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Digital In Arbeit

Nadja

Zu einer Zeit, als ich noch glaubte, es sei möglich, aus Worten komplizierte Romane zu konstruieren, hatte ich mir, um ein solches Buch zu vollenden, in San Läzzaro ein winziges Gebäude am Meer gemietet. Im Zeitalter der Produktion wird von einem Schriftsteller erwartet, daß er entweder gerade ein Buch vollendet hat (aber auch dann fragen ihn die meisten, was als nächstes herauskommen werde) oder daß er dabei ist, eines zu vollenden. Da ich mich damals, im Interesse meiner Karriere, bemühte, dieser Vorstellung von einem Schriftsteller zu entsprechen, bearbeitete ich eine Schreibmaschine, deren Geklapper jedem zufälligen Passanten klar machte, daß hier eine bedeutsame Produktion im Gange war.

Ich dachte gar nicht daran, meine Leser mit einer spannenden Geschichte zu unterhalten. Schon das Wort spannend galt als unfein. Ganz im Gegenteil hatte ich mir vorgenommen, sie nach Möglichkeit zu befremden und zu quälen. Ich bemühte mich, aus Worten ein bestimmtes exotisches Gift zu synthetisieren. Wenn dieses Gift vielleicht auch nicht stark genug sein würde, den einen oder anderen Leser zu töten, so sollte es doch wenigstens die Kritiker so benommen machen, daß sie nicht mehr umhin könnten, mir irgendeinen angesehenen Preis zuzuerkennen.

I

ch hatte mir angewöhnt, von fünf Uhr nachmittags bis gegen Mitternacht zu schreiben. Jeder, der etwas derartiges versucht, wird feststellen, daß er nachher nicht mehr einschlafen kann. Entweder beginnen die Wörter, vom Autor entlassen, im Gehirn eine eigenmächtige Orgie zu veranstalten, oder es steigen schwer verscheuchbare Vorstellungen auf, die sich mit dem Ruhm befassen, den die geschriebenen Seiten einbringen sollen.

Ich hatte mir deshalb angewöhnt, nach der Arbeit im Meer zu baden, um diese lästigen Phantome durch Kühle und Bewegung zu vertreiben. Vielleicht fünfzig Meter vom Ufer entfernt ragte ein Felsbrocken aus dem Wasser. Er war von unten bis zur Wassergrenze mit schwarzen Seeigeln besetzt, und wer jemals, als unfreiwilliger Sebastian, mit diesen Stacheln Bekanntschaft gemacht hat, wird verstehen, was das bedeutete. Ich hatte aber bald gelernt, auch im Dunkeln, wenn der Seegang nicht zu hoch war, an einer gewissen Stelle, ohne mich zu verletzen, aus dem Wasser auf den Stein zu steigen, wobei ich immer wieder die gleichen Bewegungen ausführte wie ein Tier, das sich an die Umwelt angepaßt hat. Sobald ich auf dem Rücken des Felsbrockens infolge der Verdunstung des Wassers im nächtlichen Luftzug zu frieren begann, sprang ich ins Meer und schwamm zum Ufer zurück.

.Abgesehen von dem Zweck, die unangenehmen Folgen des Schreibens zu beseitigen, war dieses nächtliche Schwimmen im Meer für den Binnenländer ein eigenartiges Erlebnis, weil doch der Ozean für ihn eine Fremde darstellt, die sich in der Finsternis noch verdichtet, wobei im Geschaukel der Wellen das Ungewohnte, vermeintlich Gefährliche und Unheimliche sich mischen und eine Wirkung hervorbringen, die insbesondere den Künstler verlockt.

Für den, der die Gewohnheit oder das Laster der Genialität angenommen hat, ist auch das Unmenschliche ein besonderer Reiz; die vollkommene Indifferenz des Ozeans, die den Menschen gleichsam überspielt, wenn sie aus unzähligen Geräuschen und Bewegungen spricht, aus klatschenden, schlürfenden Lauten und jenem souveränen Schaukeln, das alles, was schwimmt, gleichgültig ergreift, sei es ein Weltwunder oder ein Korkstoppel. Vor allem nachts, wenn alle menschlichen Tätigkeiten und Geräusche ringsum verlöschen und das Licht sich verflüchtigt,

gewinnt das Unmenschliche des Meeres die Oberhand.

Ich muß zugeben, daß ich mir von dieser Inhumanität etwas aneignen wollte und daß ich, Meersalz von den Lippen leckend, etwas davon in mein Buch zu bringen gedachte, um den Lesern den Boden unter den Füßen wegzuziehen und ihnen die unangenehme Ahnung einzuflößen, daß ihre Existenz zum Schaukeln und zum Scheitern verurteilt war.

Wenn der Brandungslärm vor dem Fenster ein gewisses Maß überstieg, wußte ich, ohne nachzusehen, daß die Wellen zu hoch gingen und ich nicht schwimmen konnte. In solchen Nächten half mir das dumpfe Stampfen und der hellere Laut des über den Sand gleitenden Wassers beim Einschlafen. Nach dem Schreiben öffnete ich das Fenster. Die Meergeräusche kamen ins Zimmer und schwemmten gleichsam die unbrauchbaren Uberreste der Nerventätigkeit aus meinem Gehirn.

.A.n einem solchen Abend, als die Brandung besonders laut war und ich mich trotz des geschlossenen Fensters sozusagen akustisch inmitten des Ozeans befand, der mich von der Umwelt isolierte, während ich ein Wirrwarr aus Wörtern und Sätzen zu ordnen versuchte, wurde plötzlich an mein Fenster geklopft.

Einen Augenblick lang dachte ich an einen Uberfall. Es war aber nur mein einstiger Schulkollege Steinwerder, dessen Auto ich überhört hatte, so daß ich nun staunend zusah, wie vor meiner Tür aus einem beleuchteten Sportwagen, der auf mich wirkte, als sei er aus dem Nichts entstanden, ein Mädchen ausstieg, dessen Schönheit mich in gewisser Weise demütigte.

Steinwerder, dem ich eigentlich nichts zugetraut hatte, war nach einigen Skandalen ein reicher und berühmter Maler geworden. Ich konnte ihn samt seinem stilisierten Künstlerbart und seinem Sportwagen zwar nicht ausstehen, doch hütete ich mich, ihn das merken zu lassen. Man weiß nie, wozu die Bekanntschaft mit einem Prominenten gut sein kann. Schließlich hatte mir Steinwerder, der sich öfters in San Läzzaro aufhielt, dieses Haus am Meer verschafft. Wie an allen derartigen Männern blieben an Steinwerder jene Mädchen hängen, die man niemals in einem öffentlichen Verkehrsmittel oder in einem Liegewagen der Eisenbahn antrifft. Warum er nun diese neueste Freundin, die er mir als Nadja vorstellte, noch spät am Abend zu mir gebracht hatte, war nicht leicht zu erraten. Vielleicht wollte er nur meinen Neid erwecken, was ihm schließlich auch gelang.

Statt Nadja mit besonderer Aufmerksamkeit zu begrüßen, tat ich so, als ob ihr Erscheinen selbstverständlich gewesen wäre. Ich sprach kein Wort mit ihr, doch alles, was ich zu Steinwerder sagte, war gleichsam schielend gesprochen, als erwartete ich, daß meine Worte, infolge eines geheimen Nebensinns, einen unauslöschlichen Eindruck in ihr hinterlassen würden. Auch hoffte ich, daß mein Arbeitszimmer, in das sie nun eingetaucht war, sie mit verborgenen Kräften festhalten würde. Meine Bilder, meine Bücher und Manuskripte, meine Möbel, all diese in ihrer Ärmlichkeit originellen Gegenstände, sollten sie nun fesseln.

Ein blasiertes Gelangweiltsein, das sie zur Schau trug, schien das Gegenteil zu bezeugen. Sie sah aus, als würde sie sich nur durch ausgefallene Dinge erregen lassen. Dieser Eindruck wurde noch durch ihr Make-up unterstrichen, das auf gestürzte Engel und unterirdische Verliese hindeutete.

Als Steinwerder aufbrach, verabschiedete ich mich von ihr wie von einer Fremden.

E:

einige Tage später ging abends ein schweres Unwetter nieder. In meinem

kleinen einstöckigen Gebäude am Meer, das man fast eine Baracke hätte nennen können, fühlte ich mich unbehaglich und ausgesetzt, als könnte das ganze Haus jeden Augenblick vom Wasser unterhöhlt werden und davon-schwimmen. Ich hatte bemerkt, daß die Ausläufer der höchsten Wellen nur wenige Meter von der Hauswand entfernt zum Stillstand kamen und sich wieder zurückzogen, wie Raubtierzungen, die eine Beute zunächst nur belecken.

Als dann plötzlich mit ungewöhnlicher Heftigkeit, ja mit Wildheit an meiner Tür geschlagen wurde, zitterte ich vor Angst. Zu meiner Verblüffung stand Nadja vor der Tür, von oben bis unter durchnäßt, zerrauft und offenbar angeschlagen. Eines ihrer Augen war blutunterlaufen. „Kann ich bei dir schlafen?" sagte sie mit einer Entschlossenheit, die unter der glänzenden Schwärze ihrer nassen Haare fast bedrohlich wirkte.

Ich stand wie gelähmt. Es war mir unbegreiflich, wie ihre Augen diesen eindrucksvollen Zorn so unbeirrbar beibehalten konnten, noch dazu hier in meiner Wohnung, wo sie doch befürchten mußte, ich würde ihre Härte als Frechheit auslegen und sie fortschik-ken. Ich ahnte, daß ihr Zorn von gewaltsamen Vorfällen ausgelöst worden war, die mir fremd waren, von Worten, die ich niemals in den Mund genommen hätte, von Handgreiflichkeiten, die ich mir einer Frau gegenüber überhaupt nicht vorstellen konnte. Ich war weit davon entfernt, diese Dinge zu verurteilen. Vielmehr erfaßte mich eine Art Neid, als gäbe es besinnungslose und doch bezwingende Vorgänge, von denen ich für immer ausgeschlossen war.

Ich behandelte sie wie eine Somnambule, die man unter keinen Umständen befragen und aus ihrem Traum reißen durfte. Als sie „Schlafen, ich muß schlafen" sagte, führte ich sie behutsam, mit einer Fürsorge, die ich gleichzeitig verfluchte, zu meinem Bett und zog mich aus dem Zimmer in einen kleinen Schuppen zurück, wo ein altes, halb zerfallenes Fischerboot liegt. Dort stand ich zitternd im Dunkel und suchte mich zu fassen. Der Regen, der auf das Blechdach prasselte, und das Stampfen des Meeres kamen mir plötzlich so betont wirklich vor, daß ich das Erscheinen Nadjas für eine Sinnestäuschung hielt.

Nach einiger Zeit schlich ich vorsichtig wieder in mein Zimmer zurück, um mich von ihrem Hiersein zu überzeugen. Auf meinem Polster waren nur ihre schwarzen Haare sichtbar, deren Nässe das Leinen dunkler gefärbt hatte. Uber dem Korbsessel hingen ihr Kleid, ihre Strümpfe und ihr Strumpfgürtel. Wie ein Verrückter starrte ich diese Dinge an, während mir ein peinigender Duft in die Nase stieg. Schließlich löschte ich das Licht und kehrte in den Schuppen zurück.

/\m späten Vormittag, als meine Schläfen von einem Sonnenstrahl erhitzt wurden, erwachte ich ganz zer-

schlagen im alten Fischerboot, benommen von der Nachwirkung des Schlafmittels, mit dem ich mich endlich bei grauendem Morgen auf meiner ewig knarrenden Unterlage betäubt hatte. Als die Erinnerung mit einem Schlag zurückkam, rannte ich in mein Zimmer hinüber. Nadja war verschwunden. Auf dem Tisch fand ich einen Zettel: „Schau in den Spiegel. N.", rote, stark nach links geneigte, mit dem Lippenstift geschriebenen Buchstaben.

Schau in den Spiegel? Diese Worte kamen mir zunächst wie ein Orakelspruch vor. Ich dachte an den Spiegel eines Gewässers, der teils die Dinge der Oberwelt wiedergab, teils Wassertiefen erkennen ließ, aus denen Nadja zwischen Schlingpflanzen herauftauchte, mit nassen Haaren und tropfenden Armen, die nach mir faßten.

Schau in den Spiegel? Langsam wandte ich mich dem wirklichen Spiegel zu, der über dem Waschtisch hing. Vielleicht hatte Nadja in der Nähe des Spiegels eine zweite Botschaft hinterlassen. Schließlich stand ich vor dem

Spiegel und starrte mir selbst ins Gesicht. Auf meiner fahlen, verschlafenen Haut erkannte ich zwei frische, mit Lippenstift markierte Abdrücke von Nadjas Mund.

D

'er Himmel war an diesem Tag sehr rein. Von der nassen Erdkruste ging angenehme Kühle aus. Ich schwamm zum Felsblock hinüber. Bei meiner Rückkehr waren die roten Spuren auf meiner Haut getilgt. Langsam und systematisch verbrannte ich am Strand das Manuskript meines Romans: ein Konvolut von Skizzen und ausgeführten Kapiteln, das erst nach einer halben Stunde gänzlich eingeäschert und mit feuchtem Sand bedeckt war. Dann ging ich ins Haus zurück und beschrieb meine Erlebnisse auf diesen wenigen Seiten.

Ich dachte an Hans im Glück: Für etwa dreihundert Seiten eines souverän verfremdeten Textes, der mein literarisches Ansehen vermehrt hätte, hatte ich fünf Seiten eingehandelt, auf denen mein Versagen beschrieben war.

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