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Die Entdeckung der Hallstattkultur

In diesem Jahr, da wir alle der Ereignisse gedenken, die vor 100 Jahren ganz Mitteleuropa bewegten, feiert die Wissenschaft noch ein anderes Jubiläum — die Entdeckung einer neuen unjpitlichen Kultur und damit auch einer eigenen Epoche der ältesten Geschichte Europas.

Wie aber war das möglich gewesen? Nachdem man schon vor Jahrhunderten im Hallstätter und Dürrnberger Salzberg zahlreiche Spuren des Alten Mannes gefunden hatte — die Bergung einer im salzhaltigen Gestein erhalten gebliebenen Leiche hat ja bekanntlich Ganghofer in seiner Erzählung „Der Mann im Salz“ dichterisch zu gestalten versucht —- ergaben sich bei umfangreichen Geländearbeiten in dem etwa 350 Meter über dem Hallstätter See hegenden Halltal, dem sogenannten Salzberg, zahlreiche Gräber mit so kennzeichnenden und an Qualität bemerkenswerten Beigaben, daß schon im Jahre 1848 der damalige Öberösterreichische Landesarehäologe Josef Gaisberger in einer umfangreichen Veröffentlichung des Museums Francisco- Carolinum die seit 1834 gehobenen Schätze zu würdigen vermochte. Obwohl damals die Kenntnis um die Eigenart ungeschriebener Geschichte erst in kleinen Ansätzen vorhanden war und man noch tastend und suchend diese eigenartigen Quellen historischer Erkenntnis zu sammeln begann, war man sich doch darin einig, damit ein eminent wichtiges Fundgut geborgen zu haben. Fortgesetzte, immer planvoller werdende Geländeuntersuchungen des Wiener Naturhistorischen Hofmuseums, des Linzer Landesmuseums und des Hallstätter Museums haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so reiche Funde bergen können, daß damals schon an die 2000 Gräber gehoben wurden. Damit schien dann für lange Zeit dieser Bergfriedhof erschöpft, bis durch das Hallstätter Museum vor etwa zehn Jahren die Fortsetzung der An- la? gegen den Bergeshang zu festgestellt werden konnte. So wie die Dinge heute liegen, wird man kaum annehmen dürfen, daß der Hallstätter Friedhof bereite vollständig freigelegt worden ist.

Die ungeheure Fülle des geborgenen Gutes ist überwältigend. Wenn man bedenkt, daß man zur Zeit der Grabung bloß auf Prunkstücke ausging, daß man weit über 1000 Tongefäße zerstörte, daß wilde Ausgräber manch hervorragenden Fund verschleppten, daß es praktisch keine größere europäische Sammlung gibt, die nicht wenigstens ein kleines Bruchstück dieses riesigen Kleinods erhaschen wollte, dann müssen die gehobenen Mengen und die in den Gräbern enthaltenen Reichtümer enorm gewesen sein, so groß, daß man sich dies kaum auszumalen vermag. Größere Gräberfelder, reich ausgestattete Beisetzungen sind keine Seltenheit mehr. Ein Gräberfeld mit über 2000 Bestattungen und dieser geballten Masse an materiellem Wert aber ist so ungewöhnlich, daß man unwillkürlich nach dem Grund dieser Erscheinung fragt.

Ihn zu finden ist nicht schwer. Das ganze Geheimnis ruht im Salz. Schon in der Jungsteinzeit kannte man die physiologische Wirkung dieses Würzmittels und bemühte sich, nachdem die natürliche Salzquelle mit der vorwiegenden Fleischnahrung erschöpft war, an den im Schoß der Erde ruhenden Stoff heranzukommen. Schon in der Bronzezeit dürfte es zu einer Steigerung ursprünglich einfacher Gewinnungsmethoden gekommen ein, die in Hallstatt sehr bald zu einer kulturellen Hochblüte führte. Salz muß damals, besonders aber in der ersten Hälfte des letzten Jahrtausends, in ungewöhnlich großen Mengen gefördert worden sein, wenn man bedenkt, daß der Rohstoff für die vielen Hunderte von Bronzebeigaben des Gräberfeldes nach Hallstatt gebracht wurde. Von der einfachen Stecknadel und Fibel aufwärts, über Schwerter, Dolche,

Helme, Ringe, Anhänger, Gürtelbleche, Tassen und Schalen bis zu den großen Bronzeeimem, Untersätzen und allen anderen reichausgestattetcn Bronzegefäßen mußte die Bronze als Gegenwert für das gewonnene Gewürz getauscht werden, wurden Fercigjstücke aus allen Teilen der Alpen, des Alpenvorlandes und aus dem Land Thule cingeführt, um alle Ansprüche befriedigen zu können. Wenn man bedenkt, daß der Bernstein aus dem Küstengebiet der Ostsee kam und die verzierten Eimerdeckel nur in Italien ihren Ursprung haben können, dann wird schon an diesen beiden Beispielen klar, wie weit die Fäden von Hallstatts Handel gespannt gewesen sein müssen! Es wäre jedoch unrichtig, wollte man die Bedeutung dieses Industriezentrums nur in ausländischen Gütern suchen- Im Gegenteil! Hallstatt ist bloß ein besonders hervorstechender, ein alle anderen erhaltenen Erscheinungen überragender Kernpunkt eines kulturellen Gefüges, dessen Geschichte und Eigenart für das letzte Jahrtausend vor Christus von grundlegender Bedeutung wurde. Und damit kommen wij- auch zum Begriff der Hallstattkultur.

Das innere Gefüge Europas wird am Ende des zweiten Jahrtausends durch eine über alle Maßen schnelle Ausbreitung der spätbronzezeitlichen Lausitzer Kultur schwer erschüttert. Durch mehr als 500 Jahre hatte das bäuerliche Leben seinen ruhigen, in sich ausgeglichenen Fortgang genommen, als nun eine Völkerwanderung von einem bisher kaum gekannten Ausmaß Unruhe, Krieg, völkische und soziale Umwälzungen bringt. Europa, wird damit zum Ausgangspunkt von Ereignissen, die sich bis in die Ägäis und nach Kleinasicn hinein fortsetzen. Alte, über eine tiefverwurzelte Tradition verfügende Kulturen werden vernichtet, in ihrer äußeren und inneren Wesensstruktur getroffen und so stark gewandelt, daß bloß ihre Spuren sichtbar bleiben. Bis in die entlegensten Winkel Europas dringt dieser neue Geist vor. Aber auch ihm sind Grenzen gesetzt. Schneller, als es diese stürmische Auseinandersetzung vermuten ließe, formen sich die alten Kräfte, durchdringen gleich hochaktiven Fermentea die über sie gelegte Schicht, bilden sie neu und gleichen sie dom alten Geist und dem eigenen Wollen an. Aus dem Schöße dieses neuen Lebens hebt sich nun in jahrhundertelanger Dauer eine kriegerisch-bäuerliche Welt empor, die das Antlitz Europas während der ersten Hälfte des letzten Jahrtausends bestimmt. Sie wurzelt in den Sudeten, im Alpenvorland und in den Alpen selbst bis an ihre südlichen und östlichen Ausläufer: hier ist ihr nährender Boden, der dieser Welt, eben unserer Hall- stattkultur, alles verckpkt, Brachte die unruhige Zeit der Umenfeldwanderung eine vorübergehende Vergrößerung des Lebensraumes durch Einbeziehen bisher unbegangener Gebiete mit sich, so erschließt nun der hallstättische Bauer und Bergmann in zähem Vordringen diesen Boden, dessen alpiner Anteil für ihn schicksalsweisend wird. Denn in ihm bleibt er auch zu einer Zeit verankert, da neue Kriegszüge sein Verlassen im freien Alpenvorland zu bedrohen scheinen.

Dreihundert Jahre friedlicher Entfaltung aber sind eine lange Zeit, die, reich genutzt, zu hoher Blüte führt. Dem Prähistoriker, der nur mit kargem Quellenstoff unvergänglicher Erzeugnisse zu arbeiten vermag, bleibt viel von einem einstmals blühenden Leben verschlossen. Doch: auch Metall und Ton, Siedlung und Grab haben ihre Sprache für den, der sie zum Tönen bringen kann!

Eingehende Untersuchungen des gesamten Fundbestandes der Hallstattkultur geben zu erkennen, wie sich diese, in ihren Grundzügen einheitliche Formenwelt langsam in kleinere lokale Gruppen aufgliedert, wie der Lebensraum je nach seiner Lage in der geographischen und kulturellen Streuung nun zu wirken und damit auch das stamm- liche Gefüge der Hallstattleute zu beeinflussen beginnt. Die sudetischen Formen sehen anders aus als die donauländischen und diese zeigen grundlegende Unterschiede zu den einzelnen alpenländischen Gefügen. Am deutlichsten aber hebt sich der westliche Teil der Hallstattkultur heraus, weshalb man schon lange der Meinung ist, in ihm die Wurzel des späteren Keltentums erblicken zu dürfen. Zu diesen stammlichen Unterschieden treten aber noch soziale. Die schon in der Jungsteinzeit und in der Bronzezeit feststellbaren Aufgliederungen in einzelne, ursprünglich bloß auf wirtschaftlich-gewerblicher Basis ruhende Stände vertiefen sich während der Hallstattzeit im Sinne des Heraushebens einer machtpolitisch hervortretenden Schicht. Die zahlreichen, in der gesamten hallstätti- schen Kulturlandschaft verbreiteten Grabhügel mit ihrem weit über den Durchschnitt hinausragenden Inventar an Totenbeigaben können nur als Grüfte von reichen Stammesfürsten gedeutet werden. Für sie war das Beste gerade gut genug. Mächtige, schwarzrot gefärbte Urnen mit aufgesteckter figuraler Plastik, ganze Serien sorg fältig graphitierter Töpfe, reichverzierte Bronzegefäße sind die Zeugen gewerblichen Fleißes. Besonders hochgestellte Personen aber werden mit ihrem zwei- oder vierrädrigen Wagen bestattet, der ihnen zu Lebzeiten half, die fürstliche Würde quer durch ihre Herrschaftsgebiete zu tragen. Gelingt es aber einem von diesen Stammesherren, durch gutnachbarliche Beziehungen fremde Wehr zu erhalten, dann wird sie ihm zur Erhöhung seines Ruhmes im Jenseits auch noch mit ins Grab gelegt. Allen diesen Erscheinungen gegenüber ist die letzte Ruhestätte des einfachen Mannes fast ärmlich ausgestattet. Seine Asche legt man in eine schwarze Urne, ordnet einige Beigefäßc darum an, schützt das Ganze mit wenigen Steinen und schüttet die Grube wieder zu; vielleicht, daß ein kleiner Erdhügel bloß für kurze Zeit die letzten Reste eines Menschen wies

Dieser hatte als einfacher Bauer gelebt, seinen Boden bestellt und seinen Stall gehütet. In kleinen Blockhäusern hatte er sich sein Leben einzurfchten verstanden, sicherlich froh, in Ruhe und Ordnung seinem Berufe nachgehen zu können. In der Ecke seines Hauses glühte das Feuer des Herdes, während der tönerne Feuerbock seiner Ureltem, im Wissen um dessen Bedeutung über alle profane Verwendung hinausgehoben, nun, reich geschmückt, zum Sinnbild wohltätiger Kraft geworden war. Der erdhaften Fruchtbarkeit aber gedachte dieser Mensch in mannigfacher Form. In kleinen Heiligtümern opferte er seine bronzenen Blechtiere weiblichen Gottheiten, deren Bildnis zu besonders festlichen Anlässen reich geschmückt auf einem kleinen Wagen gezeigt wurde. Dieses Bildnis aber und die einfachen Votivgaben sind die Erzeugnisse der im Volke lebenden Kupferschmiede, die aus sich heraus arbeitend ein ansprechendes, aber kein hochstehendes Kunstgewerbe schaffen. Fremde Vorbilder, die spärlich zu ihnen kommen, formen sie in ihrem Geiste um, vereinfachen und schematisieren, da sie nicht in der Lage sind, eine reiche figurale Plastik zu schaffen. Nur auserwählte Meister von Punze und Hammer erheben sich über diesen Durchschnitt. Sie sind es, die in Hallstatt die reichen Bronzeschätze schufen, die das alpine Kupfer zu hervorragenden Kunstwerken umformten und sich damit weit über jene in sich ausgeglichene Basis erhoben, .die sonst die Hallstattkultur auszeichnet. Auf diesen Bronzen, vor allem auf Gefäßen, erscheinen da und dort einfache Zeichen, deren geistiger Inhalt noch nicht erschlossen werden konnte. Trotzdem wird man aber nicht fehlgehen, wenn man in ihnen die ersten Ansätze einer Schrift sehen zu können glaubt, die in den letzten Jahrhunderten vor Christus in den Alpen reich vertreten ist und damit zur Grundlage des sogenannten Alpenalphabetes wird.

So steht also die östliche Hallstattkultur als Nachbarin hoch emporgestiegener kultureller Zentren knapp vor den Toren der Stadtkultur, als sie zur Zeit ihrer höchsten Entfaltung durch die keltische Wanderung von diesem Wege jäh abgedrängt wird. Der äußere Wandel, der durch dieses neue Volkstum aus dem Westen gebracht wurde, wirkt sich auch auf die innere Gestaltung der Hallstattkultur aus. In den leicht zugänglichen Gebieten der Sudeten und des Alpenvorlandes gibt sie schneller, als es ihre bisherige Geschlossenheit erwarten ließe, jegliche Eigenart auf. Nur in den Alpen, in die sich der bewegliche Krieger Galliens nicht vorwagt, hält sioh hallstättische Gesittung weiterhin fast unverändert fort. Wohl scheinen jetzt keltische Salzherren die Leitung der Gruben zu übernehmen, wie kennzeichnende, vor allem künstlerisch wertvolle Erzeugnisse des Dürrnberges bei Hallein und Gräber mit keltischen Beigaben in Hallstatt zu erweisen scheinen. An der volklichen Struktur des Bergmannes und an den bäuerlichen Bewohnern ändert sich aber kaum etwas. Ihre Eigenart wirkt fort, leicht moduliert und durch die Geschmacksströmungen der Zeit verändert, denn auch damals schon war der Bergler Neuerungen nicht abhold, wenn sie seinem Geschmack entsprachen.

Auch im Alpenvorland blieb die Zeit nicht stehen. Langsam machte sich hier der hallstättische Kern wieder bemerkbar; die keltische Körperbestattung wird zugunsten der altgewohnten Verbrennung aufgegeben, Erinnerungen an die Grabhügel werden wieder lebendig und der alte keramische For- mensinn der Hallstattkultur greift entscheidend in die Töpferkunst der neuen Zeit ein, so lange, bis im letzten Jahrhundert vor Christi die graphitgemengte Ware alle ur-iprfln,glich keltischen Eigenheiten voll- kommen an die Seite gedrängt hat. Und nun erscheinen auch auf diesen Stücken wieder jene Zeichen, die, aui der Erinnerung hervorgeholt, die Brücke über Jahrhundert schlagen.

Sosehr aber dies alten Formen and Ideen weiterleben, ihr kultureller Nieder- schlug ist doch der Ausdruck einer neuen Gestaltung, dis im inneralpinen Raum zu einer noch vertieften stammlichen Gliederung führt. Nachrichten antiker Schriftsteller versetzen uns in die Lage, einzeln dieser Stämme nun auch bei ihrem Namen nennen tu können. Ihr Kernraum befindet sich im heutigen südlichen Salzburg, in Tirol, Vorarlberg, Liechtenstein und in der südlichen Schweiz, also in jenem Gebiet, das als die Heimat der Räter angesprochen wird. Dieser Kern bleibt auch noch unverändert, als da Imperium Romanum seine Hand nach den Alpen ausstreckt und, sie durchquerend, an die Donau vordringt. Römische Befestigungen, Straßenwachten und zivile Orte knüpfen an alte Siedlungen an, übernehmen ihre Namen und tragen sie weiter bis in jene Zeit, da der bajuvarisch Siedler da Innere der Alpen erreicht. Und: so wie dies im rätisdien Bereich bei Genaunen, Breunen, Isarken und Focuna- ten geschah, so auch im ostwärts an schließenden Gebiet der Noriker. Sie, die weitaus stärker unter keltischer Einwirkung gestanden waren, zumindesten aber staatsrechtlich als Einwohner des Regnum Noricum bezeichnet werden müssen, hatten in gleicher Weise die Erinnerungen an die ältere eisenzeitliche Hallstattkultur bewahrt und sie auch nicht aufgegeben, als sich römische Sitte von den großen Heerstraßen immer mehr in das abgeschlossen Bergland vorschob.

Durch fast ein ganzes Jahrtausend zieht somit eine einheitliche, in ihrem Kern gleichbleibende und nur in ihren Randerscheinungen leicht abgewandelte Tradition durch die Geschieht . Sie lehrt uns aus einer Gesamtbetrachturag aller einschlägigen Quellen, vor allem jener historischer und linguistischer Natur, daß diese Zeit der Hallstattkultur nichts anderes ist als das Werden, Blühen und Vergehen eines Volkes, der Illyrier. So führt die tiefgründige, alle Phänomene geistigen Lebens umfassende Betrachtung eines großen, weitverzweigten Fundgutes von seinem Ursprungsort zu wahrer, klar sich abhebender Geschichte. Uns aber, die wir heute dieses mühevollen Weges gedenken, freut es, daß es gerade Hallstatt war, da einem entscheidenden Zeitalter ältester europäischer Geschichte den Namen geben durfte.

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