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Ruinenstadt Zara

Wie Winterschnee glitzert die Adria-fläche, über welche namenlos, schattengleich Eilande kommen und verschwinden. Da winkt bizarr ein Zerrbild aus den Wassern — amerikanische Wolkenkratzer auf einer Insel? Hohe Campaniii sind es, Türme auf Klippen. Bis zur pastellblau gewordenen Adria wälzen sich Ruinen, Schutthügel. Aus chaotischer Zerstörung ragen romanische Basiliken, starren unwahrscheinlich hohe Glockentürme, dar neben breiten sich rosa und golden pati-nierte Uberreste der Antike. Merkwürdiges Bild! Von Küste zu Küste, vom noch halbverschütteten Siegestor des Augustus bis zur römischen Porta Marina wird das liburnische Jadera des göttlichen Augustus aufgedeckt; auf erhöhtem Boden wuchtet Diadora, königliches Mittelalter, phönixgleich aus Asche wiedergeboren. Das verschwundene Zara aber soll aufs Festland verwiesen werden.

Traurige Verlassenheit im staubigen, sinnlos gewordenen Gassengewirrel Riesige neuentstandene Plätze, eingefaßt von graurosa Steintrümmern. Hier standen jene, von den Zaratinern „Palazzi“ genannten Zinskasernen, deren charakterloser Monotonie es zutuschreiben war, wenn Zara in Touristenkreisen als langweiligste Stadt Dalmatiens galt. Grausame Wahrheit: Bomben und Feuer vernichteten das unschöne Neue, dessen aufdringliche Kulisse die Herrlichkeit Dia-doras überdeckt hatte.

Armselig der einst flammend bunte Markt bei den „Cinque Pozzi“, den kunstvollen Zisternen des San Micheli, menschenleer der teilweise wieder zugängliche Stadtpark. Aussichtsreich der Spaziergang um die begrünten Stadtmauern, der sich — mit Unterbrechungen — von unerschrockenen Springern durchführen läßt. Die blauen Inseln treiben ihren Spuk, schwimmen schwankend näher. Kopfschüttelnd bemerkt ein Invalide, der uns beobachtet hatte: „Ja, das Meer ist knochenweiß und ölig, wie der echte Maraschino es war. Nur den Kanal von Bar-cagno durchrollt es gelb wie Zitronensaft. Vor wenigen Jahren herrschte hier Luxus und Reichtum. Palast reihte sich an Palast, das Volk sang, schmauste und trank, übrigblieben Steine für den Hungernden, salziges Naß für den Durstenden.“ — Unendliche Klage.--

Ein goldbraun leuchtender Monolith — der fünfseitige Wachtturm Bo d'Antona, In dessen Nähe eine aufrecht stehende römische Tempelsäule. Hinter Villenresten der Vorstädte reckt sich abweisend, stolz das Velevitmassiv in den flimmernden Äther. Von der Piazza dei Signori grüßt wiedererstanden der Uhrturm, die Rekonstruktion der reizenden Dollel-loggia ist im Gange. Oh, wie sanftmütig der Markuslöwe der schönen Porta Terra-ferma blinzelt! — Achtmal war Zara von Venedig erobert, das neunte Mal aber verkaufte es König Ladislaus der Lagunenstadt für 100.000 Goldgulden, so bestand für den Löwen kein Grund mehr, das Buch, in welchem er gerade „Pax tibi Marce Evangelista meus“ gelesen, zuzuklappen, denn diese Erwerbung war friedlich erfolgt.

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Zaras Wappen, ein mit vorgestreckter Lanze reitender Jüngling, stellt San Gri-sogno, den streibaren Mönch aus den Tagen Kaiser Diokletians, dar. Um das Grab dieses Schutzpatrons zu besuchen, muß man in die verschüttet gewesene Krypta seiner harmonisch-klassischen Basilika hinabsteigen. Beklemmender Duft im dunkelfeuchten Gewölbe, als ob klamme Säulen und Pilaster ein Tränenmeer eingesogen hätten! Neben der vergessenen Gruft des heiligen Königs Ladislaus das Grabmal unseres Märtyrers. Seit Jahrhunderten von schwärmerischen Mädchen beweint, verlieh deren blühende Phantasie ihm Züge San Michaels, San Georgs und eines Gralsritters, .unserem engelsgleichen süßen Heiligen“.

Künstlerisch beseelter und von inspirierter Komposition der lombardisch-romanische Prachtbau des Doms, der zarten Sant'Anastasia geweiht. Das marmorne Flachrelief der Grabplatte, des Fr. Lau-rana innigste Dichtung, gleicht einer Vision himmlischer Reinel — Erinnerung an San Zeno in Verona, der Skaligerstadt im schimmernden Tale der Adige — geheimnisvolle Durchblicke, dunkler Goldton im Inneren! Dach und Langhaus bei reits restauriert, bewundernswert nachgebildet die flache altchristliche Holzdecke. Bei diesen Arbeiten wurde eine zweite Säulengalerie freigelegt und in einer vermauert gewesenen Nische acht ekstatisch-gotische Holzskulpturen entdeckt, die nun auf früher leeren Postamenten stehen. Auch fand man eine alte Inschrifttafel, die berichtet, wie Papst Alexander III. anno 1133, durch Sturm zur Landung gezwungen, in Diadora einzog. „Nach päpstlicher Sitte auf weißem Zelter reitend, war er von Klerus und Volk mit Gesängen in altkroatischer Sprache begrüßt.“

Figurenreich geschnitzt altvenezianl-sches Chorgestühl, feierlich ernst das Ziborium (1233). Im Chorumgang erglüht ein Bildzyklus Carpaccios, Heiligengeschichte im Märchenton. Neben dem romanischen Hauptportal die Worte: „Als Kaiser und König Franz I. diesen Tempel, dem seine Freigebigkeit ursprüngliche Formen wiedergab, betrat, jubelte Zaras Kirche ihm dankbar Segenswünsche zu.

1818.“ Franz I. besuchte damals auch „kleine Orte des wilden Hinterlandes“ — davon erzählt das Volk rund um den Velebit noch heute Erbauliches.

Von barocken Engeln getragen, blitzt die silberne Area San Simeons im Kerzenschein des Hochaltars der ihm geweihten Kirche. Die Truhe, ein Werk des Mailänder Meisters Francesco di Antonio da Sesto (1377), ist eine Widmung Elisabeths von Anjou, Gemahlin Ludwigs des Großen. Erzählende Reliefs bedecken alle fünf Fassaden, sie künden die Geschichte des priesterlichen Sehers, welcher bei der Darstellung im Tempel das Jesuskind im Arm gehalten. Hinter Glas sieht man ein kluges, gebräuntes Greisenantlitz — der Heilige scheint eben eingeschlummert, die gewölbte Brust will Atem holen.

Uber dem gestürzten Heidentum hat der vierte Stadtpatron, der heilige Bischof Donatus, die sieghafte katholische Kirche aufgerichtet. Symbolischer Gedanke: den turmartigen Rundbau tragen Säulen und Pfeiler, die sich auf antike Bau- und Skulpturenreste, darunter einen Apollon-torso, stützen!

Von einer Huldigungsreise zu Karl dem Großen heimgekehrt, wollte Bischof Donatus den Sieg der Kirche über das gestürzte Heidentum künden. So erkor er die Baureste des zerstörten Juno-Augusta-Tempels, zum Ruhme der ver-göttlichten Livia, der Gattin des Augustus, errichtet, zum Fundament seines turmgleichen Rundbaues, einer Nachbildung der bewunderten Kaiserkapelle zu Aquisgranum (Aachen). Feierlich der düstere Bau, bei dessen Herstellung ungeübte heimische Hände werkten. Jede Wölbung, jeder Bogen mußte sie vor schwere Probleme gestellt haben — und in dieser Unbeholfenheit liegt das Ergreifende. Gruft wie Altar des Gründers sind verschwunden, seine Basilika längst zum Museum geworden.

So man die Schwelle der unversehrt scheinenden Marienkirche überschritten hat, befindet man sich in einer romanischen Halle, die aus zerstörter Rokokodekoration ans Licht kam, unter freiem Himmel. In einer Nische träumt noch eine gotische Pietä, doch ist der Hochaltar mit dem Grabe König Kolomans spurlos verschwunden. — Ein Wahrzeichen Diadoras, der altkroatische Glockenturm, ist, ebenso wie der herrliehe Kapitelsaal, wiedererstanden, das

Kloster, 966 errichtet, ist ein Schutthügel, die Kirche soll in ursprünglicher Form hergestellt werden. Ein Epitaph des Kapitelsaales berichtet: Im Jahre 966 nahm die Matrone Cicha, Schwester König Kresimirs, den Schleier. Die Benediktiner von San Grisogono schenkten ihr die Kirche Santa Maria, Stiftungen des Königs ermöglichten es ihr, das Benediktinerkloster zu erbauen und die Kirche zu erweitern. — Uber einem Wandnischengrab erzählt eine Gedenkschrift, hier ruhe Schwester Vekenega, Tochter der ehrwürdigen Oberin Cicha, welche Nachfolgerin ihrer Mutter gewesen. Ihr half Koloman, König Ungarns und Dalmatiens, Kapitelsaäl und Glockenturm zu erbauen. Sie, Vekenega, bestimme diese Stelle zur letzten Ruhestätte. —

Während des letzten Krieges gewährte die Zelle der Vekenega dem Reliquienschrein Sant' Anastasias und der Silber-arca mit dem schlummernden San Simeon Schutz und Asyl.

Gleich vor San Donato, der 1,30 m unter dem heutigen Straßenniveau auf altrömischen Pflaster stehenden ernsten Basilika, sieht man, aus gleicher Tiefe aufstrebend, eine römische Tempelsäule und an ihr befestigte mittelalterliche Prangerketten. Die Stadtgemeinde will das ganze Forum — das größte jener Epoche — aufdecken, wobei das unbeschädigte, aus glatten, großen Quadern gefügte antike Pflaster voll ausgenützt werden wird. Interessante Ruinen der Curie, auch einer Basilika, sowie ziemlich guterhaltene Bogengänge sind zutage gekommen, und man hofft, noch manches Römisch-Heidnische aufzufinden. —

Sinnlos stürzt der zertrümmerte Molo jäh in die durchsichtige Adriaflut — vor ihm strecken verzweifelt flehende Pinien und Palmen ihre Kronan aus dem Schutt. Mein Gott, wie zornesrot sieht die untergehende Sonne aus! Herzlos beleuchtet sie noch einmal die nackten Ruinen der Uferviertel, unerbittlich weist sie die untilgbaren Narben der Zerstörung. Da, wo die hohen Türme ragen, hebt Diadora seine Schwingen, Marmorsäulen bezeichnen das wiedererstehende Jadera des Augustus. Doch Zara, Zara ist zu einem unkrautumwucherten Friedhof voll bitterster Traurigkeiten geworden.

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