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EIN ANFANG UND EIN WEG

A m Zentralfriedhof vorbei, durch Schwechat und A Fischamend — Gastronomen, Phäaken und Bukoliker biegen hier gleich zum „Rostigen Anker“ ab — fährt man in drei bequemen Autoviertelstunden geruhsam in jene milde Donaulandschaft, die den uralten Kulturboden Petronells umgibt. In Steinwurfweite von römischen Ruinenstätten und der schönen romanischen Rundkapelle steht, von alten Bäumen eingefaßt, das Petroneller Schloß, im Vierkant um einen Innenhof mit Teich gelagert. Um 1100 erbauten hier nach der Völkerwanderung Markgrafen aus Bayern auf den Grundmauern eines römischen Kastells ihre Burg, die später in den Besitz der Jesuiten überging. 1650 wurde sie von den Grafen Abensperg-Traun erworben und 1660 als Viereck aus- gebaut. Der Spätrenaissancebau wurde bald — 1683 — von den Türken teilweise zerstört, wieder aufgebaut, später barockisiert, wobei einige italienische Künstler, wie der Architekt Oarlo Carlone, der Baumeister Carlo Canevale, der Bildhauer Giovanni Giuliani und die Maler Domenico May- nardi und Tencalla mitwirkten. 1945 beschädigte russischer Artilleriebeschuß das Schloß schwer. Unter beträchtlichen Opfern wurde es langsam wiederhergestellt und 1956 in einem Teil seines ersten Geschosses das Donaumuseum eröffnet.

Schon der Großvater des jetzigen Schloßherrn, des Grafen Abensperg-Traun, hatte eine römische Sammlung besessen, die seit 50 Jahren — ein kleines Museum — im Schloß untergebracht war. Das Donaumuseum, eine Zusammenfassung lokaler Funde, lokaler Geschichte, führte diesen Museumsgedanken fort, brachte Besucher in einen Besitz, der von stolzer Repräsentation zur Verpflichtung und Last geworden war. Ein Anfang schien gemacht, um wenigstens hier in Petronell einem Prozeß Einhalt zu gebieten, der unerbittlich so viele großartige Zeugen und Kunstwerke der Vergangenheit dem langsamen Verfall und der Zerstörung anheimgibt, dem „Sterben der Schlösser und Burgen“. Die Melancholie und Trauer, die allein in näherer Nachbarschaft Niederweiden und Schloßhof umgibt, die Anklage, die aus ihrer Verstümmelung mit piranesischem Pathos zu einer Zeit spricht, die mit ihnen nichts mehr anzufangen weiß, ist stumme Be- redtheit, schmerzlicher Schrei. Noch leben nämlich die Baukörper, atmen die leeren oder vermauerten Fensterhöhlen, warten auf die erlösende Hand, die entscheidende Tat, die sie aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt und zu neuem sinnvollen Leben, zu jenem führt, was sie heute eigentlich sind: stolzer Besitz des ganzen Volkes, Juwelen einer Vergangenheit, Kunstwerke und Zeugnisse einer Tradition, deren Reichtum sich unsere in vielem ärmere Zeit nicht entäußem darf, wollen wir nicht unsere Würde verlieren.

In Petronell nun wurde inzwischen vor wenigen Wochen eine entscheidende, eine revolutionäre Tat gesetzt. Bundesminister Dr. Heinrich Drimmel eröffnete mit klugen und einsichtsvollen Worten im Schloß eine Außenstelle des Wiener Kunstgewerbemuseums, die nicht weniger als neun Räume und einen langen Gang umfaßt. Lange und mühevolle Arbeit, kühne Entschlüsse haben damit ihre Krönung gefunden, einen Anfang gezeitigt und Wege freigelegt. Was war geschehen?

Der Kunsthistoriker und Kustos der Sammlungen des Wiener Museums für angewandte Kunst, das der Volksmund einfacher und schlichter „Kunstgewerbemuseum“ nennt, Doktor Franz Windisch-Graetz, hatte vor Jahren auf Studienreisen in England und Frankreich gesehen, wie die englische Aristokratie ihren Schloßbesitz, der durch Erbschaftssteuern und Abgaben ähnlich wie bei uns zum Sterben verurteilt schien, dem Publikum öffnete, ihn als musealen Besitz der Nation zugänglich machte. Doch lagen und liegen in England vor allem die Verhältnisse wesentlich anders als bei uns. Dort umfaßt der Familienbesitz meist noch unvorstellbare Sammlungen an Kunstschätzen, das Inventar der Schlösser ist im wesentlichen intakt geblieben, unberührt von den Stürmen der Zeit. Für Österreich galt es, eine andere, neue Lösung zu finden. Daß sie in diesem ersten Fall geradezu genial erfolgte, ist das Verdienst von Dr. Windisch-Graetz und das des Direktors des Museums für angewandte Kunst Dr. Viktor Grießmaier sowie aller Stellen, die an der Realisation des Gedankens mitgewirkt haben. Wie wurde sie getroffen?

Alle Museen der Welt besitzen ein Depot, in dem aus Platzmangel — und alle Museen leiden dank der zusammenraffenden Museumspolitik des 19. Jahrhunderts an Platzmangel — nicht nur Stücke zweiter oder dritter Qualität, sondern auch manchmal Hauptwerke untergebracht sind. Gelegentlich spült eine Ausstellung mit beschränktem Themenkreis oder eine Neuaufstellung — wie jetzt im Louvre — Meisterwerke, wie Chardins „Stilleben mit dem Olivenglas“, an die Oberfläche, sonst ist das Depot nur den Cognoscenti, den Fachwissenschaftlern zugänglich. Hier nun wurde der kühne Entschluß gefaßt, herrliche alte Möbel, Silber, Glas, Porzellan und Keramiken, Gebrauchsgegenstände aus fünf Jahrhunderten aus fast ganz Europa aus ihrem Dämmern zu befreien und in musealer Aufstellung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Dem privaten Schloßherrn wurden damit Kunstschätze aus einem öffentlichen Museum zur treuen Hand übergeben, wobei der Raumnot des Museums abgeholfen und das Schloß einer neuen, erweiterten Bestimmung zugeführt wurde.

Dies entspricht einer gegenläufigen Bewegung, einem gesunden, neuen Empfinden gegenüber der Museumspolitik des 19. Jahrhunderts. Seine Gigantomanie raffte die Kunstwerke aus ihrem natürlichen Zusammenhang hinweg, plünderte Schlösser, Kirchen, Sammlungen zugunsten eines utopischen Ideals, einer zentralisierten Vereinigung von nie zu erreichender vollständiger Umfassung. Wir sind heute demütiger, ansprechbarer für die natürlichen Bedingungen des Kunstwerkes geworden, das früher meist fast immer aus konkreten Bedingungen wuchs, zur konkreten Bestimmung geschaffen wurde. Und so umfaßt dieses Museum des Schlosses Petronell Kunstgegenstände, die zwar nicht dem Bereich dieses

Schlosses entstammen, die aber sehr wohl im Laufe der Jahrhunderte sich in seinem Lebensbereich angesammelt haben könnten. Vor allem — es ist ein Museum. Das heißt, daß man nicht in zeitlich begrenzten Führungen durchgetrieben wird, sondern gelassen, von Stück zu Stück auskostend, seine neuen Schätze genießen kann. Sie sind hervorragend und mit Liebe präsentiert und aufgestellt. Hier hat der Architekt Norbert Schlesinger, dem man schon die Ausstellung „Iranische Kunst“ in ihrer äußeren Gestaltung verdankte, Wesentliches geleistet, vor allem in der Adaption des Oktogons und des breiten Korridors.

Uber die Stiege mit dem Schwarz-Weiß des Schmiedeeisens kommt man in einen Vorraum, der einen gemalten Stammbaum der Familie Abensperg-Traun aus dem 17. Jahrhundert enthält. Die gediegene Ausstattung schafft sofort jenen Eindruck, der sich immer mehr bestätigt, daß man sich nicht einem „Austriacum“, einer Improvisation gegenüber befindet, sondern einer überlegten und überlegenen Gestaltung. Der erste Raum mit seinen Boiserien und Familienbildern, dem Hauch der Geschichte, der von alten privilegierten Geschlechtern ausstrahlt, birgt die Dokumente des Schlosses, stolze Besitztümer, die vom Erhabenen, wie dem Willkommenstrunkbecher, den Maler- und Architektenkontrakten, bis zum realen Leben der Vergangenheit — Gestütsordnungen, Brandzeichen und Füllenbüchlein — reichen Der zweite Raum, wie der erste im zweiten Rokoko des 19. Jahrhunderts dekoriert, enthält herrliche Sessel aus der Rothschild-Widmung mit Tapisserie-Bezügen aus Beauvais, die in mühsamer Arbeit restauriert wurden und nach Ent- t würfen von Oudry Fabeln von La Fontaine darstellen.

Im dritten Raum fällt ein österreichischer Münzschrank auf, Delfter Fayencen in einer Vitrine und im vierten Armstühle mit Bezügen aus Beauvais, österreichische und deutsche Möbel, Die Vitrinen des Oktogons von Architekt Schlesinger sind vorbildlich. Sie enthalten Fayencen aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit mythologischen Szenen und Landschaften, die restaurierte Decke stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Im Kabinett finden wir Dekorstiche von Jean Berain d. Älteren (1640—1711) und François Cuvillies (1695—1768), Musterbilder der Innendekoration, die auf das Rokoko vorbereiten, das im nächsten Zimmer mit einer venezianischen weiß-goldenen Kommode, einem Standspiegel und Wiener Porzellan hervorragend vertreten ist. Im achten Raum vereint sich Wienerisches und Französisches in Stühlen mit Aubusson-Bezügen, ein österreichisches, reich geschnitztes Prunkbett steht einem Hamburger Dielenschrank gegenüber. Ein Glanzstück ist dann im letzten Raum der Sekretär mit bemaltem Aufsatz, der aus Schlesien stammt, die Savonnerien mit Blumenstilleben, die italienische Sitzgarnitur, deren neue Bezüge wie alle Neubespan-

nungen mit feinstem Geschmack ausgewählt wurden, und die Salzburger Wandkonsoluhr, alles Arbeiten des 18. Jahrhunderts. Im 50 Meter langen Gang eröffnet sich in den Vitrinen, entlang einer weiteren Ahnengalerie des Geschlechtes Abensperg-Traun ein reicher Schatz an Gebrauchsgegenständen, der von Kostümen über Handschuhe zu Fächern, Dosen, Kämmen, Elfenbeinarbeiten, Altargerät, Silberbestecken, Lederarbeiten, Küchengeräten, Keramik, Schlössern, Kacheln, Tellern und Krügen aus frühester Zeit reicht. Wirkliche Reichtümer sind hier zusammengetragen, und die Versicherungssumme von drei Millionen Schilling ist weit und tief unter dem eigentlichen Kunstwert gegriffen. Rund 400 Objekte erwarten hier die Besucher, und die kommen tatsächlich in Scharen.

Am 13. Oktober, einem Sonntag, wurde das neue Museum von nicht weniger als 1170 Besuchern betreten, ein Beweis für die Richtigkeit eines Gedankens, der hier seine erste und konkreteste Gestalt fand. Möglich wurde er, wie schon gesagt, durch das Zusammenwirken einer hartnäckigen und genialen Initiative, die von Dr. Franz Windisch- Graetz ausging, und der entschlossenen Unterstützung durch Dr. Grießmaier. Möglich wurde er durch die generöse Hilfe des Unterrichtsministeriums, des Denkmalamtes, des Handelsministeriums, der Industriellenvereinigung, der niederösterreichischen Landesregierung und durch die Aufgeschlossenheit des Schloßherrn, der nicht weniger als die Hälfte der Kosten der Renovierung und Adaptierung der Räume bestritt. Ihm obliegt nun die Reinigung und Beaufsichtigung der anvertrauten Schätze. Der Reingewinn des Museums kommt der Erhaltung des Schlosses zugute. Damit ist ein Anfang und ein Weg gezeigt, der keineswegs ein Allheilmittel sein wird, der aber entscheidend und wesentlich beitragen könnte, unseren Kulturbestand zu retten.

Denn — so großartig und herrlich dieser Anfang erscheint, so unendlich viel gilt es noch zu tun. Die Namen Niederweiden und Schloßhof sind schon gefallen. Was aber ist mit den zweckentfremdeten Stadtpalais’ Wiens? Was geschieht, um nur eine Katastrophennachricht zu wiederholen, mit der Ben-Tiber-Villa Otto Wagners in Hütteldorf? Sollte, müßte man sie nicht nach einem Plan von Dr. Windisch- Gräetz in ein Jugendstil-Museum umwandeln, um sie zu erhalten? Müßte das nicht gerade in Wien geschehen, das zum entscheidenden Nährboden des Jugendstils gehört, der eben jetzt seine entscheidende Würdigung erfährt, in Wien, das kein Palais Stocledt besitzt.

Petronell ist eine großartige, eine entscheidende Tat, sie kann aber nur ein Anfang sein, um endlich unseren Kulturbesitz, der sich auch in die jüngste Vergangenheit erstreckt und europäische Bedeutung hat, nicht zu erhalten, sondern zu retten. Was hier großzügig geleistet wurde, wird zur Verpflichtung und zu einem Weg, der in allen nur möglichen Varianten begangen werden muß, wenn wir nicht in selbstzerstörerische Jämmerlichkeit und schmachvollen Provinzialismus versinken wollen.

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