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Peter Anich, der STERNSUCHER

8. Fortsetzung

Die Mutter aber hatte noch genug Zeit, daß sie ihre Verwunderung ausgiebig kundtat. Der Vater sei zum erstenmal recht für seinen Buben und nicht gegen ihn eingetreten, das erfreue ihr Herz wahrhaftig, zum anderen aber betrübe es sie, daß er das Heiratsgered des Kuraten nicht nur ohne Widerspruch angehört, sondern ihm noch zugestimmt habe. Sie sei jetzt wahrlich weniger um ihren Buben in Angst denn um ihren Mann, den sie doch als einen sonst durchaus klugen und rechtschaffenen Menschen achte. Es sei doch, auch wenn Peter eine Braut wüßte und sie bereits heimführen wolle, noch lange nicht an der Zeit, daß sie, die Alten, ihm den Hof übergeben, so alt seien sie nun wieder nicht, auch in zwei, drei Jahren noch nicht.

Sein Verstand sei völlig richtig, entgegnete der Mann. Er habe dem Peter für den Herbst die Reise nach Innsbruck versprochen, und dabei bleibe es. Im übrigen sei der Bub kein Spintisierer mehr und kein Ärgernis, sondern vielleicht bald ein wohlbestellter Feldmesser oder wenigstens der Gehilfe eines solchen neben seiner Bäuerei, Deshalb habe er auch den Peter dem Kuraten gegenüber verteidigt. Dennoch sei er sein Lebtag für einen guten und klugen Rat dankbar, auch wenn der gleiche Mensch ihn sonst ärgere. Der Rat wegen der Heirat aber sei klug und durchaus berechtigt. Es sei nur traurig, daß sie nicht selbst längst auf diesen Ausweg, einen vielleicht sehr heilsamen, verfallen seien. Auch er habe ja diese Möglichkeit des öfteren wohl bedacht, doch mit keinem Menschen darüber gesprochen, ja sich selber den Buben immer als allzu jung vorgestellt. Andere Väter hätten ja ihr Kreuz, ihre Buben von den Frauenzimmern zu halten, er aber müsse am Ende noch den Brautwerber spielen und seinem Sohne ein Mädel einreden. So sehe er die Geschichte ja vor sich. Immerhin, es gebe auch in diesem Punkte sehr verschieden geartete Menschen, und -keiner, auch kein Kurat, wisse voraus, ob nicht ein so stilles Wässerlein wie der Peter ganz jäh Feuer fange und bald heller brenne denn irgendein Bursch. Er selbst weiche gern schon morgen aus der Wirtschaft, wenn er den Buben endlich* vernünftig und dabei glücklich wisse und den Hof- in eines jungen wackeren Weibes Händen. Er kehre dann zur Drechselbank zurück, und die Mutter hätte als eine noch rüstige Frau genug Zeit für die Küche und die Enkelkinder.

„Hat es der Anichbauer aber eilig“, rief Frau Gertrud. Obgleich sie sich über den raschen Umschwung ihres Mannes immer noch ärgerte, ward ihr doch bei solchen Aussichten warm ums Herz. „Du redest ja, als wüßtest du bereits eine“, sagte sie nach einer Weile.

Er habe auch bereits die richtige, nur Verrate er sie nicht, rief der Bauer noch im Eifer, die Weiberleut täten ja dann allzu arg an ihr mäkeln und herumneiden und die ganze schöne Geschichte verschrein. Die Anichin drang auch weiter nicht in ihren Eheherrn, denn sie hörte den Peter bereits im Hausflur hantieren, sie wußte aber auch, daß ihr Mann solche Geheimnisse nicht allzulange bei sich vergraben konnte und sie um so eher preisgab, je weniger man darüber schwatzte.

Den es anging, der erfuhr später von Leni,. daß wohl der geistliche Herr im Hause gewesen sei, daß sie aber nicht dabei gewesen sei und sich nicht zu horchen getraut habe. Und da Peter den Vater fragte, ob er mit dem Herrn Kuraten nicht wegen eines Rechenbuches gesprochen habe, und jener ihn so - seltsam anblickte, schwieg er lieber. Die Mutter aber ging an jenem Abend und auch an den folgenden Tagen, sobald sie einen freien Gedanken hatte, alle Mädchen zu Oberperfuß und in den örtern rundum durch,“ sie fand aber auch jetzt keine, an die ihr Mann denken mochte, wenn er überhaupt an eine dachte, keine, die sie sich als Gattin ihres Peter vorstellen konnte. Und je mehr sie daran herumdachte, um so mehr erschien ihr der Bub trotz seiner neunzehn Jahre noch als ein rechtes Kind.

Der gefürchtete Sonntag ging indes gut herum. Die Leute kicherten wohl ein wenig hinter dem Peter her. Er aber ging durch die Reihen viel weniger, bekümmert denn ehedem, und der Kurat wartet vergeblich auf das böse Ärgernis. Frau Gertrud dachte bei sich: Wenn der Kurat nun so wenig Voraussicht bewiesen hat, weshalb soll er dann mit seinem seltsamen Vorschlag recht behalten? Sie bemühte ihre Gedanken weiter auch nicht mehr, sie war bloß glücklich, daß der Bub heiter im Hause umging und fröhlich hinter der Arbeit her war, daß ihr Eheherr aber, was er schon seit Jahren nicht getan hatte, nun ab und zu hinter der Drechselbank sang.

Peter selbst kam freilich mit dem Vater nur schwer zurecht. Sie stritten sich nicht mehr wie ehedem, auch brauchte er nicht fürchten, daß das Geheimnis zwischen ihnen plötzlich Ursache eines bösen Zankes werde. Ja er empfand dort, wo ehedem jene Angst gesessen hatte, nunmehr eine Art Leere. Der gefürchtete Vater war ja immerhin ein Mann gewesen, von dem man wußte, wie er dachte, nun aber erschien er Peter wohl heiterer, ja beinahe jünger1 und in seinem Tun und Reden beweglicher, dafür aber auch manchmal, über eine Stunde hinweg, seltsam verändert. Einmal erzählte er eine ganze Arbeitspause lang von der schönen Stadt Innsbruck. Was es da unten für einen jungen Mann alles zu schauen und zu erfahren gebe und was sich dem Vernehmen nach seit seinem letzten Besuche, vor drei Jahren, verändert habe. Man könne ja kaum noch sagen, wie die Stadt jetzt hersehe, ob dieser Turm und jene Kirche noch in ihrer alten Gestalt bestehe, jetzt, wo sie überall an Stelle der alten einfachen Spitztürme einen Haufen Zwiebeln übereinander und allerlei Schnörkelwerk aufrichteten. Jüngst habe man auch die Pfarrkirche auf diese Art umgewandelt und mit gemalten Kuppeln und Wolken und Gärten versehn, auch die mächtige Kirche in Wilten, ja außer der Burg und dem alten prächtigen Turm mit den vielen Wappen bestehe kaum mehr ein rechtschaffenes Haus, wie es noch in seiner Jugend bestanden habe. Die Innsbrucker freilich seien stolz darauf, und sie könnten es auch sein. Er sei ja auch nicht gegen alles Neue, nur gegen das Übertriebene und Ungeordnete bei den Menschen so wie bei den Geräten Und Bauwerken. Also redete der Vater an einem Tag mit Eifer und vergaß darüber schier die Arbeit, aber später dann auf dem Heimweg, wo das Reden doch keine Sünde war, blieb er auf alle Fragen stumm und karg und so, als werde er nur höchst ungern an all diese Dinge erinnert oder als bekümmerten sie ihn überhaupt nicht. Peter fragte freilich nicht nach dem Wappenturm, sondern wollte wissen, wo denn die Feldmesser Unterricht erhielten. Er forschte auch nicht nach dem Goldenen Dachel und den erzenen Wächtern am Grabmal des großen Kaisers Max, nur wo denn die Hohe Schule stehe, betrug er ihn, und ob man da die ganze Stadt, wenn man von Oberperfuß herkomme, durchqueren müsse. Wie weit der Weg von Hötting aus sei und bis zum Kollegium der Jesuiten und ob man nicht am Ende dort leichter die gelehrten Herren antreffe und spreche als in der Hohen Schule. Wo die Bücher aufgestellt seien und wieviele Bücher und ob es auch einen Turm gebe, von dem aus man die Sterne betrachten könne, und welche Instrumente man dafür besitze.

Er sah freilich bald ein, daß der Vater all diese Fragen kaum richtig beantworten konnte und schwieg lieber. Doch über diese begreiflichen Schwierigkeiten hinaus tat der Vater oft so seltsam ungehalten und über alles um ihn her erhaben, daß es Peter hersah, als denke er gar nicht ernsthaft an sein Versprechen für den Herbst. Ja als er ihn einmal bat, er möge ihm doch ein richtiges Rechenbuch verschaffen, denn -es sei wichtig, daß er die restlichen Wochen des Sommers ausnutze und in dieser für sein künftiges Geschäft so wichtigen Kunst nicht ganz ungeübt vor seine Lehrer hintrete, und als der Vater ihn barsch abwies, es sei jetzt weder Zeit, diese Kunst noch zu üben, und was er nicht bereits wisse, lerne er wohl auch in den paar Wochen nicht mehr, da zog Peter sich doch wieder mehr auf seine eigenen-Gedanken und Pläne zurück.

Die kleine Leni, die ja um seine Reden und heimlichen Schmerzen wußte, lief bei ihren Kameradinnen umher, daß sie eines von den so gewünschten Büchern auftreibe. Sie brachte aber wieder nur alte und noch ältere Brixnerische Schreibkalender heim, in denen wohl Zinsentabellen und Umrechnungsschlüssel für die läufenden Münzsörten abgedruckt waren; jedoch über das, was ihm zu wissen nottat, wie man einen Triangel berechnete oder gar einen Kreis, gaben auch diese Kalender nicht Auskunft.

„In Stams drüben hätten sie Bücher genug, und der Pater Bernhard tat dem Vater schon helfen“, sagte Leni eines Tages, „er wüßte auch einen Lehrer für dich.“

Doch der Vater brummte, da Peter nach langem Zögern vom Pater Bernhard zu reden begann.

Nach Stams sei es noch weiter als nach Innsbruck, und wenn er schon einmal in seinem Leben noch hinüberkomme, dann nicht vor Martini. Er sagte aber nicht ausdrücklich nein, und am Ende erwies sich der Rat der kleinen Leni nicht als so ganz unbrauchbar, wenn auch dazwischen noch einiges geschah, an das weder Peter noch sein Schwesterchen dachten.

In jenen Augusttagen bestellte der Adlerwirt aus Gries beim Anichbauern ein neues Kegelspiel mit drei eichenen Kugeln. Ingenuin sagte die Lieferung bis Martini zu, denn vor Theres käme er ja doch zu keiner umfänglicheren Arbeit. Schon am nächsten Tag aber — sie hatten trotz des Regenwetters in Stadel und Stall Arbeit genug — saß er die ganze Zeit an der Drechselbank, und die weiteren Abende werkte er bei Spanlicht und Öllampe bis in die späte Nacht hinein. Ja, als nun entschieden werden sollte, ob das Korn auf dem Riedelacker bereits am Samstag oder erst am Montag geschnitten werden sollte, trat der Bauer gegen seine Gewohnheit für den Montag ein. Dies, obgleich das Korn, wenn man darüber hinwegblickte, bereits weißlich schimmerte und die anderen Riedelbauern ihre Mandel schon auf den Stoppeln hatten. Und wenn Peter nicht gerne an der Bank gesehen ward, weil ihn die Arbeit des Drechseins ja noch verspielter und seltsamer mache, diesmal durfte er mit dabei sein, ja der Vater hieß ihn die Kegelhölzer vorrichten und die Kugeln glatt schleifen.

„Wer weiß, was bis Martini ist“, sägte er, als die Mutter sich über solche Eile ver-' wunderte, „auch bringen die Kugeln und Kegel ein schönes Stück Geld.“ Die Kathi aber erfuhr am nächsten Tag, der Vater habe sich für den nächsten Sonntag einen wichtigen Weg nach Gries vorgenommen. Er wolle beim Kirchebner eine Kalbin einhandeln und dabei gleich die Kegel liefern, so daß der weite Weg wohl genutzt sei. Als die Mutter ihn nun wegen der Kalbin befragte, sie hatten ja zwei schöne Jungtiere auf der Alm und ein drittes brauchten sie nicht, da sagte Ingenuin lachend, die Kathi habe ihn schlecht verstanden, nicht eine Kalbin brauchten sie, sondern einen drkten Ochsen. Die beiden vorhandenen seien schon alt und abgemüdet und könnten doch die mit jedem Jahr wachsende Wirtschaft nicht mehr leisten. Auch züchte der Kirchebner das beste Vieh im ganzen Sellrain und nehme überdies gerne gedrechselte Arbeit in Zahlung.

„Ich weiß wohl nichts davon, daß du neue Äcker kaufen willst“, sagte Frau Gertrud darauf, „es ist ja bei uns der Brauch, daß die Bäuerin als letzte von diesen Sachen erfährt und auch das nur so nebenbei und hinten herum, aber wenn du nach Gries gehst, dann darfst du den Kirchebner wohl nicht unbesucht lassen. Ich hab noch seit zwei Jahren, seit wir die Kirchebnerin eingegraben haben, ein Kopftüchel bei mir, das meine war damals patschnaß, hat ja schrecklich geregnet. Das kannst du gleich für die Resi mitnehmen.“

„Das trifft sich gut“, sagte der Bauer, „der Peter soll die Gugel zurückgeben. Aber weißt du gewiß, daß es dir die Resi geliehen hat und nicht die Vroni?“

„Die Vroni war damals noch ein Fratz. Aber weshalb ist dir auf einmal dran- gelegen, daß die Vroni es mir geliehen hat?“ Sie blickte ihn an, begriff aber im gleichen Augenblick, lachte heimlich, daß er, der so gescheite Mann, seine Absicht so wenig verbergen konnte, und fragte nicht weiter.

Wenn sie aber dann zusah, wie die kleine Leni mit den drei blanken Kegelkugeln Sonne, Mond und Erde spielte und der Peter mittat gleich einem kleinen Buben, ward ihr seltsam ängstlich ums Herz. Sie ahnte ja nicht, wie stark und wie ernsthaft ihn in jenen Tagen die Kugel rief, ja wie außer ihr bald nichts mehr in seinen Gedanken war. Er brütete oft heimlich über den blitzenden Dingern, maß mit Zirkel, Lot und Meßstreifen, schrieb in ein Lernbüchlein und prüfte jedes nur halbwegs kugelförmige Ding, die reifen Kirschen, die Halbkugel des weißgetünchten Stubenofens„ den Knauf einer Brunnenröhre oder einen heimlich gekneteten Brocken feuchter Ackererde. Sie war ihm unter all den Dingen am liebsten, denn er konnte sie mit einem Messer schön entzweischneiden und den Durchmesser genau abmessen. Es bekümmerte ihn ja jetzt bis in den Schlaf hinein, Wie der Durchmesser einer Kugel sich zum größten Umfang verhalt und ob,man den einen aus dem anderen berechnen könne. Er fand ja, daß er den Durchmesser etwa dreimal auf dem größten Kreis auftragen konnte. Doch diese Drei stimmte nicht ganz, und da er glaubte, ia dieser schönen runden Zahl liege das Geheimnis, schrieb er diese Ungenauigkeit der, immerhin nicht ganz glatten Form der Erdknödel zu. Die neuen Kegelkugeln durfte e* ja nicht durchschneiden. Daß er diese Prabe sobald er einmal allein war, an einer selbstgedrechselten Fichtenholzkugel nachholen' wollte, beruhigte ihn fürs erste.

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