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Die dialektische Stadt

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Moskau entstand rund um den Kreml. Ausgangspunkt und Zentrum von Macht und Schönheit der Stadt, zieht der Kreml sich gleichzeitig aus ihr zurück, umgibt sich mit stummen roten Mauern, an deren wenigen Dören uniformierte Wächter, schrill pfeifend, die Gefährlichkeit des Ortes anzeigen. Nur vom anderen Flußufer aus gesehen stehen des,Kremls weiß-golden betürmte Bauwerke zitternd unbestimmt in der Luft und versprechen den Traum einer befreienden Harmonie. Bei fortschreitender Annäherung wird das Versprechen aber immer weniger glaubhaft, und wenn der Wanderer am Tor angelangt ist, gibt es das Versprechen fast nicht mehr, die Schönheit des Traumes ist versunken, ohne Hoffnung steht man vor dem abweisenden, stumpf-rötlichen, Mauerwerk.

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Moskau entstand rund um den Kreml. Ausgangspunkt und Zentrum von Macht und Schönheit der Stadt, zieht der Kreml sich gleichzeitig aus ihr zurück, umgibt sich mit stummen roten Mauern, an deren wenigen Dören uniformierte Wächter, schrill pfeifend, die Gefährlichkeit des Ortes anzeigen. Nur vom anderen Flußufer aus gesehen stehen des,Kremls weiß-golden betürmte Bauwerke zitternd unbestimmt in der Luft und versprechen den Traum einer befreienden Harmonie. Bei fortschreitender Annäherung wird das Versprechen aber immer weniger glaubhaft, und wenn der Wanderer am Tor angelangt ist, gibt es das Versprechen fast nicht mehr, die Schönheit des Traumes ist versunken, ohne Hoffnung steht man vor dem abweisenden, stumpf-rötlichen, Mauerwerk.

Zwar ist das Betreten des Kremls nicht unmöglich — zu gewissen Zeiten und bei genauer Beobachtung gewisser Bestimmungen, so das NichtÜbertreten weißer Linien, die über das Pflaster der Innenhöfe gezogen sind, kann ein Gang durch diesen Ort unternommen werden. Es ist allerdings ein riskantes Unternehmen: die dichte Nachbarschaft der hellen Schönheit der Kirchen und der weitläufigen, geduckt brütenden Gehäuse der Macht führt die zweifelhafte Vielschichtigkeit dieser Landschaft nur zu deutlich vor Augen. Eine Wanderung durch den Kreml ist ein Gang auf des Messers Schneide, der man nur auf zwei Wegen entkommen kann: Einer davon führt hinein in die Kirchen, deren Fresken und Tafelbilder den mühsam gebändigten Traum möglicher Vollkommenheit in Hunderten von Variationen durchträumen. *

Der zweite Ausweg führt hinaus durch das Tor auf den Platz. Der Rote Platz ist die Antiform des Kremls — kein Ergebnis architektonischen Planens, sondern scheinbares Zufallsprodukt, ungeformte asiatische Weite, die sich wie ein riesiges rollendes Gelächter erst erhebt, dann nachlässig absinkt, um, an den komplizierten Märchen der Basiliuskathedrale vorbei, unvermittelt abzufallen und sich in einer weiten Asphaltfläche zum Fluß hinab zu ergießen.

Außer dem zwar weithin sichtbaren, aber dennoch verborgenen und schwer zugänglichen Kreml und der selbstvergesssenen Leere des Roten Platzes besitzt die Stadt kein Zentrum, kein architektonisches Ensemble, das als solches bezeichnet werden könnte. Hin und wieder zwar tauchen im Weichbild der Stadt riesige architektonische Klumpen auf, die sich dem weichen Fluß der uneben dahinziehenden niedrigen Gassen sperrig entgegenstellen und eine feste Organisation der Stadt erzwingen wollen. So etwa die sieben oder acht stalinistischen Hochhäuser, entgegen allen Erkenntnissen der modernen Baukunst aufgehäufte graurötliche Türme aus Stein, überdimensionierte Nachbildungen der Kremltürme, deren Form, Anzahl und Lage sie gemäß der kranken Phantasie des Diktators in der Stadt wiederholen sollten. Doch ist ihr Bau ohne Folgen geblieben, ein ständiger Faustschlag ins Leere. Manchmal sind es ganze Straßenzüge, die Gorki-Straße, der Kalinin-Prospekt, deren uniforme Fronten mit den gleichaussehenden Läden den Menschenstrom gebieterisch in ihre lange Gerade reißen. Die Gerade zwingt den einzelnen zum Immer-weiter-Gehen, aber sein gespannter Blick stumpft bald ab, er verfällt in einen gleichmäßigen, müd-ausdauernden Trott, verliert alles Interesse an den viel zu hoch aufragenden, geraden Häusern und biegt schließlich durch einen Torbogen seitwärts ab.

Damit befindet er sich gleich in einer ganz anders gelagerten Landschaft. Die Häuserfront ist einstöckig und leicht faßbar, in weicher Perspektive senkt sie sich und wird von der nächsten Gasse weitergeführt. Auch hier gibt es viele Läden, manche sind in vorrevolutionärer Müdigkeit schon halb in den Erdboden versunken. Die Menge stößt urta rollt sich durch die Eingänge hinaus und herein, verläuft sich aber einige Gassen weiter. Die Armut der Häuser ist nicht Bedürftigkeit, ihre geborstenen Stuckverzierungen und ihre eingesunkenen Dächer kein Eingeständnis von Schwäche, sondern gerade ein Beweis ihrer menschenähnlichen Lebendigkeit. Von unbestimmter Farbe und unbestimmten Alters, ohne irgendeinen noch so bescheidenen Anspruch auf historische oder ästhetische Bedeutung zu erheben, bieten sie ihren Bewohnern oft nur ein tropfendes Dach über dem Kopf, zugige Fenster und feuchte Mauern, doch ihr Reichtum an' verwinkelten Räumen und schwer zugänglichen Ecken, die für unsinniges und kompliziertes Gerät eine schier unfaßbare Aufnahmefähigkeit besitzen, weist beredt auf eine zwar begrenzte, aber innerhalb dieser Grenzen doch weit entfaltbare Freizügigkeit hin.

Der herrschenden Partei scheint das naturhafte Leben dieser friedlich dahinziehenden Straßenzüge oft ein Dorn im Auge zu sein. Über Nacht werden dann ganze Stadtviertel, abgerissen, gelbliche Staubwolken stehen tagelang in der Luft, gelegte Feuerbrünste tun das Ihrige. Doch sonderbar — die neuerbauten Wohnblöcke altern überraschend schnell, in wenigen Jahren nehmen sie die grüngelbgraue Einheitsfarbe der Umgebung an, an den Ecken bröckelt der Verputz, die dunklen Hauseingänge sind von vielen erdigen Fußspuren belebt und die Dächer tropfen.

Ihre wahre Lebenskraft beziehen die Häuser und Häuschen der weiten Stadt aber nicht aus ihrem rührend schutzlosen Mauerwerk, sondern aus der reichhaltigen Verworrenheit ihrer Innenhöfe. Parkähnliche Baumgruppen gehen da in wirres Gestrüpp über, läge Zäune erfüllen einen unbestimmten Zweck, räderlose Autos ruhen auf Küchenstühlen aus, auch eine kleine, verlassene Kirche erhebt sich schlank und sorglos, und in einem halbvergessenen, fast schon nicht mehr existierenden Winkel finden sich nicht selten obskure Ämter, wie etwa ein „Amt für Ernährungsforschung der Bevölkerung des Moskauer Gebietes“. Meist sind die Höfe zufrieden und glücklich, doch hin und wieder werden sie von unerklärlichen Krankheiten befallen, vereinsamen, nur spärliches Unkraut gedeiht auf dem kahlen Erdboden, schlammige Riesenpfützen machen sie unbegehbar und versteckte Drahtschlingen jagen auch den letzten beharrlichen Fußgänger in die Flucht. Vielleicht verbarrikadiert sich auf diese Weise eine weit hinten gelegene Baustelle gegen jedwede Kontrolle von außen, vielleicht ist das Viertel zum Abbruch bestimmt und weigert sich störrisch, das Unabwendbare geschehen zu lassen.

Überhaupt scheint der ganzen Stadtlandschaft eine Tendenz zur Entwicklung eines funktionell nicht erklärbaren Eigenlebens innezuwoh-nen. So bilden sich nicht selten in der Stadt Plätze, die eigentlich keine Plätze sind, sondern nur riesige, irgendwie zufällig begrenzte Asphaltflächen, die besonders bei regennassem Wetter mit ihren vielerlei Vertiefungen, rissigen Kuppen und beinahe unermeßlichen Pfützen ein kaltes, blitzendes Spiel treiben. Manchmal führt von solch einem Platz eine scheinbar wichtige, breite Magistrale davon, überspannt weitausholend den Fluß, reicht noch ein Stückchen weiter, verliert dann aber allmählich an Schwung, verengt sich und wird zu einer gemächlich gepflasterten, stillen Gasse. Gerahmt von schmiedeeisernen Zäunen, hinter denen vernachlässigte Gärten ihrem kräftigen Grün die Zügel schießen lassen, findet sich hier vielleicht ein städtischer Adelssitz aus vergangener Zeit, in seiner äußeren Form eher bescheiden, gemütlichrundlich, und, wäre nicht die obligate klassizistische Säulenfront, einem riesigen Kachelofen nicht unähnlich. In der Farbtracht schließt er sich dem Üblichen an: gelblich oder grünlich, mit verschiedenen intensiven Grauschattierungen. Die ganze Stadt scheint sich ' in diese zwei geduldigen Farben zu teilen. Weiß ist für renovierte Kirchen reserviert, kräftige Blau- oder Orangetöne begegnen zwar hin und wieder, haben aber einen deutlich kleinbürgerlichprovinziellen Beigeschmack. Unverputzte Ziegelbauten sind besonders für den Wohnungsboom der späten fünfziger Jahre charakteristisch, als die Fertigbauweise noch nicht verwendet wurde. Sie gelten als besonders winterfest.

Die neuen Viertel der letzten Jahre entstehen nicht an den Ausfallstraßen der Stadt, sondern an den sich sternförmig ausbreitenden Linien der Untergrundbahn. Kräftige, gut proportionierte helle Wohnblöcke erstrecken sich in weit auseinandergezogener Bauweise über viele Kilometer bis an den fernen Horizont. Nach ihrer Fertigstellung werden die durch den Bau entstandenen Erdanhäufungen nicht etwa eingeebnet und mit künstlichem Rasen bepflanzt, sondern bleiben in ihrer natürlichen Wildheit zurück. Die zwar nicht unberührte, aber in ihrer Entwicklung kaum beengte Natur reicht bis ans Haustor — schon aus diesem Grund ist es ganz und gar unmöglich, von irgendeiner Grenze oder auch nur einem Übergang zu sprechen, der die Stadtlandschaft von der Naturlandschaft trennte. ( Eher durchdringen sich beide in unerwartet abenteuerlicher Weise.

Von einem neuen Viertel etwa ist am entfernten Horizont der nächste Stadtteil schon sichtbar, dazwischen liegen ein Waldstück und frei dahinziehende grüne Flächen. Diese unbebaute Landschaft entpuppt sich aber bei näherer Bekanntschaft als eine Ansammlung riesenhafter, unordentlich zusammengesetzter Bruchstücke, teils natürlicher, teils städtischer Herkunft. Ein weit ausschwingendes, von wildem Gras bewachsenes Feld, in dem zu zweit, zu dritt abendliche Spaziergänger unbestimmt dahinschlendern, Männer rauchend nebeneinander sitzend, in lange, halblaut geführte Gespräche vertieft. Jungen entzünden aus vorjährigem dürren Unkraut ein schwerfällig rauchendes Lagerfeuer. Die Wiese bricht plötzlich ab, senkt sich in einem steilen Abhang, auf dessen Grund sich ein Flüßchen schlängelt. Auf der anderen Seite dorniges, undurchdringliches Dik-kicht, das nach einiger Zeit in ausgedehnte Obstgärten übergeht. Nicht einfach Obstgärten, in denen die Bäume geordnet in Reih und Glied stehen, sondern ein wildes, großartiges Königreich der Äpfelbäume, wo das Gras bis an die Äste reicht, die Äste den ganzen Boden zu umarmen suchen, bei diesen Versuchen manchmal umstürzen, ineinander wachsen, in wahre Orgien knorriger, wuchernder Verschlungenheit ausbrechen und dabei auf ihren eigentlichen Zweck, den der Äpfelproduktion, ganz offensichtlich vergessen. Den Obstgärten folgen Kartoffelfelder und, so unglaublich es klingen mag, ein Dorf. Kleine, halbversunkene Holzhäuschen mit unzähligen An- und Zubauten, geschnitzten, buntbemalten Fensterrahmen sitzen tief im Grün der Gärten. Von weit drinnen dringt gelber Lampenschein. Wäsche flattert verloren an einer quergespannten Leine. Alte Frauen und ein paar Männer tragen in Eimern Wasser — ein Hydrant am Straßenrand dient als Wasserleitung für das ganze Dorf. Dahinter, scheinbar ganz nahe am nächsten Riesenbau der Stadt, Sumpflandschaft, Froschteiche, Birkenlichtungen und ein weiterer, fast leerer Lagerplatz für Baumaschinen.

Die ganze Stadt in ihrem vielfältigen Formenspiel ist gesättigt mit dem Geruch einer seltsamen, wildvegetativen Freiheit, deren oftmals brutal destruktive Gestik aber zugleich viele Räume schafft, in denen die verschiedensten Existenzformen gedeihen. Dieselbe Gestik hat sich auch auf die Bewohner der Stadt übertragen. Die harte Unbill des Lebens ertragen sie mit einer Geduld, die ihre Gutheit auch in dunklen Zeiten nicht erdrücken kann, sie nicht selten aber auch zu gleichgültiger Härte gegen sich selbst und die anderen kommen läßt. Ihre Gebärdensprache scheint vor allem aus einem weitausholenden Abwinken zu bestehen, das hoffnungsvolle Sehnsucht und grenzenlose Hoffnungslosigkeit zugleich in dialektisch perfekter Form zur Darstellung bringt.

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