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Meer, Mond und Sonne

Ich wußte nie, was die Eule mit den Büchern und der Bücherweisheit zu tun hatte. Aber von jenem Augenblick an, als ich in Marseille in der rue Paradis den Bücherladen betreten und mich mit dem gerant, M. Du-jardin, angefreundet hatte, war dies mir klar geworden. Sein eulenartiges Gesicht, das durch die dunklen Brillen noch charakteristischer wurde, schien mir fortan Typus des Bücherliebhabers und Bücherhüters. Er hatte Bücher, die er verkaufte, und solche, die er verschenkte. Meine Freundschaft mit ihm stammt von jenem ersten Besuch in jenem Laden. Er pflegte nur persönliche Bekannte zu bedienen und solche, welche er würdigte, die seinen zu werden. Das aber hing von einer unbewußten Prüfung ab. Hatte man aus den Stapeln der Bücher mit Geschmack gewählt — und der mußte abseits liegen von der üblichen Sorte der Käufer — dann genügte sein wie zufällig darübergleitender Blick und „bediente“ er. Merkwürdigerweise, er wußte in magischer Art, was man sonst noch wollte und woran man Freude haben könnte.

So sind wir Freunde geworden. Nie mehr ließ er einen von den herumstehenden Ladenschwengeln an mich herankommen und war er einmal irgendwo in seinem tiefen Speicher versteckt, automatisch wurde er herbeigeholt und wir sprachen wie langjährige Freunde von diesem oder jenem und es verwandelte sidi seine sonstige Reserve in herzliche Rede und Gegenrede.

So bin ich nie aus der rue Paradis anders weggegangen als mit einem Pack erlesener Bücher und er ließ es sich nie nehmen, irgend ein Buch als besonderes persönliches Geschenk dnzuzulegen, einmal eine nette Ausgabe eines Klassikers oder ein soeben erschienenes Werk.

Eines Tages galt es, mich zu verabschieden. Ich sollte irgendwohin in ein Nest, wie man mir sagte, zwischen Marseille und Toulon. Als ich mich etwas wehmütig verabschiedete und erklärte, ich müßte nach Cassis sur mer, da gingen seine Augen groß auf und er strahlte, verklärt mich anschauend: „Un bon coin, Pantichambre du ciel“ — „Ein netter Winkel, der Vorraum zum Himmel“. — Mit diesem Trost und in mir die Erwartung nach dem Unbekannten tragend, schied ich.

Schwer keuchte der Holzgasautobus, als er von der kleinen Eisenbahnhaltestelle Cassis sur mer sich in Bewegung setzte. Ich konnte es ihm nachfühlen. Denn zuerst waren Menschen durch Türen und Fenster auf ihn gestürmt, waren Gepäck und Räder auf seinem Dach verstaut worden. Aber dann hatte alt und jung auch dort oben, auf luftiger Höhe eng aneinandergepreßt, sich noch ein Plätz-dien — mehr war es wirklich nicht — erobert. Bedenklich schwankend in jeder Kurve ging die aufregende Fahrt vonstatten. Zwischen Weinbergen hindurd neigte sich allmählich die serpentinenreiche Straße, Villa an Villa, in exotischen Stilen und von solchen Pflanzen umhüllt, löste das Bild ab. Zwischen den enggepreßten Leibern der neben dem Fahrer Stehenden erhaschte ich gerade noch einen Zipfel von dem weit ins Meer hinausgezogenen Cap Canaille, das von der Abendsonne in seinem Steilabfall purpurviolett bestrichen wurde.

Nach einem quengelnden Hin und Her tauchten wir endlich in einer Masse von stockhohen Häusern unter. Da gelang es tatsächlich dein Autobusungetüm, mit einem Ruck stehen zu bleiben und aus war die Fahrt. 1

Bald aber versöhnte mich der Anblick des kleinen Fischerhafens und der Vorschlag meines Gefährten erschien mir gar nicht so uneben, in der Bar, die sich stolz „La Marine“ nannte, von der bisherigen Anstrengung Erholung zu suchen und zwecks näherer Erkundung der Situation einmal einen festen Punkt zu finden. Hier gab es also die berühmte „bouillabaisse“, jenes eigenartige Fischgericht, das man nur in der Provence zu bereiten versteht. Wie soll man es aber beschreiben? Es ist ein Vermengsei von Fischen, die in Weißwein gekocht sind, Kartoffeln Tomaten, Safran, Olivenöl, Oliven und allen möglichen und unmöglich erscheinenden Zutaten und vor allem mit viel curry. All das und noch mehr zusammen ergibt eben das Besondere.

So kosten wir in dem etwas morgenländisch ausgestatteten Raum das unserem Gaumen Ungewöhnliche und beobachten still die Fischer, die in ihrer für den Süden auffallenden Behäbigkeit mit wiegendem Gang nrch auf einen „coup du vin“ hereinkommen, am „zinc“, an der Theke, eine Weile herumlümmeln, dort sich auswürfeln, wer die Runde bezahlt und wieder gehen. Eine Weile nesteln sie an der Mole an den Tauen ihrer Boote herum, lösen sie los und verlassen rudernd den kleinen Hafen, der durch eine weite Kaimauer geschützt ist. Draußen aber fängt der kleine Bordmotor zu summen an und es geht an die Arbeit, an das Netzelegen drei bis vier Kilometer von der Küste weg.

So klein und unscheinbar dieses Fischerdorf erscheint, im aufgehenden Mond beginnt es sichtlich zu leben. Es ist, als ob die Sonne alles Leben verscheucht und vertrieben hätte. Burschen stehen zusammen, gestikulren und ihr Dialekt ist nicht viel besser, eher denn schlechter als irgendwo anders im Süden, aber ich lasse mich belehren, daß man hier proven-calisch spricht. Mädchen, von einigen Fähnchen kaum verhüllt oder im Short und Brusttuch, tragen in .ihren eigenartig schwarz-seidenglänzenden Haaren knallrote Blüten und stecken kichernd die Köpfe zusammen. Da und dort lösen sich Gruppen, schließen sich und flanieren um den viereckigen Hafen, indessen sich bald hier, bald wo anders ein Boot löst und hinausgleitet. „Sie fahren in die .calanquen', die Steinbrüche, wo schon die Phönizier sich ihre Steine geholt haben“, sagt mein Gefährte. Etwas langsam schaue ich mein Gegenüber an und merke, daß der gekostete Cassiswein'mehr als nur aufgefan-g.ne Sonne ist und sage gleichsam entschuldigend: „Die Sonne macht doch im Süden so müde.“

„Ja, aber es ist eigentlich der Mond gewesen, der der Antike und ihrem Denken den Stempel aufgedrückt hat“, fährt mein Begleiter fort.

„Du magst Recht haben, wenn man hinschaut auf die zierlichen Wellen, die ganz silbern dahergleiten und an die Mole sdila-gen und plätschern, indessen sie jenes freudige Gefühl in uns erreidien, das die Kinder empfinden, wenn sie mit der Hand oder mit einem Gegenstand die Oberfläche des assers berühren. Es ist eber das Spiel der Natur, es ist der Pulsschlag des Lebens in den Gezeiten, das im Ein- und Ausatmen die ewige Bewegung des Lebens widerspiegelt.“

„Aber nein“, entgegnet mein Gegenüber, „du wirst es noch hunderte Male sehen, wie hier die Menschen erst zu leben anfangen, wenn die feurigen Rosse des Helios im Westen hinuntersteigen., denn hier leben noch die Menschen in den Gezeiten und mit den Kräften der Natur, vielleicht auch ganz unbewußt, aber doch noch so sicher, wie vor tausen-den Jahren. Du kennst sie noch nicht, die voll Stolz erzählen, daß der gestrandete Odysseus gerade hier mit seinen Gefährten ans Ufer gestiegen sei, um ein neues Schiff zu bauen und dort unten in Hyeres seinen Leuten die Ohren vor den Gesängen der Sirenen mit Wachs verstopft habe, während er selbst an den Mastbaum sich fesseln ließ. Das ist vielleicht der Vorteil, den die Menschen hier genießen, daß die Natur mit ihrer ewig blühenden Pracht, ihren üppigen Gaben das Lebenselement ist und nicht ein Begriff, wie wir ihn in den Schulen zerpflücken und definieren. Hier ist aber auch der Mond nicht ,der Mond', sondern die griechische Göttin Selene, die zart denkende, . Sonnenstrahlen umarmende Allmutter der menschlichen Natur, es ist das Mysterium der Luna, wie es den Alten galt, wenn in hellen Mondnächten der fruchtbringende Tau fiel, wenn das Meer im seltsamen Gleichklang mit dem Mond an-sdiwoll. Dann war es ihrem mythologisdien Denken klar: Selene hat die Herrschaft über das Wasser. Und siehst du nicht, wie diese alle anzieht, wie ihr Leben aufgeht, gleich den Rosen und Blüten am Morgen, die den Lebenstau in ihren zitternden Kelchen umfangen? Darum ist hier unten das persönliche Leben in dieser Stunde erst erwacht und offenbar das geheimnisvolle Spiel der dem Menschen eigentümlidien Kraft der Zartheit und Liebe. Ich weiß, du glaubst die Philologen und vor allem die der sogenannten ,toten' Sprachen seien nichts anderes als Anatomen mit Seziermessern und du vergißt dabei, daß sie von Lebensdingen und Gefühlswelten wissen, die allerdigs nicht in unserer kaltschnäuzigen Zeit stehen. Wie sagt doch Cicero einmal in einem seiner Bücher von der zauberhaften Kraft des Mondes: ,Ich kenne nicht jenes zarte Geheimnis, daß man kaum merkt, aber auch kaum erkennen kann, daß vom Mond und den übrigen Gestirnen die rechte Beschaffenheit des Himmels abhängt.' Die Luna, oder wie die Griechen sagten, die Selene, steht mitten zwischen dem erhabenen, erdfernen, himmlischen Helios und der dunklen dämonischen Erde. Sie schafft gleichsam die Gegebenheiten des Lebens und jene Möglichkeiten für alles, was auf Erden geboren wird und heranwächst und jene lebenspendende Atmosphäre, in der allein wir uns bewegen können, ja das Wachstum selbst auf Erden, der Pflanzen und Tiere und sogar bis in den Menschen selbst ist ihre Kraft zu spüren und werden sie erlebt.“

Aber da regt sich mein Widerspruch: „Damit kommen wir doch hinein bis mitten in das Heidentum!“ Und es wird mir bang, ob nicht doch ein Stück Wahrheit drinnen steckt, weshalb gerade hier auf diesem Boden mit einer solchen HeißblütigKeit und Erbitterung so lange um den christlichen Menschen gerungen wurde bis in die Neuzeit herauf. Und nicht etwa von der Kirche, sondern vielmehr noch von den Sekten, wie den Älbigensern, die weder Feuer, Tod noch Qualen zu erschüttern vermochten. Weil sie jene heidnische Natur in sich und um sich verspürten, versuchten sie mit der Kraft ihres Verstandes mit allem Fanatismus über die Natur Herr zu werden. Hier ist der Mensch zum Extrem geneigt und überantwortet sich nie halb, sondern immer ganz. Der Christ findet dann nicht im Heiden den Partner, mit dem er sich verbindet, und den er zu sich hinaufzuziehen bestrebt ist, sondern sieht in ihm nur den Gegner, den er erschlagen muß und umgekehrt der Heide steht vor dem ungelösten Rätsel Christ, wenn er sich nicht ganz aufzugeben bereit ist. Vielleicht liegt darin jene uns aus dem Norden Kommenden oft so unbegreiflich erscheinende Zügellosigkeit, und dort, wo wir das Maß und die Stete suchen, sprudelt die Fülle und die scheinbare Unberechenbarkeit, denn hier lebt auch die Natur nicht aus dem Kargen und selbst zwischen den Steinen blühen die Rosen, wenn bei uns wir sie nur an den Fensterscheiben finden. Hier gibt sich die Natur nie aus, sie verfällt hier und dort, aber wo anders lebt sie ungebrochen weiter. Warum sollte dann nicht auch der Mensdi diese heimliche Kraft in sidi erleben?

Am nächsten Tag, als wir an der Stätte unseres Zwiegesprädies zur späten Mittagsstunde vorübergingen, war die Kaimauer mensdienleer und verlassen. Hie und da, geflüchtet in den Schatten eines Hauses, webten ein paar alte Männer und Frauen mit unnachahmlicher Geschicklidikeit aus feinen . Hanfschnüren die Netze; die gebrauchten lagen zum Trocknen ausgebreitet; — am Abend wird das Leben und die Arbeit wieder ihren Anfang nehmen.

Aber droben, versteckt unter Pinien und diditen Hecken, steht ein altes Herrenhaus, wo mit ernster Freundlichkeit unser Gastgeber M. Bodin uns erwartet. Man könnte ihn in seinem saloppen Anzug für einm alten Fischer halten, und dodi ist er nicht nur der Herr all der großen Weingärten, der dickbauchigen immensen Weinfässer, deren Inhalt einen guten Namen hat bis in die Hauptstadt, sondern er ist auch ein guter Kenner seiner Heimat. Feierlich geleitet er uns in seinen Arbeitsraum. Er hat keinen besonderen Wein bereitgestellt. Er hat nur einen, den „seinen“ Die dunkelgelbe, ins goldene überlaufende Farbe hat ebenso ihren Reiz, wie die des eigenartigen Mittelrot. Aber heute zeit er uns Bilder und Bücher von seiner Heimat, die ihm die Provence bedeutet. Da ist nicht mehr die Luna das Geheimnis menschlichen Lebens und naturhaften Geschehens. Da ist Kampf, da glüht und brennt d:e Sonne und es ersteht der ringende und streitende Mensch, der aus dem karstigen Felsen die Steine bricht, die Gewalten des Meeres bezwingt, ihnen Widerstand leistet und zwischen den Steinen die Mandelbäume pflanzt und Rosengärten bereitet. Helios mag sengen und brennen, aber seine Macht muß dienen und wenn die steile Kurve des Sommers sidi zu neigen beginnt, dann füllen sich die Körbe der Winzer und aus der Presse quellen die aufgefangenen Sonnenstrahlen und dort drüben wird es im nädisten Februar die süßen Orangen und Mandarinen geben.

„Un bon coin — Pantichambre du ciel.“

„Ein herrlicher Winkel — der Vorraum zum Himmel.“

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