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Ein Dichter und Kaiser

Als am 18. August 1867 in dem sonnen-uberstrahlten Salzburg Kaiser Franz Joseph-1. und Kaiserin Elisabeth mit dem Herrscher Frankreichs, Napoleon III., und dessen Gemahlin Eugenie zusammentrafen, galt diese Entrevue vor allem den schwierigen politischen Fragen. Napoleon hatte erst vor einem Jahr, nach der Niederlage Österreichs bei Königgiätz, vergeblich versucht, zugunsten Österreichs einzugreifen, und auf den Schlachtfeldern Europas drohte die Auseinandersetzung Preußens mit dem französischen Imperium. Trotz der diplomatischen Gespräche und Höflichkeitsformeln stand an diesem Sonntag zwischen den Herrschern der Schatten eines Toten, der als Opfer der europäischen politischen Konstellationen am 19. Juni des gleichen Jahres bewußt geopfert worden war. Man berührte taktvoll dieses Thema nur im Austausch von Trauer- und Beileidskundgebungen, obwohl nodi die Völker unter dem tiefen Eindruck der Tragödie, die sich in Mexiko abgespielt hatte, standen.

Denn eine Tragödie mit allem Beiwerk war in diesem Jahr zu Ende gegangen, bei der all die großen und kleinen Fürsten und Politiker Europas und der Neuen Welt mitgewirkt hatten und deren Opfer zur Zeit der Salzburger Besprechungen auf der Fregatte „Novara“ von Tegetthoff in die Gruft der Ahnen nach Österreich heimgebracht wurde, um rasch der Vergessenheit anheimzufallen. Nur das schlichte Denkmal vor der alten Marienkirche in Hietzing und einige Erinnerungsstücke und Ordenstrachten in der Schatzkammer Z'i Wien sowie die Aktenbündel des Staatsarchivs erinnern noch he le an den hochfliegenden Plan des Erzherzogs Maximilian, im Jahrhundert des Nationalismus auf mexikanischem Boden ein Kaiserreich zu begründen und damit die Tradition des universalen Imperiums Karls V. neu aufleben zu lassen. Fast scheint rückblickend dieses Unternehmen im Zeitalter der Technik und der stetigen Enwicklung des nordamerikanischen Kontinents zu einem Großmachtstraum als abwegig, doch muß die Nachwelt auch hier immer wieder die Triebkräfte und Ideen aufspüren und mitfühlen, die letzten F.ndes den Ablauf der Geschichte bestimmen.

Das habsburgische Herrscherhaus besaß auch unter Karl V. und später weltweite koloniale Besitzungen, aber selten Herrscher, die auch befähigt gewesen wären, sie auszubauen und durch Nebenlinien regieren zu lassen. Zu sehr waren die Bindung an die europäischen Probleme und die Aufopferung für die Aufgaben der Mitte des Kontinents der Mittelpunkt ihres politischen Denkens. Erst unter Karl VI. kommt es zu Versuchen, in fernen Ländern wieder Fuß zu fassen, allerdings mehr aus handelspolitischen Motiven, weil die zunehmende Industrialisierung Europas nach Rohstoffen verlangte. Dennoch, Habsburg blieb es versagt, seine Stellung in fernen Ländern zu verankern. Erst eine Frau, die Erzherzogin Leopoldine von Österreich, eine Schwester Maria Louises, mehrte im fernen Brasilien Österreichs Kultur und Ansehen, und ihr Sohn, Kaiser Dom Pedro IL, wurde mit Recht als einer der größten Südamerikaner gefeiert.

Hier in der lateinamerikanischen Kulturwelt erwachte noch einmal, vom Glück gesegnet, der alte Weltreichstraum Karls V., und dieser Erfolg hat indirekt viel dazu beigetragen, daß es zu dem mexikanischen Wagnis kam. Allerdings war der Held dieses Wagnisses, Erzherzog Maximilian, der älteste Bruder Kaiser Franz Josephs, nach Anlagen und Einste!!■: .g wie vorausbestimmt zu dieser Rolle. Es gab keinen größeren Gegensatz als zwischen diesen beiden Brüdern. Während der Regent Österreichs, seit ihm d: dornenvolle Bürde' der HerrsJierwürde zufiel, trotz seiner Jugend immer mehr die nüchternen Anlagen seines Wesens in harter Selbstdisziplin ausbildete, war Maximilian von frühester Jugend ein romantisch veranlagter Charakter. Er war ein Dichter, von dessen Werken uns das schöne Gedicht: „Auf einem Berge möcht' ich sterben“, in die Literatur eingegangen ist, und zeigte seine musische Veranlagung auch in feinen Aquarellbildern, aus denen seine empfindsame Naturbetrachtung sprach. Die Weite des Meeres zog ihn, dem die österreichische Kriegsmarine so viel verdankte, mehr an als die bunte Vielfalt der Aufgaben der Monarchie. Kaiser Franz Joseph, der ihm herzlich zugeneigt war, versuchte, diesen Anlagen im Praktischen Rechnung zu tragen. Die Übertragung der Stellung eines Generalgouverneurs im bedrohten Mailand und das Kommando der Kriegsmarine sollten den Tatendrang des Jüngeren befriedigen. Doch Maximilians Geist, immer wieder aufgerichtet an den Vorbildern der Ahnen, verlangte nach Großem, und auf seinen Reisen durch europäische Länder und nach Übersee forschte er eifrig nach den Spuren der großen Vergangenheit seines Hauses. Tief hatte schon den Zweiund-zwanzigjährigen ein Besuch bei den spanischen Königsgräbern zu Granada erschüttert, wo er mit Stolz und Ehrfurdit die dort ausgestellten Kroninsignien der katholischen Könige bewunderte, und, wie später am selben Ort ein anderer und größerer Blutzeuge der habsburgischen Idee, Erzherzog Franz Ferdinand, tief von der Sendung seines Hauses ergriffen war. Die Nüchternheit der franzisko-josephinischen Epoche, das Einerlei des Bürodienstes und die Mißstände der österreichischen zentralistischen Politik bestärkten seinen Pessimismus, an eine Aufgabe in Europa zu glauben, und bestärkten nur um so mehr seine Sehnsucht, auf einem fernen Kontinent ein großes Reich zu errichten. Immer mehr dachte ar dabei an Südamerika. Dazu kam aber noch seine Vermählung mit Prinzessin Charlotte, der ehrgeizigen Tochter Leopolds I. von Belgien, einer der schönsten Prinzessinnen Europas. In ihr, dem Sproß eines Hauses, das mit Energie una Schläue die neuen Kronen in Europa erwarb, trat ein neuer, anfeuernder Impuls in sein Leben, dessen Stärke nicht hoch genug eingeschätzt werden darf. So war durch die persönlichen Wünsche und durch seine Heirat und bisherige Stellung die innere Voraussetzung gegeben, welche nur des zündenden Funkens, seine Pläne zu realisieren, harrte.

Am Hofe Napoleons III., den Maximilian noch vor seiner Vermählung im Auftrage Kaiser Franz Josephs mehrmals besucht hatte, wurden trotz der inneren Brüchigkeit des zweiten Kaisertums weltumspannende Pläne gehegt. Neben dem Ausbau des französischen Kolonialreidies befaßte sich der Kaiser seit Jahren mit dem Projekt einer Intervention in Mittelamerika oder Mexiko. Schon lange vor seine- Thronbesteigung hatte er noch in der Verbannung davon geträumt, durch den Durchstich und Bau eines Kanals in Nikaragua die Kräftströme der Weltpolitik neu zu ordnen, und gleichzeitig durch eine europäische Machtfestsetzung in dem vorf der Revolution zersetzten Mexiko die immer stärker werdende Macht der USA zu verdrängen. Was einst Gedankenbilder eines Verfemten waren, wurde auch inmitten des kaiserlichen Hofes nicht vergessen, um so mehr, als die politisch immer aktiver werdende Kaiserin Eugenie durch ihre Familienbeziehungen zu mexikanischen Konservativen, Napoleon in seinen Plänen bestärkte. Ehe noch der Name Maximilians fiel, schien im Jahre 1861 die günstige Gelegenheit gekommen zu sein. Der Ausbruch des nordamerikanischen Bürgerkrieges und der Sieg der Liberalen in Mexiko unter Führung des Präsidenten Juirez welcher jede Zurückzahlung europäischer Anleiheverpflichtungen verweigerte, gab NapÖMeon III. den Anlaß, gemeinsam mit Spanien und England zur bewaffneten Intervention zu schreiten. Sehr eng verflochtene finanzielle Interessen europäischer Bankhäuser bildeten den Vorwand, wobei die beteiligten Mächte, noch ehe sie auf mexikanischem Boden Truppen landeten, ihre eigenen Machtinteressen in den Vordergrund stellten. Lediglich Frankreich verfolgte auch unter dem Deckmantel dieses alliierten Unternehmens das große Ziel der inneren Umgestaltung Mexikos, obwohl die Aussichtslosigkeit einer gemeinsamen Aktion klar zutage trat. Im engsten Kreise in Paris fiel von seiten der Kaiserin Eugenie der Name Maximilians als möglichen Kronprätendenten, und die ersten vorsichtigen Fühler nach Wien wurden ausgestreckt, um die Einstellung Franz Josephs klarzustellen. Es kann zur historischen Richtigstellung zeitgenössischer Meinungen, daß der Herrscher die Gelegenheit ergriffen hätte, den Ehrgeiz seines Bruders abzulenken, gesagt werden, daß der Kaiser in der ganzen Frage der mexikanisdien Thronkandidatur m i t großer Reserviertheit und Rücksichtnahme auf eventuelle politische Folgen vorging.

Drei Hauptvoraussetzungen wurden in den immer konkreter werdenden Besprechungen für eine Kandidatur Maximilians festgelegt und von ihnen die Zustimmung des Chefs des Herrscherhauses abhängig gemacht: Vor allem sollte das mexikanische Volk frei und unbeeinflußt die Kronenannahme verlangen und eine Garantie Englands sowie die finanzielle Unterstützungsbereitschaft Frankreichs vorliegen.Zweifelsohne standen auch realpolitisdie Erwägungen hinter dem Entschluß, die Anfragen aui Paris positiv, jedoch mit Bedingungen verbunden, zu beantworten. Noch war Venetien der Sehnsuchtstraum der italienischen Einheitsbewegung, die Napoleon III. seit seiner Jugend gefördert hatte, und Wien hoffte, mit einem stärkeren Engagement der französischen Kräfte in Übersee und durch eine politische Verbindung auf dem Umweg über ein mexikanisches Kaisertum ■ sicher eine Entlastung des Druckes in Europa. Immer war man in Wien jedoch bedacht, Maximilian die Schwierigkeiten vor Augen zu führen, und als er, getrieben von Ehrgeiz und Sehnsucht, betrogen durch das Ränkespiel vermeintlicher Vertreter des mexikanischen Volkes, am 10. April 1864, zu einem Zeitpunkt, als Napoleon III. längst im Innersten das mexikanische Unternehmen als aufgegeben betrachtete, die Krone annahm, mußte Franz Joseph nur mehr im Interesse seines Staates handeln. Nach einer bewegten Unterredung am Vortage zwischen den beiden Brüdern im Schloß Miramar, verzichtete Maximilian schließlich auf alle seine Rechte, vor allem der Thronfolge, in Österreich, und der Weg zu dem ersehnten Ziel stand offen. Ohne daß die oben erwähnten Vorbedingungen erfüllt waren, betrat er mexikanischen Boden, wo seine Macht nur bis zu den letzten französischen Postenketten reichte, doch gab es noch immer Chancen, die Lage zu seinen Gunsten zu wenden. Wenn auch in Juarez ein Gegner von ungewöhnlicher Härte, der die Instinkte der breiten Volksmassen wachzurufen verstand, das neue Kaisertum bekämpfte, so hätte eine kluge Innenpolitik, die auf die Wünsche der indianischen Bevölkerung Rücksicht nahm, wie sie auch Maximilian am Ende seiner Herrschaft in Erwägung zog, eine wirkliche Bewegung entf^hen können. Aber beraten von unfähigen, auf persönliche Ehrenstellen und Vorteile bedachten Ratgebern, mehr passiv belehrend und von einer tiefen kulturellen Sendung durchdrungen, war der neue Herrscher nicht aus jenem Holz eines Cortez und anderer Eroberer geschnitzt, wie sie Mexiko liebte.

In den wenigen Monaten der verhältnismäßigen Ruhe, während die Hilfe Frankreichs noch gesichert war, strebte Maximilian, durch soziale und bildungsmäßige Maßnahmen, nach dem Beispiel seiner glücklicheren Verwandten in Brasilien, zu regieren. Doch die sich überstürzenden weltpolitischen Ereignisse, namentlich die Folgen des Krieges 1866 in Europa, die absolut ablehnende Haltung Englands, ließen bald jede Hoffnung auf Erfolg schwinden. Napoleon ftl. zog seine Truppen zurück. Juarez, unterstützt durch die Vereinigten Staaten, die eben durch das siegreiche Ende des Bürgerkrieges die ersten Schritte zur Weltmacht antraten, eroberte Provinz um Provinz, und Maximilian stand allein vor dem schwersten Entschluß seines Lebens, zu fliehen, oder dem unausbleiblichen Ende ins Auge zu sehen. Noch rüstete sich seine Gattin zu einer demütigenden Bittfahrt an die europäischen Höfe, um nie mehr zurückzukehren und in Rom in die dumpfe Macht des Wahnsinns zu fallen. Allein von einem Häuflein Getreuer umgeben, zu denen vor allem das österreichische Hilfskorps und die Generale Mejia und Miramon zählten, sah der Kaiser das Ende herannahen. Trotz mancher problematischer Fluchtmöglichkeiten blieb er inmitten des Volkes, dem er seine Kraft geweiht hatte. In den letzten Stunden vor der Gefangennahme und dem Kriegsgericht, dessen

Todesurteil Juarez vorausbestimmt hatte, wurde in diesem schwärmerischen Sproß aus altem Blute ein wahrer Held und Soldat seiner Uberzeugung. Mit Recht hat ihm ein englischer Biograph der jüngsten Zeit, Daniel Dawson, die schönen Worte gewidmet: „Während der 71 Tage währenden Schlacht von Queretaro hatte sich Bedeutsames ereignet. Ein innerer und äußerer Wandel vollzog sich an dem Kaiser Maximilian. Es mag nicht leichtfertig klingen, wenn man behauptet, daß dieser schwache, oft verzweifelnde, ratlose Mann stark und gefestigt geworden war. Alle, die ihn sahen, bezeugen dies. Aus seinen Briefen und Handlungen tritt dies eindeutig hervor, daß er, der oft so unentschieden und wenig selbstvertrauend war, von Tag zu Tag einen Sieg errang, der größer war als der billige Triumph auf dem blutgetränkten Schlachtfeld. Wie oder wann diese Kraft ihn stärkte, wissen wir nicht. Es kann sein, daß der Verlust seiner Gattin, Heimat, Hoffnung und Ehrgeiz, als er nichts mehr zu verlieren hatte, ihm die Überzeugung eines mutigen Todes eingab. Wir können es nicht feststellen. Wir können nur sagen, daß dieser Gefangene, der in seiner Zelle auf das Ende wartete, von unübertreffbarem Scharm war und von einer tiefen, tiefen Ruhe gestärkt wurde. Krank, unter ständigen Schmerzen, mit Fieber in den Augen, war er alt und müde geworden, aber ein Meister der Selbstbeherrschung. Er war nie ein richtiger Soldat und hatte niemals ein Schlachtfeld gesehen, aber in dieser letzten Schlacht blieb er kalt und mutig. Alle, die ihn sahen, empfanden eine tiefe Bewunderung, und zum erstenmal zeigten sich Kundgebungen der Begeisterung. Er hoffte nicht mehr auf den Sieg, und er wußte, daß es das Ende war in dem besetzten Queretaro und in seiner Zelle. Maximilian war, als er sein Kaiserreich verlor, zuletzt doch Kaiser geblieben.“

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