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Umleitung über Lemberg

Es war in Slowenien. Auf der Strecke zwischen Rohitsch-Sauer-brunn und Windisch-Feistritz. Oder Rogaska-Slatina und Slovenska Bistrica, wie die beiden Orte jetzt heißen. Auf jener kurvenreichen, vor allem von leber- und galienkranken Österreichern befahrenen schlechten, alten Straße, die durch mehrere meist endlos geschlossen bleibende Bahnschranken unterbrochen wird. Ich fahre diese Strecke sehr oft und kenne sie wirklich gut. Das sanfte Auf und Ab der Hügel, alle durch den Eigensinn der angrenzenden Bauern verursachten tückischen Windungen der Straße, die Bauernhäuser mit den vielen Kukuruzkolben unter den noch mit Stroh oder Schindeln gedeckten Dächern. Und die verwitterten Wegtafeln mit den ungenauen Kilometerangaben.

An einem klaren Dezembertag, kurz vor Weihnachten, war ich wieder unterwegs auf dieseflStrecke. Ich staunte. Die Landschaft schien mir verändert. Ich kannte diese Gegend im Frühjahr, wenn die Wiesen gelb von Primeln waren, und auch später, wenn die Zwetschkenbäume ihre kleinen schneeweißen Blüten trugen; ein mühseliges Frühjahr für die

Weinbauern, die auf den Hängen in ihren Weingärten gruben, und auch ein mühsamer Sommer mit wenig Regen, mit viel Jäten und den Erdäpfel- und Rübenäckern. Auch den Herbst kannte ich dort mit den bunten Bäumen und den Weingärten, die von weitem aussahen wie eine strammstehende Armee farbenfroh kostümierter Zwerge. Auch im Winter war ich diese Strecke schon gefahren. Die Straßen waren meist schlecht gestreut. Hasenspuren verloren sich im Schnee.

Doch diesmal lag noch kein Schnee. Zäune, Dächer, Leitungsdrähte, Bäume, Sträucher — alles war mit dickem Rauhreif überzogen. Daß Rauhreif die Welt so verändern könnte, hätte ich nie gedacht. Alles war gleich lebendig, und alles war gleich tot. Man hätte meinen können, die Masten der Leitungsdrähte und die Häuser wären genauso gewachsen und hätten dieselben Wurzeln unter der Erde wie die Bäume in den Feldern.

Die standen da in dichten Reifpelz gehüllt, so weiß und so üppig, als würden sie blühen. Und manche bei der herbstlichen Ernte vergessene Äpfel und manche Zwetschken, die noch an den Ästen hingen, sahen von der Ferne aus wie riesige, weiße Rosen oder Tulpen aus den Gärten einer fernen, unbekannten Welt. Und in manchem Baum, an dem ich vorbeifuhr, vermutete ich Daphne. Vielleicht hatte sie sich, ohne ihre Anmut zu verlieren, auf der Flucht vor Apoll verwandelt. Jenseits der Mühsal, jenseits aller Leidenschaft waren die vom Rauhreif überzogenen Formen. Wie Dante und Beatrice oder Tristan und Isolde, die sich zu ewigem, ungestörtem Glück gefunden hatten, erschien mir manches Baumpaar, das an mir vorüberzog, so eng, so innig, so rein waren die eisbiühenden Zweige ineinander verschlungen. Und auch das Licht der weit im Süden stehenden Sonne blieb unwirklich und kühl, ließ die Formen ihre Schönheit, und wenn sich der Reif da und dort löste, so schwebte er sanft zu Boden oder blieb schon vorher auf einem anderen Ast, einem vergessenen Halm oder an einem Mauervor-sprung hängen.

Die Harmonie dieses Tages war durch nichts getrübt. Das Warten an den geschlossenen Bahnschranken fiel mir diesmal leicht. Der Frachtzug war schon längst vorübergekeucht, als sie sich langsam wieder hoben. Nicht einmal, als die Straße plötzlich durch eine Sperre endete, war ich ungehalten. Auf einer großen Stange, die man auf zwei Pflöcken quer über die Straße gelegt hatte, hing eine Tafel mit einem Pfeil, der auf einen schmalen Weg wies.

Ich kannte diese Abzweigung. Gefahren war ich sie allerdings noch nie. Bald nach Rohitsch-Sauerbrunn, wo die Straße ansteigt, ist rechter Hand an einem Masten eine kleine Holztafel angebracht, auf der “'in' schwarzer Schrift „Lemberg“ steht.

Warum sollte ich nicht einmal über Lemberg fahren? Ich bog in den schmalen, von Karren- und Traktorrädern zerfurchten Weg ein. Die Fahrt war wenig angenehm. Ich mußte achtgeben, nicht in die Wegfurchen zu geraten. Meine ölwanne, mein Benzintank und mein Auspuff waren in Gefahr.

Ich fuhr sehr langsam, da ich fürchtete, einem Auto zu begegnen. An ein Ausweichen war auf diesem schmalen Weg nicht zu denken.

Rauhreif bedeckte auch hier die Landschaft, und das abgeklärte Licht der Sonne gab ihm manchmal eine bläuliche Färbung. Dann und wann stieß eine Amsel oder eine Elster, die über die Felder flatterte, große, weiße Flocken von den Sträuchern, die den schmalen Weg säumten, und sie fielen sanft gegen meine Windschutzscheibe, blieben eine Zeitlang daran hängen, bis sie abrutschten.

Plötzlich fuhr ich im Schatten. Um mich herum aber lag alles im Sonnenlicht. Und noch bevor ich Zeit hatte zu schauen, woher der Schatten kommen könnte, überholte mich mit großer Geschwindigkeit ein schwerer Transportwagen.

Ich konnte mir nicht erklären, wie dies möglich war. Der Weg war so schmal, daß ich ihn kaum allein passieren konnte; wie war es möglich, daß dieser schwarze Wagen mir vorfuhr, ohne mich zu rammen, ohne an den Bäumen und Sträuchern am Wegrand anzustreifen? Ich war sehr erschrocken, bremste und hielt an. Ich erschrak noch mehr: auch der schwere Wagen vor mir blieb stehen. Nach einer Weile fuhr ich weiter, da setzte sich dieser auch wieder in Bewegung. Ich hoffte, er würde nun ebenso schnell wieder verschwinden, wie er mich überholt hatte, da ich den Gestank vor mir herfahrender Lastautos nicht vertrage.

Der schwere Wagen aber schien auf mich zu warten. Fuhr ich schneller, wurde auch er schneller, wurde ich langsamer, verringerte auch er seine Geschwindigkeit. Er fuhr gerade so, daß ich knapp hinter ihm herfahren mußte. Ich konnte nicht mehr sehen, wohin mein Weg führte. Ich sah vor mir nur die schwarze

Rückseite des hohen, verschlossenen Lastwagens.

Ich war über die Rücksichtslosigr keit dieses Fahrers ungehalten und versuchte, seine Visage aus dem Rückspiegel des Lastwagens zu entnehmen. Doch der war von dichtem Rauhreif überzogen. Also konnte der Fahrer mich auch nicht sehen. Wie hatte er dann bemerken können, daß ich stehenblieb? Wie konnte er sehen, daß ich die Geschwindigkeit änderte?

Ich bekam Angst. Besonders, als ich merkte, daß der Wagen keinen Auspuff hatte, keine Abgase verursachte, sondern völlig lautlos vor mir herfuhr. War es vielleicht ein batteriegetriebener Laster? Dazu war er wieder zu groß. Er fuhr auch zu schnell.

Ich hielt nochmals an. Und wieder blieb auch er stehen. Ich stieg aus und ging vor, um dem Lenker zu sagen, er solle diese dummen Witze lassen und so schnell, wie er mich überholt hatte, auch weiterfahren. Als ich zur Führerkabine des Wagens kam, stellte ich zu meiner Verwunderung fest, daß kein Chauffeur darinnen saß. Unter Aufbietung meiner ganzen Courage stieg ich auf das Trittbrett. Aber niemand war im Wagen. Auch nicht die Spur“ eines Menschen. Kein Rock, keine Flasche, kein Handschuh. Nur ein unbesetztes Volant. Ich ging vor das Auto. Auch dort entdeckte ich niemanden. Das •einzige, was man auf beiden Türen zur Führerkabine in geschwungenen Buchstaben sehen konnte, war die Aufschrift „Mirogoj“.

Ich ging zurück zu meinem Wagen. Sobald ich den Gang einlegte, setzte sich auch das Fahrzeug vor mir wieder in Bewegung. So fuhren wir eine Zeitlang hintereinander her. Nach und nach resignierte ich. Der Rauhreif auf den Bäumen wurde allmählich schwächer. Schließlich sah ich eine zerbeulte blecherne Ortstafel. Lemberg.

Nun also konnte es doch nicht mehr sehr weit sein bis zur Hauptstraße, hoffte ich. Doch da hielt der Wagen vor mir plötzlich an. Ich befand mich auf einem geräumigen Parkplatz. Ich sah viele Fahrzeuge aller Nationen und Typen.

Ich suchte nach der Ausfahrt aus diesem Automeer, aber ich konnte sie nicht finden. Sollte ich denselben Weg wieder zurückfahren? Ich suchte nach den Besitzern der Autos. Doch kein Mensch war zu sehen. Ich stieg aus.

Eine Zeitlan irrte ich ratlos von einem Wagen zum anderen. Wie durch viele Lautsprecher verstärkt, hörte ich eine Stimme. Sie rief: „Mirogoj.“ Dasselbe Wort, das ich auch an den beiden Türen des führerlosen Lastwagens gelesen hatte.

Ich schaute in die Richtung, aus der die Stimme kam und entdeckte einen schmalen Fußweg, der vom Parkplatz weiterführte. Die Landschaft wirkte hier überhaupt nicht winterlich. Offensichtlich war dieses Lemberg, von dem ich außer dem Parkplatz zwar noch nichts gesehen hatte, klimatisch sehr günstig gelegen. Auf den riesigen Birken, die den Platz umstanden, waren noch Blätter. Und auch die Sträucher, die den kaum einen halben Meier breiten Pfad, den ich eben gesehen hatte, säumten und überdachten, trugen Laub und kleine schwarze Beeren, ähnlich dem Liguster. Die Furcht und die Unruhe, die ich während der Fahrt verspürt hatte, waren hier auf dem Parkplatz von mir gewichen. Ich beschloß, diese schmale, dunkle Strauchschlucht zu durchschreiten.

Ich bereute meinen Entschluß schon nach den ersten Schritten. Äste, die gespickt waren mit kleinen, silbrig glänzenden Dornen, schnellten gegen mich. Bald stachen mich diese Nadeln im Gesicht, bald an den Armen, bald an den Beinen. Und als ich die Sträucher näher betrachtete, sah ich dahinter zwei abgezehrte, schmächtige Frauen in dunklen

Kleidern. Sie liefen von Strauch zu Strauch und spickten die Zweige mit neuen Dornen, die sie kleinen Schachteln entnahmen. Dann hängten sie sich mit ihrer ganzen schmächtigen Last an die Zweige und ließen sie in dem Augenblick, in dem ich vorbeiging, mit schrillem Kichern gegen mich schnellen.

Hinter mir hörte ich Schmerzens-schreie. Als ich mich umschaute, sah ich mehrere Gestalten, die gleich mir von den unglaublich behende hin und her laufenden schwarzen Strauchweibern mit Stachelzweigen traktiert wurden. Je weiter ich voranging, desto schwächer fühlte ich die auf mich einhackenden Zweige. Endlich kam ich zum Ende dieses merkwürdigen Heckenweges. Vor mir lag Lemberg. Auch hier war von winterlicher Kälte nichts zu spüren. Lemberg bestand aus ganz wenigen, eng an mehrere Berghänge gebauten Landhäusern. In den Fenstern der Veranden spiegelte sich sehr stark die Sonne. Ich mußte die Augen ganz eng zusammenkneifen, um nicht geblendet zu werden. Meine Sonnenbrille hatte ich im Wagen gelassen.

Die Sonne selbst war durch einen der vier hoch aufsteigenden Berge verdeckt. Diese vier Berge waren nicht bewaldet, auch keine Wiesen gab es an ihren Hängen; der blauschwarze Stein war von senkrechten, parallel verlaufenden Furchen durchzogen. Diese ungefähr einen Meter breiten Furchen gaben den Bergen das Aussehen riesiger blauer Kakteen. Auf wenigen Vorsprüngen bemerkte ich kleine Weingärten, zu denen aber kein Weg führte.

Auch die Häuser, die über tiefen Schluchten lagen, waren untereinander nicht mit Wegen verbunden.

Es reizte mich eigentlich wenig, den einzigen Weg, einen schmalen, in schwindelerregender Höhe zu einem Haus führenden Saumpfad, zu gehen. Da es aber die einzige Möglichkeit war, weiterzukomimen, und mir eine nochmalige Passage des Heckenweges wegen der beiden Frauen, von denen ich auf einmal wußte, daß sie Schwestern waren, wenig einladend schien, entschloß ich mich doch, diesen Weg einzuschlagen.

Kaum hatte ich ihn betreten, hörte ich wieder, diesmal aus der Richtung des Hauses kommend, auf das ich zuging, mit starker Stimme das Wort „Mirogoj“ rufen. Obwohl ich mit dem Weg genug beschäftigt war und achtgeben mußte, nicht in die steil abfallende Kluft, die sich rechts von mir auftat, hinunterzufallen, verstand ich plötzlich das Wort „Mirogoj“. Es heißt Friedensgegend. Wie ich inzwischen erfahren habe, heißt der Berg über Agram, auf dem sich der große Friedhof befindet, auch so.

Endlich war ich beim Haus. Ein Landhaus mit Flachdach. Die Tür stand offen. Ich trat in die Diele. Ich erinnere mich nicht mehr an deren Einrichtung. Nur an den Spiegel neben der Kleiderablage. Ein Zerrspiegel, der die Augen merkwürdig vergrößerte und durch bestimmte optische Effekte das Gesicht faltenlos machte. Der Mund erschien sehr klein und zusammengequetscht. Ich veränderte die Position meines Gesichtes. Doch der Ausdruck blieb derselbe.

Ich verweilte ziemlich lange vor dem Spiegel. Als ich zurücktrat, sah ich zu meinem Schrecken, daß eine hohe terrakottf arbene Bodenvase, die dem Spiegel gegenüberstand, in diesem aussah wie in Wirklichkeit. Ich griff zu meinem Mund und fühlte, daß er tatsächlich so klein und spitz geworden war, wie der Spiegel ihn zeigte.

Mein Schrecken wich bald wieder der gleichgültigen Neugier, mit der ich alles um mich beobachtete. Auch der harte Schlag, mit' dem die Haustür zufiel, beunruhigte mich nicht mehr. Ich versuchte gar nicht, sie wieder zu öffnen. Ich wußte, daß ich den Weg, den ich gekommen war, nicht mehr zurückgehen konnte.

Also ging ich weiter. Bald stand ich auf der großen, weit über die tief abfallende Schlucht hinausragende Terrasse des Hauses. Ich sah die Weingärten, in denen große Trauben an den Reben hingen, und ich sah die seltsamen Furchen in den Bergen. Da trat plötzlich ein Mann auf mich zu. Ich würde ihn heute nicht mehr erkennen. Sehr höflich gab er mir zu verstehen, daß ich meine Kleider ablegen solle. Es war sehr warm in Lemberg. Ich schwitzte in meinem pelzgefütterten Wintermantel.

Der unbekannte Herr nahm mir den Mantel ab und gab mir als Ersatz einen wetterfleckähnlichen grauen Umhang, dessen Ränder dunkelgrün besetzt waren. Zwei schösselartige Stofflatze hingen mir von den Ärmelöffnungen über die Brust, als hätte ich einen altmodischen Schwalbenschwanz verkehrt angezogen. Obwohl mir dieses neue Kleidungsstück höchst ungewohnt war, fühlte ich mich ganz wohl darin. Es paßte mir auch. Gerne hätte ich mich in einem Spiegel betrachtet. Doch ich wollte nicht mehr zurückgehen in die Diele. Irgend etwas hielt mich Jayon ab.

Der freundliche Garderobier verneigte sich leicht und machte eine höflich einladende Geste, als würde er mich auffordern, als erster durch eine Tür zu gehen. Es gab aber keine Tür. Verstand ich die Geste des Mannes recht, so sollte ich vom Rand der Terrasse in die Schlucht springen.

Begreiflicherweise sträubte ich mich. Der neben mir wiederholte seine stumme Aufforderung. Die Terrasse hatte kein Geländer. In unmittelbarer Nähe sah ich ein anderes Haus. Auf dessen Terrasse drängten sich Leute, ähnlich gekleidet wie ich. Zögernd standen sie am Rand der Terrasse. Dann sprangen sie. Ich schaute ihnen nach. Die meisten von ihnen stürzten nicht ab, sondern schwebten sanft zu grottenähnlichen Öffnungen in den Bergen.

Manche fielen in die Tiefe. Sie blieben aber unverletzt. Mühsam kletterten sie in den Furche^ entlang der Bergrücken nach oben. Ich sah eine Gestalt von einem Weingarten zum anderen schweben.

Mein Betreuer ließ nicht ab, mich zum Sprung aufzufordern. Sein Ansinnen schien mir nun hiebt mehr so abwegig. Ich fühlte in mir die Kraft zum Sprung. Ich konzentrierte mich auf eine Öffnung im blau schimmernden Berg gegenüber. Ich sprang. Ich fühlte, daß ich mit unbeirrbarer Sicherheit jener Grotte zuschwebte, in die ich gelangen wollte.

Am Eingang der Grotte hörte ich wieder, jetzt schon zum drittenmal, eine Stimme „Mirogoj“ rufen. Von den Wänden im Inneren des blauen Berges antwortete ein vielfaches Echo. Ich betrat die Grotte. Als sich meine Augen an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten, sah ich, daß ich mich in einem großen Saal befand. Ich war nicht allein. Ich bemerkte mehrere Gestalten. Sie kümmerten sich nicht um mich. Meist bewegten sie sich mit angstvollen Gebärden vor großen Spiegeln und griffen sich ins Gesicht. Auch ich trat vor einen solchen Spiegel und sah zu meinem Erstaunen, daß mein Mund noch kleiner geworden war.

Ich sah mich um im Saal. Außer den Spiegeln und den Gestalten davor konnte ich nichts entdecken. Ich ging weiter, zum hohen offenen Portal, das in einen zweiten, noch größeren Saal führte. Beim Eingang sah ich einige Gestalten beisammenstehen und bemerkte, daß sich in deren Gesichtern ähnliche Veränderungen zeigten wie in dem meinen. Auch war es mir unmöglich zu erkennen, welche der Gestalten ein Mann und welche eine Frau war. Der Gesichtsausdruck war fast bei allen ähnlich, und die merkwürdigen Kleidungsstücke ließen keinerlei diesbezügliche Unterscheidungen zu. Auch in diesem zweiten Saal waren die Wände mit Spiegeln verkleidet. Mein Mund und meine Nase waren nur noch andeutungsweise zu erkennen.

Ich ging in den nächsten Saal. Wieder gedämpftes bläuliches Licht, wieder Spiegel an den Wänden. Jetzt blickten mir aus den Spiegeln nur noch meine Augen entgegen. Ich sah, daß mehrere den Saal wieder verließen. Obwohl die Tür nur sehr schmal war, konnten viele schnell und ohne Mühe gleichzeitig durch.

Ich kam vor eine verschlossene Tür. Ich war gewiß, daß dahinter der letzte Saal der Grotte lag und daß ich bald ins Freie gelangen würde. Die Tür hatte keine Schnalle und kein Schloß. Ich erinnerte mich an meinen Sprung von der Terrasse des Landhauses. Und schneller als ich denken konnte, gelangte ich ins Freie. Das Tal, in dem ich mich befand, lag hinter Lemberg und hieß „Tal der erfüllten Wünsche“.

Diese Gegend verwirrt jeden, der sie zum erstenmal betritt. Prächtige Paläste stehen in Gärten voll nie verwelkender Bäume mit großen, weißen Blüten an den Ästen. Und an derselben Stelle, wo die Paläste stehen, erheben sich auch Berge. Durch die Fenster der Paläste und durch die Gärten tosen Wildbäche, ohne deren Bewohner zu stören, ohne die Bäume und Blumen zu vernichten. In Sekundenschnelle wechseln die Bilder. Dort, wo die Paläste standen, dehnen sich friedliche Felder, auf denen üppiges Getreide wogt, das sich wieder, bevor sich noch ein Schnitter dieser Ernte erfreuen könnte, in dürr,e Wüsten oder spiegelglatte Bergseen verwandeln kann. Anfangs konnte ich mir dieses Nebeneinander nicht erklären. Wie konnten ein Gebirge und ein Palast an derselben Stelle Platz haben?

Seit längerem erschrak ich wieder. Ein Fasan kam stolz auf mich zu. Kam näher. Ich wollte ihm ausweichen, doch da war er schon durch mich durchgegangen. Jetzt erkannte ich, daß in diesen Gegenden die Gesetze der Physik nicht mehr gelten. Ich erkannte auch, daß hier der Ort war, an dem alle Wünsche in Erfüllung gehen.

Einer neben mir erfreute sich an riesigen goldenen Bergen, die er, beseligt vor sich hinblickend, höher und höher werden ließ. Ein anderer wieder stand umschlungen mit einer anderen Gestalt in seligster Verzückung.

Ich verließ das Tal der erfüllten Wünsche. Mich interessierte die weite Ebene, aus der schon seit längerem hin und wieder leise Musik herübertönte.

Es war keine Musik von Instrumenten gespielt, auch keine von Stimmen gesungen. Je näher ich an dieses ebene Feld kam, desto deutlicher wurde sie. Jetzt erst war Ich in Mirogoj. Auf dem Feld des Friedens. Wo kein Wunsch, keine Sehnsucht, keine Leidenschaft mehr die Ruhe stört, wo sich nichts mehr bewegt, wo es nur das stille Innehalten in ewiger Zufriedenheit gibt. Versöhnt träumen Daphne und Apoll. Hier stört keine Marke mehr Isoldes Glück mit Tristan.

Die Musik wurde lauter und lauter. So laut, bis ich den höheren Gang einlegte, da ich wieder auf die Hauptstraße gelangt war und schneller fahren konnte. Ich hatte auch wieder Zeit, mich an der reifbedeckten Landschaft im kühlen Wintersonnenglanz zu erfreuen. Und als ich nach Marburg kam und an der großen Kreuzung auf die Uhr der Franziskanerkirche schaute, war ich sehr erstaunt, daß ich mich trotz dieser Umleitung über Lemberg nicht verspätet hatte (Europa-Verlag).

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