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Licht in der Kristallnacht

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Erinnerung eines - damals schon zweifelnden - SS-Mannes an die Ereignisse des 9./10. November 1938.

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Erinnerung eines - damals schon zweifelnden - SS-Mannes an die Ereignisse des 9./10. November 1938.

Es war das gleiche von Rauch und Weindunst erfüllte Lokal wie damals. Die gleichen grauen, von Not und Leere zerfurchten Gesichter. Nur war es damals eine Nacht später, die Nacht vom 10. auf den 11. November 1938. Und es war nicht mehr die Stille und das Vorbeireden an dem, was das Herz schwer macht.

Diesmal sprachen wir über die Jungen, die den Erwachsenen nicht glauben. Die den Vätern ins Gesicht lachen, wenn von Überzeugung und Charakter geredet wird.

„Und wie willst du ihnen zu einer Überzeugung verhelfen, Andreas?“

„Indem ich rede und mich selbst zum Zeugen mache. Indem ich meine Vergangenheit offen vor ihnen ausbreite. Ich war doch auch einmal so einer. Ich weiß, was die im Kopf haben, wenn sie Hakenkreuze schmieren und auf Tauben schießen. Wenn ich sage: Seht, so hab' ich einmal gedacht und das hab' ich erlebt ... Wenn sie von jemand die Wahrheit hören, müßte doch in ihnen eine Saite zu schwingen beginnen!“

„Ich ahne, Andreas. Aber doch hast du's mir eigentlich nie erzählt ...“

Er zerbrach einen Zahnstocher in immer kleinere Teile. Dann atmete er tief und hörbar und blickte mich ein wenig forschend, aber voll an. Er war ein wenig unsicher, so wie wir alle, wenn wir mit anderen über uns selber sprechen.

„Du hast recht. Höchste Zeit, aber mir fällt's nicht leichter, wenn ich es zuerst dir, statt einem Wildfremden erzähle. Aber eine Geburt schmerzt ja immer. Wie sollte es mir nicht weh tun?“

Wieder hielt er kurz inne. Dann begann er, zunächst stockend, aber immer mehr in einem lebendigen Strom, zu bekennen und zu berichten, als hätte er alles erst gestern erlebt.

*

„Für mich hat sie erst spät angefangen, die Kristallnacht... Für viele war sie schon fast vorbei... Nun, ich rechne mich zu den Tätern, das muß gleich gesagt sein ... Vielleicht gelingt es mir zu erzählen, wie's wirklich war ...

10. November 1938. Um 4 Uhr früh läutete im Vorzimmer das Telephon. Am Vorabend war die öffentliche Vereidigung bei der SS gewesen. Ich hatte noch kein Auge zugemacht seither. Müde, leer bis in die tiefste Seele war ich heimgekommen. Ich empfand dumpf, daß der bisher schwerste Schlag gegen das Ideal meines gleich jungen wie einsamen Lebens geführt worden war - von der SS selbst! Vielleicht schlief ich auch nicht aus der Vorahnung eines größeren Schrecknisses. Da nun im Nebenzimmer das Telephon läutete, durchfuhr es mich eisig und ich wußte: Das ist die SS, das sind 'meine' Leute. (Du kennst doch diese Sicherheit, mit der man solche Dinge weiß?) Monate vorher, als es noch verboten war, hatte ich zu diesen Leuten mit Begeisterung gefunden — und nun wurde mein 'dienstliches' Gewissen ihnen gegenüber immer schlechter!

Eltern und Geschwister schliefen zum Glück weiter. Ich tastete mich zwischen ihren Betten durch zum Telephon, Dabei unterdrückte ich alle Gedanken, die auf mich eindrangen, wohl weil ich ahnte, daß ich ihnen in keiner Weise gewachsen war.

'Hier Standarte 89. Du hast sofort in Zivil im Sturmlokal Triangelgasse zu erscheinen. Juden, die du unterwegs triffst, sind umzulegen. Wie? Gesetz? Scheiße! Du wirst gedeckt! Fertig!'

Mir wurde heiß und kalt. Nun war ich tatsächlich aus einer unerträglich scheinenden Spannung in eine noch schlimmere gestürzt. Ich schwitzte trotz der Nachtkühle und begann zu zittern. (Ich bin also feige, durchfuhr es mich, ich bin kein Mann im Sinn der SS!) Umwölkt von meiner Angst ging mir der alte Rosenblatt durch den Kopf. Dem uniformierten SS-Mann, den er immer'noch gern mochte, hatte er am Vortag noch gesagt: 'Der Hitler is a großer Mann. Aber er wird doch nix erreichen!' Ich hatte mich darüber geärgert. Der halbblinde jüdische Lehrer hatte mit zitternder Stimme gesprochen und bei aller Angst doch mit einer abgründigen Sicherheit, die ich zunächst um keinen Preis als überlegen anerkannt hätte ... Und jetzt sollte ich ihn niederschießen, wenn er mir über den Weg lief? Damit seine zitternde und plötzlich gar nicht mehr so ärgerliche Sicherheit ein Ende habe? Oder den Moritz Eisner, mit dem ich als kleiner Bub immer am Fluß unten Tempelhüpfen gespielt hatte? Oder die Alice Feingold, in deren Nähe ich beim gleichen Spiel als Achtjähriger das erste Mal geahnt hatte, wie wunderbar eine Frau anders ist als ein Mann?

Ich gab mir keine Antwort und ließ die Frage über den drei Menschen riesengroß in der Dunkelheit stehen. Wieder wartete ich gespannt und, wie mir plötzlich bewußt wurde, nun auch darauf, wie ich selbst reagieren würde auf diese Aufforderung der SS. Fertig angezogen, die Pistole in der Hosentasche — ich ließ offen, für wen sie bestimmt sein sollte —, zögerte ich. Warum so schnell? Ist es nicht besser, jenen Scharführer am Telephon, den ich als augenblicklich feindlichste Macht empfinde, um möglichst viele Viertelstunden zu betrügen?

Zunächst war es nur leise, halbbewußte Auflehnung, in der ich mich langsam, Stück für Stück, wieder auszuziehen begann. Etwas wirkte in mir, das stärker war als mein Denken, etwas, das das Denken gar nicht erst abwartete. Ich setzte mich aufs Bett, hörte den ruhigen Atem und das leise Schnarchen der Schlafenden. Ob mein Vater, der sich noch als kaiserlicher Offizier fühlt, es wohl für soldatisch hält, unter Verleugnung der Uniform als des Kleides der Ehr- und Wehrhaften, auf Waffenlose, auf Frauen und Kinder zu schießen, nachdem einem Straffreiheit zugesichert ist? Was aber würde er zu einer Befehlsverweigerung sagen? Vater und Mutter würden verlegen mit den Achseln zucken. Nein, ihre Auskunft ist deutlicher, solange sie schlafen. Noch barg mich die Atmosphäre der elterlichen Wohnung. Aber ich begann fröstelnd zu ahnen, wie dünn diese Hülle war und daß meine Jugend zu Ende ging.

Noch zweimal habe ich mich, schließlich spöttisch, an- und ausgezogen. Beim vierten Male war es endgültig. Die Erwartung war wieder übermächtig, aber mit ein wenig Entschlossenheit gemischt. Ich war zum Befehlsverweigerer geworden, selbst wenn ich mich ab jetzt befehlsgemäß verhalten hätte. Ich war nicht mehr dumpf und willenlos, als ich leise die Wohnung verließ, die Stiege hinunterschlich, behutsam das Haustor öffnete und auf der durch die Laternen nur schwach erhellten, regennassen Straße stand.

Es gab nur vereinzelte Sterne, die sich in den Pfützen spiegelten, und lange Fluchten dunkler Häuser. Keine Menschen, also auch keine Juden. Als ich aber bei Rosenblatts Haustor vorbei wollte, wurde von innen langsam und leise geöffnet. Durch einen Spalt war der dunkelbebrillte, bärtige Kopf zu ahnen. 'Guten Morgen, Herr Andreas! Schon so früh auf?' Weiß er, wozu ich aus dem Bett geholt wurde? Nun war es eine Mischung von Freundlichkeit, Unterwürfigkeit und sehr viel zitternder Angst, die ihn fragen und mir den kalten Schweiß auf die Stirn treten ließ. Ja, leider. Und leben Sie wohl, Herr Rosenblatt', antwortete ich freundlich, noch ehe mir die Widersinnigkeit dieses Wunsches an einem solchen Tag bewußt wurde. Dann aber widerrief ich mich und hastete vor ins Neuland. (In mir hatte sich diesem alten Menschen gegenüber etwas Grundsätzliches schon entschieden!) Ich setzte leise, sehr leise hinzu: 'Herr Rosenblatt, verstecken Sie sich mit Ihrer Familie sofort im Keller und öffnen Sie niemandem. Nein, fragen Sie nicht, es ist schrecklich. Bitte, schnell, schnell! Leben Sie wohl!' Diesmal war der Wunsch ernst und bewußt. Während man in der Ferne Schüsse fallen hörte, drückten wir uns lange die Hand. Rosenblatt wußte. Er verneigte sich tief vor mir. In größter Verlegenheit und Beschämung und jäh aufquellender Zärtlichkeit, wie ich sie bisher nicht gekannt hatte, tat ich das gleiche vor ihm. Dann ging ich verwirrt und klopfenden Herzens durch viele dunkle Gassen, über denen mehr und mehr Brandgeruch und das Brausen ferner Schreie lag, dem befohlenen Ort zu. Mir war damals bald bewußt geworden, daß ich einen sehr gefährlichen Weg eingeschlagen hatte. Aber ich wurde noch am gleichen Tag zu weit gefährlicheren Schritten getrieben. Ich führte entweder in Zorn und Trotz nicht aus, was mir befohlen wurde, oder machte, so weit ich konnte, gut, was andere angerichtet hatten. Es war, im ganzen gesehen, ein heimlicher Widerstand eines noch Ungeordneten, aber für mich doch ein Sprung ins Bodenlose, in eine fürchterliche und zugleich heilsame Zeit. Freilich hatte ich zunächst auch noch Bedenken zu überwinden. War ich der SS nicht zu leichtfertig untreu geworden? Gab es in ihr nicht doch auch Vertreter anständiger Bestrebungen? Gab es unter meinen 'Kameraden' nicht da und dort welche, die so fühlten und empfanden wie ich? Ob diese aber die Kraft haben würden, sich gegen Mord, Raub und Brandschatzung zu stellen?

Einige Tage später wollten mich jüdische Freunde, denen ich mich nun wieder bewußt zugewandt hatte, davon überzeugen. Sie versuchten, ihre Hoffnung zu der meinen zu machen — als ahnten sie, was in mir vorging. ,Oh, es gibt auch anständige SS-Leute', sagten sie geheimnisvoll. Dann erzählten sie mir, die Wahrheit beteuernd, wie ein SS-Mann heimlich gutmachte, was andere angerichtet hatten. Wo das gewesen sei? In der Umgebung der Triangelgasse, sagten sie leise und gewichtig, ohne zu wissen, was diese Auskunft für mich bedeutete.

Ich ließ sie bei ihrer Hoffnung und schwieg. Was hätte ich ihnen Besseres zu geben vermocht an Stelle dieses Strohhalms? Aber hinsichtlich der SS hatte ich nun keine Bedenken mehr. Ich tat den Vorgesetzten gegenüber so, als sei ich willfährig, nährte die Unsicherheit, wo ich auf Reste guten Willens stieß, warnte heimlich und intervenierte frech, zitterte vor der Entdeckung meiner Untaten und fügte ihnen im Schatten eines an die Brutalität heranreichenden Maßes von Dummheit doch fast täglich neue hinzu.

Übrigens wird mir soeben bewußt, daß damals in mir Rosenblatts Einstellung Platz zu greifen begann: Zuversicht, aus der Überwindung zitternder Angst geboren; Vertrauen in eine Gerechtigkeit, größer als alle Gewalttaten; Hoffnung, auch hinter dem Gewand des Mörders könne Güte sein. Und das ist ja schließlich auch, was ich heute will: wie Rosenblatt zu den Besessenen sprechen, freundlich, gütig. Mich in ihre Hand geben und ihnen damit helfen, wie er mir geholfen hat.“

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