6920261-1981_41_27.jpg
Digital In Arbeit

Die falsche Seite

Kurz nachdem ein kühler Regenschauer vom Himmel gesprengt und schon wieder tiefhängendes Gewölk heraufgezogen war, dachte er, soeben im Begriff, die letzten Häuser der Oberstadt hinter sich zu lassen und schon sein Ziel, das nahe Dorf in der weiten Senke vor sich sehend, daß es nach einem Unwetter ausschaue und es gescheiter sei, den Besuch im Dorf auf einen anderen Tag zu verschieben. In diesem Augenblick, als er seine Schritte schon verhalten wollte, rief ihn, die Worte schnell und dicht beieinander hervorstoßend, schräg von hinten aus einem Haus eine Frauenstimme an: Gehen Sie diesen Weg nicht weiter, guter Mann, gehen Sie zurück und helfen Sie sich und uns allen. — Dies wollte ich soeben, erwiderte er lächelnd, wie man einem etwas entwaffnenden Scherz begegnet. Doch im Umkehren, die Schritte schon wieder zur Stadt lenkend, sah er, daß alle Fenster und Türen der Häuser geschlossen waren, mit Ausnahme eines dämmrigen Hausflurs, dessen Tür offenstand, aber auch dort zeigte sich nirgends ein menschliches Wesen. Vielleicht war die Frauenstimme nur eine Täuschung gewesen, dann war es peinlich, daß er laut darauf geantwortet hatte. Aber es scheint mich ja niemand gehört zu haben, sagte er sich, und, mit der Hand nach der Brusttasche seines Rockes tastend, dachte er, wie gut übrigens, daß ich, als ich die Wohnung verließ, die Papiere zu mir steckte, die Worte der Frau waren so scharf und wahllos gewesen, sie hätte ebensogut verlangen können, daß ich mich vor ihr auswiese. Als er den Blick zu den Wolken wandte, zogen diese tief und dunkel über die abschüssige Straße hinab, über die untere Stadt hin, einige Vögel, in dieselbe Richtung fliegend, jagten so pfeilschnell dahin, daß es aussah, als seien schwarze Drähte unter dem Himmel durch die Luft gespannt. Er glaubte die Schritte beschleunigen zu sollen, aber noch ließ er sich Zeit, einen Blick über die Hecken der Vorgärten zu werfen, auf die ermüdeten Stengel schon entblätterter Tulpen, auf die dichten Fliederbüsche, deren lila Blüten sich schon bräunten, einmal glaubte er, hinter einem der Fenster der villenartigen, aus Vorkriegszeiten stammenden Häuser habe sich eine Gardine bewegt, da ging er weiter, um die Bewohner durch sein Schauen in die Gärten nicht zu verwundern. Er traf auf eine Schar spielender Kinder, die mit Kreide große Quadrate über das Pflaster gezeichnet hatten, um die Quadrate nicht zu betreten, wich er zum Rand

Wolfgang Hilbig, Lyriker aus Berlin-Ost, gibt hier sein Prosa-Debüt.

des Trottoirs aus, doch die Kinder vertraten ihm den Weg. Im Spiel innehaltend betrachteten sie ihn schweigend, Erstaunen in den Blicken, wie es ihm schien, und der älteste, am besten gekleidete der Knaben sagte mit einer, einem Kind völlig unangemessenen Strenge: Sie müssen die linke Straßenseite benutzen, mein Herr, hier zu spazieren ist für Sie verboten. — Verwirrt, aber mehr über ein unwillkürliches Tasten seiner Hand nach seinen Ausweispapieren als über die offenbare Frechheit des Kindes, verschluckte er die scharfe Erwiderung, die er schon auf der Zunge hatte, ihm fiel eine kaum merkliche Bewegung der Gardine hinter einem der Fenster ein, wahrscheinlich hatte der Knabe eine starke Unterstützung von den erwachsenen Bewohnern dieser Häuser zu erhoffen, es lag nichts Kindliches in seinem geraden, unbeugsamen Blick, dafür die vollkommene

Überzeugung von einem Recht auf jene ungeheure Forderung. Da nun auch die ersten Regentropfen zu spüren waren, war es besser, unnötigen Aufenthalt zu vermeiden, und er begab sich, etwas unglücklich lächelnd, auf die linke Straßenseite, wo jedoch das Trottoir oben, auf einer hohen Böschung sich befand, die nur in großen Abständen über Treppen zu ersteigen war, so daß er ungefähr hundert Meter im Rinnstein der schlammbedeckten Straße gehen mußte, und als er zu den Häusern auf dieser Seite aufsah, wähnte,er das Lachen der Gesichter hinter den Vorhängen zu spüren. Zu allem Überfluß raste noch ein Automobil derart rücksichtslos die Straße hinauf, daß seine Beinkleider und Schuhe augenblicklich mit Schlammspritzern bedeckt waren. Das Auto wendete oben scharf und kam in noch schnellerem Tempo zurück, diesmal auf der falschen Seite der Fahrbahn^, fuhr es, ihn erneut bis zur Hälfte bespritzend, so dicht an ihm vorbei, daß

der Luftzug ihn ins Straucheln brachte und er sich, um nicht gänzlich zu fallen, mit den Händen im schmutzigen Gras der Böschung abstützen mußte. So gerät ein alter Narr beinahe auf einem harmlosen Spaziergang zu Tode, nur weil er dummerweise, statt sauberer Bürgersteige, die bedreckte Straße benutzt, dachte er wütend und ging endlich schneller, gehetzt beinahe, vom jämmerlichen Anblick seiner verdorbenen Kleider, vom stärker werdenden Regen, vom höhnischen Lachen der Leute, das er sich einbildete, und von einem leisen Singen, das ihm in den Ohren schwirrte, dem Tönen feiner imaginärer Drähte, in der Luft von Wind und Regen angerührt, die die Nachricht seines Jammers über die Stadt verbreiteten. Schnell bog er, indem er noch rascher ausschritt, in die nächste Seitenstraße ein, die mehr einem breiten Sandweg glich, und obgleich dieser Weg ihn noch weiter wegführen mußte von seiner Wohnung, die er auf einem Umweg zu erreichen gedachte, nur um dieser unglückseligen Straße zu entkommen. Doch in dieser Seitenstraße stand das Auto, das eben noch so wild vorübergejagt war, eine breite schwarze Limousine, eine ihrer Türen öffnete sich, und in Eile stieg ein jüngerer hochgewachsener Herr aus, ohne Mantel, in einem hellgrauen, auf feine schimmernde Art karierten Anzug und über einer blaßro-sa Hemdbrust mit einer dunkelroten, flatternden Krawatte geschmückt, schien er mit absichtsvoller Dezenz gekleidet, die seine gewichtige Eile noch unterstrich, die aber doch zu gesucht wirkte in dem Augenblick, als er, schnell über die Schulter dem Chauffeur eine unhörbare Instruktion hinwerfend, die Wagentür offen lassend, herankam, und im Ausschreiten kaum innehaltend, sich sofort wieder abwendend, rief, indem er weder auf die Verwirrung seines Gegenübers achtete, noch eine Antwort zu erwarten schien: Sie müssen umkehren, junger Mann, und zwar so schnell wie möglich, es muß Ihnen doch aufgefallen sein, daß diese Straße hier gesperrt wird. — Denn nichts von einer Absperrung war auf dieser Straße zu sehen. Hinzu kam, das „junger Mann" war ungehörig, denn der hellgraue Herr war augenscheinlich viel jünger als er. — Also beeilen Sie sich, kehren Sie um, rief der Jüngere noch einmal, diesmal schon in scharfem, drohend klingendem Ton, während noch ein zweiter, älter wir-

kender Herr aus dem Wagen stieg, um ebenso entschlossen heranzuschreiten, dann aber, den ersteren erwartend, doch stehenblieb, die beiden kehrten, sich ansehend, darauf wie auf ein Zeichen mit den Köpfen schüttelnd, in das Automobil zurück, das sofort davonfuhr. — Nun ist es zu spät, dachte er, empört auf der Stelle stehend, und ich bin tatsächlich jener kinderleicht zu überrumpelnde Narr, den hier jeder in mir zu sehen glaubt. Was habe ich nicht eine Erklärung verlangt. Ich hätte verlangen können, daß man sich vor mir entschuldigt, ja, ich hätte mich sogar anderswo beschweren können — aber es scheint, daß dieser Gedanke schon jetzt zu spät kommt — nein, ich hätte verlangen können, daß mir die Ausweise gezeigt werden. — Aber er wußte nicht, wo dieses anderswo, jener Ort seiner Beschwerde, war, er ahnte, daß er dort auf die gleichen Leute getroffen wäre, die ihn hier überrumpelt hatten. — Es schien ihm, als habe er unausdenkbar lange auf der Stelle gestanden, er fand es plötzlich abscheulich, sich von irgendwem die Ausweise zeigen zu iassen, welch ein abscheulicher Übergriff, dachte er, ist es nicht schon schrecklich genug, daß man dieses brutale Dokument bei sich tragen muß. — Es sind Gedanken, vergleichbar den Bewegungen von Marionetten, dachte er, und es ist eigentlich unerhört, daß man gewohnt ist, sich beim geringsten Übel in dieses

System abscheulicher Mittel zu flüchten. — Er fand sich schon wieder auf der soeben verlassenen Straße und stand nach wenigen Schritten in die alte Richtung vor einer wirklichen Absperrung. Quer über die ganze Straße war ein Graben ausgeschachtet, in dem einige Arbeiter in Gummimänteln hantierten, der Graben war so tief, daß nur ihre Köpfe herausschauten, und die Arbeiter schienen so intensiv beschäftigt, daß sie seiner nicht achteten. Er wußte später nicht mehr, ob er die Arbeiter angeredet hatte, sie vielleicht gebeten hatte, ihm ein Brett über den Graben zu legen, damit er den Weg fortsetzen könne, oder ob seine Stimme in ihm steckengeblieben war. Jedenfalls schienen ihn die Arbeiter überhaupt nicht zu bemerken, und es war auch schon zu spät. Mit lautem Bremsgeräusch hielt hinter ihm die schwarze Limousine, und der hellgraue junge Mann sprang heraus. — Jetzt ist es genug, hörte er die strenge Stimme, steigen Sie ein. — Er erkannte sofort, daß es sinnlos war zu widersprechen, und bebend, unglücklich behindert von seinem Mantel, nahm er auf dem Rücksitz Platz, nicht ohne die mißbilligenden Blicke des jungen Mannes zu spüren, der den Schmutz bemerkt hatte, der von seinen Schuhen auf die Fußmatte des Wagens fiel. Er mußte auf dem Rücksitz beengt zwischen den Körpern zweier Männer sitzen, und noch ehe die Tür ins Schloß fiel, fuhr der Wagen scharf an, daß er gegen das Rückenpolster geworfen wurde und sich zwischen zwei Schultern eingeklemmt fühlte. — Wohin bringen Sie mich, wagte er endlich zu fragen, doch er erhielt keine Antwort. Statt dessen beugte sich der hellgraue junge Mann, das schimmernde weiche Jackett gegen das Dunkel seines Mantels drük-kend, über ihn, er fühlte die Blicke dieses plötzlich so nahen Gesichts in dem seinen, doch diese Augen wandten sich schnell ab, als er in ihnen Rat oder nur Erbarmen suchte, er sah vor seinem Gesicht die schlanke Hand des Hellgrauen eine unbestimmte, verzeihenerheischende Drehung vollführen, ehe sie bUtzschnell unter seinen Rockaufschlag fuhr, erschrocken fühlte er die warme geschickte Hand, bemerkte wie sie, ohne zu suchen, seine Ausweispapiere ergriff und herauszog. Ohne hineinzusehen barg der Graukarierte die Papiere in seinem Jackett und zündete, sich im Polster zurücklehnend, eine lange, sichtbar teuere Zigarre an, die Luft erleichtert hervorstoßend wie nach einer erledigten, unangenehmen Pflicht. — Wo wir Sie hinbringen, bequemte man sich, als seine Frage schon fast vergessen schien, endlich zu einer Antwort, und es war der ältere der beiden Männer, dem ab jetzt das Wort zu führen wahrscheinlich oblag, da wo der richtige Weg ist, wir zeigen es Dir schon früh genug. — Die merkliche Ironie, das schlechte Deutsch, die unhöfliche tyrannische Formulierung, dies alles ließ ihn erschauern, er begriff, daß nun jedes Aufbegehren, ja, jede Frage gegen ihn ausgelegt würde. Der Wagen fuhr unterdessen in rasendem Tempo, der Regen war so stark geworden, daß hinter den überströmten Scheiben links und rechts nichts zu erkennen war, neben dem Kopf des Fahrers, durch die vom Scheibenwischer gezogene Bahn, sah er dunkles Laub von Bäumen oder Büschen vorbeischießen, manchmal Häuser, lange fuhr der Wagen so, die Reifen auf dem Asphalt sangen wie Drähte. Als der Wagen einmal hielt, wie auf dem Sprung und mit laufendem Motor, war ein Lärm, als wenn große eiserne Tore geöffnet wurden, dann ging die Fahrt weiter, ohnmächtig, schnell, und vielleicht für lange.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau