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AUSFLUG IN DIE FREIHEIT 1946

Seit fast anderthalb Jahren währte nun schon die Gefangenschaft. Jeder Tag war Entbehrung, jeder Tag war Sehnsucht, wenn man es auch unter den vielen sowjetischen Lagern nicht zum schlechtesten getroffen hatte: Morschansk, Lager 64, nächst Tambow an der Bahnstrecke Moskau—Saratow.

Dieseits Und jenseits des mit Parolen geschmückten Lagertores war nach dem großen Aufbruch der Arbeitskommandos Ruhe eingetreten. Nur der kleine Trupp „Stadtsägewerk“, ein gutartiges Halbtagskommando, wartete, anscheinend vergeblich, auf seinen Abholer. Da kam endlich Oberleutnant Smir- now, ein rundlicher, leicht behöckerter Natschalnik der Lagerverwaltung, dem irgendein Landser den Namen „Puk- kel-fuffzig“ („Fuffzig!“ — war der Warnruf bei der Annäherung von Aufsehern) verliehen hatte, durch die Ochrana (Wache). Er rief den vieren ein herzhaftes „Dawei!“ (Los!) zu. Ein Lastkraftwagen aus der deutschen Beute nahm den Oberleutnant in der Führerkabine, die Arbeitsbienen auf der Landefläche mit, und schon ging es dahin. Wohin wohl? Sicher nicht zum Stadtsägewerk! Ob man dann aber zu Mittag wieder im Lager und ob man für das Ganze ausreichend gekleidet war? „Puckel-fuffzig“' hatte alle Besorgnisse abgetan: „Ihr mittags wieder im Lager!“ Es sollte nur um Holzkohlen für die Lagerschmiede in die Stadt gehen. Ein beachtlicher Auftrag für vier einstige Offizdersoldaten, doch auf mehr oder weniger Personal- und Intelligenzverschwendung kam es hier gewiß nicht mehr an. Außerdem lief der „Film“ ein wenig anders, nämlich echt russisch, ab.

Mit seiner Anforderung hatte unser Natschalnik zwar Glück bei der Stadtverwaltung: man bewilligte die Holzkohle. Doch schon beim Stadtlager gab es eine Enttäuschung: es war keine lagernd. Genauso ging es beim nächsten Lager im Bahnhofsgelände. „Puckel-fuffzig“ fluchte, als ob er für diese Erleichterung im Akkord stünde, es half nichts: Holzkohle mußte her für eine Terminarbeit der Schmiede, sonst „Dawei Sibirr!“, so hatte der Oberst und Kommandant des gesamten Lagers gedroht. Darüber war es zehn Uhr geworden.

So fuhr der große Laster auf einer schrecklich löcherigen Waldstraße in einem Höllentempo ins Gelände einer neuen Verheißung. Wald, nichts als Wald; Staub, nichts als Staub. Und dies gute 50 Kilometer weit. Endlich eine kleine Siedlung in einer Lichtung. Irgendwo war „Pisarewsker Rayon“ zu lesen. Das Staunen der Einheimischen war groß. Hier hatte man Soldaten der Deutschen Wehrmacht bisher weder in Freiheit noch in Unfreiheit gesehen. „Puckel-fuffzig“ präsentierte sie gönnerhaft wie seine persönliche Beute.

Zur Sache Holzkohle: o weh! Der Unternatschalnik dieser Waldwirtschaft fand den Anforderungsschein zwar in Ordnung, aber auch hier gab es kein einziges Stücklein des gesuchten Stoffes; der lag noch auf Waldgut Nr. X dort und dort, etwa 20 Kilometer weiter. Allerdings wäre dafür wieder ein anderer Ausfolgeschein nötig, den nur sein unmittelbarer Vorgesetzter ausstellen dürfe, und gerade der sei vor einer guten Stunde in die Stadt gefahren, man hätte ihm eigentlich begegnen müssen. Er wolle aber nicht zu spät am Nachmittag zurück sein.

Zuerst ein Seufzer, dann mehrere der landesüblichen, nicht wiederzugebenden Flüche, dann ließ sich „Puckel-fuffzig“ zu einem bescheidenen Essen nötigen. Man sah ihn bald darauf aus hundert Meter Entfernung lachend inmitten seiner Gastgeberleute auf einer Veranda sitzen und schmausen. Auch ein Gläschen Wodka schien der Runde nicht zu fehlen, denn das Lachen kam laut und unbeschwert herüber.

Weniger gut war die Laune des deutschen Landserfahrers und der ohnedies ausgehungerten Plennys. Im Lager wartete um diese Zeit immerhin eine Suppe und ein Stück Brot.

Hier knurrte der Magen unabweisbar. Man lag zwar behaglich in der Sonne am Waldrand und auch das Glück, dem mehrfachen Lagerzaun für ein paar Stunden entronnen zu sein, war beträchtlich, doch Hunger ist Hunger und Durst ist Durst. Da halfen auch die paar noch nicht abgeernteten Ribisel nichts, an die man sich verstohlen heranpirschte. Ein lang entbehrter Dillkrautstengel mundete zwar köstlich wie Ambrosia und Nektar zusammen, doch der Magen blieb weiterhin unbefriedigt: Was war auch schon, um im Jargon eines bestimmten Kameraden zu reden, eine Himbeere für einen Elefanten?

Nun sah einer, wie sich der deutsche Landserkraftfahrer eine kleine Melone „organisiert“ hatte. Die Leutchen hier besaßen selbst nicht allzuviel, doch es half nichts: man mußte zur Selbsthilfe greifen! Mundraub tat not! Man schlich und kroch auf getrennten Wegen durch das dürftig bebaute Gelände und fand sich vor einer größeren Wassermelone in Bauchlage vereint. Man lachte befreit; fürs erste mochte dieses köstliche Viertel genügen!

Es wurde sechs Uhr nachmittag, aber der Waldverwalter war noch nicht aus der Stadt zurück. Schon hatte man die Augen nach einem Scheunenlager für die Nacht bemüht und sich ein gar nicht stolzes Bettelsprüchlein zurechtgelegt, da trat ein altes Weiblein aus einer nahegelegenen Hütte und winkte den vieren zu, sie mögen eintreten. Auf der Herdplatte dampfte eine Schüssel voller Erdäpfel, Salz war auch da. Und zum Trinken ein irdener Krug mit warmem Wasser, das durch eine Handvoll Aniiskörner ein wenig Aroma bekommen haitte. Butter kenne sie selbst nicht, und auch mit Brot sei es bei ihr schlecht bestellt. Man möge es sich dennoch schmecken lassen. Ihr einziger Sohn sei seit dem Kriege mit den Deutschen verschollen; wer weiß, wo seine letzte Stunde geschlagen habe, aber vielleicht hätten auch ihm ein paar hilfreiche deutsche Hände geholfen. Sie schlug in orthodoxer Art ein Kreuz und wandte sich, still vor sich hinwed- nend, der „heiligen Ecke“, ihren Ikonen, zu. Die Gäste aber dachten beschämt an den fürchterlichen Hunger vieler sowjetischer Gefangener, namentlich aus den Millionenkesseln der ersten Offensdvzeit, den auch ihr bester Wille nicht hätte stillen können. Gewiß hat man da und dort mit einer armseligen Gabe individuell geholfen, und vielleicht trug solches Tun in der jetzigen Bewirtung eine kleine Vergeltung in sich. Bedrückend war es dennoch angesichts der Armut der alten Frau.

So war man gesättigt und getröstet, als es im Finsterwerden endlich durch die Taiga weiterging. Wie schön empfand man nun die linde Waldluft, wenn man sich vor den niedergeschlagenen Zweigen auf die Wagenbretter neigte! Wie herrlich mochte es jetzt, zur Urlaubszeit, daheim sein. Man empfand erst jetzt, wie arm man in der Massen- und Chlorluft des Lagers dran war, obwohl auch dieses in einem Wald lag.

Wieder eine Waldwirtschaft! Wieder Staunen, wenn auch die Gesichter und Gestalten kaum ausnehmbar waren. — Wieder keine Holzkohle, aber doch eine „ganz sichere“ Adresse, 20 Kilometer nach links herum. Wer wußte da noch genau, wo Morschansk lag? Man drückte den Plennys saure Gurken in die Hände und Sonnenblumenkerne (Stalins Schokolade!) in die Tasche. Sogar „Puckel-fuffzig“ suchte die Stimmung durch Verteilung von Haselnüssen zu heben. Man wollte allerdings auch eine Gefälligkeit von ihnen, eine „Fuhr“ Es sollte nämlich eine Ladung Samenzapfen (gegen irgendeine wichtige Gegenleistung!) dorthin, wo es „wirklich“ Holzkohlen gab. Warum auch nicht? So trug man Korblasten herbei, setzte sich auf die Ladung und stülpte sich gegen die empfindliche Abendkälte die mitgegebenen Körbe um, wenn dies auch kaum viel half. Und wie leuchteten die

Sterne am Firmament! Das Reiteiiein auf der Deichsel des Wagens schien ja nach der Heimat zu streben, aber der Polarstern blieb bestimmend, und so ging die Fahrt nach Norden.

Das Abenteuer war in vollem Gang. Daß inzwischen auch die Abendkascha im Lager zu einer Habenpost geworden war, die nicht verfiel, war angesichts der genossenen Naturalien eher ein erfreulicher Gedanke.

Der Fahrweg wurde schlechter. An einem einsamen Waldhaus vorbei holperte der Lkw nun auf einem Knüppeldamm ins freie, wenn auch sumpfige Gelände. Das Ziel mußte zum Greifen nahe sein. Da spürte man ein scharfes Bremsen. Der Fahrer war stolz, daß er drei fehlende Bohlen über ein im Mondschein glitzerndes Plüßlein nicht übersehen hatte. „Puckel-fuffzig“ gab den Nationalfluch wie ein Maschinengewehr von sich. Dann zog er zu Fuß dem nächsten Dorf zu und versprach, am Morgen mit Hilfstruppen zu erscheinen. Bis dorthin möge man warten.

Der Fahrer legte sich im Führerhaus zurecht. Die vier Offiziersgefangenen fanden es auf ihrem Zapfenlager bald sehr kühl und uneben. Man erinnerte sich des einsamen Hauses knapp vor der Panne und zog dorthin ab, vielleicht konnte man sich in Heu oder Stroh zur Ruhe legen. Die Mitternacht war nicht mehr weit.

Man klopfte kräftig an und sagte in unbeholfenem Russisch dem älteren Paar seinen Wunsch. Man war sich trotz der ungeheuren Müdigkeit darüber im klaren ,was wohl etwa in Niederösterreich geschehen wäre, wenn zur Geisterstunde vier fremde Gestalten an eine bäuerliche Tür geklopft hätten. Hier schien man nichts von Unsicherheit zu spüren, hier kläffte nicht einmal ein Hofhund. Und so geschah das Wunder, das irgendwie an Bethlehem denken ließ: Herbergsuche auch hier! Doch siehe da: nicht ein in übler Laune gewährter Platz in Scheune oder Stall war die Antwort. Der Russe holte, ohne auf Mithilfe zu warten, für die einstigen Feinde seines Staates einige Schütten Stroh herbei und breitete sie in seiner Stube, seinem einzigen Wohnraum, aus, in dem gerade vier Mann Platz hatten, während er mit seiner Frau in Ofennähe den Schlaf fortsetzte.

Und als gar am hellen Morgen Salzk-artoffeln dampfend auf dem Tisch standen, und ein Becher Milch daneben, und gar noch jeder zwei Essigschwämme verschmaust hatte, war der innigen Dankbarkeit kein Ende. Hier fanden sich leicht fremde Hände, ohne daß es sich um die vielberufene und vielverpönte Fraternisierung gehandelt hätte. Es war reine, in sich selbst belohnte Brüderlichkeit.

Nun lag das Beneiden eine Zeitlang beim Fahrer! Von „Puckel-fuffzig“ war auch um neun Uhr morgens noch keine Spur zu sehen. Er war doch nicht selbst „stiften“ gegangen? Wohin auch? Ehe er dann laut singend und offensichtlich „gut gefrühstückt“ mit drei helfenden abgerüsteten Rotarmisten an der lückenhaften Brücke erschien, hatten seine Schutzbefohlenen jenseits der Brücke ihre immer mitgeführten, meist leeren Brotbeutel mit liebliche Sättigung verheißenden Erdäpfeln gefüllt, um die man ein größeres Feld indianermäßig anschleichend erleichtert hatte (die guten Menschen mochten es verzeihen!), und hatte ihnen in der warmen Morgensonne der kristallreine Fluß Gelegenheit zum Bade gegeben.

Kurz vor Mittag lud man die Zapfen in einem Dachgeschoß ab. Die Holzkohle, wenn auch eine ganze Tonne weniger, war wirklioh nur noch fünf Kilometer weiter im Walde versteckt. Direkt beim Meiler! Ehe aber der örtliche Funktionär dorthin zu führen bereit war, wartete wieder ein dörflich einfaches „Mittagbrot“, diesmal wörtlich auf die gar nicht mehr ungeduldig Wartenden und ihrem im gleichen Raume befindlichen „Puckel-fuffzig“. Der unbestreitbare Höhepunkt der „Tafel“ war eine Art von Quarkbuchen, dem man dann im Wald frischgereifte Ebereschen nachfolgen ließ. Diese Menschen waren so natürlich gut und gastlich, wie es nur bäuerliche Slawen sein können. So ganz anders, als einem Russen von gewissen Situationen an der Front und in einzelnen Lagern bekannt waren, wo sie, vielleicht als Kollektiv, vielleicht im Wodkamachtrausch, unbeglichene Rechnungen hart auf hart eingefordert hatten.

Als s/ich der Abend über diesen zweiten Tag senkte — zwei Tage unter zwei Milliarden Menschentagen —, hatten die vier Plenny mit ihrem Fahrer nicht nur die sagenhafte Holzkohle in der Lagerschmiede abgeliefert, sondern auch den robusten Lkw mit Birkenprügeln überladen, mit denen „Puckel-fuffzig“, alias Smirnow, wohl sein eigenes Waldgeschäftlein getätigt hatte, und damit einen (Stalin war weit weg) Rückfall in privatkapitalistische Verhältnisse getan.

Man war nach anderthalb Jahren wieder einmal für knappe 40 Stunden in der Freiheit und in der Sättigung gewesen und brachte als wertvollste Beute die Zuversicht heim: Der Mensch ist ja doch gut! So konnte man auf Heimkehr und Frieden vertrauen, wenn auch die Zukunft noch recht undeutbar in den Sternen liegen mochte.

Nur wer durch die Tiefen des Lebens gegangen ist, vermag die Höhen zu ermessen, die doch da und dort für die Sterblichen auch im Diesseits erreichbar sind. — Der Ausflug in die Freiheit vor 20 Jahren war in vielem berauschender als die heißersehr. ie Freiheit selbst.

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