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Einen Schritt über der Erde

Südlich von Paris beginnt Frankreichs Para- “ dies, Frankreichs weiter, fruchtbarer Garten: seine Kornkammer. Stets stellen die braun oder golden schimmernden Bänder und Teppiche der Huren eine direkte Verbindung zu dem von atlantischen Winden reingefegten Himmel her, dem schlanke und grazile Wolkengebilde belebende Lichter aufsetzen: die Felder streben nach allen Richtungen bis zum Horizont auseinander und so. wie der Himmel hier kein eintöniges Waschblau trägt, so wird auch die weite Fläche von sanften Linien, Baumgruppen, Gesträuch oder schnurgeraden Wegen und Sträßchen aufgelockert und gegliedert.

Wenn man diese Ebene durchfahren hat, stößt man auf die Loire, die hier einen großen, weiten Bogen schlägt. Wir hatten eine Nebenstraße benutzt, um dem starken Verkehr auf der breiten Nationalstraße auszuweichen, und erreichten den Fluß bei Sully, wo eines der vielen Schlösser steht, die eigens für die Touristen erstellt zu sein scheinen und immer ein wenig nach Staffage aussehen, bilderbuchschön, wie sie sind. Hier ist der Fluß noch seicht, man kann ihn durchwaten, Sandbänke breiten sich in ihm aus oder auch kleine, üppig bewachsene Inseln, auf denen die Vögel nisten, und das Ufer wird von schönen, breiten Sandstreifen oder bis nahe ans Wasser gerückten alten, hohen und von Zeichnern des 18. Jahrhunderts gestochenen Bäumen umgeben. Wo die Vegetation vor einem eher kargen, trockenen und spärlich mit von der Sonne versengten Gras bewachsenem Boden zurückweicht, braucht man sich um einen Ausschnitt dieser Landschaft nur den Rahmen denken, und man hat einen echten Sisley vor sich: die flimmernde, leicht dunstige Atmosphäre, das Blau des Himmels mit seinen lanzettenförmigen, weichen Wölkchen und das gemächlich dahinziehende Wasser ergeben eine für diesen Maler sc bezeichnende Stimmung, daß man. da man Sisleys Bilder eher kannte als seine Motive, eine von der Natur hergestellte Kopie zu sehen glaubt.

E1 twa zehn Kilometer gegen Westen liegt die -’ alte, um die Mitte des 7. Jahrhunderts gegründete Abtei Fleury, die, da sie die Reliquien des hl. Benedikt von Monte Cassino übernahm, unter dem Namen Saint-Benoit eine der mächtigsten Benediktinerabteien des Mittelalters war. Sie ist aller Bewunderung wert, aber nicht ihr soll dieses Erinnern gelten, sondern einer viel bescheideneren und lange nicht so bekannten, so berühmten Kirche, die einst von der Abtei abhängig war: Germigny-des-Pres, von Saint-Benoit nur um weitere fünf Kilometer auf dem Weg nach Orleans entfernt. Selbst wenn man von der kulturhistorischen Bedeutung dieser sehr südlich anmutenden Kirche nichts weiß — sie liegt höchst idyllisch :nmitten eines von Tamarisken und Obstbäumen bestandenen Gartens — bezaubert sie den Besucher schon von außen durch ihre ein wenig fremd und anheimelnd zugleich wirkenden Formen und ihre leicht zu überblickenden Ausmaße, die sie zu einem Kleinod des Loiretals machen, als das sie auch Monsieur le Cure, der Behüter und Erforscher ihrer historischen und geistigen Grundlagen, mit berechtigtem Stolz bezeichnet.

Germigny-des-Pres ist eine karolingische Kirche und eines der ältesten nördlich der Alpen erhaltenen Bauwerke, das als Zentralbau konzipiert war — eine Bauweise, wie sie im Westen bis zur Renaissance nur vereinzelt und fast immer unter unmittelbar östlichem Einfluß weitergebildet wurde. Unter diesen Bauten ist die Palastkirche Karls des Großen in Aachen eines der berühmtesten Beispiele, das unmittelbar auf Vorbildern des ravennatisch-byzantinischen Kunstkreises fußt. Der Baumeister dieser im Jahre 805 geweihten Pfalzkapelle war Odo aus Metz (die Franzosen nennen ihn Odo le Fessin), der aus Armenien stammte. Sein Ratgeber war der aus Spanien stammende Theodulph, Minister und Vertrauter Karls des Großen, „missus dominus“, Abt von Saint-Benoit, Bischof von Orleans und Unterzeichner des Testaments seines Kaisers.

Germigny-des-Pres nun ist das Werk dieses Geistlichen, der zu den mächtigsten und reichsten unter Karl dem Großen gehörte: Von der Aachener Pfalzgrafenkapelle beeinflußt, gab er Odo den Auftrag zum Bau der Kirche; zusammen mit ihm wählte er das in ein Quadrat eingesetzte griechische Kreuz, den erweiterten Grundriß des berühmten Grabmals der Kaiserin Galla Placidia in Ravenna. Der Plan wird in San Miguel de Lino in Nordspanien aufbewahrt.

Germigny-des-Pres entstand zwischen 799 und 818 und wurde wahrscheinlich 806, also ein Jahr nach der Pfalzgrafkapelle, geweiht. Zeitgenössische Chroniken erwähnen sie voller Bewunderung und schreiben, daß sie ihresgleichen in ganz Neustrien nicht gehabt habe.

an unterscheidet mehrere Gruppen von Bau- denkmälern, wie sie in der karolingischen Zeit entstanden sind, aber außer der Kirche von Germigny-des-Pres blieb aus der Zeit Karls des Großen kein so gut erhaltenes Bauwerk zurück (von der schlichten, durch Bonifatius im Jahre 744 errichteten Kirche in Fulda vielleicht abgesehen, während St. Gereon in Köln den Bomben zum Opfer fiel). Germigny-des-Pres vereint in sich mehrere charakteristische Elemente: es ist einmal ein Beweis für den Zusammenhang zwischen armenischer und frühromanischer Kunst, dem die Kirche ihr orientalisches Gepräge verdankt. Hinzu kommt der bereits erwähnte ravennatisch-byzantinische Einfluß, dessen Merkmale seinerseits zum großen Teil wieder nach Armenien, dem damals baufreudigsten christlichen Land, weisen. Der Glockenturm hingegen deutet auf spanische und islamische Einflüsse hin. Das Gewölbesystem bedeutet für die Epoche, in der die Kirche erbaut wurde, etwas völlig Neues: es entstand ohne Benutzung von Balken und bildet so die Ausgangsbasis für die in der Romanik weiter ausgebildete und vervollständigte Baukunst. Neu und für den Westen fremdartig ist ja auch der sich überschneidende Grundriß, der ein ausgewogenes Verbinden der Massen erlaubt. Der zentrale Turm wird von kleinen, die Arme des Kreuzes bildenden Kapellen umgeben.

Selbstverständlich ist auch diese Kirche nicht so erhalten geblieben, wie sie ursprünglich konzipiert und erbaut worden war. Das werdende Frankreich, an dessen Beginn diese Kirche ja steht, weshalb sie Daniel-Rops auch mit einigem Recht als die älteste des Landes bezeichnen kann, und das mit dem Niedergang des karolingischen Reiches verbunden ist (843 wurde das Fränkische Reich durch den Vertrag von Verdun geteilt), erlebt an seinem Beginn eine traurige, von politischem Zerfall, kulturellem Niedergang, Hungersnöten und Epidemien begleitete Zeit.

Seit dem 9. Jahrhundert ziehen vom Westen die Normannen über das Land, die auch Germigny- des-Pres in Brand stecken, von Osten dringen die Ungarn vor und am Mittelmeer herrschen die Sarazenen. Von diesen Schrecknissen und dieser Bedrohung zeugt auch der Beginn der romanischen Kunst um 1000 in der plastischen, figürlichen Ausstattung der Kirchen. Die Romanik baut nicht zuletzt auch auf der karolingischen Kunst auf: die Wand- und Deckenmalerei hatte bereits vor 1000 richtungweisende Leistungen vollbracht und oft baute die Romanik da weiter, wo das begonnene karolingische Werk in der düsteren Zwischenzeit unterbrochen oder das scho ‘Vollendete zerstört wurde. So läßt sich der karolingische Beitrag aus unserem abendländischen Geisteserbe unmöglich wegdenken.

Vor der Kirche breitet sich ein kleiner Platz ‘ aus, es ist Mittag und völlig ruhig. Wir stehen vor dem Zaun, der den dichten, üppigen Baumgarten vor der Kirche umgibt, unsere Augen tasten das körnige, verwitterte Gemäuer der alten Kirche ab, und wir sehen von hier aus gerade den Vierungsturm und eine der antiken Apsiden. Die Bäume des Gartens spenden etwas Kühle, und nahe am Zaun betrachten wir die Laterne des morts, die Totenlaterne, über der ein aus Eisen geschmiedeter Hahn wacht, der wie ein Turmhahn, wie Mörikes Turmhahn von Cleversulzbach, aussieht: jedenfalls könnte man sich seine Gestalt und seinen Verbannungsort ungefähr so vorstellen. Am Eingang, der von einem Vordach geschützt ist, und wo wir allerlei, zum größten Teil handschriftliche Hinweise lesen, begegnen wir Monsieur Totti, dem Cure: einem weißhaarigen und ein wenig zerbrechlich anmutenden alten Herrn, dem Germigny-des-Pres sehr viel verdankt: zum Beispiel, daß man sich heute zumindest vorstellen kann, wie die Kirche einmal ausgesehen haben muß.

Das Innere der Kirche: Man muß sich erst ein wenig zurechtfinden, denn zunächst fällt das Auge auf die typisch ländliche und oft recht geschmacklose Einrichtung, aber dann gewinnt der alte, echte Charakter mehr und mehr die Oberhand, eine intime Atmosphäre beginnt den Besucher einzuhüllen, überraschende Blicke, hervorgerufen durch die Überschneidungen der Bogen und Gewölbe tun sich auf, und schließlich steht man auch vor den vielen kleinen und großen Kostbarkeiten, die hier ein stilles, jahrhundertealtes Leben führen: das berühmte Mosaik an der östlichen Hauptapsis, völlig instand gehalten und in seiner ganzen byzantinischen Schönheit einzigartig in Frankreich: wahrscheinlich stammt es von einem byzantinischen Mosaizisten, jedenfalls kann man es mit der ravennatischen Mosaikkunst vergleichen und Daniel-Rops sagt, daß man weder in der Hagia Sophia in Konstantinopel noch in Ravenna oder Palermo Besseres sehen könne. Auch ein bemerkenswert schöner Taufstein aus dem Jahrhundert findet sich in der Kirche und schließlich eine aus Holz geschnitzte Pieta und eine heilige Anna aus dem 15. Jahrhundert.

Was diese Kirche so kostbar und liebenswert macht, nämlich ihre bescheidenen Ausmaße und die von großer Hingabe zeugende Ausgestaltung des Details, die ihr etwas Intimes und Persönliches verleiht, das den großen Hallenkirchen fehlt — die zwar durch ihre Monumentalität und die Sicherheit im Umgang mit großen Räumen und Formen zu beeindrucken vermögen und Bewunderung verdienen, denen es aber nicht gegeben ist, mit dem Menschen eine stille Zwiesprache einzugehen —; dieses kleinodienartige Ambiente also setzt sich im Kircheninnern fort. Auch hier ist die alte, ursprüngliche Ausstattung mit den Hinzufügungen bis zur Renaissance beseelt von einem persönlichen Anruf: die Gegenstände beginnen mit dem Betrachter ein Gespräch und er ist es, der davon einen reichen und beglückenden Gewinn davonträgt: während er sich in dieser alten, ehrwürdigen Kirche in eine andachtsvoll bewundernde Stimmung versetzen läßt, befindet er sich einen Schritt über der Erde.

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