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Insel der hundert Kirchen

WER NACH GOTLAND KOMMT, sieht zunächst ein Stück deutschen Mittelalters. Rheinischen und westfälischen Kaufleuten verdankt Visby seinen Glanz. Westdeutsche Art prägt die alten Bauten der Hansestadt. Um den Hafen drängen sich Treppengiebel. Terrassenartig steigt die Stadt an, überragt von wuchtigen Festungstürmen und den Barockhauben der Domtürme. Ehe die Marienkirche Sitz des lutherischen Bischofs wurde, war sie sechs Jahrhunderte lang die Kirche der deutschen Kaufherren. Die Grabsteine in ihrem Innern tragen deutsche Inschriften. Der Bau bezeugt den Schönheitssinn der Kaufmannsgeschlechter ebenso wie ihren Erwerbsgeist. Außen wirkt er wie eine Basilika, kommt man aber hinein, so stellt man fest, daß der Innenraum einer westfälischen Hallenkirche gleicht. Der Hebebaum am Chorgiebel verrät den Zweck des saalartigen Dachgeschoßes über dem Mittelschiff: es diente der Gotlands-fahrergesellschaft als Lagerhaus. Für einen Augenblick stellt man sich vor, daß vorne die Damen zur Andacht die Kirche betraten, während hinten ihre Männer das Hochhieven von Ballen und Kisten überwachten, oder daß unten der Pfarrer ergreifend über Matthäus 6, 19—21, oder über Johannes 2, 14—17, predigte, während oben Ware gestapelt und Geld gezählt wurde.

Von den siebzehn mittelalterlichen Kirchen Visbys ist der Dom die einzige, die noch unter Dach und Fach steht. Zehn Kirchen blieben als Ruinen: die ehrwürdigste ist Sankt Nikolai mit hochgotischem Chor, die schönste St. Karin, wenn auch die schlanken Pfeiler und Bögen kein Gewölbe mehr tragen, die mächtigste St. Drotten, in deren einst befestigtem Westturm sich Dohlenpärchen schnäbeln, die festlichste St. Lars, deren kreuzförmiger Plan und eigenartige. Gewölbekonstruktion an russische und armenische Sakralbauten er-, innert, die interessanteste die Heilig-geistkirche, deren zweistöckiger Zentralbau nach dem Vorbild von Schwarzrheindorf gebildet ist. Sankt Olofs Turmrest verschwindet unter Efeu. Zwischen den Säulenbasen und Pfeilerstümpfen von St. Hans und St. Per hat ein Cafe seine zierlichen Tische und Stühle hingestellt. All das umschließt die gigantische Wehrmauer, deren Länge von mehr als drei Kilometer 24 Festungstürme rhythmisch gliedern.

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VISBY IST SCHÖN, aber es ist nicht Gotland. Man muß einige Wochen kreuz und quer durch dieses Land streifen. Vom Südzipfel Ho-burgen bis zum Leuchtfeuer Färö im Norden mißt es vier gute Tagesmärsche. Einst war es eine Republik seefahrender Bauern, die mit ihren Seglern bis nach Nowgorod und Konstantinopel kamen, erfolgreich Handel trieben urnd riesige Schätze häuften. Überall auf der Insel wuchsen stattliche Bauten empor, die einander an Pracht zu übertreffen suchten. Einhundertsiebzig Herrenhöfe aus dem Mittelalter blieben erhalten. Selbst der Rest des Hofes Stora Hästnäs, ein mehrstöckiger Bau aus dem 13. Jahrhundert mit romanischer Arkadengalerie, gleicht einem Palast. Die 92 Landkirchen, von denen viele aus den Jahrzehnten nach 1030 stammen und keine jünger als 600 Jahre ist, sind mit ihren Steinskulpturen, Schnitzwerken, Glasmalereien und Fresken noch heute Gotlands Stolz. Keine andere europäische Landschaft birgt auf gleichem Raum so viele mittelalterliche Baudenkmäler. Gotlands Kunst empfing Einflüsse von Frankreich, England und Deutschland wie von Rußland und Byzanz, doch verband es diese Elemente mit einheimischen Traditionen zu einem Stil, der in Nordeuropa ohne Gegenstück bleibt und seine unverwechselbare Eigenprägung hat.

Vor genau 600 Jahren hat die Invasion des Dänenkönigs Waldemar Atterdag den Reichtum des Landes zerstört. Wie die fremden Söldner hausten, meldet eine lateinische Inschrift zu Fide: ..Die Höfe sind niedergebrannt, das Volk geschlagen, jammernd unter dem Schwerte.“ Das

Chronogramm verrät die Jahreszahl 1361. Das Chorportal der Kirche von Lye zeigt im Steinrelief den Kindermord von Bethlehem: Herodes' Schergen tragen Topfhelm und Kettenpanzer wie Atterdags Soldaten. Einer von ihnen hebt einen nackten Säugling wie ein Ferkel an den Beinen hoch und durchbohrt ihn vor den Augen der Mutter. Die Gotländer setzten sich zur Wehr/ doch wurden sie geschlagen. Ein letztes Aufgebot leistete vor Visby verzweifelten Widerstand. Die Städter rührten keinen Finger, um den Bauern, ihren Konkurrenten, zu helfen. Die Tore hielten sie verschlossen, so daß niemand sich hinter die Mauern retten konnte. Die gepanzerte dänische Reiterei machte das schlecht bewaffnete Bauernheer nieder. Die Gefallenen wurden auf dem Felde ihres Untergangs bestattet. Bei Grabungen dort fand man Schädel mit fünfzehn tödlichen Wunden, Oberschenkelknochen, die mit einem einzigen Hieb

durchgehauen wurden, und Gebeine von Kindern, Greisen und Krüppeln mit Rüstungsstücken. Von dieser Niederlage hat sich Gotland nicht wieder erholt. Kein einziger Monumentalbau wurde seither auf dem Lande errichtet. Begonnenes blieb liegen.

DIE NATUR GOTLANDS ÜBERRASCHT den Wanderer mit immer neuen Abwechslungen. An Kalksteinklippen bricht sich die Brandung. Im wildzerklüfteten Fels öffnen sich Schluchten und Höhlen. Den Höhenpfad säumen windzerzauste Wacholderbüsche, flechtenüberwucherte Fichten oder Schwedeneschen. Kiefernwald gibt den Blick frei auf die silbern blitzende See. Turmartige Raukar schieben sich vor die Steilküste: Steinpfeiler aus härterem Material, die den Brandungswellen trotzten, während lockere Gesteinsarten weggespült wurden. Die Phantasie erkennt in ihnen allerlei Formen von Tieren und Menschen. Fischerhütten säumen kleine Buchten. Die Boote sind auf den Strand gezogen. Netze trocknen an Gestellen in der Sonne. Oft stößt man auf Gräber aus der Bronzezeit: gewaltige Steinhügel oder steinerne Schiffe. Vom Wehrturm auf der Höhe bei Fröjel sieht man in der Ferne die Karlsinseln aus dem Meere steigen.

Kornfelder, viel Wald, kleine Flüsse, sanfte Hügel. Über allem ein blauer Himmel mit weißen Sommerwolken. Herrliche Stille und Einsamkeit! Am Straßenrand die blauen Sterne der Wegwarte und dann und wann ein alter Meilenstein. Was aber Raum und Zeit des Wanderers rhythmisch gliedert, sind die Kirchen. Sie stehen frei in der Landschaft, da die zu ihnen gehörigen Höfe sich weit im Umkreis zerstreuen. Hier scharen sich die Häuser nicht dichtgedrängt um das Gotteshaus wie Küchleih um eine Henne; sie halten Abstand und überlassen den umfriedeten Bereich um die Kirchenmauern den Toten. Man betritt den Kirchhof durch ein Torhäuschen. Eine Bank lädt zum Verweilen ein. Wind rauscht in den Bäumen. Eine Frau stellt frische

Blumen auf ein Grab. Die weißgetünchte Südwand der Kirche leuchtet blendend in der Sonne. So ist es bei allen gotländischen Kirchen: die Hauptfassade schaut gegen Süden, als lechze sie nach Licht und Wärme; gegen Süden öffnen die reichgegliederten Portale ihre kraftvollen, von spitzem Wimperg überdachten Bögen, eines in der Südwand des Langhauses, ein anderes in der Südwand des Chores. Im Sonnenlicht entfalten die Kapitälbänder ihre kleinfigurige und klar geprägte Plastik. Schon hier beginnt die Predigt, die im Innern sich fortsetzt am romanischen oder gotischen Bildwerk des Taufsteins, der Fenster, der Wandgemälde und des Triumphkreuzes. Es predigt auch der Altaraufsatz, mag dieser nun ein Schnitzwerk des späten Mittelalters sein oder eine vielfigurige, bemalte Steinmetzarbeit aus der Zeit Karls XII. Oft werden Biblia pauperum und Christenlehre in lebhaften Barockfarben auf den Türen des Gestühls ergänzt. Die Motive der Bilderzyklen wiederholen sich, das Typische der Gestalt ist unverkennbar, doch die phantasievollen Variationen des gleichen Themas, die zahllosen Abwandlungen der gleicheh Grundform machen diese Kunst so überraschend reich und reizvoll. Meist stimmen mittelalterliche Architektur und barockes Inventar in Form und Farbe beglückend zusammen. Charakteristisch sind die Messingkronleuchter mit ihren vielen Kerzen und das Gestell mit den vier Sanduhren auf der Kanzel. In der offenen Sakristei pflegt auf dem Tisch ein aufgeschlagenes Gästebuch zu liegen, daneben Tinte, Feder, Wasserkaraffe und Trinkglas.

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DIE MITTELALTERLICHE WANDMALEREI GOTLANDS schildert mit Vorliebe den Kampf gegen die infernalischen Geister. In Othem öffnet ein Drache weit seinen Schlund, während Jäger vom Lebensbaum die Vögel herunterschießen. In Dalhem wird ein Rittet von einer Lanze durchbohrt. Seine Seele fährt als nacktes Menschlein aus seinem Munde und wird von einem Engel entgegengenommen. Eines anderen Ritters Seele wird vom Teufel empfangen. Michael wägt zum Gericht die Seelen: in der gesenkten Waagschale sitzt Kaiser Heinrich II. mit einem Kelch und einer Brotschüssel als Symbolen seiner guten Werke; die leichtere Schale füllen Geldsäcke und Gold-

barren — ein Knäuel geschwänzter Teufelchen hängt daran, um sie herunterzuziehen. Das Motiv, das der Laurentiuslegende entstammt und von Riemenschneider am Heinrichsgrab zu Bamberg verwendet wurde, sieht man auch auf Wandbildern in Vamlingbo, Anga, Buttle, Väte, Öja, Sanda, Mästerby und Stenlcyrka.' Die Moral ist deutlich: gute Werke, Bamentlith Stiftungen an die Kirche, uritf die Fürbitte der Heiligen retten die Seele.

In Öja reitet ein Teufel einen Mann peitschenschwingend in den Höllenrachen hinein. Eine Frau arbeitet am Butterfaß, ein Teufel sitzt huckepack auf ihr und hält die Stange, ein anderer hält das Faß. In Sanda wird eine Bäuerin, mit Butterfaß im Arm, von Teufeln an Kopf und Beinen in den Höllenschlund geschleppt. Sankt

Nikolaus, der Patron der Seefahrer, rettet ein Schiff aus Seenot, so daß die Meerfrauen, welche die böse Macht der See versinnbildlichen, vergeblich mit ihren Schwanzflossen um sich schlagen. Anga erheitert den Besucher mit seinem Zyklus der Margaretenlegende: Vom Drachen im Kerker bedrängt, bezwingt die Heilige das Höllentier mit dem Kreuzeszeicheij.

ERST IN DEN LETZTEN JAHREN hat man in vielen gotländischen Kirchen die Tünche entfernt, mit welcher die Reformationszeit die mittelalterlichen Fresken überdeckte, und großartige Kunstwerke freigelegt. Auch hat man Kultbilder aus vorreforma-torischer Zeit — Holzskulpturen von Heiligen und gotische Schreinaltäre — wieder an ihren alten Platz gebracht. Verwundert, in lutherischen Kirchen mitten auf dem Altar ein Bild der Himmelskönigin oder der Himmelfahrt Mariens zu sehen, fragte ich einen Geistlichen der schwedischen Staatskirche, ob man da keine Bedenken erhebe. Ich war auf zwei Antworten gefaßt, eine hochkirchliche (,,Wir denken über manches Geistesgut des Mittelalters heute anders als Olaus Petri und die Seinen“) oder eine liberale („Wir nehmen es mit den Dogmen nicht so genau“). Doch nichts dergleichen bekam ich zu hören. Die Antwort lautete vielmehr ästhetisch: „Wir haben gern etwas Schönes in unseren Kirchen.“

Allerdings hat die schwedische Kirche in ihrer Liturgie viele mittelalterliche Formen bewahrt oder auch wieder erneuert. Sie begeht das Fest Allerheiligen und feiert die heilige Birgitta. Auch wirkt der Geist des großen Söderblom nach. Das spürt man auch auf Gotland. Die Kirchen der Inseln werden liebevoll und mit einem ungeheuren Kostenaufwand gepflegt. Viele Kirchenbauten, die lange leer und unbenutzt blieben, wurden restauriert und dem Gottesdienst wiedergewonnen. Etelhem war die 26. Kirche, die Bischof Anderberg von Visby neu weihte. Doch es fehlt an Pfarrern („Priester“ nennt man sie hier). Ein Kyrkoherde hat gewöhnlich drei bis vier Kirchen zu betreuen. Meist hat eine Gemeinde nur jeden zweiten Sonntag Gottesdienst, und dann kommen nur 20 bis 30 Personen. Es fehlt auch an Gläubigen. Daß die Heizung seiner viel zu großen Kirche für einen einzigen Gottesdienst im Winter 180 Kronen kostet, ist nicht die größte Sorge eines Pfarrherrn im heutigen Gotland. Die Schönheit der Kirchen wird bewundert, doch ihre Predigt wird kaum noch vernommen.

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