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Virunum

Unter dem Titel „Der Bäderbezirk von Virunum“ legt das österreichische Archäologische Institut eine gediegene Arbeit von Camillo Praschniker und Hedwig Kenner in einer vornehm ausgestatteten Ausgabe des Verlages R. Rohrer, Baden, mit 222 Abbildungen im Text, 3 farbigen Tafeln, 5 Beilagen und einem Plane vor. In mühsamer Arbeit haben die Verfasser aus dem Nachlaß des Ausgräbers Professor Dr. Eduard Nowotny ein anschauliches Bild der Entwicklung in einer der bedeutendsten Häusergruppen von Virunum herausgearbeitet. Das österreichische Archäologische Institut und der Verlag Rohrer haben sich durch eine so vorbildliche Veröffentlichung in schwerer Zeit ein großes Verdienst erworben. Ein eigenartiger Zauber webt um das Zollfeld. Breit hingelagert erhebt sich der Magdalensberg; eigenwillig wie das Kärntner Volk steht der Ulrichsberg, der Kärntnerberg, mons Carantanus: trutzig schaut er in sein Landle, das die Söhne Kärntens so tapfer verteidigt haben. Feierlich und lieblich klingt an den Festtagen das Maria-Saaler Geläut und erfüllt mit seinem Wohlklang Berg und Tal. Maria-Saal ist das Herz des Landes, das Zollfeld die Wiege der Geschichte Kärntens seit Jahrtausenden. Auf dem Maria-Saaler Berg, auf dem Magdalens- und Ulrichsberg standen die Ringwälle der Urbevölkerung, und in der Ebene erhob sich die römische Landeshauptstadt Noricums, das glanzvolle Virunum.

Seitdem im Jahre 1502 am Magdalensberg die Bronzefigur eines Siegers, eine Kopie aus der Schule Polyklets, gefunden wurde, deren prächtiger Linienfluß und ebenmäßige Durchbildung der Formen die Statue als das bedeutendste Kunstwerk aus der 'Zeit der Römerherrschäft in Österreich erscheinen lassen, hat man den Altertümern des Zollfeldes besondere Aufmerksamkeit gewidmet und wiederholt Grabungen veranstaltet. Als im Jahre 1898 der Zufall das herrliche Mosaik bloßlegte, das heute eine wertvolle Zierde des Landesmuseums in Klagenfurt bildet, veranlaßte der Geschichtsverein in Kärnten auf dem sogenannten Tempelacker, auf dem schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts mehrere schöne Statuen gefunden wurden, systematische Ausgrabungen, in denen Prof. Nowotny in sorgfältiger Arbeit in den Jahren 1899 bis 1907 den ausgedehnten Bäderbezirk von Virunum erforscht hat.

Nach der Eroberung Noricums im Jahre 16 vor Christus erstand neben der keltischen, durch Münzen des Fürsten Eiccaio bezeugten Siedlung auf dem Magdalensberg am Südhange des Berges die älteste römische Siedlung, in gleicher Weise, wie sich auf dem Berge Bibracte (Morit Beuvray) in der Nähe von Lyon in 800 Meter Seehöhe, ails Julius Cäsar in der Hauptstadt der Äduer im Jahre 58 vor Christus sein Winterquartier aufschlug, ein römischer Stadtteil entwickelte, der erst unter Oktavian Augustus um das Jahr 5 vor Christus in die Ebene nach Augustodunum (Autun) übergesiedelt wurde.

Mitglieder und Angestellte der großen Handelsfirmen aus Aquileia, besonders der Barbii, die in Virunum die Geschäfte ihrer Herren besorgten, statteten die Kultstätte der Stadt mit wertvollen Geschenken aus. Ein prächtiger Tempel, dessen Wände und Boden mit weißen Marmorplatten verkleidet waren (in den Jahren 1907 bis 1909 ebenfalls von Nowotny ausgegraben), barg die Siegerstatue, die sich in Noricum zum Gott Mars wandelte; im Tempel wurde auch eine Bronzestatue des Apoll aufgestellt, von der im Jahre 1843 nur der Greif gefunden wurde, der in klassizistisch-augusteischem Stil gebildet, zwischen den Flügeln die Lyra des Gottes trug. Hier auf dem Magdalens-berge wird der Scheinkönig von Noricum die Residenz seines „regnum Noricum“ neben dem römischen Statthalter innegehabt haben. Als dann im Jahre 46 nach Christus Kaiser Claudius die staatlichen Verhältnisse ordnete und die Provinz Noricum schuf, gründete er auf dem Zollfeld die römische Kolonie Virunum und erhob sie zur Landeshauptstadt. Wie die Münzen der Fürsten Adnamat und Nemet bezeugen, war in diesem One auch eine kleine keltische Siedlung vorhanden. Spärliche Reste kleiner keltischer Häuser wurden unterhalb der römischen Bauten des Bäderbezirkes, ganz anders orientiert als diese, wiederholt angeschnitten. Die Bruchstücke der Flechtwerkwände dieser Häuser waren nicht mehr mit Lehm, sondern unter dem Einfluß römischer Mörteltechnik schon mit Gußmörtel gedichtet, ähnlich wie in Pettau, Windischgraz oder in Trier und Köln. Diese Bauten verschwanden, als die Kolonie in Virunum nach römischem Vorbild errichtet wurde. Im Mittelpunkt der der Stadt erstanden die öffentlichen Gebäude, der Marktplatz, dis I orum, das Heiligtum des Jupiter (beide 1909 bis 1912 von Rudolf Egger ausgegraben), in ihrer Nähe erhob sich der sogenannte Bäderbezirk, ein ausgedehntes öffentliches Gebäude, das außer einem kleinen Bade auch die Räume verschiedener Vereine enthielt, Stadtsäie sozusagen, wie schon der ausgezeichnete, Beobachter Nowotny im Jahre 1899 erkannt hatte. In diesem Vereinshaus pflegte sich die vornehme Gesellschaft von Virunum zu Festen zu versammeln, hier hatten die Sterbevereine ihre Sterbekassen, in ihren Vereinsräumen begingen sie alljährlich Tage der Erinnerung an verstorbene Mitglieder. Durch glückliche Deutung hat Rudolf Egger in dem Reiterrelief von Virunum die Parade, den Festzug des Jugendbundes der gens Manlia erkannt. Das Vereinsheim des Bundes, die basilica Manlia, wird sich innerhalb des Bäderbezirkes befunden haben, in dem die Söhne der freigeborenen Familien Virunums unter der Leitung ihrer magistri zur Pflege des Kaiserkults und der Geselligkeit zusammenkamen.

Der große Häuserblock gliedert sich offen-sichtlidi in mehrere Gruppen: die Nordfront beherrscht eine lange Halle, die vermutlich als Wandelgang vor dem statuengeschmückten Hofe gedient hat und einen Bestandteil der an der Westfront liegenden Badeanlage bildet. Im Osten und Süden dürften die Räume der Vereine und Korporationen sich um einen zweiten Hof gruppiert haben, an der Ecke der Süd- und Ostfront waren verschiedene Kaufläden untergebracht.

Das erste Jahrhundert der Kolonie bedeutet eine Zeit der Blüte und der friedlichen Entwicklung. Die Lebensform Roms durchdrang das Land. In der Hauptstadt Noricums blühten Handel und Verkehr. Der reiche Bergsegen des Landes gibt sich im Wohlstand kund, der sich im Ausbau des Bäderbezirkes offenbart. Im Südhof des Bades befand sich eine Sonnenuhr, standen schöne Statuen aus dem antoninischen Zeitalter (1. Hälfte des 2. Jahrhunderts), Ares, Apollo, Hermes und Bacchus, die Dioskuren, eine Aphrodite, gute Kopien polykletischer und praxitelischer Statuen. Praschniker hat in einer ausgezeidineten Studie aus ihnen die Werkstätte eines vortrefflichen Meisters in Virunum erschlossen, der an klassischen Vorbildern gut geschult, besonders im poly-kletischen Motivenschatz bewandert war und in seinem reifsten Werk, der Statue der Amazone, und vor allem in der Statue der Landesgöttin* Noreia eigenen Ideen Ausdruck gegeben hat.

Die Wände der Räume des Bäderbezirkes waren bunt bemalt; es läßt sich der glatte, flächige Stil der klaudischen Zeit beobachten, von Streifen umrahmte rechteckige Felder, verziert mit ovalen Rhomben, hin und wieder auch marmoriert. Das Kennzeichen der flavischen Stilstufe ist das Kandelaberornament. Ein größerer Stilwandel vollzieht sich im sogenannten Blütenstil der antoninischen Periode, die den Mäandersockel bevorzugt und die Wände mit Girlanden aus Myrthen-, Quitten- und Päonienlaub bedeckt; in der Komposition erschipint eine größere Bewegtheit, die Földer werden mit figürlichen Darstellungen, Vögeln, Reihern und Masken geschmückt. Die älteste augusteische Stufe der Wandmalerei wird man auf dem Magdalensberg erschließen können, auf dem auch frühkaiserzeitliche Sigillata gefunden wurden, ebenso der berühmte Aco-Becher mit der Inschrift:

„Das Leben ist kurz, die Hoffung trügerisch, eilet herbei, das Licht ist angezündet, solange es brennt, lasset uns trinken, Genossen!“

In diese harmonische Symphonie des Lebens schrillte plötzlich der Mißklang des Markomannenkrieges. Germanische Völker im Norden der Donau, an ihrer Spitze die Markomannen, drangen im Jahre 167 über den Grenzstrom, verwüsteten Raetien, Noricum, Pannonien und Oberitalien. Die Spur dieser furchtbaren Zerstörungen traten in Juvavum-Salzburg, Flavia Solva bei Leibnitz und in vielen anderen Orten bei Ausgrabungen zutage. Zahlreiche, in diesen Sturmzeiten vergrabene Münzschätze in Spital am Phyrn, in Gummern bei Puch und in Althofen bei Treibach bezeichnen den Weg der . Brandstifter, deren Spuren Nowotny am Ende der ersten Periode auch in Virunum feststellen konnte. Der Bauschutt mit den Resten der Malerei des 1. und 2. Jahrhunderts, die gestürzten und beschädigten Statuen, die nach Wiederkehr friedlicher Verhältnisse mit dem Schutte planiert wurden, sprechen eine beredte Sprache, noch mehr eine Münze des Kaisers Mark Aurel (161 bis 180) und seiner Gemahlin, der jüngeren Faustina (gestorben 175), die im Brandschutt der Straße von Nowotny gefunden wurde.

Die wirtschaft'iche Not der diesem Kriege folgenden Jahre und der fühlbare Niedergang der Kultur zeigen sich in Virunum vor allem im sparsamen Bauen und in bescheidener Verwendung einfacher Wandmalerei. Glatte, verschiedenfarbige, von Streifen eingerahmte Felder, entweder ganz oder nur am Sockel in Spritztechnik gefärbelt, bilden das Charakteristikum dieser zweiten Periode, in der auch der Sitz des Statthalters nach“ Ovilava-Wels verlegt wurde; in Virunum verblieben nur die Finanzbehörden. Mit der Neuordnung des Reiches durch Diokletian, in der Virunum wieder Hauptstadt des Innern Noricums wird, wird eine neue Blüte seit der Mitte des 3. Jahrhunderts offenbar (dritte Periode). Der Bäderbezirk gewinnt in einem weitläufigen Umbau seine endgültige Gestalt; im Norden wird eine Halle vorgebaut, das Gebäude mit Heizanlagen ausgestattet und der Boden der Repräsentationsräume mit Mosaiken belegt, darunter der Festsaal mit dem schönen Mosaik, dessen Mittelpunkt Dionysos bildet, umgeben von Satyrn, Nymphen und Pfauen; die Freude am Leben in der konstantinischen Renaissance wird in ihm trefflich charakterisiert. Chronologisch ist der Umbau gut belegt durch eine b der Mörtelunterlagc des Mosaiks in einem benachbarten Räume gefundene Münze des Kaisers Probus (276 bis 282). Das Mosaik reiht sich würdig den ähnlichen großen Bildmosaiken von Salzburg an, von Weyregg am Attersee, Solva und Poetovio.

Mit Kaiser Valentinian endet dieses glückliche Zeitalter. Einbrüche germanischer Völkerschaften vom Norden beeinträchtigen stark den Wohlstand, noch mehr die Züge1 der Ostgoten, die seit 378 in Pannonien und am Alpenostrand vordringen, seit 468 auch

Innennöricum bedrängen und 472 Teurnia belagern. Alarich mit seinen Westgoten ver. sucht im Jahre 408 vergeblich, Noricum als Siedlungsgebiet für seine Westgoten vom Kaiser von Byzanz zu erreichen. Aus dieser letzten, vierten Periode sind in Virunum spärliche Reste vorhanden, in den Herden und Hinbauten in den Räumen der Südfront des ISädcrbezirkes, wie sie ähnlich auch im onkotischen Weiler auf dem Reichenegg bei Cilli vorkommen.

Grau umwittert steht das Prunnerkreuz auf dem Zollfeld, das der gelehrte Land-sdireiber aus römischen Inschriftsteinen aufgebaut hat. Wie diese Denkmäler, so kündet auch Praschnikers prächtiges Werk von der einstigen Größe Virunums. Der Titel des Büchleins Dominik Prunners vom Jahre 1691: Splendor antiquae urbis Salae, gewinnt neues Leben. Die Herrlichkeit der alten Stadt auf dem Zollfeld steigt aus der lebendigen Darstellung des Verfassers strahlend empor, die Krone Virunums wurde um ein glänzendes Kleinod bereichert.

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