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Marseille, die Stadt des Marius

Wer den Namen Marius oder Mireille hört, erinnert sich an die Stadt, wo allein diese beiden Namen ihre Heimat haben, und wer sie trägt, ist ein Kind jener Millionenstadt, die in ihrer Größe gleich nach Paris rangiert — Marseille,

Es gibt Städte, die haben einen Zauber und einen Klang, wo die Liebe auf den ersten Blick buchstäblich kommt. Für Marseille wird dies wohl niemand behaupten. Allerdings wer das Rhonetal herunterkommt, sei es mit dem Auto oder mit der Bahn, der fühlt, und ich glaube, er müßte dies mit blinden Augen, daß bald nach den verkarsteten Hügeln von Avignon die Luft anders, die Sonne voller und durchdringender und auch die Menschen in ihrem Gehaben andere geworden sind. Wir sind in der Provence und es ist nicht nur der alte historische Boden, wir stoßen hier auf die zahllosen antiken Ruinen, die so lebensvoll und ganz unantik anmuten, wenn wir etwa durch Arles oder Tarascon fahren. Hier wird eben antik gebaut und es ist das „Antike“ gleichsam das Wesensmäßige, so daß einem höchstens die neuen und in dem vergangenen Jahrhundert gebauten Häuser in die Augen stechen, weil sie ein Greuel sind und man dankbar wäre, wenn sie einmal verschwinden würden. Die antike Form ist allein die der Landschaft ebenbürtige.

Wer aber auf der Autostraße durch die Vorstädte in die Stadt Marseille hineinkommt, oder mag er plötzlich am Ausgang des Bahnhofs St.-Charles stehen, wo pompöse Stufen in das Zentrum der Stadt hinunterführen, vergißt mit einem Male die noch im Leben stehende Vergangenheit und ist erschlagen von der Masse eng aneinander-geklebter Häuser und ihrem gräulichen und greulichen Ton, der alle Vorstellungen und jede Phantasie in ein Nichts auflöst. Es ist wirklich verschwundene Geschichte, was uns Reiseführer und Historie berichten, daß diese Stadt kaum hundert Jahre später gegründet wurde als Rom. Unwiderruflich ist die Antike hinabgesunken in die Vergangenheit, spurlos und ohne Zeugen.

Die repräsentative und größte Straße der Stadt, die Canebiere, nimmt uns auf. Leicht abfallend, etwa eineinhalb Kilometer lang,führt sie tatsächlich vom Abendland zur unbekannten Ferne, von Europa nach Asien und Afrika; aber auch symbolisch. Was das Innere Afrikas an Gestalten und Farben, was die Geheimnisse des Nahen und Fernen Ostens bergen, dort unten um den Vieux Port gruppiert sich in den Bars und in schmalen Gassen, was alles • Gott je an Menschen werden ließ. Hie und da stoßt eine solche Gruppe weiter hinauf, aber weil sie sich doch nicht wohlfühlt unter der höheren Zivilisation, zieht sie sich gerne wieder zurück. *

Aber unten, der alte Hafen, den die alten Bilder und Kupferstiche reich bevölkert von Segelschiffen zeigen, wie er in der Phantasie eines jeden riditigen Märseiliers den Stolz auf die Vergangenheit weckt, birgt nur mehr leichte Segelboote und ein paar Privatjachten. Die beiden alten Wehrtürme, die als drohende Forts den Sarazenen Einhalt geboten haben, sind nun Kasernen und Gefängnisse. Die alte Seeräuberromantik hat sich modernisiert. Jenes Viertel, das mit seinen malerisdien Schlupfwinkeln, vielen Stockwerken tiefen Kellergewölben und unterirdischen Gängen schon den verfolgten Christen Schutz und Versteck geboten hatte, war im Jänner 1943 der berüchtigten deutschen „Durchkämmung“ verfallen und durch die Organisation Todt zum größten Teil in die Luft gesprengt worden. Auf einigen Quadratkilometern waren allein 48.000 Personen binnen weniger Stunden zum Auswandern verurteilt worden.

Aber links vom Hafen steigen die Straßen bergan und droben auf einem kahlen Karstfelsen steht das Wahrzeichen von Marseille, das in keinem Film und keinem noch so kitschigen Reiseandenken fehlen darf: Notre Dame de la Garde. Der Aufzug, der den bequemen Wallfahrer hinaufbringt, ist ein Musterbeispiel, wie man einen Berg verschandeln kann. Aber wer oben, nach Norden zu, die Massen der Häuser in ihrer Eintönigkeit gestreift hat, läßt gerne seinen begeisterten und farbetrunkenen Blick auf dem azurblauen Meere verweilen und vergißt ob'der Herrlichkeit und Farbigkeit des Bildes die Häßlichkeiten dieser Großstadt. Und dieser Eindruck mildert für immer das bisher empfangene Bild und erklärt es uns mehr als exotisches, trotzdem die Stadt in ihrem Bau ein Greuel ist. Selbst dort, nach dem Nordwesten, längs des neuen und modernen Hafens, wo Reede an Reede liegt, wo in Friedenszeiten Ozean riese an Ozeanriese lag, stören nicht die sich mehr als zehn Kilometer weit hinziehenden Bahnanlagen, Schuppen, Fabriken und Proletarierviertel. Bis hinaus nach Estaque überdeckt ein eigenartiger Schleier das trostlose Grauen der nach Hunderten zählenden Fabrikschlote. Denn hier mischt sich ungebrochene Romantik weiter unbekannter Länder mit dem Fleiß und der Realität geschäftlicher Tüchtigkeit. Dort quillt aus den Bäuchen der weiten Schiffe buchstäblich alles, was die Welt an Tieren, Produkten und Kostbarkeiten birgt; Seilbahnen stellen die Verbindung von Schiff zu Fabrik her und darunter auf einem Gewirre von Schienensträngen schieben Lokomotiven und Züge sich hin und her, so daß ein Knabenherz allein davon schon freudig erregt würde.

Aber wer die Ruhe und die Vornehmheit von Marseille sucht — der findet sie am östlichen Ufer des Meeres, der Corniche. Behäbig und geruhsam stehen in sich zurückgezogen, umgeben von Palmen, von Kakteen und exotischen Pflanzen, die wir sonst nur in Blumenkübeln und aus Glashäusern kennen, die freundlichen Villen da. Die Uferstraße hat keinen breiten Spazierweg und der Einheimische verirrt sich wenig hieher. Es lockt nur den Fremden, der immer wieder zum Meere strebt, das Spiel der Wellen an.

Ebbe und Flut Wogt auch hier nicht, sondern sie wird nur gebildet von den Strömen der Menschen, die sich auf den Verbindungs- und Querstraßen zwischen Präfektur quer über die Canebiere bis zum Güterbahnhof im Westen, dem Gare d'Arenc, in krausen Linien und wüstem Durcheinander ziehen. Da gibt es die Straßen, welche die Geheimnisse von Marseille bergen und vor denen Einheimische und gut vertraute Marseiller mit schüttelndem Kopf, eigenartigem Augenzwinkern und bezeichnender Handbewegung warnen. Denn hier lebt jene undefinierbare und aus alfer Welt stammende „Bevölkerung“ -von Marseille. Ich glaube, es gibt kein Land, das nicht seine Visitenkarte durch einen Vertreter hier abgegeben hätte. Alles, was das Meer angeschwemmt hat, sieht sich hier wenigstens vor seiner Weiterfahrt nach „Europa“ einmal dessen Zivilisation an, bemüht sich ein wenig zu akklimatisieren und versucht schon hier sein Glück zu machen. Und dann wieder die Gegenbewegung. Wer nirgendwo in dem müden Abendland sich wohlfühlt oder den sein Glück verlassen hat, versucht noch einmal die große Chance, bevor er über den Wassern in unbekannter Ferne sein Leben neu gewinnt oder ganz verliert. Ist es dann zu verwundern, daß auf diesem materiellen und menschlichen Umschlagplatz jeder und jedes zu haben ist um teures und billiges Geld, soweit eben die Sache oder der Mensch noch im Kurs steht.

Und zwischen ihnen haust Marius mit seiner Mireille. Wenn Marius heute die beliebte Witzfigur in seiner fast tollpatschigen, aber doch behäbigen Art ist, die es versteht, in unerschütterlicher Ruhe seinen proven-calischen Dialekt zu sprechen, der für jeden Nordfranzosen schaudererregend ist, und seine Beobachtungen und Kritiken in witziger Form von sich gibt, so ist doch dieser Marius nicht ausgestorben, sondern begegnet uns auf jeder Tram, in der kleinen stillen Bar zur geheiligten Stunde des Aperitifs oder sicher auf den Planken seines Bootes stehend, gelegentlich auch am Meeresufer seine Netze ausbessernd und ordnend. Er gibt der Stadt jenes Charakteristikum, in dem er die abgewogene Ruhe und Stete verkörpert.

Denn diese Stadt hat sonst nichts. Wenn wir von der romanischen Kirche von St.-Victor, die noch dazu „stilgerecht“ im neunzehnten Jahrhundert erneuert wurde, absehen, hat Marseille weder an Kunst noch an antiker Größe etwas zu bieten. Sie ist ein typisches Agglomerat des Handels, zusammengeschwemmter Menschen und aneinandergereihter Bars, in denen sich das Leben in einem solchen Maße abspielt, daß sie weder Tag noch Nacht, weder Sonntag noch Wochentag jemals ihre Türen schließen.

Das geistige Marseille lebt nicht in Marseille. Was an Kultur und Kunst hervorgegangen ist, wie ein Blondel oder, um nur

einen Namen noch zu nennen, Cezanne, muß man dreißig Kilometer vor den Toren der Stadt suchen: in Aix. Aber wir bleiben heute in Marseille. Es ist, als ob die ganze Tradition gebrochen und versunken wäre, gleich den antiken Bauten. Was da ist, ist nur ein Gemisch von südlichem Temperament, glutender Leidenschaft und hastender Jagd nach dem Leben.

Vor der Hitze und dem Lärm der ewig bimmelnden und pfeifenden, zu allen Tageszeiten gleich vollen Straßenbahn, dem Eldorado aller Schwarzfahrer, wo ich nie einen Revisor erlebte, weil er wahrscheinlich auch am Puffer oder an der verkehrten Seite sich hätte anhängen müssen, vor dem Gewürze verkaufenden Negern und Chinesen und um den Schnappsdiüssen der hinter-einanderstehenden Straßenphotographen zu entgehen, ziehe ich mich in das Heiligtum einer Bar zurück und sauge gedankenvoll an den mit reichlichem Eis gefüllten Glas eines Cap Corsc. Aber es ist nicht die edle Wissenschaft von den Mysterien des in hunderterlei Arten bereiteten Aperitifs, noch meine Absicht, auf deren Eigenart und Wirkung hinzuweisen.

Ich sinke zurück um Jahrhunderte und ich sehe Namen und Gestalten auftauchen, ich merke mir, emsig Zeile für Zeile schreibend, die Worte, die im ewigen Fluß der wohlgeformten Rede von dem beredten Munde unseres Kirchenhistorikers an der Alma mater Rudolf ina an mein Ohr dringen. — „... Massilia an der Rhonemündung war infolge seiner natürlichen Lage, seines blühenden Handels, des Zuströmens von Fremden, namentlich aus den Kulturzentren der griechischen und römischen Welt, bereits in heidnischer Zeit ein Mittelpunkt gelehrter Bildung geworden. Es blieb dies auch späterhin, als die Stadt christlich geworden war. Auf der Höhe stand der Ruhm der christlichen Massilia, als auf der unweit der Stadt gelegenen Insel Lerinum (St.-Honorat) eine Klosterniederlassung ihre Tore geöffnet hatte und sich bald zu einer Pflanzstätte christlicher Wissenschaft in Südgallien entwickelte. Mit dem Namen Lerin ist die Geschichte einer nicht geringen Zahl von hervorragenden Mönchen, Priestern, selbst Bischöfen des vierten und fünften Jahrhunderts für immer verknüpft. Auch aus der Reihe der massilianischen Priester selbst leuchten uns berühmte Namen entgegen, wie die eines Salvian, eines Gennadius, eines Cassian, des Gründers des Männerklosters von St.-Victor. Was Wunder, daß die Mönche und Priester von Massilia und dem benachbarten Lerin regen Anteil nahmen an den Kontroversen, welche die damalige theologische Welt bewegten. So verfolgten sie auch mit großem Interesse den Gnadenstreit, der in Nordafrika zwisdien Augustinus und verschiedenen Mönchen der Kongregation zu Hadrumet entstanden war. Viele, besonders aus den Mönchskreisen

Massilias, schlössen sich zu einer Opposition gegen Augustinus zusammen. Sie tadelten an dessen Gnadenlehre..aber da wecken mich ein fallender Eisenstuhl, klirrende Gläser und eine erregte Debatte aus der Vergangenheit, denn wie hier Zärtlichkeiten die Öffentlichkeit nicht scheuen, so tuen es auch hitzige Auseinandersetzungen nicht. Zum Überfluß quiekt eine mechanische Musik einen aufregenden alten Schlager.

Die Stadt, die kein Inkunabel, keine großen Dichter, keine großen Maler, noch

solche Baumeister hatte, aber auch keinen große.n Heiligen ihr Eigen nennt, hat nur einen Marius mit alltäglichen und platten Witzen. Hat er ihr das endgültige Gepräge gegeben? Ist es wirklich typisch, daß diese Stadt außer einigen Ketzern in ihrem bürgerlichen Dasein nur zwei große Männer beherbergte und auf sie Anspruch macht, den Genießer und Lebenskünstler Petronius und zweitausend Jahre später den Humoristen und Karikaturisten Daumier? Sie lebt nur das Leben in der Wirklichkeit mit aller Abgründigkeit und nur in der Gegenwart.

Ich stürme im Laufschritt um die Ecke und erreiche gerade noch die Straßenbahn nach Aix-en-Provence.

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