6611772-1955_04_06.jpg
Digital In Arbeit

Wenn Manner protestieren . . .

Schon seit zwei Monaten war es zwischen mir und meiner Mutter immer schwieriger geworden. Wir lebten damals — Vater, Mutter, Martha und ich — in Boharna, einem kleinen Ort, der etwa zwanzig Meilen von der nächsten Stadt entfernt war; ich konnte nur noch dadurch aushalten, daß ich mir einbildete, Mutter würde es bestimmt eines Tages einsehen. Eines Tages würde sie erwachen und begreifen, daß Papas und Marthas Liebe zu ihr nicht das Richtige war (die beiden verbündeten sich nämlich immer gegen sie), und daß ich, das schwarze Schaf, der dumme, tolpatschige Denis, der einzige war, der sie wirklich liebte.

Meine Mutter hatte ein Talent, Herzen von Gold rasend zu machen. Sie war nämlich nie zu Hause. Ich hab' noch nie eine Frau gesehen, die so viel Bekannte hatte — und sie sogar gern hatte. Besonders schlimm wurde es, als sie mir sagte, sie sei zu meinem zwölften Geburtstag nicht daheim Es war weiter kein Grund da, weshalb ich mich darüber mehr als über anderes aufregte .. aber ich tat's nun mal. Das Dumme war nur, daß ich wirklich keinen Grund hatte. Ich weinte und stampfte mit dem Fuß auf und sagte, Martha würde sie so etwas nicht antun. Sie sah mich kühl an, was ihr wunderbar gut stand und sagte bloß, ich sei kindisch und noch nicht die Spur männlich.

Dann verbrachte sie den Nachmittag wieder mit Bekannten, und Martha und ich konnten allein zu Hause bleiben. Martha betrachtete mich halb mitleidig und halb spöttisch. Sie konnte nie so unglücklich wegen Mutter sein, weil sie einfach nicht so viel erwartete.

„Hab ich's dir nicht gleich gesagt?“ fragte sie bloß.

Ich ging in mein Zimmer und weinte wie ein Baby. Was mich am meisten ärgerte, war der Hohn wegen meiner Männlichkeit. Ich sah ein, daß ich unmöglich noch länger im Haus mit emer Frau lebeil konnte, die so etwas von mir eesagt hatte. Ich holte mein Postsparkassenbuch hervor: ich besaß vierundeinhalb englische Pfund — genug, um einen Monat oder länger davon zu leben, bis ich Leute fand, die mich haben wollten, einen einfachen, aufrichtigen Burschen, der nur ein bißchen Liebe brauchte. Wenn es ganz schlimm kommen sollte, konnte ich noch immer nach Dublin gehen, wo Tante May und meines Vaters Vater lebten. Ich wußte, daß sie mir gern helfen würden. Sie hatten nie so getan, als ob sie meine Mutter gut leiden könnten, und obwohl ich ihnen das immer schwer übelgenommen hatte, mußte ich allmählich einsehen, daß sie vielleicht recht hatten. Wäre es nicht großartig, wenn ich vor ihrer Haustür stehen und auf meine schlichte, gerade Art bekennen würde: „Ich seh's ein, daß ich mich in meiner Mutter getäuscht hatte?“ Daraufhin trocknete ich mir die Tränen, ging in den Keller und holte mein Fahrrad. Es hatte eine Dynamolampe und überhaupt alles — eine prima Angelegenheit!

„Wo willst du hin?“ fragte Martha. „Das wirst du früh genug merken“, sagte ich düster und fuhr los.

Und dann erlebte ich die erste Enttäuschung, denn als ich in die Hauptstraße einbog, sah ich, daß alle Geschäfte geschlossen hatten (es war ja Donnerstag), und natürlich war die Postsparkasse auch zu. Abgesehen von meinem Sparkonto besaß ich so gut wie nichts, und ohne Geld kam ich nicht weit — jedenfalls nicht so weit, wie ich wollte.

Zehn Minuten stand ich vor der Postsparlasse und wünschte mir im stillen, einer möchte noch da sein. Mir war's nicht ums Verrecken nach Umkehren zumute. Aber dann fiel mir ein, daß die Stadt ja schließlich nicht so weit weg war, und daß dort bestimmt die Postsparkasse offen war. Ich war schon ein paarmal mit meiner Mutter in der Stadt gewesen, es war ilso weiter nichts Aufregende? dabei. Wenn ich das Geld erst hatte, konnte ich entweder im Hotel übernachten oder im Dunkeln weiterfahren. Es mußte toll sein, in der Nacht durch die schlafenden Dörfer und Städtchen zu fahren,die Morgensonne über Dublin aufgehen zu sehen und dann an Tante Mays Haustür in der Shel-bourne Road zu läuten. Ich konnte mir ausmalen, wie sie mich begrüßen würde: „Kind Gottes, wo bist du denn hergekommen?“ — „Oh, ganz einfach, mit dem Fahrrad!“ würde ich antworten, ohne mich etwa irgendwie zu brüsten. Ja, das wäre nett — aber das genügte mir nicht.

Ich fuhr langsam und unentschlossen an kleinen Vorstadthäuschen und dem Seminar vorüber, wo wir sonntags spazierengingen, und wußte immer noch nicht, ob ich weiterfahren sollte. Dann geschah etwas Seltsames: die Gegend kam mir auf einmal so fremd vor. Die Stadt war nicht mehr zu sehen, dunkle Hügel hatten sich dazwischen geschoben. Gerade, als ob sie mich bis jetzt begleitet hätte und dann still und heimlich umgekehrt wäre und mich allein gelassen hätte. Ich kam zu nie gesehenen Dörfern und die Berge wurden immer höher. Ein merkwürdiges Gefühl! Gerade als wenn man plötzlich entdeckt, daß man keinen Grund mehr unter den Füßen hat und nun nicht weiß: soll man schnell zum Ufer zurück oder kühn und unerschrocken durchs Tiefe auf die andere Seite schwimmen.

Der Vergleich genügte. Er wirkte wie eine Herausforderung und die Schrecksekunde brachte erst den richtigen Schwung in meine Fahrerei. Ein Städtchen, ein großes Herrenhaus am Rande der Allee und die Ausblicke auf den Fluß waren verlockend und gleichzeitig beunruhigend Ich hatte Angst wegen der riesigen Entfernungen, wegen der Wolkentürme am Horizont und wegen meines Fahrrades, das nicht widerstandsfähig genug für diese schlechten Straßen schien.

Die letzten zehn Meilen konnten mich nicht einmal dazu verführen, mir die Umgebung anzusehen. Ich ließ einfach alles mit mir geschehen: die Straße sauste unter mir weg, breite grüne Flüsse erschienen und verschwanden. So wild fuhr ich drauflos, daß ich kaputt war und die plötzlich auftauchenden Türme der Stadt waren nichts weiter als eine bange Frage: würde die Postsparkasse offen sein oder nicht? Vor Hunger war mir schon ganz anders im Kopf.

Doch als ich dann das Schloß neben der Brücke sah und den Turm der Kathedrale und eine Reihe schöner Geschäfte und Häuser, da schwoll mir der Kamm vor Stolz bei dem Gedanken, daß ich, einerlei, was mir noch bevorstand, jedenfalls bewiesen hatte, daß ich ein Mann war.

Jetzt stand ich aber vor dem viel schlimmeren Problem, auch ein Mann zu bleiben! Als ich aber an einer offenen Kirchentür vorbeifuhr, versprach ich dem lieben Gott, wiederzukommen und ihm zu danken, falls die Sparkasse noch offen hatte. Doch in der Post sah ich dann, daß ich kein Glück hatte: bloß der Briefmarkenschalter war offen und alle anderen Schalter hatten geschlossen! Am Briefmarkenschalter wurde mir gesagt, ich solle am nächsten Morgen wiederkommen. Ebensogut hätten sie sagen können: nächstes Jahr.

Ratlos und glücklich schob ich mein Fahrrad die Hauptstraße entlang und blickte hierhin und dorthin. Ich kannte keine Menschenseele, an die ich mich hätte wenden können. Ohne etwas zu essen und mich ein bißchen ausruhen zu können, konnte ich nicht nach Dublin weiterfahren. Ich hatte ja bewiesen, daß ich ein Mann war, aber was nützte mir alle Männlichkeit, wenn die irischen Postsparkassen schon um fünf Uhr schließen?

Ich ließ mein Rad am Prellstein stehen und besah mir die Schaufenster. In einem war ein Spiegel, da konnte ich mich in voller Größe sehen: alt und kaputt sah ich aus, jawohlt Es war wie ein Bild mit der Unterschrift: Heimatlos! Ich zwinkerte mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Es waren hübsche Modelleisenbahnen im Schaufenster — elektrische!

Dann kam ich an einer Kneipe vorbei und sah den Barmann in Hemdärmeln in der Türe stehen. Mir war's, als habe er mich schon eine ganze Weile beobachtet. Er blinzelte und ich blinzelte auch.

„Möchtest wohl ein Glas Bier trinken?“ fragte er mit lauter, herzhafter Stimme. Da war ich enttäuscht, denn ich dachte, er hält ja bloß nach Kundschaft Ausschau.

„Nein“, erwiderte ich. Das hätte ich aber nicht gesagt, wenri er mich gefragt hätte, ob ich eine Limonade trinken wolle.

„Schade“, sagte er. „Bist du hier aus der Gegend?“

Ich wußte, daß ich eine tüchtige Strecke hinter mir hatte, wollte aber nicht prahlen und sagte bescheiden; „Ich komme von Boharna!“

„Großer Gott!“ rief er mit stärkerem Interesse. „Von Boharna! Und was machst du hier in der Stadt?“

„Ich bin durchgebrannt“, sagte ich und hoffte im stillen, er könnte mir behilflich sein.

„Bravo“, sagte er begeistert. „Hab' ich auch gemacht.“

„Ja?“ fragte ich eifrig. Ich schien auf den

Das Gedicht

Ernst Schönwiese

SPRÜCHE

Denk nicht an dich; du tät'st dir

Böses an. Was anderen du tust, ist dir getan Wer fest sich hält, ist schon zu

nichts zerronnen. Nur wer sich ganz verschenkt, hat sich gewonnen.

Suchtest vergebens ein Ziel, Find es im Schmerz deines Falles. Flamme zu sein, wäre viel; Daf! wir verbrennen, ist alles!

Der seligste von allen Trieben, Suchender, wera“ endlich dein: Liebend sollst du tätig sein, Erst tätig wahrhaft lieben!

Du selber schlugest zu das Tor Und schobst den schweren Riegel vor, Hait dich von Gott und Gott von dir getrennt.

Entzieh dem eitlen Ich dein Ohrt Den Kerker, drein es sich verlor, Ihn sprengt das Herz, das sich in Gott erkennt.

Von außen kann nichts dich bewegen. Kein Finger dein Innres anstoßen, Daß wieder dein Uhrwerk geht. Ist alles an dir nur gelegen: Und wiederum blühen die Rosen Und Gottes Atem wehtl *

Neig dich über die Blume, Ueber den blühenden Strauch: Neig dich über die Krume, Ueber den Menschen auchl

Freilich ist er verdorben, Freilich sank er zu Grund. Doch auch von Höllen umworben, Singt noch manchmal sein Mund.

Dann ging ihm endlich verloren Sein eitles, wahnseliges Ich. Und in dem Tode geboren. Sterbend erst, findet er sich! *

Das Wort ist Fleisch geworden. Fleisch, werde du das Wortl Fühl in dir allerorten Geheim den einen Hort,

Der in dich eingeboren, Der jeden Schmerz dir zinst, Der, ewig unverloren, Dein einziger Gewinst!

Er ist's, der nie sich mindert, Der wächst fe mehr dran zehrt. Dein Ich nur hat verhindert, Daß du ihm heimgekehrt.

Nun hast du ihn erworben Den Mittelpunkt des Seins. Erst wenn dein Ich erstorben, Sind Wort und Fleisch nur eins.

Und hell ob Raum und Zeiten

Die Stimme aus dir bricht. In unermeßne Weiten Strahlt das ur-eine Licht!

Aul dem vem

Gurlitt'Verlag, WieH-LiHz-MOMcUen,

vorbereiteten neuen GedicUtbuch

„Stufe* des Hertel“

Ei n II Schönwiese wurde am 6. Jänner 190? in Wien geboren. Seine erste Gedichtsammlung,

„Der siebenfarbige Bogen“, wurde 1937 mit dem Preis der Julius-Reich-Dichterstiftung der Universität Wien ausgezeichnet. Nach dem Krieg folgten die Lyrikbinde „Aulfahrt und Wiederkehr“ und „Nacht der VerheiBung“. Der Gedichtband „Dal unverlorene Paradies“ enthält — in der Form ein Zwiegespräches des Menschen mit Gott — religiöse Dichtungen. Das „Requiem in Versen“ ist dem Gedenken an eine Verstorbene gewidnet. Eine erstt Auswahl aus seinem Lebenswerk gab Schnöwiese in der Schweizer Kleinbuchreihe „Die Ausfahrt“ unter dem Titel „Das Bleibende“ heraus. Ernst Schönwiese, df die österreichische Literaturzeitschrift „Das Silb?rboot“ herausgibt, ist Vorstandsmitglied der österreichischen Sektion des Internationalen PEN-Klubs und Leiter des I. Programms heim Oesterreichischen Rundfunk.Richtigen gestoßen zu sein. „Wann war denn das?“

„Als ich vierzehn Jahre alt war.“ „Ich bin erst zwölf.“

„Früh übt sich, was ein Häkchen werden will' ', sagte er. „Ich hab's dreimal versucht, ehe es mir richtig glückte. Ist's dein alter Herr?“

„Nein“, sagte ich, vertraute mich seiner Erfahrung an und machte bereits seine Sprache nach: „Meine Alte.“

„Herrjeh, das ist bitter“, sagte er. „Schlimm genug, wenn's der Alte ist — aber wenn du s i e nicht als- Rückendeckung hast, dann ist's hart. Und wohin willst du jetzt?“

„Ich weiß nicht“, gestand ich. „Ich wollte nach Dublin, aber ich kann nicht.“

„Warum nicht?“

„Mein Geld ist auf der Postsparkasse und die hat erst morgen wieder offen.“

„Das hast du aber schlecht vorbereitet“, tadelte er und schüttelte den Kopf. „Du hättest alles bei dir haben müssen.“

„Ich weiß“, sagte ich, „aber ich hab' mich erst heute Mittag dazu entschlossen.“

„Meine Güte“, rief er, „so etwas muß man Monate im voraus planen. Man merkt's, daß du keine Uebung hast. Sieht mir ganz danach aus, als ob du umkehren müßtest.“

„Kann ich nicht“, sagte ich bedrückt. „Es sind zwanzig Meilen Wenn ich mit Pappi tele-phonieren könnte, würde er mir sagen, was ich tun soll.“

„Wer ist dein Pappi?“ fragte er und ich sagte es ihm.

„Na, das läßt sich vielleicht doch machen“, meinte er, „komm mal hier herein!“

In der Ecke stand ein Telephon und er sagte, ich dürft's ruhig benutzen. Nach ein paar Minuten hörte ich Pappi. und seine Stimme klang leise, und er piepste beinah vor Staunen. Ich hätte fast geweint, so froh war ich. „Hallo, Junge“, rief er, „wo zum Kuckuck steckst du denn?“

,,In Asragh, Pappi“, sagte ich ruhig, denn selbst jetzt brachte ich es noch nicht fertig, mich damit zu brüsten.

„In Asragh?“ rief er, und ich konnte beinahe sehen, wie seine Augenbrauen in die Höhe gingen. „Wieso denn das?“

„Och, ich bin bloß durchgebrannt, Pappi!“

„Ach so“, sagte er und machte auch weiter kein Aufhebens drum. „Wie bist du denn hingekommen?“

„Auf dem Fahrrad.“

„Die ganze Strecke?“

„Ja, die ganze Strecke.“

„Bist wohl jetzt todmüde?“

„Nicht der Rede wert“, sagte ich bescheiden.

„Hast du was zu essen gehabt?“

„Nein.“

„Warum denn nicht? Hast du kein Geld bei dir?“

„Nur mein Sparbuch, aber die Postsparkasse hat geschlossen.“

„Na, solch ein Pech“, sagte er. „Und was willst du jetzt machen?“

„Ich weiß auch nicht, Pappi. Ich dachte, du könntest es mir vielleicht sagen?“

„Wie wär's denn, wenn du wieder heimkommen würdest?“

„Mir recht, Pappi. Ganz wie du meinst.“

„Wart mal einen Augenblick, bis ich nachgesehen habe, wann der nächste Bus fährt... Oh, hörst du? In vierzig Minuten kannst du einen bekommen, um sieben Uhr zehn. Sag dem Schaffner, ich hol' dich ab und bezahle dann. Ist's recht?“

„Fein, Pappi“, sagte ich und war beinahe wieder ausgesöhnt mit der Welt.

„Schön, dann werd' ich dir dein Abendbrot warmstellen. Und sei vorsichtig bis dahin!“

Als ich auflegte, stand der Barmann hinter mir und hatte sich die Jacke angezogen. Statt seiner sah ein Fräulein nach der Bar.

„Komm“, sagte er, „wir wollen lieber irgendwo eine Tasse Tee trinken. Dein Fahrrad kann so lange hier stehenbleiben.“

Draußen wurden gerade alle Lampen angezündet. Wir saßen in einem fabelhaft beleuchteten Cafe, und ich aß ein Stück Kuchen nach dem anderen und trank Tee dazu, und der Barmann erzählte mir, wie er von zu Hause durch gebrannt war Ich merkte gleich, das war eine tolle Nummer! Die beiden ersten Male hatte ihn die Polizei wieder aufgegabelt. Beim dritten Male war er zu den Soldaten gegangen und erst nach Jahren wieder heimgekommen. Anscheinend war Durchbrennen nicht so einfach wie ich's mir vorgestellt hatte. Und anderseits viel abenteuerlicher. Schade, daß ich's nicht besser vorbereitet hatte!

Er brachte mich und mein Fahrrad zum Bus und wollte mir durchaus die Fahrkarte bezahlen. Ich mußte ihm auch versprechen, Pappi zu erzählen, daß et mir die Fahrkarte gekauft hätte und daß Pappi mir das Geld schulde. Er sagte, die Welt sei nun mal so, und daß man sich nicht die Wurst vom Brot nehmen lassen dürfe. Es war ein rauher Geselle, wie mir schien, aber man spürte es: ein Herz wie Gold! Ich fand, daß nur so rauhe Gesellen wie er ein Herz haben, und ich versprach ihm einen Brief zu schreiben.

Als der Autobus vor dem Hotel hielt, stand Pappi da, auf dem Kopf seine schwarze Melone, und er verdrehte den Hals und suchte mich.

„Teufel ja, was für ein Schurke“, kicherte er in seiner ordinärsten Sprache. „Soll man's wohl glauben, daß der Sohn eines anständigen, soliden Bürgers ein ganz gewöhnlicher Landstreicher wird? Haben sie dir in der Herberge wenigstens einen Knochen zum Abnagen geschenkt, Brüderchen?“

Ich fand, daß ich anstandshalber mein dem Barmann gegebenes Versprechen halten müsse, also erzählte ich Pappi von der Fahrkarte, und er lachte sich einen Ast und gab mir das Geld. Dann, während er das Fahrrad die Landstraße entlang stieß, fragte ich ihn, was mir schon auf der Seele lag, seit ich seine Stimme “im Telephon gehört hatte: „Ist Mama wieder da, Papps?“ Was eigentlich hieß: Weiß sie was? Aber das konnte ich natürlich nicht gut sagen Nicht zu ihm, meine ich.

Sein Gesichtsausdruck änderte sich mit einem Schlage. Er sah wieder ernst und nervös aus. „Nein, mein Junge, noch nicht“, erwiderte er. „Wahrscheinlich nicht vor zehn oder elf Uhr.“

Ich hätte ihn für mein Leben gern gebeten, et ihr nicht zu verraten, aber dann verkniff ich's mir. Es wäre ja genau das gewesen, was ich Martha vorwarf: daß sie sich mit Papps gegen Mama verbündete. Vielleicht dachte er das auch, denn er erzählte mit auffallender Gleichgültigkeit, daß er Martha ins Kino geschickt habe. Wir aßen Abendbrot, als wir nach Hause kamen, und als Wir dann abwuschen wußte ich, daß alles in Ordnung war.

Mutter kam heim und er redete mit ihr, als ob nichts passiert wäre, fragte sie, wie sie den Abend verbracht habe, wußte nichts über sich selbst zu berichten und sah nervös aus. Noch nie war er mir so unbedeutend vorgekommen, und doch: zum ersteh Male begriff ich, wie oberflächlich dieser Eindruck war Merkwürdig war's, mitzuerleben, wie er zwischen uns beiden ein Einverständnis herstellte — Ja in mehr als einem Sinne, denn ich sah ein, daß Pappi früher auch mal durchgebrannt sein mußte, genau wie ich und der Barmann, und daß er auch wiedergekommen war, vielleicht, weil die Sparkasse geschlossen hatte oder weil er hungrig und müde und einsam war. Die Leute kamen meistens wieder, aber ihr Protest blieb bestehen und unterschied sie von allen anderen, die nie' durchgebrannt waren. Es war eben das wahre Zeichen ihrer Männlichkeit.

Danach lief ich nie wieder fort. Es war nicht mehr nötig, denn die Bande, die mich unlöslich an meine Mutter gefesselt hatten, schienen zerrissen zu sein.

Berechtigte Uebertragung von Elisabeth S c h n a e k

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau