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SALZBURGER KUNSTSOMMER 1952

Seit diesem Jahr nimmt die bildende Kunst im Rahmen der Salzburger Festspiele den ihr gebührenden Platz ein. Zahlreiche — und darunter sehr bedeutende — Ausstellungen geben den sommerlichen Kunstwochen einen neuen Schwerpunkt und nėue Gelegenheiten zur Repräsentation. In Zukunft werden nicht mehr į u f die Musik- und Theaterkritiker nach Salzburg fahren müssen ...

Bund, Land und Stadt haben dem Malet Gustav K. Beck geholfen, eine Galerie .Kunst der Gegenwart in Salzburg — merk’s Wien! — zu begründen und ihr einen Teil des renovierten Künstlerhauses an der Salzach und, bis auf weiteres, das von Grund auf erneuerte barocke Vogelhäuschen im Mirabellgarten als Heimstätten überlassen. Beck hat, und das ist ihm sehr zu danken, mit Energie und gutem, wenn auch die Abstrakten ein wenig bevorzugendem Geschmack Graphik aus aller Herren Ländern zusemmengetragen und kann in seinem Katalog auch große Namen verzeichnen. Im ganzen merkt man seiner Sammlung wohl noch ihre Jugend an; es wird notwendig sein, hier und dort noch stärkere Akzente zu setzen — aber ansonsten kann man hier nur gratulieren und Glück für die weitere Zukunft wünschen. Aus mehr als 250 Blättern einzelne hervorzuheben, das läßt der Raum leider hiebt zu; aber es sfei festgėhalten, daß die österreichischen Graphiker — wie immer, so auch hier — ih der internationalen Konkurrenz glänzehd abschneiden.

Eine neue Künstlervereinigung, die sich um di« M41ėt Agnės Muthspiėl, SlaVi S o u- c ė k uhd Herbert B r ė i t n e r schart, hat mit Hilfe des klugen KunStfiändierS F e t s c h e- rin die wichtigsten österreichischen Künst- lerve reinigungen zu einer umfangreichen Schau .österreichische Kunst def Gegenwart" gewönnen, die denn auch die Parterreräume dės Künstlerhauses zur Gänze füllt; erfreulich, daß hier der föderalistische Gedanke über lokale Interessen gesiegt hat, noch erfreulicher, daß das Publikum der Festspiele mit zeitgenössischen Werken der österreichischen bildenden Kunst in Berührung kommt — und dies in einer Ausstellung, die in der Tat sehr viel Gutes enthält und durch einige Kokoschka-Bilder — darunter die Salzburger Vedute von 1950 — besonderen Reiz gewinnt. (Seit langem hat Kokoschka nicht mehr mit seinen österreichi- sthtn Kollegen so Züsafflmengearbeitet.) Diese Exposition wird hoffentlich nicht diė letzte ihrer Art sein: sie gehört zu den Festspielen dazu und könnte allmählich zu so etwas wie einer — freilich jährlichen — österreichischen Biennale werden.

Eine Wirkliche Sensation in dieser Reihe von Festspielausstellungen — und wieder einmal eine, mit der die Galerie einer Landeshauptstadt den Wiener Kulturbetrieb überholt hat — ist der Galerie Welz zu danken; die erste große österreichisch« Ausstellung von Graphiken und Gemälden Max Beckmanns (1884 bis 195Ö), dieses brutalen, aber großartigen Geistes unter den deutschen Expressionisten, der, wie jeder Expressionist, ein Spezialist ist und auch als solcher mit höchster Intensität nur auf bestimmte Themen anspricht, deren oberstes „der Mensch" heißt. (Sedlmayer scheint, al6 er die „Enthumanisieturtgstendenzen in der modernen Kunst entdeckte, unter anderem auch Beckmann durch einen unerklärlichen Zufall ganz übersehen Zu haben.) Die gezeigten Radierungen und Zeichnungen dieses Gewaltigen unter den Künstlern stammen zumeist äus den zwanziger Jahren, Und es ist in ihnen auch zweifellos mancherlei Bösartiges Groszscher Manier zu finden: aber das wird ohne Vergnügen, selbst ohne Empörung, wohl aber in verzweifeltem Mitleid abgebildet. Die Entstehungszeiten der Gemälde reichen mit einer höchst bewunderungswürdigen „Liegenden Frau" bis ihs Todesjahr des Künstlers.

In kleinsten Kabinetten — ebenfalls bei Welz — zusammengedrängt, Proben aus dem Werk der drei vielleicht bedeutendsten Plastiker der Gegenwart: graphische Blätter und einige kleinere Plastiken des Italieners Mario Marini, des Engländers Henry Moore und des Österreichers Fritz Wotruba. An den wenigen Beispielen kann man — was auch bei größerem Überblick kaum möglich sein dürfte Į — schwerlich „Hauptströmungen" innerhalb der modernen Bildhauerei, Wohl aber hohe und höchste Qualität ablesen; und in dieser Beziehung halten der halb klassische, halb „abstrakte" Marini mit einer Bronzefassung seiner berühmten „Cavaliere - variatipnen, der spekulativ elegante Engländer und der tiefernste und schwierige Wotruba einander durchaus die Waage — Wobei immerhin zu bemerken ist, daß der Kunst des letzteren am wenigsten die Merkmale einer gewissen Kuriosität anhaften, die etwa bei Moore: nicht immer zu übersehen Sind. — Gleichsam zur Erholung jener, für die jede Begegnung mit der Moderne immer noch ein Schockerlebnis bedeutet, hat Friedrich Welz der Beckmann- und Plastikkollektion noch eine kleine und recht sehenswerte Sammlung alter Meister angegliedert, aus der eine schöne Cranach-.Lukrezia und ein Porträt Maximilians I. von — vermutlich — Berhhar-

din Strigel besonders hervorstechen.

Von nicht geringer lokaler Bedeutung ist, daß es gelang, wenigstens einen Bruchteil der Schätze des Salzburger »Carolino-Au- fjusteum - Museums endlich in der Festung, und zwar in Zwei Fürstenzim- inem und der Leonhärdskapelle, unterzubringen: die Salzburger Kunstfreunde haben damit eitlen schönen Triumph über bürokratische Bedenken und unsachliche Einwände erfochten; der alte und vernünftige Plan, an Stelle eines kostspieligen Museumneubaus lieber die leeren Räume der Festung mit Kunstwerkeh zu füllen, wird also jetzt verwirklicht — und wir hoffen, daß das so schön begonnene Unternehmen schnell und im selben Geist fortgeführt werde. Die Aufstellung der Objekte (verantwortlich: Doktor Franz Fuhrmann) ist, man kann’s nicht anders sagen, mustergültig. Das romanische Marientympahöh, dä§ währsdheifilich Vöfti alten Salzburger Dom stammt und, bemerkenswerterweise, neuerlich um 100 Jahre zurückdatiert wird (in die Zeit um 1170), bildet das Herzstück und die Krönung der prächtigen Sammlung, die den alten Räumen Wärme und Leben Verleiht.

In einem benachbarten Raum Zeigt Arno Lehmann eine Fülle von Erzeugnissen seiner bekannten Keramikwerkslätte. Leh- iftaön ist ein Wahrer und Wohl unerreichbarer Meister der Glasuren» unter seinen Händen blühen traumhaft schimmernde, opalisierende Glaßfarbeh auf — die Form seiner Vasen und Gefäße geht freilich allzu üppig in das offenbar Bizarre:

Hinter dem Tiül »Heute und Morgen versteckt sich eine österreichisch-amerl»

kanische Gemeinschaftsausstellung, die technisch vorzüglich gemacht, im übrigen aber eher langweilig ist. Zahlreiche Plastiken, zumeist. von Wotruba-Schülern, sind in der Mehrzahl doch recht mäßige und im Grunde anspruchslose Dinge; schade, daß Wotruba nicht mit einer eigenen Arbeit — odėf Sieh- reren — dieser Sammlung einen Akzent oder Schwerpunkt gegeben hat; Sie hätte so anders und wesentlicher wirken können. Als Ausnahmen, die aus dieser Schülerhaftigkeit um so stärker abstechen, nennen wir eine Plastik Waffida BertoniS und etliche Ziergefäße von Maria Biljan-Bilger. — Der zweite Teil der Exposition wird von neuen amerikanischen Architekturphotos zumeist aus der Wright-Schule bestritten; nun, die phantastische Perfektion dieser Innenräume ist beispielhaft — eine „vollmechanisierte Küche als Beweis dafür in dieser Ausstellung aufzubauen, war allerdings überflüssig. Eine moderne Plastik und das letzte Kühlschrankmodell mögen zwar in der Tat demselben Zeitgefühl entspringen; aber Zwischen beiden herrscht eben doch noch ein gewisser geistiger Unterschied.,,

Damit auch die heitere Seite der Kunst nicht fehle, wurde in der Realschule eine Ausstellung „Volksnahe Kunst eröffnet, in der denn auch mancherlei röhrende Hirsche, balzende Auerhähne und Schroffe Gebirge direkt zum Herzen nicht allzu vieler Besucher sprechen. Die früheste der so heftig abgelehnten moderneil Kunstrichtungen, der Impressionismus nämlich, hat äüch hier bereits, wenn auch versteckt und ein wenig schamhaft; seinen Einzug gehalten. Es wird Sich wohl als notwendig erweisen, diese Entartungen auszumerzen, ehe man im nächsten Jähr abermals zu einem entscheidenden Schlag gegen die weniger Traditionsgebundenen ausholt. Inkonsequenz ist gerade hier nicht am Platze.

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