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Schicksalsstunden unserer Museen

Die Wiener bindet, wie wohl kaum die Bewohner einer zweiten europäischen Großstadt, eine fast familiäre Zuneigung zu ihren Museen und jeder' hat in irgendeinem der zahlreichen Schausäle seine „Lieblinge“, die er schon als Kind an der Hand des Vaters kennengelernt hat und denen er sein Leben lang treu verbunden bleibt. Besonders in den schweren Jahren des nationalsozialistischen Regimes galt diesem kostbaren Besitz Österreichs oft die gleiche bange Sorge wie liebvertrauten Verwandten und Freunden. Hofrat Dr. Arpafcl W e i x 1 g ä r t n e r, ein Kunsthistoriker aus der alten Wiener Schule, hielt über das Schicksal unserer Wiener Sammlungen in den letzten fünfzig Jahren vor kurzem einen Vortrag, der zugleich den Arbeitsbeginn des wieder ins Leben gerufenen „Vereines der Museumsfreunde in Wie n“, der in der Entwicklung des Kunstlebens unserer Stadt bis 1938 eine große Rolle spielte, bedeutet. Auf reiche Erfahrungen gestützt, entwarf Horfrat Weixl-gärtner ein anschauliches Bild der Entwicklung der künstlerischen Bewegungen und Wandlungen im Museumsleben in Wien.

Um 1880 hatte Wien der Makart-Taumel ergriffen. Der Vortragende befand sich als Kind unter der dichtgedrängten Schar der Achtunddreißigtausend, die im Künstlerhaus vor Makarts „Einzug Karls V.“ vorüberpilgerten, es war tagelang die große Sensation, bevor es zur Weltausstellung nach Paris ging. 1879 sah er den unter der künstlerischen Leitung des Malers stehenden Festzug zur silbernen Hochzeit des Kaiserpaares; und während eines Theaterbesuches durchlief die Galerie wie eine Schreckenskunde die Nachricht vom Tode Makarts. Allmählich verebbte der Rausch um ihn und die ganze große Ringstraßenzeit geriet in Vergessenheit. Wenige Jahre vor der Jahrhundertwende erhält Wien vom Ausland her einen mächtigen“ Impuls und öffnet den von London, Paris und München ausstrahlenden neuen Bewegungen seine Tore. 1894 erfolgt die erste Ausstellung der Münchner Sezession in Wien, ein Jahr später folgt die Graphikausstellung der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst. In den folgenden Jahren werden die Wiener Sezession und der Hagenbund gegründet, die auch bald darauf ihre eigenen Heimstätten beziehen; die Eröffnung des Kunsthistorischen Museums war schon 1891 vorausgegangen. In einem Gesuch an das Unterrichtsministerium fordert die Sezession 1901 die Gründung einer modernen Galerie, die nicht nur eine Auslese von Werken österreichischer Künstler, sondern überhaupt Spitzenleistungen der damaligen europäischen Gegenwartskunst erwerben sollte. 1903 kommt es zur Gründung der Modernen Galerie, den Grundstock der Sammlung bildeten unter anderen die beiden heute fast vergessenen Werke Klingers „Christus im Olymp“ und das inzwischen nach Dresden abgewanderte „Urteil des Paris“. Vor seinem Tode gewährte Kaiser Franz Joseph noch die Einreihung von dreißig Bildern aus der modernen Abteilung des Kunsthistorischen Museums als Leihgabe in die Staatsgalerie, die inzwischen ins Untere Belvedere eingezogen war.

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie wird das zuletzt von Erzherzog Franz Ferdinand bewohnte Obere Belvedere für museale Zwecke freigemacht. 1921 kommt es zu einem systematischen Ausgleich zwischen den einzelnen Sammlungen. Im Jahre 1923 wird im Unteren Belvedere das Barockmuseum eingerichtet und 1924 die Galerie des 19. Jahrhunderts im Oberen Belvedere, das schon einmal, vor 150 Jahren, Bildergalerie gewesen war, als die alte kaiserliche Sammlung aus der Stallburg dorthin übersiedelte. Diese Neuaufstellungen fanden ihren Abschluß mit der Modernen Galerie in der Orangerie im Jahre 1929. In einer Zeit, da der Staat kaum in der Lage war, für einen organischen Aufbau der Museen zu sorgen, gelang es dem „V erein der Museumsfreunde“, der 1922 aus dem schon 1912 gegründeten „österreichischen Staatsgalerieverein“ hervorgegangen war, neue Objekte teils als Geschenke, teils als Leihgabe aus Privatbesitz den Galerien zuzuführen.

Besondere Verdienste hatte sich die Vereinigung in den Schicksalsmonaten des Jahres 1919 erworben, als mit Hilfe des Auslandes nach schwerem Kampf die Forderung Italiens nach dem größten Teil unseres Kunstbesitzes abgewiesen werden konnte, nachdem schon im Februar 90 Bilder aus der Akademie der

bildenden Künste und 60 Werke aus dem Kunsthistorischen Museum (darunter Gemälde von Bellini, Tintoretto, Veronese, Hieronymus Bosch und viele andere) und 146 Handschriften und Inkunabeln aus der Hofbibliothek an Italien\abgegeben werden mußten. In vislen Veranstaltungen und Ausstellungen bemühte sich der Verein um da? Verständnis der breiten Öffentlichkeit für unsere Museen. In der Zeit zwischen 1922 und 1938 trat er mit fünfzehn großen Ausstellungen hervor, meist kunsthistorischen, aber auch kulturgeschichtlichen Charakters, unter denen die Maria-Theresia-Ausstellung (1930), die Prinz-Eugen-Ausstellung (1933) und die Franz-Joseph-Ausstellung (1935) besondere Beachtung fanden.

Mit dem Anschluß im Jahre 1938 begannen auch für unsere Museen schwere Tage und Jahre. Stück um Stück unseres kostbaren Kunstgutes verschwand in die Reichskanzlei und die übrigen Prunkbauten der Naziführer. Noch ein Jahr vor Kriegsende ergingen von Berlin aus Luftschutzweisungen an die Wiener Museen. Durch verschiedene Mittel gelang es einigen aufrechten Beamten immer wieder, die befohlenen Maßnahmen zu hintertreiben und die Sicherstellung tunlichst nach österreichischen Gesichtspunkten durchzuführen; so konnte es noch im November 1944 verhindert werden, daß der größte Teil unserer Sammlungen nach Thüringen und Sachsen verbracht wurde. Der zuletzt in verschiedenen Schlössern und Bergwerken geborgene Kunstschatz wurde durch das rasche Eingreifen der amerikanischen Streitkräfte gerettet und sichergestellt. Obwohl der größte Teil noch nicht nach Wien zurückgebracht werden konnte, da ja die alten Heimstätten noch längere Zeit nicht aufnahmebereit sein werden, ergibt sich folgendes provisorische Bild über den Zustand unserer Sammlungen:

Der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums blieben die alten Bestände im großen erhalten. Ebenso ist die Plastikensammlung in Ordnung. Ungeklärtes Dunkel liegt einstweilen noch über der Gobelinsammlung, aus der ungefähr ein Dutzend Stück noch nicht aufgefunden werden konnten. Trotz der schweren Bombenschäden blieb der Albertina-Kunstbesitz unbeschädigt; geringe Verluste erlitten die Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, das Kunstgewerbemuseum und das Museum der Stadt Wien. Unversehrt blieben das Diöze-sanmuseum, das Naturhistorische Museum, das Völkerkundemuseum und das Technische Museum. Stark gelitten haben dagegen das Uhrenmuseum und das Nieder-

Ssterreichische Landes rru seoni,

das vierzig Prozent seiner Sammlungen verlor. Geborgen und unversehrt blieben die Liechtenstein- und Czerningalerie und andere Privatsammlungen. So weit sich bis jetzt absehen läßt, dürften der schwerste Verlust an Wiener musealem Kunstbesitz die Klimt-Gemälde — darunter die berühmte „Medizin“ — und viele Zeichnungen sein, die im Schloß Immendorf verbrannten.

Wie alles menschliche Werk sind auch Kunstsammlungen einem ewigen Wandel unterworfen; sind uns auch manch unersetzbare Schätze verlorengegangen, so ist uns doch unendlich viel erhalten geblieben. Dieses edle Vermächtnis unseres Heimatlandes aus einer Zeit ungeheuerlichster Zerstörungen hinüberzuretten und unseren Nachkommen weiterzureicheh, ist eine unserer schönsten Aufgaben. E. P.

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