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ALS DIE SCHATTEN LÄNGER WURDEN

Der Tod Hans Makarts liegt gerade in der Mitte des Herrscherdaseins Kaiser Franz Josephs I. und am Beginn des letzten Drittels der Ringstraßenzeit. „Die Grenzen eines Zeitalters aber erhalten“ — wie Josef Nadler einmal sagt — „erst durch das, was in der Mitte geschieht, Sinn und aufeinander Bezug. Die beiden Erschütterungen, die von gestern und die von morgen, treffen nachwirkend und vorauseilend im Kern eines Zeitalters zusammen.“

Dies gilt auch für die Zeit von 1884 bis 1899, die zwischen dem Tod von Hans Makart und von Johann Strauß eingebettet liegt. Kündigte der Hintritt des farbentollen Zau-

berers aus der Gußhausstraße das nahe Ende der Ringstraßenzeit an, so sank mit Johann Strauß nicht nur ihr Lächeln, sondern ein ganzes Zeitalter samt seinem Lebensgefühl ins Grab: nämlich das Zeitalter Kaiser Franz Josephs.

Ein alter Hofbeamter pflegte zu sagen: „Genau genommen regierte Kaiser Franz Joseph bis zum Tod von Johann Strauß.“ Hans Tietze aber meinte: „Zwar hat der Kaiser bei seiner ungewöhnlich langen Lebens- und Regierungsdauer noch länger geherrscht und ist so zum Zeugen des Auflösungsprozesses geworden, der noch vor dem tatsächlichen Zerfall der Monarchie ihre letzte Erscheinungsform zersetzt hat. Diese Form erreichte in den reifen Mannesjahren Franz Josephs ihren Höhepunkt und ihre reichste Ausprägung; dann starb sie mit der Generation, die sie geschaffen und getragen hatte, allmählich ab. Sie starb, wie geistige Erscheinungen pflegen, durch Erlahmen alter Triebe und durch das Eindringen neuer Kräfte. Das „Fin-de-siecle-Gesicht“ Wiens ist von dem charakteristischen Antlitz der eigentlichen Franz-Joseph-Zeit sehr verschieden.“

Stand die frühe Zeit der Ringstraße im Zeichen schwerer, gegen Staat und Dynastie gerichteter politischer Schicksalsschläge, so ihre Spätzeit im Zeichen der privaten Heimsuchungen des alternden Kaisers. An die Stelle des unver-

bindlichen „Es war sehr schön, es hat Mich sehr gefreut“ war das höchst persönliche und bittere „Mir bleibt nichts erspart“ getreten.

Aber nicht nur der Kaiser war alt und müde geworden und begann sich in sein Schicksal zu ergeben, sondern auch die von ihm heraufgeführte Ringstraßenwelt. Das Jahrzehnt der sozialen Massenbewegungen wollte das Leben und die Welt nicht mehr kostümiert, sondern sachlich sehen und bezog Stellung gegen alles, was „Ringstraße“ hieß.

Dem leuchtenden Sommer der klassischen Ringstraßenzeit folgte der Herbst der Spätzeit, erfüllt mit einem wehmütigheiteren Wissen um Tod und Vergehen. In das kostbare Nachklingen der überreif gewordenen Ringstraßenkultur dröhnte bereits der Tritt der politischen Bataillone, die über Wiens Prunkstraße zogen, um die Forderungen einer neuen Zeit anzumelden.

An der Wende zu den neunziger Jahren, den Sterbejahren der Ringstraßenwelt, gab es im Burgtheater wieder einmal eine Direktionskrise, da August Förster am 22. Dezember 1889 nach einer nur einjährigen Herrschaft einem Schlaganfall erlegen war. Wiederum begann die Nadel des Seismographen Burgtheater heftig auszuschlagen und kündigte damit den Anbruch einer neuen Zeit und das Ende der Ringstraßenwelt an. Am 13. Mai 1890 wurde Max Burckhard zum Direktor des Burgtheaters ernannt. Dazu bemerkt der Kulturhistoriker Ludwig Reiter: „Der neue Mann im Burgtheater, halb Kavalier, halb Fiaker, Max Burckhard, war schneidig, witzig, das Urbild kraftbewußter Jugend, 35 Jahre alt, und war, obwohl Ministerialbeamter und Privatdozent, vorher keine siebenmal im Theater. Wie einst Laube, fand er das Burgtheater 1890 bejahrt vor. Die Lieblinge waren alt geworden und mit ihnen ihr Publikum. Jene spielten nur noch aus Erinnerung an schönere Zeiten, und an schönere Zeiten erinnert zu werden war das Vergnügen des Publikums. Alle Tradition boshaft hassend, hat Max Burckhard in den acht Jahren seiner Bühnenherrschaft das Mundartstück An-zengrubers hoftheaterfähig gemacht, Ibsens und Gerhart Hauptmanns problematische Neurastheniker grübeln und freveln lassen, wo vorher gipsern-antike Pathetiker schulmeisterliche Reden hielten. Burckhard, der die alten Komödianten durch die Formlosigkeit seines urwienerischen Tones verletzte, setzte Grillparzer vom Spielplan ab und mit ihm den ganzen Dingelstedt- und WUbrandt-Geist Die neue Hal-

tung forderte Ausweitung und Erneuerung des Ensembles. Burckhard holte vor allem Friedrich Mitterwurzer, der das ganze Burgtheater in Frage stellte, dessen Franz Moor und König Philipp ebenso großes und modernstes Burgtheater waren, wie der Hamlet seines genialen Nachfolgers Josef Kainz. Als Burckhard 1898 abtritt, war die neue Zeit da.“

*

„Das Jahrzehnt der radikalen Arbeiterbewegungen entdeckte im Banne des Fabriksarbeiterelends das ,Armeleut-stück' und den Naturalismus, der sich, in einer Gosse spiegelnd, die Schminken abwusch, die Makart aufgetragen und Dingelstedt beleuchtet hatte; der mit den Kapitalen, Voluten und Architraven aufräumte, die schweren Vorhänge von den Türen und Fenstern riß und den Stuck und die gipsernen Rosetten von den Decken schlug: Der Salon war tot!“

Es wollte nicht recht Frühling werden im Jahre 1890. Die Kaiserin war in eine ständige Apathie und Melancholie verfallen, so daß der deutsche Botschafter seinem Herrn melden konnte: „Der Kaiser leidet am meisten unter der Isolierung seiner Gemahlin, und ihm allein fällt die ganze Last der Repräsentation zu. Der Begriff eines kaiserlichen Hofes verschwindet und die Beziehungen zwischen ihm und der Hof-

gesellschaft werden Immer lockerer.“ Streiks gefährdeten den sozialen Frieden, im Parlament herrschte dauernd Kampfstimmung. Angesichts der Radikalisierung des innenpolitischen Leibens ließ sich das vom Grafen Taaffe bisher virtuos geübte Regieruugssystem des „Fortwursteins“ nicht mehr länger aufrechterhalten. Am 1. Mai 1890 fand zum erstenmal der Aufmarsch der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Prater statt. Dieser Tag war seit undenklichen Zeiten dem Praterkorso des Hofes und der vornehmen Gesellschaft vorbehalten. Diesmal wagten es wenige Beherzte, unter militärischem Schutz, dde traditionelle Praterfahrt anzutreten. Währenddessen saß in der Zelle Nr. 32 im ersten Stock des Wiener Landesgerichtes der Führer der Sozialdemokraten, Doktor Viktor Adler, und zitterte bei dem Gedanken, daß die erste große Parade seiner Parteigänger nicht in Ruhe und Ordnung verlaufen könnte. Stand doch am Vorabend jenes ersten Mai im Leitartikel der „Neuen Freien Presse“ zu lesen: „Die Soldaten sind in Bereitschaft, die Tore der Häuser werden geschlossen, in den Wohnungen wird Proviant vorbereitet wie vor einer Belagerung; die Geschäfte sind verödet, Kinder und Frauen wagen sich nicht auf die Gasse, auf allen Gemütern lastet der Druck einer schweren Sorge.“ Viktor Adler aber schreibt in seiner Zelle an Engels: „Die Esel meinen, ich werde am 1. Mai mit Bomben im Sack im Prater Spazierengehen, und wollen mich durchaus den Tag ,drin' haben. Es war ein langer Nachmittag — und erst spät abends hörte ich endlich die Signale, die mir sagten, daß das Militär in die Alserkaserne einrückte. Gegen zehn Uhr abends kam noch mein Aufseher und berichtete: ,Es ist alles ruhig abgelaufen, und großartig soll's gewesen sein.' Ich aber wußte, eine Entscheidungsschlacht ist gewonnen... nun ist das Proletariat Österreichs erwacht, ist zum Bewußtsein seiner Kraft gekommen und steht am Beginn seiner Bahn, die zu gehen es keine Gewalt mehr hindern wird.“

Das letzte Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts wird zum Partezettel der Ringstraßen weit. Es sterben: 1890: Eduard Bauernfeld; 1891: Friedrich Schmidt und Theophil Hansen;

1893: der Musiker Schrammel; 1894: Karl Hasenauer, Theodor Billroth, Erzherzog Wilhelm und Cajetan Felder; 1895: Fürst Metternich; 1896: Erzherzog Karl Ludwig, Prinz Hohenlohe, Anton Bruckner, Viktor Tilgner; 1897: Johannes Brahms und Charlotte Wolter; 1898: Kaiserin Elisabeth.

Während Hugo Wolf in geistiger Umnachtung dahindäm-merte, saß Johann Strauß in seinem Palais in der Igelgasse,

das er vom Oktober 1998 bis Pfingsten 1899 nicht mehr verlassen hat. „Der gewöhnlich so jovale und geselligkeitsfrohe Mann erschien manchmal“ — wie Strauß' Mitarbeiter Ignaz Schnitzer berichtet — „wie plötzlich umgewechselt. Griesgrämig, wortlos, kaum aufblickend, schlich er tage-, ja wochenlang scheu im Haus herum oder hielt sich in seiner Arbeitsstube eingesponnen. Kaum die eigene Frau wagte es da, ihn anzusprechen, denn in diesem mißmutigen Schweigen gestört zu werden, konnte ihn zu heftiger Erregtheit bringen.“

„Der Apostel der Unbeschwertheit, der Weltsorgenbrecher^ so heißt es in Hans Weigels Buch „Flucht vor der Größe“, „scheint nicht glücklich zu sein. Er fürchtet die Natur, hat einen Horror vor dem Bergaufgehen, er ist vermutlich nie wirklich in jenem Wienerwald gewesen, den er unsterblich besungen hat. Er mag schönes Wetter nicht: ,Nur kein Sonnenschein zur Arbeit!' und .Jetzt erst wird's in Ischl schön. Die Leute verlieren sieh, und wie ich höre — wird's nicht mehr aufhören zu regnen. Eine prachtvolle Aussicht für mich! Ich liebe es, wenn ich in einer mir sympathischen Wohnung arbeiten kann, bei stürmischer, ja (für andere) trostloser Witterung. Wahrhaft Wonne ist das aber für mich...“ Er fürchtet den Tod, er negiert ihn, er geht zu keinem Begräbnis, nicht einmal zu dem seiner Gattin Jetty, dem seiner Mutter. Er hat panische Scheu vor Eisenbahnfahrten: ,Das Eisenbahnfahren kommt bei mir gleich nach dem Hängen.1 Ein Nekrolog spricht von seiner fast krankhaften Abneigung gegen das Bahnfahren, und Max Kalbeck berichtet, daß Johann Strauß nur bei herabgelassenen Gardinen reiste; wenn der Zug durch einen Tunnel oder über eine Brücke fuhr, legte sich Johann Strauß der Länge nach auf den Boden des Abteils. Stets führte er Champagner bei sich, der ihm die Schrecken der Fahrt erleichtern sollte... In seinen Briefen des letzten Lebensjahrzehnts lesen wir immer wieder von Heimsuchungen: :,Ich leide an Kopfneu-ralgie seit vier Tagen ganz abscheulich' — ,Mein Gichtleiden hat sich bisher nicht gebessert' — ,Mit meinen Nerven geht's

ebenso sehlecht wie mit den Pferden. Überall Misere' —, und schon fünf Jahre vor seinem Tod: ,... die Sehkraft hat bei mir bedeutend nachgelassen... im Halbdunkel sehe ich bereits gar nichts (samt den Gläsern). Das viele Notenschreiben hat meine Sehkraft in hohem Maße geschwächt... Ich sehe alles doppelt —, nehme ich einen Zahnstocher, so sehe ich immer zwei vor mir. Sollte ich das Unglück haben, blind zu werden — so erschieße ich mich.'“

Von diesen trüben Stimmungen ihres Abgottes wußten die Wiener nichts. Sie waren zufrieden, wenn sie den großen Unsichtbaren, der nur in dringendsten Ausnahmefällen und dann niemals zu Fuß sein Haus verließ, wenigstens einmal im Jahr zu Gesicht bekamen. Man gab sich zufrieden mit der Gewißheit, daß er lebe und gesund sei.

*

Am Pfingstmontag, dem 22. Mai 1899, saßen im Garten des Hauses Igelgasse Nr. 4 auf der Wieden der Pianist Lesche-titzky und der Klaviermacher Bösendorfer mit Spielkarten in der Hand und warteten auf ihren Freund „Schani“, der in einer Nachmittagsvorstellung der Hofoper am Ring die Ouvertüre zu seiner „Fledermaus“ dirigierte. Als Strauß endlich völlig verschwitzt ankam, begab man sich aus dem Garten in das Haus zum geliebten Tarook. Zwei Tage später gab der Walzerkönig bei einem Wohltätigkeitsfest im Prater noch Autogramme. Tags darauf mußte er mit Fieber zu Bett. Am 30. Mal konstatierte Professor Nothnagel eine beiderseitige Lungenentzündung.

Am 3. Juni konzertierte im Volksgarten Eduard Kremser zugunsten eines Strauß-Lanner-Denkmales. Plötzlich, es war gegen fünf Uhr nachmittags, klopfte er ab und ließ ohne eine Erklärung pianlssimo mit umflortem Ton die „Schöne, blaue Donau“ spielen. Alle Welt wußte: Johann Strauß war gestorben. Weinend gingen die Menschen nach Hause.

Das Wien der Ringstraße begann zu frösteln, da es seinen heimlichen Kaiser zu Grabe tragen mußte. Was immer hier zur Zeit Kaiser Franz Josephs an Großem geschaffen wurde, seine Weltgeltung verdankte das „Neue Wien der Ringstraße“ vor allem Johann Strauß, denn „es war nichts Kleines, der Menschheit zum Tanz aufgespielt zu haben“.

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