6887989-1979_35_09.jpg
Digital In Arbeit

Schöpfungsmorgen

Als ich flurch den großen Innenhof des Gemeindebaues ging, hörte ich die Meisen zwitschern und empfand die Frische der Luft angenehm wie ein kühles Getränk, noch ohne den aufgewirbelten Staub von der Autostraße vor dem Haus. Das Wort „Schöpfungsmorgen“ drängte sich mir ungesucht auf. Doch auf dem Trottoir neben der Autostraße angelangt, vernahm ich das wohlbekannte Geklapper - schwerfällig rhythmisch und, unergründlich warum, immer wieder so aufheiternd für mich: Pferdehufe auf Straßenpflaster-: die Milchwagenpferde waren unterwegs von der oberen zur unteren Milchhandlung. Und da wußte ich, daß mein alter Wecker wieder einmal verrückt war: Ich war viel zu früh dran. Den Milchwagenpferden begegnet man nur bei Nacht oder ganz früh am Morgen. Ehe der Autoverkehr alles Lebendige vertreibt, ertönt das Klappern und Holpern ihrer Hufe auf den Steinen, so ganz anders als das trappelnde Klopfen und Hufen im Gras und auf Reitwegen. Der unergründlichen Erheiterung, die von dem Geräusch ausgeht, folgt dann regelmäßig ein kaum spürbarer, ebenso unergründlicher Schmerz.

Im Vorübergehen sah ich in die schönen, sanften Gesichter der Tiere, ihre glänzenden Augen, in denen so viel Geduld ist; ruhige schwarze Seen, über deren Oberfläche manchmal ein Flackern huscht, ein Gekräusel, als sei darunter, in der Tiefe, ein sanfter Wahnsinn vorhanden, bereit, jederzeit in Hysterie auszubrechen, wenn die Unverständ-lichkeit der Umwelt, in der sie leben müssen, sie plötzlich anfällt als drohendes Vorbeischießen dröhnender Blechungetüme, mit Gestank und Motorenlärm.

Urtümliche, dunkelbraun glänzende Fremdkörper - so stehen sie da; Körper voll Harmonie und Kraft, in denen dumpf ein für Uns unbegreifliches Tierbewußtsein gefangen ist, das die Welt passiv erduldet. Anders als wir.

Das Cafe Urania, eines meiner Stammcafes, ist ein Nacht-und Frühstückscafe. Es war um diese frühe Stunde noch offen, ich brauchte also nicht nochmals in den vierten Stock hinaufzusteigen, sondern konnte mich dort hinsetzen, Kaffee trinken und etwas schreiben, bis die Bank aufsperrte.

Der jungen Nachtkellnerin begegnete ich schon auf der Straße, eben im Fortgehen. Sie sah mich direkt an mit ihren von Müdigkeit umschatteten Augen, die Wimpern starr von zu dick aufgetragener Wimperntusche. Ein merkwürdiges, flüssiges Schimmern war in diesen großen schwarzen Augen; ähnlich wie der Glanz vorhin in den Augen der Pferde, nur ohne jede Beunruhigung durch ausbruchsbereite Hysterie -eher eine Stumpfheit, die an Blindheit erinnerte, aber an eine selige Bündheit, in ihrem Schimmern und Glänzen. Man hätte dieses junge

Mädchen ohneweiters eine Schönheit nennen können, wären nicht Spuren jener gewissen wienerischen Ordinärheit und Dummheit vorhanden gewesen - nicht lokalisierbar wo - im Ausdruck? In der Form der Oberlippe? Beinahe hätte sie eine griechische Göttin sein können mit ihrem massigen, schwarzen, geringelten Haar und dem langen, hohen Hals.

Sonst grüßt sie immer sehr freundlich, weil ich zu den Stammkunden gehöre, die mit ihr plaudern und ein gutes Trinkgeld geben. Heute sah sie mich an, ohne mich zu sehen. Als sie vorbei war, wandte ich den Kopf und sah ihr nach. Oh ja, natürlich ... drüben vor dem Laden des Friseurs stand der Herr Oskar und tat so, als wolle er die Glasscheibe auf Hochglanz polieren. Auch er sah mich nicht, nicht, mich, nicht die Straße, nicht das Cafe; auch er war in Blindheit befangen für jede andere Wirklichkeit außer der schönen, halbgriechischen Göttin, die jetzt wie ein Kind zu laufen anfing, hinüber, zu ihm.

Als ich meinen Mokka getrunken hatte, nahm ich mein Notizheft und den Bleistift aus der Handtasche. Ich hatte Lust bekommen zu schreiben -ganz gleich, was. Mir schien, ich hätte an diesem schönen, frühen Morgen schon das ganze Geheimnis unserer Welt erlebt. Unwillkürlich schrieb ich eine Uberschrift hin: „Schöpfungsmorgen.“

Wie farblos und langweilig die Wirklichkeit wird, sobald man sie aufschreiben will! Und wie dicht und bedeutend sind dieselben Dinge im Augenblick des Erlebens. Die junge Kellnerin und der Friseurgehilfe -wie langweilig, wie banal. Aber ich bin trotzdem sicher, daß die beiden miteinander ununterbrochen große Ausnahmezustände erleben, ganz eingehüllt in ein Netz aus Schmerzen und Entzückungen, ganz abgeschirmt gegen die Trübe und Dürftigkeit ihres Daseins, geschützt von unsichtbaren Strahlen, die aus ihnen selbst hervorbrechen; schwebend im eigenen Glanz wie die Engel. Manchmal sieht man das deutlich auf ihren Gesichtern.

Ich saß etwa eine Stunde lang da ohne ein Wort zu schreiben, dann bezahlte ich und ging zur Bank. Es waren schon ziemlich viele Leute dort, und ich stellte mich hinten an.

Die Kassierin meiner Bankfiliale sieht im Profil aus wie die kleinen Mädchen oder auch die-Prinzessinnen in Kinderbüchern. Was aber in den meisten Kinderbüchern nur die schablonenhafte Illustration kindlichen Liebreizes ist und daher von Erwachsenen als Kitsch empfunden wird, das ist hier, in der Wirklichkeit, eine ganz seltene Fügung von Formen und Linien und Flächen. Immer wieder macht es mir Vergnügen, sie anzusehen: die steile Stirn, die kurze, gerade Nase, der stets ein wenig geöffnete Mund mit der weichen, vollen Oberlippe und den zu kleinen Grübchen vertieften Mundwinkeln; das runde, kleine, aber furchtlos vorspringende Kinn, die glänzenden, ernsthaften Augen.

Es überkam mich auch an diesem Tag ein sonderbares Gefühl, als ich auf ihre geraden Schultern blickte, während sie ernst, genau, nüchtern, Geld zählte. Eben sagte die dunkle, leicht belegte Kinderstimme höflich und ausdruckslos: „Nummer 1271, bitte?“ Ohne aufzusehen zählte sie wieder halblaut vor dem Kunden die Geldscheine auf den Tisch. „Eins, zwei... fünfhundert und fünf macht tausend. Zwanzig, vierzig, sechzig. Danke!“ Manchmal sieht sie dazwischen auf, immer ernst, immer ausdruckslos, ohne jede Koketterie. Sie weiß nicht, wie hübsch sie ist - irgendwie rührend. Sie weiß, zumindest während der Dienststunden, nicht, daß sie ist: Eins, zwei, vierzig, sechzig, hundert. Damit verbringt dieses Geschöpf seinen Schöpfungsmorgen, seine Stunden, Tage, Jahre, das ganze Leben; und sie weiß nicht einmal, daß das ihr ganzes, einmaliges, köstliches Leben ist, ihr großes Wunder, das sie, bemüht, redlich, sachlich, genau, in Kleingeld herausgibt.

Seit einigen Jahren sehe ich ihr hin und wieder minutenlang bei dieser erschütternden Vergeudung zu, während ich warte, bis sie die Nummer meines Kupons aufruft und ich drankomme. Heute entdeckte ich zum erstenmal zartbraune Schatten rings um ihre Augen. Sie haben sich im Laufe von Jahren gebildet, und heute war es auf einmal so weit, daß man sie unmißverständlich sah. Sie hat noch ihr Kinderprinzessinnengesicht, aber sie ist schon achtundzwanzig oder dreißig und trägt seit Jahren einen Ehering. Sie ist kein Kind, auch kein junges Mädchen mehr. Zehn, zwanzig, dreißig. Und dreißig macht sechzig. Bald wird sie eine alte Frau sein. Die Zeit hebt ununterbrochen ab von ihrem Konto.

Da ist wieder einmal jener Schleier entzweigerissen, den wir gemeinhin für die Wirklichkeit nehmen, und dahinter wird eine andere Wirklichkeit sichtbar: Wirklichkeit als Wirkung von Zeit. Oh, diese sinnlose Vergeudung von Augenblicken, dieses Kleingeld der Zeit, das man fortwährend zählt und ausgibt! Und man merkt kaum, wie die anfangs unzählig scheinende Summe rasch zu Ende geht.

Ich mußte mich selbst energisch zur Ordnung rufen: fast wäre ich an den Schalter getreten und hätte sie gefragt: „Hat es sich eigentlich gelohnt, geboren zu werden, zu lernen, zurechtgewiesen und erzogen zu werden, zu wachsen, sich soviel Mühe zu geben, diese Wirklichkeit für bare Münze zu nehmen, zu zählen, zu zählen, was da durch Ihre Hände fließt? Haben Sie sich das Leben so vorgestellt? War es das, was Sie gemeint haben? Hat sich das ausgezahlt?“

Sie hätte mich sicher nicht verstanden, hätte nur kurz aufgesehen, ohne Spott, ohne sonderliches Interesse, und sie hätte aus Höflichkeit gegen Kunden ein wenig gelächelt, aber nur mit den Mundwinkeln, während die Augen unbewegt wieder auf die Geldscheine niedergeglitten wären; und sie hätte gelassen irgendetwas erwidert, etwa: „wie man's nimmt... dreißig, vierzig, und zwanzig macht sechzig. Danke!“

Vielleicht wären ihr dabei rasch ein paar Dinge eingefallen: Die neue Einbauküche... heute abend ins Kino... ich werde mir doch lieber den gelben Pullover kaufen, ja, den gelben ... in zwei Monaten habe ich Urlaub ... wegfahren, mit Franz ... Und da sie beruflich an Nüchternheit gewöhnt ist, hätte sie festgestellt: Die Rechnung geht auf. Das Leben hat seine Annehmlichkeiten. Es ist mir nichts schuldig geblieben. Vielleicht hätte sie sogar zu mir gesagt: „Ausgezahlt? Ja. Warum nicht?“ Auch in meinem Inneren fiel der Schleiervorhang wieder zu. Alles ordnete sich wie gewohnt, alles wurde wieder gewöhnlich, mit jener nicht lokalisierbaren Spur wienerischer (Aller-welts-) Ordinärheit und Dummheit, die verhindert, daß göttliche Schönheit entsteht. Jetzt kann ich Strümpfe kaufen gehen, dachte ich, als ich das Geld an mich nahm, und Kuchen, heute kommt Gerhard zu mir zur Jause, aber ich darf nicht vergessen, Persil einzukaufen und bei der Gelegenheit kann ich gleich .. .

Das Vergessen ist meine Schwäche, darum muß ich oft dreimal gehen, wo einmal genügt hätte. Methodik, das ist nichts für mich.

Da gehen sie, schwer und kopfnickend, klappernd auf Steinen, fern dem grünen, lebendigen Gras ihrer frühen Weideplätze, im langweiligen Trott, die beiden Zugpferde Ursache und Wirkung. Und der Kutscher, die Vernunft, kann ruhig einschlafen dabei, sie trotten weiter, sie kennen den Weg. Es gibt nur einen Weg für sie, nur die immer gleiche, einzig mögliche Richtung, in der die fließende Zeit sie mit sich zieht.

Ich möchte wirklich einmal, ein einziges Mal nur, einem Wunder begegnen. Aber auf dieser Einbahnstraße ist keins zu erwarten.

Diese Erzählung wurde dem Band ,J£rfrorene Rosen“ von Jeannie Ebner entnommen, der im Herbst im Verlag Styria, Graz, erscheint.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau