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Um eine kommende Architektur

Wieder steht Wien vor einer gewaltigen Aufgabe. Nur wenige Generationen seiner Geschichte sahen sich einer Zerstörung ihrer Stadt von solchen Ausmaßen gegenüber, wie die gegenwärtige, die berufen ist, ihr aus den Trümmern des Krieges ein neues Gesicht zu geben. Vieles ist gefallen, Unwiederbringliches ist verloren, vieles aber auch gefallen, was reif war, durch Neues abgelöst zu werden. Trotz der Trauer über alle Schäden, welche die zu Stein gewordenen Zeugen einer alten Kultur in den vergangenen Jahren erlitten haben, leuchtet eine Freude inmitten der Trümmer: die Tatsache, daß die Stadt nirgends in ihrer Substanz zerstört ist, daß die großen Formen, die uns vergangene Generationen hinterlassen haben, zwar in Teilen beschädigt und zerstört, aber nirgends völlig vernichtet sind. Sie können wiederhergestellt werden. Denn das Bauwerk ist nicht wie das Bildwerk an die Hand des Meisters gebunden. Der Architekt schafft das, was eigentlich ohne Substanz ist — den Raum. Ein restauriertes Gemälde zeigt die fremde Hand, ein restauriertes Bauwerk ist immer noch ein Original des ursprünglichen Baumeisters. Dennoch ist vieles unersetzlich: eine zerstörte Kreuzblume am Stephansdom oder eine eingestürzte Stuckdecke in einem der barocken Paläste sind unwiederbringlich verlorene handwerkliche Details, die trotz aller Einfühlung in der Nachahmung nur schwache Kopien zu werden vermögen.

Der lebendige Organismus einer Stadt — als Stein gewordener Ausdruck seiner Geschichte — ist Krisen unterworfen. Wie ein wildes Tier auf sein Opfer, stürzt sich die Furie des Krieges auf seinen Leib und reißt ihm seine edelsten Organe heraus. Wien hatte eine genügende Anzahl solcher Heimsuchungen zu bestehen: die großen Feuersbrünste und Seuchen des Mittelalters; die Belagerungen durch die Türken, die der Stadt 1683 den ganzen Kranz ihrer Vorstädte, die sich in Anmut und Schönheit an die das Herz der Stadt umgebenden Weinhügel anschmiegten, raubten; schließlich die Revolution und Belagerung von 1848. Immer aber ging Wien schöner und größer, reicher in der Struktur seiner architektonischen Erscheinung und geschlossener als Organismus aus solchen Krisen hervor.

Das Ende der Türkenkriege brachte die in Wien latent schlummernde Idee des Barocks zu seiner ausgeprägtesten Gestaltung und reihte damit Wien in die Großstädte europäischen Ausmaßes ein. Nach 1848 erläßt Kaiser Franz Joseph das Edikt zur Aufhebung der Wälle und damit ist die Entwicklung von der zusammengedrängten Festung zur modernen Weltstadt gegeben: eine ungeheure Bautätigkeit setzt ein.

Auch wir stehen am Ende einer Krise. Aufgaben von ebensolchen Ausmaßen wie in früheren Zeiten sind der baulichen Neu- und Umgestaltung Wiens gestellt. Die Architektur tritt im Leben der Stadt wieder mächtig in den Vordergrund. Das allgemeine Interesse wird ihr, mehr als zu andern, in sich ruhenden Zeiten, begegnen.

Wo steht die Architektur heute im allgemeinen, auf welche baukünstlerische Situationen treffen die neuen Aufgaben, vor die Wien gestellt ist, und was ist die Stellung Wiens, die es innerhalb der neuen Strömungen in der Baukunst einnimmt?

Wenn je der Pendelschlag in der Kunst von einem Extrem zum andern reichte, so muß dies für die Architektur in der geschichtlich kurzen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen festgestellt werden. Beide Extreme fallen, geistesgeschichtlich gesehen, in die Endzeit des Materialismus, als deren formgewordener Ausdruck einerseits und als deren Maske andererseits sie in die Kunstgeschichte eingehen werden. Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg war gekennzeichnet durch den „Funktionalismu s“. Er ist ebenso überwunden, wie der Materialismus in der Wissenschaft überwunden ist.

Aber er war eine geschichtliche Notwendigkeit: er befreite eine Kunst,die in überkommenen Formen die primären Forderungen eines modernen Baues nicht zu lösen vermochte, von den letzten Schlacken nur mehr hohler, nicht organischer Formen. Erst durch ihn wurde es möglich, die notwendigen Anlagen des Verkehrs, der Industrie, der Wirtschaft, des Wohnbaues, wissenschaftlich, das heißt, ihrer Funktion entsprechend, zu lösen. Die „Wohnmaschine“, schon heute ein historischer Begriff, bedeutete damals die Purifizierung einer veralteten Wohnkultur. Sie setzte den frei komponierten Grundriß an Stelle konventioneller und mit moderner Wohnlichkeit und Hygiene nicht in Einklang zu bringender Wohnungen, die schematisch in irgendeinen Zinskasernenkomplex eingezwängt waren. Heute wirken die Räume aus dieser Zeit zum großen Teil schon unerträglich; denn es ist zwar reizvoll, einige Stunden oder Tage in einer Schiffs- oder Schlafwagenkabine zuzubringen, aber nicht Jahre oder ein ganzes Leben. Der Funktionalismus fand seine extremste Erfüllung in der völligen Negation jeder gestalteten Form, so daß die Frage aufgeworfen wurde, ob Architektur überhaupt Kunst sei. Diese Frage ist ein Kriterium ihrer Zeit, die die Auflösung jeder Lebensform und den Zerfall des gestalteten Daseins brachte, das frühere, stärkere Zeiten als eine der immanenten Äußerungen des Lebens betrachteten: die Kultur.

Die Reaktion hierauf führte zum andern Extrem: die offizielle Architektur des Dritten Reiches schüttete das Kind mit dem Bade aus und verwarf diktatorisch alle wertvollen Erkenntnisse dieser Zeit zugunsten eines starren „Formalismu s“, der, nicht gewachsen, wie etwa noch die nach formalen Prinzipien entworfenen großen Schloßkonzeptionen der Barocke oder auch noch die hohen Leistungen des deutschen Klassizismus unter Schinkel, Gilly oder Weinbrenner, sondern gewollt und diktiert auf Grund irgendeiner Fiktion des „preußischen Stiles“, ohne seine Vorbilder auch nur im entferntesten zu erreichen. Hatte der Formalismus des Barock noch die Tatsache für sich, in der Verteilung der Baumassen, der Gliederung ihrer Körper und Flächen und in dem sicheren Geschmack seiner Dekoration Werke höchster künstlerischer Intuition in die Welt zu setzen, bei denen man gern ein Auge zudrückt, wenn der Grundriß nicht die gleiche vollkommene Lösung wie die äußere Erscheinung zeigt, so fällt diese Entschuldigung fort angesichts der ungelösten Beziehungen von Baukörper und Fassadengliederung bei modernen Bauten. Die Divergenz von Grundriß und Fassade etwa bei der neuen Reichskanzlei in Berlin wirkte peinlich und ist durch nichts gerechtfertigt. Die Entwicklung verlief in der Richtung eines starren Formalismus, der auch vor der Vergewaltigung der Konstruktion und des Materials nicht haltmachte — man denke an das Haus der Deutschen Kunst in München —, dessen Fassade eine von Säulen getragene Attika vortäuschte, die in Wahrheit jedoch von einem eisernen Gitterträger im Innern gestützt wurde, so daß die Säulen zur leeren Dekoration wurden. Nie ist die Säule, von der schon Ruskin als der „Dirne der Baukunst“ sprach, unwürdiger gebraucht worden als hier.

Ode? man vergegenwärtige sich die in eben diesem Haus der Deutschen Kunst ausgestellten repräsentativen Architekturentwürfe, etwa des Sportforums für Nürnberg, das in vermessener Ubersteigung der Dimension eine gewollte Monumentalität ad absurdurn führte, indem es dem Auge durch den Mangel an Detail in „menschlichen Maßen“ jeden Maßstab zerstörte.

Auch für Wien wurden Projekte ausgearbeitet. Ihre Durchführung würde teilweise eine ärgere Zerstörung der Stadt bedeutet haben als die Schäden des Krieges.

Als Musterbeispiel sei nur an den projektierten Erweiterungsbau des Burgtheaters erinnert, dessen Entwurf 1941 in einer Ausstellung in der Neuen Hofburg gezeigt wurde. Das Modell zeigte den krassen Gegensatz dieser doktrinären Architektur zur Schönheit des alten Wiener Stadtbildes. Dem subtilen Reiz von Matinellis Fassade des Liechtenstein-Palais wurde eine „U niformfassade“ mit ihrer ganzen Sturheit an Proportion und ihren obligaten „Stufenprofilen“ entgegengesetzt und dieser Bau durch plumpe Bögen mit dem Bühnenhaus des Burgtheaters verbunden. Der Krieg hat mit den Werken auch deren Geist hinweggefegt. An Stelle der Kunstdiktatur steht wieder die freie Entwicklung, in der Österreich den Anschluß an die große Weltarchitektur finden wird.

Wie es im Mittelalter eine internationale Baukunst in Europa gab, getragen von den Bauhütten, so ist jetzt ein internationaler Stil in Entwicklung begriffen, der die Welt umfaßt. Mit ihm erhält die alte Frage nach der „universalen For m“ neuerlich Aktualität. Es wird Bauten geben, die ebenso in New York und Schanghai, in Paris und Moskau, in Stockholm und Wien stehen können. Sie zu gestalten, wird die höchste Aufgabe der Architektengeneration unserer Tage sein. Damit soll nicht einer öden Gleichmacherei materialistischer Prägung das Wort geredet werden. Nichts ist mehr an Tradition und Lebensform, an Volk und Geschichte gebunden, wie das Bauwerk. Jahrhunderte- und jahrtausendealte Ströme haben in jedem Gebiete Formen der Baukunst entwickelt, die zutiefst mit seinen Bewohnern verbunden sind. Nichts wäre vermessener, als sie einfach zu negieren. Aber was ihnen allen gemeinsam ist, in jedem Erdteil und in jedem Zeitpunkt der Geschichte, ist das Maß. Das Wissen darum, jenes Geheimnis, um das frühere Generationen wußten und das von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben wurde, mußte versanden, je weiter sich die Baukunst von ihrem ursprünglichen Sinn, Symbol zu sein, entfernte, und nur einem äußeren materiellen Zweck diente.

Hier ist die Aufgabe und die Mission einer neuen Baukunst: Ihre Elemente auf ihre einfachste und ursprünglichste Erscheinungsform zurückgeführt, rein zu verwenden in einem Sinn, daß das ewige Gesetz, geoffenbart durch das Maß, „sichtbar“ werde. Denn nur der Musik und der Architektur ist es gegeben, die Schönheit bestimmter Maßbeziehungen, als einer irdischen Manifestation des Absoluten akustisch und optisch in Erscheinung treten zu lassen. Gelingt es, die große „Form“ in der Architektur, die eine ideale Forderung einer neuen Lebensgestaltung ist, mit allen Forderungen des Zweckes eines Bauwerkes, mit den Erkenntnissen, die zu ihrer Lösung führen und mit den neuen, uns zur Verfügung stehenden Materialien werkgerecht und technisch richtig durchgebildet zu verbinden, so hat die

Geburtsstunde einer neuen Architektugeschlagen, einer Architektur, die universell in der besten Bedeutung des Wortes ist. Sie wird nur jenen gelingen, die in Demut an ihre Verwirklichung schreiten mit kompromißloser Ehrlichkeit gegen den Stoff und seine Möglichkeiten der Gestaltung und mit dem strengsten Studium der Funktion in der Architektur. Diese Aufgabe wird sich auf alle Gebiete erstrecken müssen: ob es sich um die monumentale Gestaltung des zerstörten Stadtzentrums, um den Bau einer Siedlung, den Entwurf zu einer einfachen Wohnung oder der Formung eines Gerätes, das zum täglichen Leben gebraucht wird, handeln wird. Denn auch das Kleine besitzt „Form“, wie auch die kleinste Blume ein nicht unvollkommener Teil der Schöpfung gleidi deren anderen Geschöpfen ist.

Das „H a u s“ muß wieder Würde bekommen, wie alte Bauernhäuser Würde haben. Es muß möglich sein, auch dem Arbeiter und dem Handwerker, dem Landmann und dem Beamten eine Wohnung zu schaffen, die seiner als Mensch würdig ist. Denn das Haus ist gleichsam der zweite Leib des Menschen, den er sich selbst schafft als Wohnstatt seines Geistes und als Ausdruck einer Gesinnung. Als solche darf sie nicht von niederer Art sein, wenn sie den Geist nicht zerstören soll. Der Bau ist sozusagen die Fortsetzung der Schöpfung aus dem Geiste des Mensdien heraus. Ihm eine unwürdige Gestalt zu geben bedeutet eine Verhöhnung der Schöpfung „in Permanenz“. Ein schlechtes Bild kann man weghängen, schlechte Musik braucht man nicht anhören. Aber schlechte Architektur umgibt den Menschen wie ein Fluch, so daß noch spätere Generationen an ihr Ärgernis nehmen. Das is die Erbsünde der Baukunst.

Auch Wien ist nicht von ihr freigeblieben. Wo einst anmutige Vorstädte sich um den Stadtkern schmiegten, stehen jetzt öde Kasernen, und die Häßlichkeit der Verkehrsanlagen ist die gleiche wie in anderen Großstädten. Diese Bauten entstanden im vorigen Jahrhundert. Aber auch die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hat viel gesündigt. Insbesondere die Randgebiete der Stadt wurden übersät mit „Eigenheimen“, die so häßlich sind, daß sie den reizvollen Grüngürtel, der sich um unsere Stadt legt, in unwiederbringlicher Form geschändet haben.

Welche Mittel stehen dem Architekten von heute nicht zur Verfügung! Haben wir uns nicht wieder freuen gelernt an der Monumentalität der glatten Wand, an der Schönheit des Materiales, wenn es werkgerecht verwendet wird? Ist die Schönheit einer anständig und richtig nach den alten Regeln eines beherrschten Handwerks gestalteten Form nicht beglückend? Wie sie ebenso die industriell hergestellte Form sein kann, wenn sie, ihren eigenen Gesetzen folgend, ihrem Material und ihrer Maschine gemäß, überzeugend gestaltet ist! Schlägt das Einfache der Proportion uns nicht wieder mächtig an?

Die Vergeistigung der Form, als das Erbe des alten Kontinents, ist das, was Wien und ganz Europa einer Welt zu geben vermag, die eben im Begriffe ist, ihre Schwerpunkte zu verlagern. Die besten Kräfte vergeuden zu wollen an eine möglichste Hervorkehrung der Technik wäre Verwegenheit; denn das kann man jenseits des Ozeans besser. Bei aller Notwendigkeit der Rationalisierung und Ausschöpfung aller technischen Möglichkeiten, ohne die ein Wiederaufbau von solchen Ausmaßen gar nicht durchgeführt werden könnte, wäre es der größte Fehler, an den Wiederaufbau amerikanische Maßstäbe anzulegen. Statt den Broadway nachzubilden, täten unsere Geschäftsstraßen besser, Europa zu kultivieren und die Ruhe und Vornehmheitder Pariser oder der römischen Geschäftsstraßen zu erreichen.

Das Einfache zu gestalten wird eine Hauptaufgabe der kommenden Architektur sein. Aber nicht die Einfachheit aus Primitivität, sondern die E i n-fachheit der Fülle, wie alles Bedeutende, alles Vornehme, alles über dem Durchschnitt Stehende einfach ist. In diesen Dingen zeigt sich „Gesinnung“, von der Goethe spricht, daß Architektur in ihr und nicht im „Häuserbauen“ besteht.

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