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Was bleibt?

Kalasanz war mit seinem Auto unterwegs. Er gehörte einer privilegierten Klasse an. Kalasanz war Wissenschafter. Daneben gab es noch andere privilegierte Klassen; zum Beispiel die der Kaufleute oder die der Beamten.

Nachdem die Erdölvorräte der Welt zu Ende gegangen waren und man den Treibstoff für Automobile durch Verflüssigung der noch vorhandenen Kohlevorräte herstellte, waren nur noch Menschen in höchsten Positionen im Besitz solcher Fahrzeuge.

Kalasanz hatte den Auftrag, an diesem Tag ein Wasserkraftwerk zu inspizieren. Kraftwerke, die durch Verbrennung von öl oder Kohle elektrischen Strom erzeugen, wareaschon vor vielen Jahren stillgelegt worden. Vor kurzem hatte man das letzte Kernkraftwerk stillgelegt. Denn trotz aller Anstrengungen war es nie gelungen, ihren Betrieb sicher zu gestalten. Die Unfallrate hatte das erträgliche Maß überschritten. Weite Landstriche waren verseucht und unbewohnbar geworden. Allerdings war auch in den letzten Jahrzehnten durch Katastrophen und Hungersnöte die Bevölkerung der drei Staaten der Erde in solch einem Maß zurückgegangen, daß der Energiebedarf mit Leichtigkeit durch die vorhandenen Wasserkraftwerke gedeckt werden konnte.

Kalasanz fuhr auf der menschenleeren Straße über eine der Hochebenen seines Landes dem Gebirge zu. Nach dem letzten Konzentrationsbefehl der Regierung war nur mehr jedes dritte Dorf bewohnt. Es war gespenstisch, durch ein leeres Dorf zu fahren. War einmal das Glas in den Fenstern der Häuser zerbrochen und das Dach vom Sturm zerstört, so schritt der Verfall sehr rasch voran.

Die Landstriche, die von den Bauern verlassen wurden, waren jetzt, im Frühjahr, besonders schön. Die leichte Verwilderung erinnerte an englische Gärten. In den Wiesen standen junge Bäume; Gruppen von Gebüsch. Blu-; men gab es in allen Farben und Größen. Uber dem vielfältigen Grün stand der helle Himmel mit einigen Schönwetterwolken; klare, erfrischende, warme Luft, die Kalasanz dankbar atmete.

Im Abstand von etwa zwei Kilometern standen am Straßenrand die Unterstände. Das war die offizielle Bezeichnung. Es handelte sich um kleine, strahlengesicherte Bunker, die das Uberleben eines Atomkrieges ermöglichen sollten. Sie waren so eingerichtet, daß sie für drei bis fünf Menschen etwa eine Woche bewohnbar waren; zumindest was Lebensmittel, Luftfilterabnützung und Wasserversorgung betraf. In den Städten waren große Unterstände, viele Stockwerke hoch, gebaut worden; ähnlich den Flaktürmen Deutschlands während des Zweiten Weltkrieges; in den Dörfern je nach Bedarf kleinere.

wie jedes Mitglied der privilegierten Klassen hatte Kalasanz seinen Phonograph bei sich. Meist wurde dieser, er hatte ungefähr ein Drittel der Größe einer Zigarettenschachtel, an einer Kette um den Hals getragen und gerne in eine der oberen Taschen der Einheitsjacke gesteckt. Das waren sakko-artige Jakken, die im Schnitt für jeden Bürger des Landes völlig gleich waren. Die einzige Ausnahme für die privilegierten Klassen war ein Material besserer Qualität.

Mit Hilfedes Phonographen war jeder Privilegierte von seiner Leitzentrale immer zu erreichen. Verwendet wurde dieses Gerät selten. Aber die Leitzentrale konnte mit Hilfe des Phonographsystems jederzeit den Standort der Mitglieder der privilegierten Klassen kontrollieren.

Der Phonograph, den er benützte, hatte wochenlang geschwiegen. Jetzt aber sprang der Phonograph an, wie es in der Fachsprache hieß, die sich um dieses Gerät gebildet hatte. An der Sequenz der Pfeiftöne, die der Durchsage vorangingen, konnte Kalasanz erkennen, daß es sich nicht um eine persönliche Mitteilung, sondern um eine Botschaft allgemeiner Bedeutung handeln würde. Nach fünf Sekunden Vorwarnung - ungewöhnlich kurz - kam die Meldung: jeder habe sofort den nächstgelegenen Unterstand aufzusuchen, weitere Instruktionen werden folgen.

Kkalasanz hatte in einer Entfernung von etwa hundert Meter den nächsten Unterstand vor sich. Er beschleunigte noch, bremste dann scharf und kam genau vor der Türe des Unterstands zum Stehen. Er stieg aus, öffnete die schwere Blei-Beton-Türe, schloß sie sorgfältig hinter sich, schaltete das Licht-Luft-Aggregat ein und setzte sich in einen Stuhl. Es dauerte genau einen Atemzug lang und es war soweit. Vom Empfang der Meldung bis jetzt, so stellte Kalasanz fest, waren fünfundfünfzig Sekunden vergangen.

Ja, es war soweit. Zuerst hörte Kalasanz auf- und abschwellendes Pfeifen durch die dicken Betonwände, so als ob ein Sturm über eine Holzhütte blasen würde. Dann ein Prasseln wie starker Hagelschlag. Danach Donner und wieder Donner; von lang anhaltendem dumpfem Grollen bis zu kurzen, harten Donnerschlägen, die nur Bruchteile einer Sekunde dauerten. Etwa eine halbe Stunde und es war totenstill. Kalasanz hörte, wie das Licht-Luft-Aggregat arbeitete. Eine solide Konstruktion, stellte er fest.

Nach einer weiteren Viertelstunde meldete sich die Leitstelle: trotz der vielfachen Sicherungseinrichtungen ist durch das gleichzeitige Versagen von vier getrennten Kontrollkreisen und das zusätzliche menschliche Versagen des höchsten Militärbeamten das Unmögliche eingetreten. Das atomare Potential des Landes, das auf die zwei Gegenstaaten gerichtet war, wurde abgefeuert, und der automatisch erfolgte Gegenschlag der zwei Feindstaaten ist eben vorbeigegangen. Es muß mit einem längeren Aufenthalt in den Unterständen gerechnet werden.

Kalasanz stand auf und begann im Unterstand hin und her zu gehen. Sieben Schritte hin, sieben Schritte zurück; viel mehr war nicht möglich. Bald setzte er sich wieder. Er hatte Vertrauen zu seiner Regierung. Er war so erzogen worden. Wenn die Lage gefährlich wäre, dachte er, hätte es die Leitstelle gemeldet. Also wartete er. Aber Kalasanz war zum Tun erzogen worden und nicht zum Warten. Er griff zu seiner Aktenmappe, die er trotz allem nicht im Auto hatte liegen lassen. Er war froh, den neuen Entwurf zum Wasserkraftwerkegesetz endlich in Ruhe durcharbeiten zu können.

m frühen Nachmittag - natürlich fiel kein Tageslicht in den fensterlosen Unterstand, aber seine Uhr zeigte halb zwei - verspürte er Hunger und ging zum Proviantfach, einem hohen, schmalen Kasten an der Wand gegenüber der Kochnische. Er öffnete und prallte zurück. Auch hier war das Unmögliche geschehen. Bis auf eine Kiste mit Äpfeln war der Kasten leer. Die Bauern der Umgebung mußten also das, das nie getan werden durfte, getan haben. Sie hatten die Vorräte, was bei Todesstrafe verboten war, wahrscheinlich während der letzten Hungersnot im vergangenen Winter verzehrt. Und dann noch die Frechheit, den Unterstand als Magazin zu verwenden. Die Äpfel hatten bei der gleichmäßigen Temperatur, die im Inneren herrschte, bestens überwintert.

Kalasanz zählte die Äpfel. Es waren siebenundzwanzig große und sieben kleine. Da die Bauern noch immer die alten Feiertage hielten, hatten sie die Äpfel sicherlich für das Pfingstfest aufbewahren wollen. Immerhin besser als gar nichts, dachte Kalasanz, schälte zwei der großen Äpfel und aß sie langsam. Obst war ja schon eine Seltenheit damals.

Kalasanz arbeitete bis zum Abend.Um zwanzig Uhr verspeiste er weitere zwei große und dann zwei kleine Äpfel. Um einundzwanzig Uhr bereitete er sein Bett. Er zog Schuhe, Anzug und Hemd aus, behielt seine Unterwäsche an und legte sich nieder. Er schlief sofort ein.

.^^m nächsten Morgen erwachte er auch ohne Tageslicht wie immer um genau sieben Uhr. Rasieren konnte er sich nicht, da er keinen Rasierapparat bei sich hatte, aber er wusch Hände und Gesicht und zog sich an. Er klappte das Bett zusammen, rückte den Tisch zurecht und begann zu arbeiten. Als er um zehn Uhr den Entwurf des neuen Wasserkraftwerkegesetzes handschriftlich begutachtet hatte, holte erden Entwurf der neuen Turbinenhausordnung heraus und arbeitete weiter.

Als er um dreizehn Uhr beschloß, Mittagspause zu halten und soeben nach zwei weiteren Äpfeln greifen wollte, meldete sich die Leitstelle. Nach der üblichen Sondermeldungs-Pfeif-tonfolge sagte eine helle Frauenstimme: „Nach dem ungewollten, durch Zufälligkeiten ausgelösten Angriff unseres Landes auf die beiden Feindstaaten ist in diesen nicht nur der Rückschlagmechanismus uns gegenüber ausgelöst worden, sondern auch die Rückschlagmechanismen der zwei Feindstaaten untereinander.

Im Lauf der vergangenen Nacht sind nicht nur Feuerstürme über die Kontinente gezogen, sondern es ist auch die radioaktive Strahlung so intensiv geworden, daß bereits alle Unterstände, einschließlich der Regierungsbunkeral-ler drei Erdenländer verseucht sind. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß in ein bis zwei Wochen kein Mensch mehr auf der Erde leben wird. Es ist gleichgültig geworden, ob Sie sich innerhalb oder außerhalb ihrer jeweiligen Unterstände aufhalten. Sie können ihre Unterstände verlassen. Empfehlen Sie Ihre Seele höheren Mächten und sterben Sie wie wir hier im Leitzentrum in Würde als privilegierte Töchter und Söhne der Regierung."

Im ersten Moment war Kalasanz die Tatsache seines knapp bevorstehenden Todes und die Ausrottung der Menschheit noch nicht ins Bewußtsein getreten. Anfangs hatte er nur das Gefühl, hintergangen zu sein. Ich bin belogen worden, dachte er; das Unmögliche, das nicht eintreten konnte, ist geschehen. Und Kalasanz wurde bitter. Woher auf einmal die Seele; woher höhere Mächte; das ist doch alles als Altweibergeschwätz abgetan worden.

Kalasanz ging zur Tür des Unterstandes und öffnete. Unter einem strahlend blauen Himmel breitete sich eine gleichmäßig schwarze Fläche aus. Die gesamte Vegetation war verbrannt. Jeder Strauch, jeder Baum, jeder Grashalm. Nur von den Bäumen waren noch ihre ehemaligen Standorte zu erkennen, denn von den Stämmen waren etwa dreißig bis fünfzig Zentimeter hohe Stümpfe, ebenfalls schwarz, übergeblieben.

Dann packte Kalasanz das Entsetzen. Es ist aus. Der Mensch hat verspielt. Die Erde würde in einigen Jahren wieder grün sein. Weiß Gott, welche Pflanzen es geben wird, aber sie werden grün sein und leben. Dann wird es Fische geben; und Insekten, und damit aus. Kalasanz begann zu schreien. Er schloß die Augen, trommelte mit den Fäusten gegen seine Schläfen und schrie „Verflucht, verflucht,...!", vielleicht zehnmal hintereinander. Dann hörte er auf. Er wurde ganz ruhig und ging in den Unterstand.

Sein Blick fiel auf die Äpfel.dieeram Tisch liegen gelassen hatte. Äpfel von Bäumen, die es nicht mehr gibt; nicht mehr geben wird. Selbst wenn er die Samen jetzt säen würde und wenn sie sprießen würden; wer weiß, welche verrückten Mutationen entstünden.

Der Baum ist gestorben. Und ich werde wegen der Früchte, die er mir gelassen hat, einige Tage länger leben. Das ist wenig, aber immerhin. Er steckte die Entwürfe zum neuen Was-

serkraftwerkegesetz und zur neuen Turbinenhausordnung in seine Aktentasche. Warum, das wußte er nicht. Er machte eben Ordnung. Welche Früchte hinterlasse ich? Es gibt in wenigen Tagen keinen lebenden Menschen mehr. Wenn etwas zu hinterlassen wäre, dann könnten es nur immaterielle Früchte sein. Wer sollte davon essen? Engel vielleicht? Außerdem hinterlasse ich keine. Ich bin betrogen worden. Ich hätte zumindest mit der Liebe jenes Apfelbaumes in den Tod gehen können. Aber ich habe keine Äpfel.

Kalasanz ging wieder ins Freie. Er setzte sich vor dem Unterstand auf die Erde. Sie war noch warm . Es knisterte ein wenig. Wo war sein Auto? Das muß der Sturm weggefegt haben. Kalasanz blickte auf die Straße. Stellenweise war der geschmolzene Asphalt zu wunderbar glatten, hochglänzenden, tiefschwarzen Platten erstarrt. In denen spiegelte sich der Himmel.

Was war das? Kalasanz schaute vom Abbild im Asphaltspiegel zum Himmel hinauf. Eine kleine weiße Wolke war plötzlich da. Und dann mehrere. Kalasanz schaute unverwandt hinauf. Nach einer Stunde senkte sich die Sonne zum Horizont; tiefrote Wolken, Fönstimmung.

Kalasanz wandte seine Augen nicht mehr vom Himmel. Die Nacht kam. Er sah die Fixsterne um den Polarstern kreisen. Er sah Planeten ihre Bahn ziehen. Er sah den Mond aufgehen und wieder untergehen. Er sah die Sonne aufgehen und wieder untergehen. Drei Tage lang. In der vierten Nacht ist Kalasanz um drei Uhr, während das allererste Licht des neuen Morgens die Dunkelheit durchbrach, gestorben.

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