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Ein Ehrenmal wienerischen Kunstwillens

Vor den Weihnachtstagen wurde im Wiener Rathaus eine umfangreiche Aes-steWung eröffnet, die den erfreulichen Beweis liefert, daß die Kunstfreudigkeit und Opferbereitschaft der Wiener auch die schwersten Zeiten, die unsere Vaterstadt seit Jahrhunderten mitmachen mußte, siegreich überdauert haben. Seit etwa zwanzig Monaten konnten von der Lekung der Städtischen Sammlungen nahezu tausend Inventarposten übernommen werden, die natürlich weit mehr Einzelobjekte umfassen, denn die Lichtbilder, die das gesamte von Kriegsschäden betroffene Stadtbild umfassen, zählen allein schon viele hundert Stücke.

Besonders erfreulich ist dabei die Tatsache, daß eine große Anzahl der wertvollsten Neuerwerbungen den Städtischen Sammlungen durch Spenden zugeflossen sind, Einzedstüdke, die einen bedeutenden künstlerischen nd kulturellen Wert darstellen. Nur ein Teil der erworbenen Stücke kann in den sechs zur Verfügung stehenden Sälen gezeigt werden, aber das Wien der letzten fünfzig Jahre

ersteht in ihnen zu wehmutsvoller Wirklichkeit.

Von Theo Zasche, diesem ausgezeichneten Schilderer wichtiger Zeitereignisse, sieht man eine große meisterhafte Zeichnung, m der er die Enthüllung des Kaiserin Elisabeth-Denkmals im Volksgarten mk einer un- t erhörten Fülle porträtgetreuer Persönlichkeiten aus dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts festgehalten hat. Ein prächtiges Aquarell von Karl F. Bauer zeigt das Reiterbildnis des Königs Eduards VII., der 1908 zum Kaiserjubiläum Wien besucht hatte. Wien hat ja immer über eine große Zahl von Malern und Graphikern verfügt, die es verstanden, das bunte Volksleben und die köstlichen alten Winkel dieser Stadt im BHde festzuhalten, das lebendiger wirkt als zeitgenössische Licht- ' bilder, weil in ihm ein gutes Stück wienerischer Eigenart und Wiener Humors aufgefangen sind.

Aufschrei der Jugend

Wir wollen nicht hassen, Wir dürfen nicht lieben. Was ist uns, der Jugend von heute, geblieben?

Ihr hattet die Jugend Im goldigen Schein,

Uns rührte sie eisern ins Leben hinein.

Statt blühenden Bäumen 1 Granatenfontänen,

Tod statt der Liebe, Grauen statt Sehnen.

Unsre Rosen sind blutig, Unsre Lieder verhallt,

Wir waren nie jung und wir sind noch nicht

I ■ . . alt

Wae noch nicht erblüht, Das ist schon verdorrt.

Wo ist unser Mut? Das Vertrauen cruis Wort?

Was noch nicht erbaut, Das ist schon zerschlagen. Wer hilft uns verzweifelt Zerbrochenes !. . . tragen?

Wir wollen nicht hassen,

Wir dürfen nicht lieben,

Wo ist unser ewiges Recht geblieben?

Gertraud Kaplan

Einer der besten unter ihnen war der vor wenigen Monaten tragisch ums Leben gekommene Karl Hornstein, dessen Aquarelle in einer kleinen Sonderschau zusammengefaßt sind. Er schildert in glänzender Charakteristik die Frühlingstage des Jahres 1945, die Über-füllung der Straßenbahnen, den Personenverkehr auf Lastautos, das Wasserholen beim Hydranten, die Hamsterer und Holzklauber, alle die Ereignisse und Typen, die schon wieder nach und nach der Geschichte angehören.

Sportaquarelle von F. Witt und H.G. Wilda rufen die sportliche Vergangenheit Wiens ins Leben zurück, Alt-Wiener Hauszeichen von schöner handwerklicher Arbeit sowie die Brückenfigur des hl. Johann von Nepomuk aus Sievering führen uns noch weiter in die Geschichte unserer Stadt zurück.

■ Der nächste Raum enthält eine Fülle von Liener Porträts des 19. und 20. Jahrhunderts. Außerordentlich lebendig sind die vier Selbstbildnisse des Waldmüller-Schülers Franz Schams. Diese Ehrengalerie Wiener Künstler wird ergänzt durch eine Fülle interessanter Bildnisse, so durch das Sälbst-porträt H. Hollpeins, eines Verwandten Franz Schuberts, durch die Bildnisse des bekannten Theaterdirektors Carl Carl aus der Meisterhand Fr. Schilchers, der Schauspielerin Julie Rettidi-Gley und der Sängerin Ilka von Palmay, sowie durch die wundervollen Plastiken Hugo Thimigs und Richard Waldemars, die Karl Stemolak geschaffen hat. Ein altmeisterlich in Holz geschnittenes Selbstbildnis von Ferdinand Opitz und der prachtvolle Kopf des Dichters Heinrich Suso-Waldeck von Andre Roder verdienen ganz besondere Hervorhebung.

Auch der nächste Raum enthält eine Anzahl prachtvoller Alt-Wiener Porträts, die beweisen, welch großen Wert das Wiener Bürgertum gerade dieser Kunstgattung beimaß. Aber auch die Gegenwartskunst ist mit guten Werken vertreten, so mit der ausgezeichneten Bildnisbüste des Bürgermeisters Dr. h. c. Körner, von Petrucci gestaltet. In diesem Saale findet man als besondere Anziehungspunkte zwei Gedenk räume, die die Erinnerung an 'zwei berühmte Wiener heraufbeschwören. In einer Nische steht die Einrichtung des Arbeitszimmers des Wiener Baumeisters und Erbauers der Votivkircbe Heinrich von F e r s t e 1, Möbel, die in neugotischem Stile nach den Entwürfen des Künstlers gesdiaffen wurden. Auch ein Teil seiner wertvollen Bibliothek ist zu sehen, die in den Besitz der Stadt Wien übergegangen ist. Die nächste Nische enthält die Schlaf-zimmereinrichtung Johann Nestroys aus seiner lschler Villa, ganz im Stile seiner Zeit gehalten. Die dritte lösche zeigt Proben aus Alt-Wiener Wohnkultur, Empire und Biedermeier. Darunter befindet sich auch das Prunkbett des Staat^-kanzlers Fürst Metternich.

Bemerkenswert sind die Kolossalgemälde, welche die Wände dieses Saales schmücken. Das bekannte KolossAlgemälde „Wien vom Nußberg“ (um 1890) t schon seit Jahren im Besitze der Städtischen Sammlungen, aber zwei andere Werke Altmeister Hlavaceks stammen aus einer Nachlaßwidmung der Musikpädagogin Else von Erxleben, die gegen fünfzig Gemälde, darunter allein vierzehn Werke Hlavaceks, ihrer Heimatstadt spendete. An der gegenüberliegenden Wand sind große dekorative Gemälde des verstorbenen Alexander Rothaug zu sehen, Proben seiner wirkungsvollen dekorativen Kunst, darunter das .große Werk „Das Schiff der Agrippina“.

Besonders glücklich war der Gedanke, die Ateliers bedeutender Wiener Künstler im Bilde festzuhalten. Man sieht hier das Atelier Makarts, von Theodor von Hörmanns gemalt, eine Atelierecke von Franz von Alt, Johann Baptist Reiter, den noblen Porträtisten, an der Arbeit an einem Damenbildnis, die Ateliers Carl Molls, Emanuel Baschnys, das Triptychon „Wiener Ateliers“ von Oskar Laske, das die künstlerischen Werkstätten des Bildhauers Karl Stemolak und der Maler Laske und Gawell zeigt. Andere Atelierbilder führen von Pettenkofen herauf bis Rudolf Badier, von dem auch ein frühes Porträt und ein schönes Selbstbildnis ausgestellt sind.

Die letzten drei Räume geben einen Längsschnitt durch eineinhalb Jahrhunderte österreichischer Malerei. Die Zeit von Füger bis Kempf umfaßt der erste Raum mit Werken von Schnorr von Carolsfeld, Agricola, Wa-ld-

müller, F. Lieder und Lichtenfels, eines der Begründer der Wiener Landschaftsmalerei. Neue religiöse Bilder stammen von Krämer, Kempf-Hartenkampf und Tidvy. Von besonderer Qualität sind drei österreichische Land-schaftsbilder Ferdinand Brunners, der zu den feinsten Künstlern des letzten Vierteljahrhunderts gehörte.

Ein Raum ist der Wiener „Sezession“ gewidmet, deren bedeutendster Vertreter Gustav Klimt in einer edlen Marmorbüste J. F. Riedls gezeigt wird, während Egon Schiele in einem Porträt seines Schwagers Peschka verewigt erscheint. Bilder von Karl Moll, Laske, dem frühverstorbenen Richard Gerstl, dessen Kollektivausstellung in der „Neuen Galerie“ berechtigtes Aufsehen erregte, von Velim, Arnold Schönberg und Vilma Eckl leiten zur Moderne über.

Diese kommt im letzten Räume voll zur Geltung. Sergius Pauser, Dobrovsky, M. Florian, W. Kaufmann und Tischler sind hier vor allem mit repräsentativen Arbeiten vertreten als Auswahl einer Fülle von künstlerischen Werken, die seit dem Frühjahr 1945 von der Stadt Wien erworben wurden.

Das Kulturamt der Stadt Wien und die „Städtischen Sammlungen“ haben in diesen zwanzig Monaten eine künstlerische Aufbauarbeit von bewundernswerter Bedeutung geleistet, wofür allen Mitarbeitern, besonders dem Stadtrat Dr. Mateika und Direktor Wagner, der Dank aller kunstlicbenden Wiener gebührt. Diese Ausstellung unterstreicht aber auch die Notwendigkeit, den Wiener Städtisdien Sammlungen so rasdi als möglich die notwendigen Sdiau“-äumc zur Verfügung zu stellen, denn es ist für die Dauer ein für Wien als Kunststadt unwürdiger Zustand, daß d'e so überaus wertvollen Sdiätze unbeachtet in unzulänglichen Magazinsräumen aufgestapelt ruhen müssen. Gerade in der Zeit des WiederauFoaus Wiens und seiner alten Kultur ist es um so notwendiger, daß Wiener, Österreicher und Ausländer die Möglichkeit haben, in würdigen Räumen alle die Kostbarkeiten zu sehen, die Wiens Kultur- und Kunsthöhe beweisen. Im Zuge der Stadterneuerung muß hier so bald als möglich Abhilfe geschaffen werden.

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