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Die Glut erlischt, der Aufbau beginnt

Sofort nach dem Abschluß des Vernichtungswerkes setzten die Vorbereitungen für den Wiederaufbau ein. Die mehreren tausend Kubikmeter Schuttmengen sind von freiwilligen Helfern aus allen Kreisen der Bevölkerung abgeräumt worden und im Langhaus begannen die Steinmetze ihre Tätigkeit. An Arbeitskräften war kein Mangel, da für den Wohnhauswiederaufbau gelernte Steinmetze nicht gebraucht wurden und Steine teils von den eingestürzten Bauteilen des Domes, teils von den zerstörten Prunkbauten der Inneren Stadt in ausreichendem Maß zur Verfügung standen, und aus den Steinbrüchen des Leithagebirges, die seit jeher für den Dom lieferten, leicht beschafft werden konnten. In dem Langhaus des Domes, das gegen den viel stärker beschädigten Chorteil durch eine doppelte, im Scheitel 28 Meter hohe Holzwand geschlossen war, entwickelte sich eine rege Tätigkeit der Steinmetzen, der zerstörte Bau war zum Werkplatz des Wiederaufbaues geworden, während außerhalb, unmittelbar an die Kirche anschließend, Lagerplätze, Arbeitsbaracken für die Steinmetzen, Bildhauer, Schlosser und andere Handwerker sowie Kanzleiräume für die Dombauhütte, die bei dem Brand restlos zerstört worden war, entstanden.

Die erste Sorge war der Schutz des verhältnismäßig wenig beschädigten Langhauses, um eine geschützte Arbeitsstätte zu haben, und diesen Teil des Domes so bald als möglich für den Gottesdienst bereitstellen zu können. Die zerstörten Maßwerke der Fenster wurden ausgebessert und Gewölberippen sowie die schadhaften Gewölbe erneuert, und um den Gewölben einen sicheren Schutz nach oben zu geben, ist eine flache Stahlbetondecke über den Gewölben in einem Ausmaß von 2100 Quadratmeter angebracht worden, eine Rapidbalkendecke, die möglichst wenig Holz braucht und rasch am Bau selbst hergestellt werden konnte. Es ist merkwürdig, daß zu den vielen Schwierigkeiten, die zu Beginn der Arbeiten überwunden werden mußten, der Holzmangel gehörte, obzwar ein Teil des Landes das Waldviertel heißt. Die noch im Laufe des ersten Winters hergestellte flache Schutzdecke war kein Provisorium, wie überhaupt ein Leitgedanke aller Arbeiten die Vermeidung von vorläufigen Maßnahmen war, die immer teuerer zu stehen kommen als endgültige Lösungen, sondern sie diente als Arbeits bühne für die Aufstellung des Daches.

Noch im Juni 1945 fiel der Entschluß für die Wahl der Dachkonstruktion.

Das Dach mit seiner Höhe von mehr als 38 Meter, also eineinhalb mal so viel wie die nach der Wiener Bauordnung höchstzulässige Gebäudehöhe, so daß das höchste Gebäude, ausgenommen dar Hochhaus, in dem Dach Platz hätte, ist ein ebensolches Wahrzeichen des Stadtbildes wie der Südturm und durfte weder in der äußeren Erscheinung noch in den Maßen geändert werden. Es verdient ver- t merkt zu werden, daß der Gedanke geäußert wurde, die Höhe herabzusetzen, wobei die Entscheidung schwer gefallen ‘ wäre, das Maß der Kürzung der Höhe f festzulegen, ganz radikal war eine von italienischer Seite unter Hinweis auf den Mailänder Dom geäußerte Meinung, das flache Dach zu belassen, und eine empfindsame romantische Natur wollte von r jeder Wiederherstellung der Gewölbe i- und des Daches absehen und den Dom t. als efeubewachsene Ruine belassen. Der oberste kirchliche Bauherr, Seine Eminenz der Kardinal, entschied sich für die ge- ? treue Beibehaltung der äußeren Erscheinung, und noch im Sommer 1945 beit gannen die Arbeiten für den Dachstuhl.

Für die Wahl der Konstruktion waren 1- maßgebend die Feuersicherheit und die , Bedingung, daß das Gewicht der neuen T Bauweise nicht größer sein durfte als das des alten Holzdachstuhles. Diesen Bedingungen entsprach eine Stahlkonstruktion, die io kürzester Zeit, nach glück- j lieber Überwindung mancher zeitbedingter Schwierigkeiten, aufgestellt werden konnte. Im Jahre 1947 leuchtete das neue stählerne Dach weit über die Dächer i Wiens.

Inzwischen waren die schon 1945 eingeleiteten Verhandlungen wegen Beschaf- s fung der farbigen glasierten Dachziegel so weit gediehen, daß ohne Unterbrechung mit den Dachdeckerarbeiten -j begonnen werden konnte. Auch hier waren die Schwierigkeiten nicht gering, denn die Ziegel stammten seit jeher aus - einem Ort an der mährisch-niederösterreichischen Grenze, aber dank dem Entgegenkommen der nationaltschechischen Ziegelwerke konnten alle Hindernisse überwunden werden, und mit Lastzügen des eigenen Fuhrparkes der Dombau- ! leitung wurden die. erforderlichen 350.000 r Dachziegel ohne Umladen direkt vom Ziegelwerk bis auf das Dach des Domes j befördert.

Dachdeckermeister aus Wien, Nieder- Österreich, Oberösterreich und Steiermark haben in vorbildlicher Weise ihre Arbeit zum Teil kostenlos zur Verfügung gestellt und in 21 Wochen war das Dach gedeckt und das äußere Bild des Domes dasselbe wie ehedem vor der Zerstörung. Die Farben der Dachziegel sind die gleichen, obzwar nach der Tradition nur drei Farben, rot, weiß und grün, die ungarischen Farben, vorhanden gewesen seien, in Erinnerung an die Herrschaft Matthias Corvinus’, der von 1485 bis 1490 seine Residenz in Wien hatte. Wie nach dem Brand aus den vielen Ziegelsplittern hervorging, waren nicht drei, sondern zehn verschiedene Farben vorhanden, und die alte Deckung war schon um die Mitte des 15. Jahrhunderts lange vor Matthias Corvinus vorhanden, wie aus alten Bildern, den Ansichten im Schottenstift und dem Klosterneuburger Stammbaum, hervorgeht. Die Zeichnung der Ornamente entspricht genau dem alten Bestand und die Farbtöne sind nach zahlreichen Versuchen den Scherben der Dachziegelreste nachgebildet worden.

Die Arbeiten im Innern waren soweit gediehen, daß am 19. Dezember 1948 das Langhaus für die Seelsorge mit einem feierlichen Segen durch den Herrn Kardinal übergeben werden konnte. Im Innern war die Verglasung der Fenster von wesentlicher Bedeutung für den Raumeindruck. Farbige Glasmalereien konnten nicht in Frage kommen, da bei der Kürze der für die Beschaffung von Entwürfen und deren Ausführung zur Verfügung stehenden Zeit keine Möglichkeit einer befriedigenden Lösung bestand und vor allem die Höhe der Kosten mit der gebotenen Sparsamkeit nicht in Einklang zu bringen war. Alle verfügbaren Mittel mußten für die Fertigstellung der notwendigsten baulichen Herstellungen verwendet werden, und wenn irgendwo im Verlauf des Wiederaufbaues von dem Grundsatz, jedes Provisorium zu vermeiden, abgegangen werden mußte, so war es hier bei der Einglasung der 31 großen Fenster. Rechteckige, leicht getönte Scheiben in Blei gefaßt, in verschiedenen Farbtönen, wie sie erhältlich waren, wurden gewählt und vermeiden den Eindruck profaner Nüchternheit. Die Helligkeit läßt alle Einzelheiten des figuralen und oramentalen Schmuckes zur Geltung kommen, und der Innenraum gibt den Eindruck wieder, wie er in der Zeit von 1647, als die ursprünglichen farbigen Scheiben entfernt worden waren, bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, bis zur neugotischen Einglasung, also durch zwei Jahrhunderte, und wie er in Bildern, einem Ölgemälde von 1647 und Stichen des 18. und vom Beginn des 19. Jahrhunderts, ersichtlich ist. Besonders das erwähnte Ölgemälde zeigt das farbenkundige, von reichem Leben erfüllte Innere. Ohne Zweifel ist das Dämmerlicht, das vor dem Brande die Stimmung beherrschte, verschwunden und manche vermissen das mystische Dunkel. Es ist ein neuer Geist der Frömmigkeit, der den Raum erfüllt, ein Geist der Realität des katholischen Glaubensideales, denn für den gläubigen Menschen ist die Heiligkeit des Gottesdienstes etwas Wirkliches, eine Wahrheit, die nicht verdunkelt zu werden braucht, und es ist auch kein Märchen, das die Sinne aus der Wirklichkeit des Lebens hinausführt in süße Illusionen, sondern unumstößliche Wahrhaftigkeit. Die düstere Raumwirkung ist nicht ursprünglich den gotischen Kirchen eigen gewesen, die Farben der Scheiben waren, als sie neu waren, viel heller, ehe sie durch die Atmosphärilien, durch chemische Veränderungen und den Staub und Schmutz dunkler wurden und ähnlich wie die alten Gemälde nachdunkelten und den Galerieton erhielten, den man später für das wesentliche hielt und künstlich nachahmte, bis in den letzten Jahren besonders die Engländer den ursprünglichen Charakter wieder herstellten. Es gibt vereinzelt noch alte gotische Kirchen, wie in Schweden, die von der Zeit der romantischen Neugotik unberührt blieben und helle Verglasungen ganz ähnlicher Art zeigen, wie sie heute St. Stephan zeigt. Wir wollen gerne zugeben, daß die Lösung in unserem Dom aus der Not entstand und eine jener Narben ist, von der eingangs gesprochen wurde, und daß die Stellungnahme zu dieser Frage mehr emotionaler Art ist. Nachahmungen alter Glasmalereien, die künstliche „Antik“- gläser verwenden, müssen ausgeschlossen werden, aber es gibt schon Anfänge neuer Glasmalereien, die sich bemühen, nevje selbständige Lösungen zu finden. Vielleicht wäre» ein Weg denkbar, aus derį alten Scheiben des 14. und 15. Jahrhunderts, die derzeit ohne typologischen Zusammenhang in den Chorfenstern des Mittelchores angebracht sind, eine andere Zusammenstellung zu treffen, daß sie auf mehrere Fenster verteilt werden und besser zur Geltung gebracht werden. Das sind Fragen, deren Lösung nicht so dringend ist und die der Zukunft überlassen werden müssen.

Die technisch schwierigsten Entscheidungen waren im Albertinischen Chor zu treffen. Durch den Einsturz der Gewölbe waren die Bündelpfeiler so stark beschädigt worden, daß ihre Auswechslung nötig wurde, wobei die Scheidbogen, die von ihnen getragen werden, zu erhalten waren.

An eine Erneuerung des vernichteten Ratsherrengestühles wurde nicht gedacht, weil auch eine noch so getreue Nachahmung doch niemals das Leben des alten Kunstwerkes hätte, und weil keine Notwendigkeit besteht, für den Rat der Stadt Wien, der ursprünglich, seit dem Tode Rudolfs IV., die Finanzhoheit und die oberste Bauleitung über den Dom innehatte, ein eigenes besonders hervorgehobenes Gestühl zu schaffen. Heute sind die Kirchenstühle im ganzen Chor einheitlich, bis auf das Chorgestühl der Domherren aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, das unbeschädigt erhalten blieb. An Stelle der vernichteten Chororgel ist oberhalb’der Chorherrenstühle eine neue aufgestellt worden, die aus liturgischen Gründen notwendig ist. Im Frauenchor ist der unbeschädigt erhaltene Wiener- Neustädter Altar auf seinen Platz gekommen, den er vor der Katastrophe innehatte, und im Friedrichschor sind die alten, früher am Äußeren der Reliquienkammer befindlichen Passionsreliefs mit den Resten des gotischen Lettnerkreuzes zu einem Passionsaltar vereinigt worden.

Der Chor, der von 1304 bis 1340 als reiner Hallenbau mit drei gleich hohen Schiffen aufgeführt wurde, macht nun einen dem Wesen der Hallenkirche entsprechenden, einheitlichen und überwältigenden, weihevollen Eindruck.

Auf der Westempore, deren ursprüngliche Architektur durch die große Barockorgel von 1720 verstellt war, soll eine neue große Orgel aufgestellt werden, deren Gestaltung von der Absicht geleitet ist, die Architektur des Raumes möglichst ungeschmälert zur Geltung zu bringen. Für die neue Kommunionbank im Mittelchor, die an Stelle der zerstörten neugotischen getreten ist, sind die Baluster der alten barocken Brüstung verwendet worden. Der Hochaltar liegt um elf Stufen höher als das Kirchenschiff und erhielt ein neues Tabernakel statt des stark beschädigten hölzernen, silberbronzierten Aufbaues aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sonst sind die notwendigen Erneuerungen unter Vermeidung aller Versuche, alte Vorbilder nachzuahmen, in einfachen zweckentsprechenden Formen gehalten. Wenn alte Kunstwerke nicht zur Gänze Erhalten blieben, so sind die verwendbaren wertvollen Teile in sinnvoller Weise ohne störende Ergänzungen wieder aufgestellt worden, wie als Erinnerung an das Türkendenkmal Helmers drei unbeschädigt erhaltene Statuen der Muttergottes, Papst Innozenz XI. und Leopold I. an derselben Wand der Vorhalle beim Primglöckleintor unter dem hohen Turm mit einer erläuternden Gedenktafel.

Bei den Bauarbeiten sind aus Boden- funden und Bloßlegungen des alten romanischen Baues vielfach neue Aufschlüsse für die Baugeschichte gemacht worden, die teils schon von berufener Seite ausgewertet wurden, teils noch der Bearbeitung harren. Anschließend an den vorstehenden Bericht will ich den Versuch einer Rekonstruktion des vorgotischen Baues bringen, der in vielen Belangen auf Baufunden beruht und im übrigen ebenso problematisch ist wie die meisten Rekonstruktionen.

Angeregt wurde ich zu einigen Einzelheiten durch meine Tätigkeit beim Wiederaufbau des Salzburger Domes, dessen Hauptmaße mit dem romanischen Bau von St. Stephan übereinstimmen und „von dem mehrere Ansichten aus dem 15., 16. und 17. Jahrhundert den mittelalterlichen Bestand getreu wiedergeben. In der Annahme eines Vierungsturmes wurde ich bestärkt durch die außergewöhnlichen Größenverhältnisse der Fundamente der Vierungspfeiler, von denen auch Oettinger sagt, daß sie auf einen Vierungsturm schließen lassen. Die von mir angenommene Zurückversetzung des Riesentores, dessen baulicher Befund schon immer vermuten ließ, daß das Tor nicht an der ursprünglichen Stelle im ursprünglichen Zusammenhang sei, hat durch Bodenfunde meine Annahme als wahrscheinlich erscheinen lassen.

Man kann feststellen, daß die Arbeiten bei St. Stephan und die Anteilnahme der Kunstwissenschaft an der hier aufgetretenen Problemen mit einer Neubelebung der Studien zur Baugeschichte der Gotik Hand in Hand gehen.

Wenn ich am Schlüsse meines Berichtes um nachsichtige Beurteilung meiner Arbeit bitte, so will ich jede Verantwortung gerne tragen und nur daran erinnern, unter welchen oft unsäglichen Schwierigkeiten die Arbeiten begonnen werden mußten. Dankbar gedenke ich aller meiner Mitarbeiter, von meinem engsten Stab der Architekten und Ingenieure und der Künstler angefangen, bis zu jedem einzelnen Facharbeiter und Handwerker, die alle ihr Bestes gegeben haben für eine Arbeit, wie sie nicht schöner und größer gedacht werden konnte.

Für uns alle war es eine Gnade des Herrn, daß wir sein Haus, den im Herzen jedes Wieners und Österreichers wohnenden Dom, wieder zu neuem Leben erwecken konnten.

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