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DER PLASTIKER ALFRED HRDLICKA

Die Vorgänge rund um die österreichische Beteiligung an der diesjährigen Venediger Biennale haben einen Künstler in den Vordergrund gerückt, dessen Eigenschaft es bis jetzt gewesen war, gerade diese Art von Sensation zu vermeiden. Alfred Hrdlickas Weg von der ersten Ausstellung bis zur Nominierung für die Biennale ist relativ kurz: 1960 stellte er zum ersten Male in der Zedlitzhalle aus, vier Jahre später entsendet ihn eine offizielle Kommission, deren Kompetenzen sich als nicht ganz geklärt zeigen, zunächst mit dem Maler Leherb(auer), dann, nach dessen Zurückziehung durch den neuen Unterrichtsminister, mit Altmeister Herbert Boeckl zu einer Ausstellung, die in den letzten Jahren zwar umstritten war, aber im internationalen Kunstleben ihren „Stellenwert“ hat. Die Komplikationen der Nominierung haben zwar nichts mit der Person Hrdlickas oder mit seinem künstlerischen Rang zu tun, fügen sich aber dennoch in ihrer typisch österreichischen Eigentümlichkeit in die Reihe jener durchaus unkonventionellen Merkmale ein, die dem jungen Bildhauer und Graphiker eigen sind. Das Attribut „jung“, das so bereitwillig allen österreichischen Künstlern verliehen wird, die ‘das Greisenalter noch nicht erreicht haben, trifft nur auf den Bildhauer, nicht auf den Künstler zu. Alfred Hrdlicka wurde 1928 in Wien geboren und gehört zu jener Genera-

tion, die in ihren Formationsjahren vom Krieg überrascht und getroffen wurde. Der Fronteinsatz allerdings ist ihm erspart geblieben, weil er es verstanden hatte, sich in einer sehr wienerischen Art, zunächst den Spielen der Hitlerjugend, dann dem Emst der Kriegshandlungen zu entziehen. Gleich nach dem Krieg, 1946, inskribierte er an der Akademie, Malerei bei Dobrowsky, und damals bereits in der kaum noch konstituierten Bildhauerklasse, weniger zunächst aus Berufung, als aus Neugier und Bewunderung für den gerade aus der Schweiz heimgekehrten „legendären“ Fritz Wotruba. 1953 schloß er bei Dobrowsky und Gütersloh mit dem Diplom ab. Während aber andere aus derselben Akademiezeit sich daranmachten, ihren Rang und Namen als Maler oder Bildhauer aufzubauen, fand er sich mit seinen naturalistischen Ölbildern in einer Sackgasse und inskribierte noch einmal bei Wotruba Bildhauerei, diesmal mit einer festen Konzeption. Auch hier machte er vier Jahre später das Diplom.

Man pflegt zu sagen, daß der Mensch und insbesondere der schöpferische Mensch nie auslernt. Wie die meisten, hat auch diese Sentenz eine recht beschränkte Geltung. Die Anlage der eigenen Begabung steht im allgemeinen recht frühzeitig fest, und es ist deren vollständige Verwirklichung, die lange, ein Leben lang, dauern mag. Eine Lehrzeit von insgesamt elf Jahren an der Akademie ist zunächst auffallend, und ihre Aufteilung, sieben Jahre Malerei, vier Bildhauerei, eher irreführend als erklärend. Rainer, Mikl, Prachensky, Lehmden, Urteil, um nur einige Namen der gleichen Generation und der gleichen Akademiezeit zu nennen, hatten alle 1960, als Hrdlicka zum ersten Male ausstellte, festen Rang und zum Teil sogar gute Notierungen auf dem Kunstmarkt. Allerdings war in den vier Jahren bis heute das Tempo bei Hrdlicka erstaunlich rasch. Nach der Kollektive in der Zedlitzhalle folgten im nächsten Jahr die Herbstausstellung der Secession mit dem Ehrenpreis der Stadt Wien, 1962 im März der Salon „comparaisons“ in Paris, eine Kollektive im Wiener Künstlerhaus, Festwochenausstellung in der Secession, Eröffnungsausstellung des Museums des 20. Jahrhunderts, Herbstausstellung der Secession, und, bedeutsam für später, die Galerie Welz in Salzburg. Im vorigen Jahr waren es dann die „Calzografia Nazionale“ in Rom mit der Ausstellung „Incissori contemporanei austriaci“, die von der Albertina zusammengestellt wurde, der Früh- jahrssalon in Augsburg, die „Galleria Penelope“ in Rom, die „Galerie St. Stephan“ in Wien, die „Internationale Graphik-Biennale“ in Ljubljana mit einem Preis, „Maduro- dam“ in Holland und eine Kollektive der Galerie Welz. Heuer kam eine Ausstellung in Lugano mit dem Graphikpreis hinzu, und als vorläufige Krönung die Beteiligung an der Biennale in Venedig, wo schon einige österreichische Künstler internationalen Erfolg hatten.

Es ist nicht ungefährlich, sich der jeweils vorherrschenden Strömung in der Kunst zu widersetzen. Im Rückblick auf die Nachkriegszeit kann man mit einiger Berechtigung sagen, daß die bildende Kunst vom Gegenstand abstrahiert hat und Ausdruck einer intensiven Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Material und der Technik seiner Knust war, oder anders gesehen, Ausdruck seiner

Beschäftigung mit sich selbst mehr als mit seiner gegenständlichen und menschlichen Umwelt, Die etwa zwanzig Plastiken und das graphische Oeuvre Hrdlickas, die in Venedig zu sehen sind, verraten alle einen kompromißlosen Naturalismus insofern, als der Gegenstand der Gestaltung nicht nur klar zu erkennen und eindeutig bezeichnet, sondern auch genau beobachtet und mit maximaler Annäherung an die optische Wirklichkeit, innerhalb der formalen Tradition des Naturalismus, gestaltet ist. Der Naturalismus Hrdlickas ist programmatisch und entspricht zugleich einer sehr persönlichen Neigung zur Gegenständlichkeit.

Die Ölbilder, die ihn, wie er sagt, in eine Sackgasse ge- geführt haben, waren ebenfalls bereits unmißverständlich naturalistisch. Unter allen Gegenständen beschäftigte ihn, und tut es weiter, vor allem der menschliche Körper, die Physiognomie der ganzen Gestalt. Die Farben, in einem ständigen, lang dauernden Arbeits- und Korrekturvorgang dick aufgetragen, formten das Thema geradezu plastisch heraus. Aber Ölbilder, die Malerei, gehören für Hrdlicka der Vergangenheit an, sie waren nur die notwendige Vorbereitung für die Bildhauerei, wohin er die menschliche Gestalt als Thema mitgebracht hatte, und eine feste Konzeption des Naturalismus. Den Malvorgang der Ölbilder bemerkt man noch in den Graphiken, wo ein dichter Strich gleichsam angehäuft wird, damit die Figuren in aller Gegenständlichkeit erscheinen. Die Fläche des Papiers, sagt Hrdlicka, ist dazu da, ausgefüllt zu werden, bis zum Rand. Der sparsame Strich etwa des verstorbenen Absolon, oder der verspielte Floras, ist ihm gleich fremd.

Ą llerdings hat die Analogie mit seiner Malweise bei der A Bildhauerei ein Ende: während in den Ölbildern die Gestalten aus Farbe modelliert wurden, hat der Bildhauer Hrdlicka eine ausgesprochene Abneigung gegen weiches Material und das Modellieren. Er bevorzugt harten Stein, etwa den rötlichen Untersberger Marmor, harten weißen Kalkstein, weißen jugoslawischen Marmor aus Weselje; seine Technik ist die des Heraushauens, und im Gespräch erwähnt er seine Naturbegabung für das Steinmetzhandwerk und das Gefühl für das jeweils passende Werkzeug, das auch routinierten Bildhauerkollegen wie Andreas Urteil Anerkennung abgewonnen hat. Für die großformatigen Skulpturen ist das Steinmaterial nicht leicht zu beschaffen, es ist teuer, zumeist kommt es aus Abbrüchen, selten direkt aus dem Steinbruch. Der große Börsenbrand ließ die Bildhauer in Wien, anders als die im Börsengebäude beheimateten Buch- und Elektrowarenvertreter, nicht auf raschen Wiederaufbau, sondern raschen Abbruch hoffen, wegen der massiven Säulen und Blöcke, die Theophil Hansen einst verwendet hatte. ;T -i j -jsfe -xutib b b i sloT 32

So manifest auch bei oberflächlicher Betrachtung die Eini.n, flüsse in Hrdlickas bildhauerischem und graphischem Werk erscheinen, so unrichtig erweisen sie sich im Vergleich mit jenen, die er selbst aufzählt. Die Skulpuren fordern zunächst den fast schon banalen Vergleich mit Rodin heraus; aber nur dessen Naturalismus gilt das Interesse des Künstlers Hrdlicka, vom Bildhauer wird der Modelliervorgang und der anschließende Bronzeguß Rodins als unkongenial empfunden. Selbstverständlich fallen die Namen Maillol und Michelangelo, letzterer mehr als Vorbild denn als konkrete Anregung. Der wichtigste Eindruck, als Einfluß kaum zu übersehen, kommt von Beispielen archaischer Kunst: früh- griechischen Jünglingsstatuen in der Münchener Pinakothek, deren verhaltener Schritt, Monumentalität der Haltung, immer wieder erwähnt werden.

So scheint es, als sei München, nicht Paris oder Florenz und Rom, das bestimmende Kunstzentrum gewesen, besonders sobald im Zuammenhang mit der Malerei Hans von

Marėes’ mit seiner starken Farbauftragung und den dauernden Korrekturen und dann einige Bilder Gėricaults genannt werden. Die Reisen des Kunststudenten führten nur aus Geldknappheit nicht weiter als nach Süddeutschland, doch die große Schachbegabung, die ihn bei internationalen Schachturnieren für die österreichische Mannschaft spielen ließ, vergrößerte den Radius. Die Reiseunlust, das man-

Der Künstler arbeitet an seinem „Orpheus 11’

gelnde Verlangen nach Besichtigung der Meisterwerke europäischer bildender Kunst, ist jedoch doppelbödig und entspricht etwa der Scheu des Schriftstellers vor einem zu prononcierten literarischen Einfluß.

In Deutschland, wo ihn die Galerie Welz mit ihren sehr guten Verbindungen bekannt gemacht hat, wird von den Kritikern im Zusammenhang mit den Graphiken immer wieder Kubin genannt, sehr zum Verdruß Hrdlickas, der die „Gartenzwergromantik“ Kubins heftig kritisiert und für seiiie Blätter nicht gelten lašsen will. Die Zyklen „Martha 2 Beck“ und ?HiTausendimdeine Nacht“ sollen nicht die menschliche Dämonie aufzeigen, sie sind vielmehr das Ergebnis der intensiven Beobachtung jener sozialen — und asozialen — Schichten, welche die normalen zwischenmenschlichen Beziehungen seitenverkehrt spiegeln. Hier, in dem Interesse für die Wiener Halbwelt, verschwindet die Grenze zwischen Künstler und genau denkendem und kombinierendem Schachspieler. Wer das Wiener Nachtleben, die Lokale am Gürtel zwischen Westbahnhof und Volksoper oder im zweiten Bezirk, genau kennt und lange beobachtet hat, so wie Hrdlicka, dem geht das scheinbar Dämonische dieses Bereichs zwanghaft in fast bürgerliche Realität auf, bar aller romantischen Verklärung ä la Kameliendame.

Eine Erwähnung des Verkaufserfolgs, den die Biennale etwa dem Bildhauer Hoflehner gebracht hat, läßt Alfred Hrdlicka skeptisch reagieren. Die großen, schweren Torsos, sagt er, seien als Ware für den Kunsthandel zu unhandlich.

Aber trotzdem kann er in der letzten Zeit bereits vom Verkauf leben, nicht mehr, wie früher, auf Gelegenheitsarbeiten angewiesen. Sogar in Wien gibt es Mäzene, wie den Zeitschriftenverleger Dr Müller (dessen Vater die Nachkriegsliteraturzeitschrift „Der Plan“ verlegt hat), der sich einen der schweren, expressiven Torsos im Garten aufgestellt hat.

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