden April die senationelle Prager Gutfreund-Ausstellung zu sehen, wobei das Museum im Schweizergarten eines der wichtigsten Werke des Künstlers als einziges Museum außerhalb der CSSR beisteuert. Im Mai folgit die erste Festwochenexposition, gewidmet der „Wiener Schule“, also Schönberg, Berg und Webern, am 6. Juni die Mackintosh-Schau, am 31. Juli die Sammlung deutscher Expressionisten aus dem Besitz von Morton D. May. Vom 26. September bis Mitte November sind Werke englischer Maler zu sehen, im Dezember wahrscheinlich eine US-Kollektion mit viel Pop, „Hard edge“ usw. Für 1970 sind bereits eine Avramidis-Ausstellung und eine der Arbeiten Herbert Beyers, des einzigen österreichischen Bauhaus-Mitglieds, vorgesehen.

Für Landeskonservator Dr. Alfred Schmeller ist Hofmanns Abgang ein „empfindlicher Verlust für das Museum“, für die Reihen derer, die sich in Wien mit neuer Kunst befassen: „Vergleichszahlen mit Museen in der Bundesrepublik zeigen, daß Hofmann wie wenige mit sicherem Griff eine großartige internationale Kollektion zusammengetragen hat. Vor allem in der Plastik, wo er einige sehr bedeutende Werke des Kubismus und Konstruktivismus erworben hat. Der Nachfolger wird vor allem das Profil dieser Sammlung wahren, das Bild dabei möglichst objektiv halten müssen ... Geistige Entwicklungen heute nachzuholen, ist sinnlos, weil zu teuer. Man wird besonders beim Neuesten zugreifen müssen.“ Nebenaufgaben wären indes mehr als bisher zu berücksichtigen, wenn wir „den Anschluß im neuen Kunstbetrieb der Oststaaten nicht verlieren“ wollen: Haben doch die interessantesten Künstler der CSSR, Ungarns usw. längst Kontakte zur BRD über die Biennale von Venedig, über Zagreb, Laiibach ... „Lebenswichtig ist es, Leute ins Museum zu bringen, intensiv Public relations zu treiben, was aber hier leider kein Mensch wahrhaben will.“

Professor Otto Mauer, renommierter Leiter der vieldiskutierten Avantgardegalerie nächst St. Stephan, nennt den scheidenden Direktor Hofmann „den allerbesten Mann in Österreich“. Er selbst ist „nicht interessiert, als Naohfolger zu kandidieren, weil Theologie, Predigten, seine Zeitschriften ihm wichtiger sind“. Vom kommenden Chef wünscht er sich, daß er „dem Museum jeglichen historischen Charakter nimmt“, permanent Ausstellungen veranstaltet, das Haus weiterhin als geistiges Zentrum der Kunst führt; und immer wieder Aktionen unternimmt, „das Ensemble der Künste in ihren vielfältigen Beziehungen zu zeigen“. Schwieriger scheint Mauer die Frage „Was sammeln?“ „Wo soll man anfangen? Beim Jugendstil? Den Expressionisten, die längst horrende Preise erzielen?“ Mauer findet es sinnlos, Hunderttausende in berühmte Kunstwerke zu investieren.

Er empfiehlt permanenten Ankauf dessen, was gerade entsteht, und da möglichst viel, mit Schwerpunktbildungen. „Man kann natürlich nicht alles erwerben. Nicht einmal den reichsten amerikanischen Museen gelingt das.“ Mauer prangert vor allem den mitteleuropäischen „Wahn des Kompletten“, der „vollständigen Dokumentation“ an. „Es muß nicht überall alles Internationale zu sehen sein... Die österreichische Kunst müßte allerdings hier lückenlos vertreten sein. Historische Entwicklungen aufzuzeigen, ist wenig aktuell: Das Museum ist primär kein Bdl-dungsinstitut, sondern ein Brennpunkt, wo sich Kunst ereignet. Es muß repräsentieren, junge Sachen zeigen, rechtzeitig kaufen. Wenn man in Wien endlich einmal das begriffen hat, wird sich manches bessern.“

Die Kapitalfrage würde dadurch stark reduziert. (Mauer wendet sich besonders gegen deutsche Museumsleiter, die völlig einfallslos berühmte Kunstwerke kaufen und überzahlen, ebenso gegen die staatliche österreichische Ankaufspolitik mit karitativem Charakter. Vor allem Koordinierung der Ankäufe würde das Debakel ersparen, daß man — wie heute im Unterrichtsministerium — haufenweise schlechte Bilder hortet.) Unbedingt notwendig scheint Mon-signore Mauer auch der Neubau eines Museumstraktes, „da die Sammlung sonst erstickt, geschweige denn, daß sonst eine ordentliche Fachbibliothek, Diskothek usw. untergebracht werden können, die einfach hingehören“. Ankaufsschwierigkeiten glaubt Mauer durch die Gründung eines „Vereines der Freunde des Museums des 20. Jahrhunderts“ überwinden zu können, ebenso durch intensive Kontakte zu Industrie und Wirtschaft. Weniger wichtig ist die Übernahme großer ausländischer Ausstellungen; „die Zusammenstellung eigener, die die neuesten Tendenzen in Österreich zeigen und möglichst viel im Ausland herumgeschickt werden, ist fruchtbarer. Vor allem besser als jede schlechte Cezanne-Ausstellung der Gemeinde Wien, die ihr Geld endlich mehr in gute neue Kunst investieren sollte“.

Kunsthändler und „Galerie-10“-Chef Manfred Scheer, der davon träumt, das Wiener Geschäft mit neuer Kunst' in Schwung zu bringen, massierte die Angriffe gegen das „Zwanz'ger-Haus“: „Zuwenig Publikumskontakte, keine Werbung. Die Leute müssen interessiert werden. Daß das nicht möglich wäre, ist faule Ausrede.“ Bei Scheer „stehen die Leute oft Schlange, um Leherb oder Fuchs zu sehen. Ich bin der Wiener Schule zwar nicht verfallen, weil einige ihrer Mitglieder sich in der Phase der Stagnation befinden, aber warum sollten deren Bilder nicht auch als Anziehungspunkt des Museums dienen? Es ist übrigens eine Schande, daß ausländische Gäste im Schweizergarten fast nichts von diesen erfolgreichsten Wiener Malern finden. Das kann sich Hofmann nicht leisten.“ Außerdem: „Das Museum hat gar keine Ausstrahlung auf das Ausland, zeigt in Paris, London, Rom, New York nichts Repräsentatives.“ Gegen die Ankaufspolitik wettert er: „Kaum ergiebige Kontakte mit Händlern und Privatleuten, zuviel Abwarten, das alles hemmt. Man darf Kokoschka nicht in London kaufen, sondern dort, wo er billig ist. In Pöchlarn. Ebenso etwa Kolo Moser, der im Moment noch preiswert zu haben ist. Ich wette, Österreichs Museen werden dessen Werke erst ankaufen, wenn das Ausland Irrsinnspreise diktiert und die besten Bilder weg sind.“

Mit dem Joanneum haben etwa Scheer und die Galerie Würthle enge Tuchfühlung, sie erörtern gemeinsam ihre Pläne: „Was ein Sonderfall ist, denn es gehört heute schon zum guten Ton, daß die Museen auf alle böse sind, die nicht zur Klasse der subventionierten Privilegierten zählen.“

Ernst Fuchs, „Wiener-Schule“ -Papst und prominenter Künstler, dessen Werke sechsstellige Verkaufspreise aufweisen, will erst gar nicht ins Museum des 20. Jahrhunderts: Es ist ihm „zu kalt und klinisch“. Er bevorzugt nicht Bilder an der Wand, wie er den Typus des historischen Museums nicht schätzt: „Das Museum beginnt, wo lebendige Kunst aufhört“ (in dieser Hinsicht schlägt er mehr oder minder in die gleiche Kerbe wie Hofmann und Mauer). Sein Plan ist das Gebäude als Kunstwerk, in dem alles Malerei ist. Fuchs wünscht sich mehr Aufgeschlossenheit, vor allem von Ministerien und Museumsdirektoren. „Kein Wunder, daß fähige Leute ins Ausland gehen, bei dem Schandlohn, den sie in Österreich bekommen. Schließlich hat es nichts mit Anti-

Idealismus und Materialismus zu tun, wenn man sich nicht verschenkt. Und ohne gründliche Information und Werbung ist alles sinnlos. Solange das Publikum über Kunst fast nichts weiß, solange dafür kein Geld vorhanden ist, braucht man sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wenn zuwenig Besucher in Museen und Galerien zu finden sind.“

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