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Mensch!

Es war an einem .hellen Jännermorgen im įetzten Jahre des vergangenen Krieges. Über den Hügeln im Knie eines großen Stromes stieg rotglühend die Sonne hoch. Zarte rosiggefärbte Wölkchen verloren sich in der glasklaren Ferne, mit der die frühe Stunde das blasse Blau des Himmels eingefaßt hatte. Von den dunkelgrünen, dem Osten zugewandten Waldkuppen schwebte hauchfeiner Dunst, spielend, mit immer seltsameren Formgebilden, an der Sonne vorüber.

Ein flaches Tal bettete sich zwischen langgestreckten Kämmen. Von der frostharten Straße an seiner Sohle begleiteten nach beiden Seiten hin vereinzelt stehende winterkarge Bäume die allmählich ansteigenden Hänge, ehe sie sich, schon nahezu auf halber Höhe, zu dichtem Waldbestand zusammenschlossen.

Kleine Gruppen in Tarnzeug gehüllter Soldaten lagerten auf den moosbraunen Inseln, die das verwitterte Gezweig der Bäume der dünnen Schneedecke ausgespart hatte. Der kühle Wind, der in unruhigen Stößen über die Hänge her in das Tal einfiel, sich in den Bäumen verfing und, wie um sein weiteres Wesen kämpfend, durch heftiges Rütteln wieder losriß, brachte ein Frösteln mit, das nun minutenlang durch die Gruppen der zusammengedrängten Männer lief. Sie ließen ab von ihren leisen Gesprächen und behutsam prüfenden Handgriffen an Waffen und Geräten, drängten die ihnen schon zur gewohnten Last gewordene Müdigkeit ein wenig weiter von ihren Körpern ab und folgten mit forschenden Blicken der nach Osten führenden Straße.

Seit Tagen war nun diese Straße — nach wie vielen schon in den letzten Jahren! — ihr Schicksal. Vor Wochenfrist hatte ein sternenloser Himmel ihren Einbruch in die ihnen feindlichen Stellungen gesehen. Ihr Waffenhandwerk, unter den Sonnen vieler Länder erlernt, hatte ihnen den Durchbruch gewährt. Dann trieb sie der Befehl durch Tage und Nächte den trüben Fluten des Stromes — wenigen von ihnen mochte sein frühes Wasser unbekannt sein — entlang, bis sie jäh in das südlich gelegene Hügelland einbogen. Fast kampflos waren sie durch das wenig winterliche Land, durch geruhsame, vom geringen Kriegslärm kaum beunruhigte Städtchen gefahren, hatten in einsam verträumt liegenden, doch durch das Fehlen ihrer Bewohner unheimlich wirkenden Dörfern kärglich bemessene Stunden gerastet, um in der eben gelichteten Nacht in dieses schmale Waldtal einzurücken.

Vor ihren Blicken verließ die Straße nach kaum hundert Metern den schütteren Wald und lief weiter, zur Linken von einem langgezogenen, fast schneefreien Hügel überhöht, zur Rechten von einem breiten Schneefeld begleitet, daran sich in gleichmäßigem Abstand ein dunkler Hochwald schloß. Dort, am Ende des Hügels, bog sie mit raschem Schwung nach links in ein größeres Dorf ein. Allein, hätte man ihren endlichen Verlauf nicht schon vom Kartenblatt her als festen Besitz mit sich getragen, auch das geübteste Auge wäre ihm vergeblich gefolgt. Denn das flimmernde Spiel der Sonnenstrahlen und der Atem der erwachenden Erde, beides getaucht in das blendende Weiß unberührten Schnees, woben ein wundersames Gespinst, das in seiner duftigen Zartheit Und lichten Farbenpracht ein von einem göttlichen Künstler ins Ungeheure gesteigertes Spinnennetz zu sein schien, darin in früher Stunde zarteste Tautropfen und erste Sonnenstrahlen feenhafte Vermählung begehen. Und die Straße, am Beginn lehmgolden, nahm allmählich den zarten Silberglanz in sich auf, bis sie, entrückt allem greifbaren Wesen und begnadet zum Weg in eine andere Welt, sich darin verlor.

Doch von den Männern, die hier auf den Befehl zu neuerlichem Aufbruch warteten, mochte kaum einer diesen Weg gehen. Was sie nach vorne forschen ließ, war das Muß der nächsten Schritte. Auch waren sie, wie sie hier der Erde verhaftet lagen, nur im Äußerlichsten ein Gemeinsames. Im Körperlichen wechselseitig Wärme suchend und Wärme gebend, waren ihre Herzen einander fremd, ja feindlich. Die Härte des gemeinsamen Schicksals schloß für den Augenblick — und wie viele solcher Augenblicke mußten es schon sein! — einen scheinbar unzersprengbaren Ring um sie. Doch die Stunde mochte schon warten, in der sein Druck zu stark oder zu schwach sein sollte und sie in ihre kleine Menschlichkeit entsprangen.

Und doch: dieses Wunder eines frühen Wintertages hätte allen, dem vom Leben und vom Kriegshandwerk abgestumpften Alten, wie dem von der Last sich überstürzenden Geschehens erdrückten Jungen, befreiende und erhöhende Gemeinsamkeit geben können. Dem einen wäre im ahnungsvollen Hinauslangen in eine andere, höhere Welt alles Dumpfe eines an Irrtümern und Verfehlungen überreichen Lebens wie finsterer Spuk vor hellem Licht gewichen, in ewige Vergessenheit gesunken, nun er,

gleichsam durch eine späte Türe seines Lebens in ein neues tretend, hierin den Sinn seines bisherigen gefunden. Dem anderen, in der Frühe seines Werdens Stehenden, wäre, gleichsam als Blick aus einem ersten Fenster seines noch zu bauenden Lebens in die Größe seines Eingeordnetseins, der beschattete eigene Raum nie mehr ganz ohne Licht gewesen, das Künftige selbst hätte sich seiner suchenden Seele für einen Herzschlag lang geoffenbart und ihn nie wieder von sich gestoßen.

In dieser Verschiedenheit wäre aber der weitere Weg doch allen gemeinsam gewesen. Konnte auch keiner von ihnen wissen, was ihm auf diesem Stück Straße — das so klein war im Vergleich zu allen Wegen der Welt und doch so groß, wenn man es selbst zu gehen hatte — beschieden war, so hätten sich doch ihre Herzen an dem neuen Licht ihrer Augen zu immer reineren Flammen entzündet — so mochte manches Herz vergehen, ohne jemals geleuchtet zu haben — und sie wären in das Unbekannte hineingeschritten, einer um den anderen, wie Kinder, die den Glauben an die Macht ihres Vaters mit sich tragen.

Vorne war unterdessen das Wunder erloschen. Der Blick, der es als Spiegelung von Sonne. und Schnee gesehen haben mochte, tastete nun durch ein dämmerndes Dunkel, ehe es sich ihm als das erdgebundene Antlitz einer schneeigen Landschaft wieder enthüllte. Aber selbst hier mochte keinem der Männer das beängstigende Gefühl eines eben für immer Versäumten, unwiederbringlich Verlorenen, das aber dennoch oder gerade deshalb ein Riß in die harten Schalen des Ichs gewesen wäre, gekommen sein. Keiner war aus der Gewöhnlichkeit des Augenblicks getreten.

Die ersten schritten schon aus dem Wald in die auf die Straße ungehindert einfallenden Strahlen der inzwischen um ein gutes Stüde höhergestiegenen Sonne, da die letzten hastig ihr Gepäck aufnahme«1. Ljs-gsam schlossen die Nadizügler auf; die 'yt-den langen Reihen der an den Straßenrändern gehenden Männer zogen sich zusammen.

Es war sehr still. Nirgends seinen fremdes Leben zu «ein. Die Anstrengung der vorangegangenen Märsche hatte sich im neuerlichen Antreten besonders spürbar gemacht. Nun lag die Müdigkeit wie ein dickes Tuch über den Marschierenden und ließ auch das notwendigste Wort nur mühend von den Lippen. Selbst die altgewohnte Melodie aufeinanderschlagender Ausrüstungsstücke klang fremder.

Allmählich wurden die Männer das Gehen wieder gewohnt. Schon waren mehrere hundert Meter zurückgelegt. Die Sonnenwärme drang durch das dicke Tarnzeug und lockerte die Glieder mit auf. Die sich langsam vorwärtsbewegenden Ketten zogen sich wieder auseinander. Da und dort fielen halblaute Befehle.

Mit den sich vergrößernden Abständen rissen sich die Blicke von den Rücken der Vordermänner los. Sie glitten vom Fuß des Hanges zur linken Hand über die ebene Straße dahin, bis sie am Randgraben Halt fanden. Hie und da lag in ihm ein wenig Schnee; dazwischen Drahtenden, Holzstücke, ein paar leere Flaschen. Das dürre Gras jenseits des Grabens wurde nach wenigen Metern von einer dünnen Schneedecke abgelöst. Ihr geschwungener Rand trug die Farbe trüben Glases. Dann dehnte sie sich in reinem Weiß, nur im letzten Drittel von einem breiten Schattenband überlagert, bis zu den dunklen Bäumen des Hochwaldes. Die Blicke kletterten an ihnen empor und verloren sich im flimmernden Himmelsbogen, der mit tiefblauen Rändern auf dem dunklen Grün der Hochwaldriesen und dem hellen Braun des Hügelkammes aufsaß. Vorne, vom Vordermann fast stets verdeckt, schlossen Berghöhen das Blickfeld ein. Als eine Himmelsleiter: vom Dunkel naher Wälder über das vielfach abgestufte Grün dahintergelagerter Kuppen führte die Farbe der fernsten Höhen nahezu übergangslos in das Blau des Himmels. Dieses nahm allmählich einen weichen Samtton an, um dem Mittag entgegenzuwarten. Ein Gefühl von Geborgenheit überkam die marschierenden Männer…

Da brach mit einem Donnerschlag die Erde auf! — Aus ihren Rissen wuchteten schwere Erdbrocken ge©« den verdunkelten Himmel. Im Wirbel von Feuer und Rauch zerbarsten sie in tausend Stücke. Eine Flut kochenden Eisens, gebettet in herabfallende Stein- und Erdmassen, stürmte einher. Die Erde schien einen Satz nadi vorne zu tun. Ein höllisches Getöse fand vielfachen Widerhall.

Endlich sackte die rauchende Wand in si'h zusammen. Letzte Fetzen verloren sich . flatternd nach oben. Vereinzelt bohrten .sich noch glühende Pfeile mit teuflischem Zischen in die trockene Grasnarbe des wieder sichtbar gewordenen Hanges; heller Sand rieselte herab. Dann war tiefe Stille …

Die Straße lag wie tot und leer. Nichts rührte sich auf ihr. Sonnenkringeln spielten an hellen Lehmbrocken. Sekunden zerdehn- ten sich zu Ewigkeiten. Dann stieg aus einigen der vielen dunklen Bündel, die in langsam sieb 'ergrößernden hellroten Flek- keu der aufgerissenen Fahrbahn lagen, ein schwaches Stöhnen auf, das sich in viele hohe Schreie auflöste und erlosch. Wieder war tiefe Stille …

Die Minuten zerrten die Sonne unendlich langsam höher. Der Schatten im Straßengraben schrumpfte in sich zusammen. Da lief ein kurzes Wort durch ihn hin, und plötzlich erhoben sich da und dort Männer zu halber Höhe und warfen sich im Sprunge nach vorn. Doch als ob schon ihre ersten, kaum sichtbaren Regungen das Dunkle selbst zu entfesseln vermocht hätten, schlug aus dem hellen Himmel erneut ein Sturm der Vernichtung über sie zusammen. Die Straße warf sich ächzend auf; dunkle Schwaden zogen über sie hin. Aber immer und immer wieder sprangen Männer, als würden sie von unsichtbaren Fäden gezogen, um wenige Meter nach vorne, wo sie in jäh aufschießenden Erdfontänen zusammen- brachen. Bis dann die Sprünge immer seltener und seltener erfolgten, das durch sie heraufbeschworene Verderben immer schwächer und schwächer wurde, und endlich die Straße wieder wie tot und leer unter der tiefen Sonne lag.

Diese stand nun hoch im Zenith; ihre Strahlen übergossen warm das Land. Die fernen Höhen waren nähergerückt. Der Wald hüllte sieh in dunkles Schweigen; sein Schatten war fast ganz in ihn hineingewandert. Das Schneefeld trug sprühende Lichter; von seinem trüben Rande tropfte helles Wasser und spielte zwischen den gelben Gräsern. Im Straßengraben wanderten Wörter nach vorne. Hie und da zeigte sich in ihm geringe Bewegung; doch es blieb still.

Die Zeit schien zu warten. Sie hatte alle Grenzen und Maße verloren; nur Sonne war in ihr. Und diese lagerte eine dunkle Mattigkeit auf die Straße ab. Die Männer im Rindgraben lagen flach an die Erde gepreßt. Dann und wann hob einer den Kopf. Kaum ein Wort klang noch auf. So lagen sie: unter wärmendem Himmel auf kalter Erde, zwischen Leben und Tod …

Jenseits des Hügels erhob sich mit einemmal heftiger Kampflärm und dehnte sich in eine verborgene Ferne. Die Männer im Straßengraben sprangen mit freudigen Zurufen auf — es waren ihrer sehr wenige —, stimmten mit lautem Geschrei und Geschieße ein, und stolperten, die Blicke nach vorne gerichtet und ihre Ausrüstung zurechtschiebend, vorwärts. Dort, schon sehr ferne, sah man dunkle Grüppchen rasch kleiner werden.

Da riß ein Geräusch von brechenden Ästen die Blicke der Männer nach rechts. Ein Hirsch — durch irgend etwas, das sich in der Tiefe des Waldes begeben haben mochte, gejagt — hatte aus dem schütteren Unterholz des Hochwaldes mit wildem Sprung bis in die Mitte des Schneefeldes gesetzt. Hier schreckte er jäh, um wieder flüchtig zu werden. Doch, noch ehe er sich wenden konnte, hatten sich die vorwärts- hastenden Männer, aufs neue in ein lautes Geschrei ausbrechend, an die Neigung des Straßengrabens hingeworfen und ihre Maschinenwaffen gehoben. Deren rasendes Tacken füllte sekundenlang die Luft.

Der Hirsch hielt mitten in der Wendung inne. Seine dunkle Decke hob sich scharf vom Schnee ab. Durch seinen mächtigen Körper lief ein jähes Zittern. Langsam brach er mit den Hinterläufen nieder. Und wieder lief ein Zittern durch Träger und Körper, verkrampfte sich in den sehnigen Läufen. Dann neigte er sein Haupt, gekrönt mit einem hellen, weitausladenden Geweih, den Menschen und der Erde zu — und brach' zusammen…

Noch immer peitschten Schüsse den Schnee um ihn auf. Dann rafften sich die Männer hoch, griffen nach ihren Waffen, und während die ersten im Schwung der Straße schon auf das sonnenbeschienene, in tiefer Stille liegende Dorf zu einbogen, flatterte noch — wie irr — ein Wortfetzen über dem Ort des Geschehens: „Mensch, hast du das gesehen?“ — Mensch!

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