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An der Bahre des toten Dombaumeisters

In Karl H o 1 e y, dem nunmehr verewigten Dombaumeister zu St. Stephan, verliert die Wiener Dombauhütte den aufrichtig verehrten Meister, das Wiener Domkapitel, dem die Sorge um die Erhaltung und den Wiederaufbau des Domes obliegt, den Freund und künstlerischen Berater, die Kirche und das Vaterland einen seiner größten Gestalter und Baumeister.

Der Dom zu St. Stephan befand sich im Jahre 1937 in keinem guten Bauzustand. Umfangreiche Restaurierungsarbeiten waren nötig, aber es fehlten die Mittel.

Ueber Anregung des neuen Dombaumeisters wurde im Februar 193 8 das sogenannte „Goldene Buch“ in St. Stephan aufgelegt. In einem Monat zeichneten die gebefreudigen Wiener 90.000 Schilling. Am 13. März 1938 wurde die Aktion verboten. Allen Schwierigkeiten zum Trotz verstand es der Dombaumeister, den Bau in Gang zu halten. Das Hut-stockersche Epitaph wurde restauriert, das Dach und der Nordturm ausgebessert, die Innenwände des Domes gewaschen, der neugotische Herz-Jesu-Altar abgetragen und an seiner Stelle der künstlerisch hochwertige Wiener-Neustädter-Altar aufgebaut. Der riesige hölzerne Dachstuhl wurde entstaubt und imprägniert.

Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen wurde der Dom im Jahre 194? ein Raub der Flammen. Das Dach brannte ab, der Albertinische Chor stürzte ein, das Ratsherrngestühl und die Riesenorgel wurden zerstört, die Pummerin zerbarst.

Eine Riesenaufgabe stand vor dem Dombaumeister. Es war eine glückliche Fügung, daß er bei seiner Bauherrschaft, dem Wiener Domkapitel, vor allem beim Leiter des Kirchlichen Bauamtes, Dompropst Prälat Wagner, großes Verständnis und aufrichtige Freundschaft fand. In Msgr. A. P e n a 11, dem verdienstvollen, stellvertretenden Leiter des Bauamtes, stand ein Mann an seiner Seite, der in Planung und Organisation der Arbeit einträchtig mit ihm zusammenwirkte. Beide waren umgeben von ausgezeichneten Ingenieuren und Statikern,, unter denen besonders Zivilingenieur Karl K o n c k i Jahre hindurch Hervorragendes geleistet hat; sie wurden unterstützt von erfahrenen Firmenchefs mit geschultem Personal und konnten vor allem auf die bewährte Mitarbeit der Angehörigen der Wiener Dombauhütte rechnen.

Für die Bauherrschaft und den Dombaumeister standen beim Wiederaufbau des Stephansdomes von allem Anfang an drei Bauziele unverrückbar fest: 1. die Wahrung des gotischen Erbes, 2. die Erhaltung der barocken Atmosphäre, 3. die moderne liturgische Raumgestaltung.

Es war providentiell, daß Karl Holey, der Denkmalpfleger, Künstler und religiöse Mensch, an der Spitze des Wiederaufbauwerkes stand. Er verband wie kaum ein anderer die tiefe Ehrfurcht vor den Werken früherer Generationen mit dem Mut des wirklichen Künstlers, der sich nicht begnügte, unwiederbringlich Verlorenes sklavisch nachzubilden, sondern der Neuschöpfungen wagte, die wohl auf die Tradition Rücksicht nehmen, aber doch zeitnahe wirken. So wurde das Langhaus in der alten Form wiederhergestellt, aber der Dachstuhl, dem Erfordernis der Zeit entsprechend, aus Stahl und nicht mehr aus Holz gebaut. Wer die neue Dachkonstruktion kennt, wird der modernen Technik die Schönheit nicht absprechen können. Da die roten Ziegel, die ehedem das Dach zierten, aus Mangel an Uran (!) nicht aufzutreiben waren, flocht der Dombaumeister das zarte Blau in die Elf-Fsrben-Symphonie des Daches ein und schuf damit einen Liebergang zu dem Blau des Himmels, das an klaren Tagen den Hintergrund des Domes bildet. Nicht einen Augenblick dachte Holey daran, das alte Ratsherrngestühl nachzubilden. Es war für immer verloren. Und doch reifte auf den Trümmern der Plan, den gotischen Raum des 14. Jahrhunderts in seiner einstigen Schönheit wiedererstehen zu lassen. Wie wunderbar ist dies gelungen! Während nämlich früher der Albertinische Chor durch Gestühl und Emporen in drei Teile zerschnitten wurde, bildet er nun eine weite Halle, die sich harmonisch an das Langhaus anschließt und den Stephansdom zu einer großen Volkskirche werden ließ.

Wie schwierig war die künstlerische Gestaltung des Albertinischen Chores! Es war dem Dombaumeister und den Vertretern der Bauherrschaft klar, daß die barocke Atmosphäre des Albertinischen Chores erhalten werden mußte. Als aber die ersten Entwürfe aus der Hand des Dombaumeisters vorlagen, gingen die Auffassungen doch sehr auseinander. Die vielen Vorentwürfe zeigen das geistige Ringen des Künstlers an, der sich in großer Demut und Geduld seiner Aufgabe unterzog. Wie ernst nahm er jede Andeutung von Laien, jede von ungeübter Hand hingeworfene Zeichnung, jede nur oft in unvollkommenen Worten gegebene Anregung! Sein künstlerisches Genie verarbeitete die vielen Fäden und schuf mit einer fast hellseherischen Sicherheit die kleinen und großen Kunstwerke des Albertinischen Chores, die eine so ansprechende Verbindung von Tradition und moderner Sachlichkeit beweisen.

Auch für die liturgiegerechte Gestaltung des Raumes gab es radikale und konservative Vorschläge. Schließlich wurde eine mittlere Lösung von allen angenommen. Der Hochaltar sollte im wesentlichen in seiner Form belassen werden. Seine Mensa jedoch wurde nach den Plänen Holeys gehoben, damit der Offiziator am Altar von allen Gläubigen gesehen werden konnte. Ein glücklicher Gedanke! Die Gemeinschaft zwischen Priester und Volk beim heiligen Mysterium ist eines der Hauptziele der neueren liturgischen Bestrebungen. Um den Gläubigen den Empfang der heiligen Kommunion am Hochaltar zu ermöglichen, wurde vom Dombaumeister eine Kommunionbank entworfen, bei der alte und neue Marmorpfeiler Verwendung fanden. Sie schließt sich den barocken Altarformen harmonisch an und verbindet den Hochaltar und die beiden kleinen Nebenaltäre zu einer schönen Einheit. Und zu allem übrigen wurde das Lettnergitter aufgeschnitten, so daß seine Teile wie ein Paravent an die beiden Säulen geschoben werden können und der Durchblick vom Riesentor bis zum Hochaltar durch nichts mehr gehindert ist. Dadurch entstand ein einheitlicher Raum für die heilige Feier. Ein großer Fortschritt gegenüber dem früheren Zustand, durch den die Kirche in zwei Teile zerschnitten wurde und kaum mehr als 500 ,,Auserwählte“ zwischen den Ratsherrnstühlen unmittelbar am Gottesdienst teilnehmen konnten, während alle anderen als „Proselyten des Tores“ außerhalb des eigentlichen Feierraumes standen. Wenige Bischofsund Kapitelkirchen eignen sich so für einen Volksgottesdienst wie St. Stephan.

Der Wiederaufbau des Stephansdomes hat bisher etwa zweiunddreißig Millionen Schilling gekostet. Obwohl die Bundesregierung und die Länder, die Körperschaften und Privatorganisationen, die vielen Freunde St. Stephans im In- und Ausland, große Opfer brachten, mußte die Domverwaltung äußerst sparsam mit den eingegangenen Geldern umgehen, um das Bauziel zu erreichen. Es war nicht möglich, kostspielige künstlerische Pläne in Erwägung zu ziehen. Es wäre auch nicht recht gewesen, den Stephansdom in unerhörter Pracht wiederaufzubauen, da überall noch Ruinen standen und mehr als 40.000 Wohnhäuser der Stadt zerstört waren. Es galt wohl, den Dom zu retten, aber nicht den Traum zu verwirklichen, den mancher Künstler von ihm im Herzen tragen mochte. Der verewigte Dombaumeister hatte immer Verständnis für die Verantwortung der Domverwaltung gegenüber einer Zeit, in der viele Menschen kein Dach über dem Kopf hatten und hungerten. Darum begnügte er sich bei der Anschaffung der neuen Fenster mit einem Provisorium. Aber er fand selbst mit den schlichten Glastäfelchen, die im Jahre 1946 aufzutreiben waren, eine einwandfreie künstlerische Lösung. Die Fenster sind zweck- und materialgerecht und schließen sich an englische und nordische Vorbilder an. Man wird sie so lange lassen, bis der Geschmack wieder sicherer, der Formwille klarer und kommende Generationen vielleicht wohlhabender geworden sind. Auch für den Fußboden wurde eine materialgerecht, aber finanziell tragbare Form gefunden. Gewiß würden sich größere Steinplatten besser in das Gesamtbild des Innenraumes einfügen, nur wäre dann der ohnehin nicht billige Fußboden wahrscheinlich auf das Dreifache zu stehen gekommen. Das gilt auch vom Riesentor, auf dessen Bronzeausführung man nur wegen der Armut der Zeit verzichten mußte.

Nur selten ist einem Dombaumeister das Glück gegönnt, sein Werk vollenden zu können. Karl Holey hat diese Gnade im wesentlichen erfahren. Es war, wie er selbst sagte, die Krönung seines reichen Lebens, als er dem Kardinal den Dom am 26. April 1952 übergeben konnte. *

In den nachfolgenden Jahren baute er die Gruft der regierenden Wiener Erzbischöfe unter dem Friedrichsschiff des Domes. Die Einrüstung des Hochturmes und den Beginn der Bauarbeiten an den Fenstern der Glockenstube verfolgte er mit größtem Interesse, überließ aber seinem Schüler und Mitarbeiter Architekt Dipl.-Ing. Stögerer immer mehr die Leitung und Verantwortung für den Bau.

Karl Holey hat sein nahes Ende geahnt. Als der Fünfundsiebzigjährige am 4. April des verr gangenen Jahres an der Spitze der Dombauhütte in den hohen Dom zu St. Stephan einzog, um dem feierlichen Gottesdienst vor Beginn der Einrüstung des Hochturmes beizuwohnen, traten ihm bei den Worten des Domdekans, Prälaten Feichtinger: „Laßt uns das große Werk mit Gottes Hilfe in zehn Jahren vollenden“, die Tränen in die Augen, und er sagte zu den Umstehenden: „Das werde ich wohl nicht mehr erleben!“

Karl Holey wird immer mit Verehrung und Dankbarkeit als einer der größten Baumeister von St. Stephan genannt werden. Er hat durch die Wiederaufrichtung des zerstörten Stephansdomes den Wienern in schwerster Zeit ein Beispiel des Mutes und der Hoffnung gegeben. Er hat den Oesterreichern ein Nationalheiligtum geschenkt, das ihre Einheit symbolisiert. Er hat für das ganze Abendland ein Zeichen der Freiheit aufgerichtet. Und doch wäre er selbst nicht zufrieden, wollte man die geheime Absicht, die ihn bei seinem Werke bewegte, mit diesen Worten kennzeichnen. Wer Karl Holey wirklich gekannt hat, weiß, daß der verewigte Dombaumeister am liebsten auf alle seine Werke das Wort gesetzt hätte, das Anton Bruckner auf die Titelseite seiner letzten Symphonie schrieb: „Dem lieben Gott!“

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