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In alter, neuer Pracht

Im Mai 1945 war es, als Erzbischof Doktor Rohracher den Dombaumeister von Sankt Stephan in Wien, Holey, nach Salzburg rief und ihm mit dem Wiederaufbau des im Oktober 1944

durch eine Bombe zerstörten Domes beauftragte.

Es war eine schwere Wunde, die der Krieg hier geschlagen hatte. Die prachtvolle Kuppel mit den anschließenden Gewölben des Langhauses und der beiden Querschiffe lag im Innern der Vierung” und hatte einen großen Teil der geschnitzten Kjrchenbänke und marmornen Kommunionsschranken zertrümmert und begraben. Das schöne Marmorpflaster war ebenfalls unbrauchbar geworden. Die großen Altäre und ihre Bilder hatten teilweise schweren .Schaden erlitten. Der große Schaden, der durch die Bombe entstanden war, wurde in den Wintermonaten 1944/45 erheblich vergrößert, da die damals zuständige Behörde die Bewilligung für1 sofortige Sicherungsarbeiten an den gefährdeten Bauteilen verweigerte.

Es galt daher zunächst, die bedrohten Teile durch neue Dächer zu sichern, die Oelgemälde zu bergen und durch Aufführung einer provisorischen Abschlußwand das Langschiff vom zerstörten Teil zu trennen. Bereits zu Christkönig 1946 konnte dank der tatkräftigen Hilfe der Bevölkerung rund um Salzburg, die in unzähligen freiwilligen Arbeitsschichten dem Rufe ihres Bischofs gefolgt war und die riesigen Schuttmassen beseitigt hatte, im geschlossenen Langhaus die erste heilige Messe gefeiert werden.

Für den Wiederaufbau der Gewölbe, des Tambours und der Kuppel waren riesige Gerüstbauten erforderlich, denn alles, was zunächst geschehen mußte, spielte sich in einer Höhe von 21 bis 75 Meter ab. Dabei hatten wir den ganz wesentlichen Vorteil, daß die Lehrgerüste der Autobahnbrücke bei Zilling nächst Salzburg nahezu den gleichen Radius wie die Querschiff- und Langschiffgewölbe hatten. Durch die zuständigen Behörden war uns die Verwendung freundlicherweise erlaubt worden. Trotz dieses günstigen Zusammentreffens wurden aber noch weitere zirka 1200 Festmeter Schnittholz für Gerüste verbaut, an deren Aufbringung die Sägewerke Salzburgs großen Anteil hatten.

Da in den Jahren 1946 bis 1948 noch ein empfindlicher Mangel an guten Fachkräften herrschte, waren wir sehr dankbar, als uns für den Bau des zirka 14 Meter hohen Tambours auch aus den Beständen der Autobahnbrücken Söllheim und Zilling eine große Zahl von Konglomeratquadern überlassen wurde. Bei den Traggurten des Langhauses und der beiden westlichen Pendentifs konnten wir uns durch Beton- und Eisenbetonkonstruktionen von der Verwendung des Steines befreien, nicht aber bei den sichtbaren Tambourmauern. Die Innung der Salzburger Steinmetzmeister erklärte sich zur Umarbeitung der Autobahnquader für die geänderte Verwendung bereit. So gelang es auch hier durch Gemeinschaftsleistung, die zahlreichen erfolglosen Ansuchen um Steinmetze aus Italien und dem Sudetenland zu überbrücken.

Die Konstruktion der verschiedenen neuen Gewölbe wurde statisch, wärmetechnisch und akustisch eingehend geprüft. Statisch wären Eisenbetonschalenkonstruktionen möglich gewesen, doch entschloß man sich wegen der wasserabsorbierenden, wärmeisolierenden und vor allem akustisch vorteilhafteren Wirkung zum konservativen massiven Ziegelgewölbe, das für die reichen Stuckdekorationen alle handwerklichen Vorteile mit sich brachte. Bei der Kuppel wurde die notwendige Verschließung’ der Gewölbe durch den Einbau von acht Gratrippen i und sechs Horizontalringen aus ziegelverblende- fem Eisenbeton ausgefübrt.

Die Laterne der eingestürzten Kuppel war nach dem letzten Brand im Jahre 1859 anstatt in Stein nur noch in Holz und Blech gebaut worden. Da aber der Dom möglichst so wieder hergestellt werden sollte, wie er unter Erzbischof Paris Lodron gebaut worden war, wurde die Laterne ebenfalls in Stein errichtet.

Ende 1947 konnte bereits das Kupferblech der Kuppel gedeckt werden; dabei war der Marshall-Plan eine wesentliche Hilfe, denn das alte Kupferblech konnte in den österreichischen Werken nicht rechtzeitig umgearbeitet werden. Außerdem erhielten wir eine besonders günstige Lieferung kontingentfreien Kupferbleches.

Die Dächer der Querschiffe und des Langhauses mußten ein Jahr zuvor noch behelfsmäßig mit Pappendeckel, der mit Gaswerkteer getränkt wurde, gedeckt werden, da keinerlei Dachdeckungsmaterial zu bekommen war.

Zu Christi Himmelfahrt, im Mai 1948, erlebte Salzburg das große Fest der Vollendung der Rohbauarbeiten mit der feierlichen Kreuzauf- steckung über der neuen Kuppel und Laterne. Leider trat nach diesem Fest durch Geldmangel eine längere Pause bei den Wiederaufbauarbeiten ein.

Kurz nachdem die vorübergehenden finanziellen Schwierigkeiten behoben waren und die Arbeiten wieder in größerem Umfang begonnen hatten, starb im März 1955 Dombaumeister Dr. K. Holey, der bis dahin den Wiederaufbau verantwortlich geleitet hatte. Nun übertrug Erzbischof Dr. Rohracher dem Verfasser dieses Beitrages, der schon von Anfang an für den Dombaumeister tätig war, die Gesamtleitung der Arbeiten. Die verschiedenen Planungsarbeiten und künstlerischen Fragen wurden dem Architektenbüro Dr. Wiser-Pfaffenbichler - Doktor B a m e r, Salzburg, übertragen.

Ueber Wunsch des Denkmalamtes ging man nun an die Restaurierung der Deckenbilder. Die 89 verschiedenen Fresken an den Gewölbeflächen wurden, soweit sie nicht zugrunde gegangen waren, von der hundertjährigen unschönen Uebermalung befreit und nach den ursprünglichen Farben des 17. Jahrhunderts restauriert. Die neuen Bilder wurden nach Farbaufnahmen, die während des Krieges gemacht worden waren, rekonstruiert. Bei den Uebermalungen waren jeweils die ursprünglichen Kompositionen beibehalten und nur die Farben... geändert worden. Diese gewaltige, verantwortungsvolle künstlerische Arbeit wurde von den Restauratoren und akademischen Malern Hans Fischer, Bregenz, und Arthur S ü h s, Wien, in hervorragender Weise gelöst.

Da der Dom vor der Zerstörung nur eine ziemlich primitive elektrische Beleuchtungsanlage besessen hatte, mußte auch auf diesem Gebiet ein großes Projekt gemacht und ausgeführt werden. Im Einvernehmen mit dem Denkmalamt wurde eine indirekte Flutlichtanlage neben zwanzig neuen Bronzelustern ausgeführt, welche die imposante architektonische Raumwirkung und die berauschenden Farbwirkungen zu einem ungeahnten Höhepunkt werden läßt. Neben dieser großartigen Beleuchtungsanlage wurden auch die Vorkehrungen für elektrisch beheizte Kirchenbänke, Chorgestühl, Sakristeien und einen beheizten Sängerchor getroffen. Um von dem städtischen Niederspannungsnetz unabhängig zu sein, wurde eine eigene, fernsteuerbare Transformatorenstation eingerichtet.

Auch für eine einwandfreie Akustik wurde Vorsorge getroffen. Der ungeheure Kuppelraum wie auch die beiden Querschiffe waren bisher durch den starken Nachhall kaum zu bewältigen gewesen. Neben der großen Verstärkeranlage wurde auch eine Wochentagsanlage beim Sakramentsaltar vorgesehen, die bei kleineren Gottesdiensten der Pfarrgemeinde zur Verfügung steht.

Gänzlich renoviert wurde auch die berühmte große Orgel. Sie erhielt einen neuen, hochmodernen, vollelektrischen Spieltisch für vier Manuale und Pedal, und wurde auch sötist modernisiert. Die beiden Orgeln, die unter Erzbischof Waitz an den vorderen Vierungspfeilern angebracht worden waren, wurden hier nicht wieder aufgebaut, sondern hinter dem Hochaltar unsichtbar eingebaut. Diese Chororgel kann sowohl vom Hauptspieltisch am Musikchor als auch von dem kleineren Spieltisch beim Chorgestühl gespielt werden. Sie ist hauptsächlich für die Begleitung der Schola und für den Volks- gasang gedacht.

Das künstlerisch wertlose Chorgestühl wurde durch ein neues, architektonisch klares und einfaches Gestühl nach dem Entwurf der Architekten Dr. Wiser-Pfaffenbichler-Dr. Bamer ersetzt, das durch eindrucksvolle Schnitzereien des Professors J. Adlhart, Hallein, geziert wurde. Das an diesem Platz besonders geeignete Thema des Lobgesanges der Jünglinge im Feuerofen hat der Künstler in meisterhaftem Können verarbeitet.

Die neue Kanzel, die an Stelle der bisherigen architektonisch untragbaren Lösung getreten ist, ist ein Gemeinschaftswerk der planenden Architekten und Professor T. Schneider-Manzells, Salzburg. Sie ist, losgelöst von allen stilistischen Formen, klar im inhaltlichen und architektonischen Aufbau, aus Marmor und Bronze gebildet. Eine wirklich höchstwertige Bereicherung des schönen Raumes aus moderner Zeit.

Das alte Taufbecken aus dem romanischen Dom, ein großartiges Kunstwerk der damaligen Zeit, hatte im vergangenen Jahrhundert einen Deckel aus Bleigüß erhalten, der nun auch nicht mehr bleiben konnte, weil er im Stil nicht paßte und außerdem altersschwach geworden war. Der neue Bronzedeckel ist ebenfalls aus der Hand Professor Schneider-Manzells.

Durch die Zerstörung des Marmorpflasters in der Vierung und den Querschiffen war die Anregung gegeben gewesen, Grabungen nach den früheren Dombauten machen zu lassen. Das Ergebnis war sowohl für die Archäologen als auch für die kirchlichen Stellen überraschend. Es wurden Teile des Virgildomes, des Liupram- Anbaues und des romanischen fünfschiffigen Münsters sowie Reste des Scamozzi-Planes gefunden. Da die Domkirche bisher keine würdige Begräbnisstätte für die Erzbischöfe besessen hatte, war es naheliegend, die’ geschichtlichen Ausgrabungsergebnisse bei der zu errichtenden Krypta zu verwerten. Diese äußerst schwierige und Rücksichtnahme erfordernde Aufgabe wurde von den planenden Architekten Wiser-Pfaffen- bichler-Bamer nach vielen Studien ähnlicher Anlagen in Rom und andernorts großartig und monumental gelost. Aus dem rechten Querschiff führt eine Marmortreppe hinab in einen Rundraum, in dessen Fußboden die grund- rißliche Ueberlagerung der verschiedenen Bauepochen in einem Steinmosaik gezeigt wird. Die Decke dieses Raumes trägt ein höchst wirkungsvolles Steinmosaik von Frau L. Wildner- Eltz, Salzburg, mit den Symbolen der Heiligen Dreifaltigkeit als Sehnsucht und Ziel der Menschheit. Rechts und links dieses Rundraumes werden die Erzbischöfe, angefangen von Erzbischof Paris Lodron bis Erzbischof Waitz, soweit sie in Salzburg begraben liegen, beigesetzt werden.

Durch ein großes Portal tritt man in der1 Richtung der Querschiffachse in einen Raum, der durch die Mauerreste des Virgildomes und des Liupramschen Anbaues sowie der südlichen romanischen Querschiffapsis geformt wird. Eine tiefe Nische in der Virgilmauer wird als Grab des heiligen Virgil angesehen, der der Erbauer des ersten Domes und neben dem heiligen Rupert der Patron des heutigen Domes ist. In den aufgehenden Mauern dieses Raumes sind fünf Grabstdten’für die Zukunft eingebaut. Def anschließende Raum ist als Kapelle der be+ deutendste Raum der unterirdischen Krypta. Er erhält über dem Altar das romanische Corpus Christi auf einem Kreuzbalken aus farbigem Murano-Kunstglas nach dem Entwurf von Frau L. Wildner-Eltz als beherrschendes Symbol. Professor Karl Knappe, München, hat die Rückwand mit einem Steinmosaik gestaltet. Hier sind sechs Grabstellen vorgesehen. Der Kapellenraum ist über einer Mauer des Virgildomes, der romanischen Kryptamauer und dem südwestlichen romanischen Vierungspfeiler errichtet. Die Decke ist ganz leicht gewölbt und wirkt daher höher als die übrigen Räume. Im letzten Raum folgt der Grundriß und die Gestaltung ganz der romanischen Krypta, indem die beiden Vierungspfeiler ebenso wie die „in sito” belassenen Säulenfüße das Pfeilersystem der romanischen Anlage erkennen lassen. Die Kolumbarienwand ist nicht bis an die Decke geführt, um anzudeuten, daß es sich hier nicht um eine Raumbegrenzung, sondern um einen kulissenartigen Einbau handelt. Die Deckenzeichnung ebenso wie die indirekte Beleuchtung verstärken den geschilderten Eindruck. Der große Raum bietet Platz für 15 Grabstellen. Alle Räume sind in würdiger, vornehmer, heimischer Steinausstattung gestaltet. Die Wirkung ist klar, feierlich.

Verlassen wir den Dom und stehen in der Vorhalle, so wird es jeder, der heute noch die unwürdigen Bretterverschläge und Tore in Erinnerung hat, kaum verstehen, daß so viele Jahrzehnte und auch ein so furchtbarer Krieg mit seinen Zerstörungen an wertvollen Kulturdenkmälern vorübergehen mußte, bis auch diese wertlosen Teile durch weltberühmte Kunstwerke aus der Hand der drei Bildhauer, Professor G. Manzü, Mailand, Professor E. Matare, Düsseldorf, und Professor T. Schneider-Manzell, Salzburg, ersetzt wurden. Glaube, Hoffnung und Liebe haben die Eingangstore zur Metropole Salzburgs zum Thema. Diese drei Tugenden haben auch vom Anfang an alle, die am Wiederaufbau beteiligt waren, beseelt, sie haben geholfen, auch die größten Schwierigkeiten zu bezwingen, damit 3 31 Jahre nach der Domweihe die wiederaufgebaute Metropole Salzburgs in alter, neuer Pracht erstanden ist.

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