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Alle vergeudete Verehrung

Es schimerzt mich, daß es nie zu einer Erhebung der Tiere gegen uns kommen wird, der geduldigen Tiere, der Kühe, der Schafe, allen Viehs, das in unsre Hand gegeben ist und ihr nicht entgehen kann. Ich stelle mir vor, wie die Rebellion in einem Schlachthaus ausbricht und von da sich über eine ganze Stadt ergießt; wie Männer, Frauen, Kinder, Greise erbarmungslos zu Tode getrampelt werden; wie die Tiere Straßen und Fahrzeuge überrennen, Tore und Türen einbrechen, in ihrer Wut sich bis in die höchsten Stockwerke der Häuser hinauf ergießen, wie die Waggons in der Untergrundbahn von Tausenden von wildgewordenen Ochsen zerquetscht werden und Schafe mit plötzlich scharfen Zähnen uns zerreißen. Ich wäre schon erleichtert über einen einzigen Stier, der diese Helden, die Stierkämpfer, jämmerlich in die Flucht schlägt und eine ganze blutgierige Arena dazu. Aber ein Ausbruch der minderen, sanften Opfer, der Schafe, der Kühe wäre mir lieber. Ich mag es nicht wahrhaben, daß das nie geschehen kann; daß wir vor ihnen, gerade ihnen allen nie zittern werden.

Diese Helden! Immer wissen sie, wer zuschaut.

Einen anschaulichen Ausdruck für das Verhältnis von Kriegern und Toten, und zwar als Haufen, gab es bei den alten Kelten. Wenn sie zum Krieg auszogen, nahm jeder Mann einen Stein und warf ihn mit den andern zusammen auf einen Haufen. Wenn sie vom Kriege heimkehrten, holte sich jeder Mann wieder einen Stein: die Steine der Gefallenen, die das nicht mehr tun konnten, blieben liegen. So entstand von selber ein Steinmal für die Toten. In dieser genauen Subtraktion der Zurückkehrenden von der Zahl der Ausgezogenen drückt sich ein merkwürdig klares Gefühl für den Haufen der Toten aus: statt ihrer, die auf dem Schlachtfeld oder beim Feind geblieben sind, steht das Mal von Steinen.

Worte, ohne die man nicht leben kann, wie Liebe, Gerechtigkeit und Güte. Man läßt sich von ihnen täuschen und durchschaut es, um noch heftiger an sie zu glauben.

Ich gäbe viel darum, wenn ich mir die historische Betrachtung der Welt wieder abgewöhnen könnte. Erbärmlich ist diese Abteilung nach Jahren und ihre Rückerstreckung ins Leben der Tiere und Pflanzen, als es von uns noch nicht belastet war. Die Krone der menschlichen Zwingherrschaft ist die Zählung der Jahre; die niederdrückendste aller Sagen die von einer Erschaffung der Welt für uns.

Die furchtbarste Masse, die sich denken ließe, wäre eine aus lauter Bekannten.

Es könnte sein, daß wir und die Erde von mehreren beobachtet werden, und es könnte sein, daß sie sich den Besitz auf ihr streitig machen. Fronvögte eines fremden Sterns auf der Erde, die einen hören, zu denen man auf keine Weise sprechen kann. Zu denken, daß die technische Entwicklung der Erde die Aufmerksamkeit der Fremden auf uns gelenkt haben könnte; daß sie uns als wahre Gefahr erst sehen, seit die erste Atombombe explodiert ist; daß sie seither unseren Untergang beraten und daß dieser vielleicht in ganz kurzer Zeit bevorsteht. Ein paar restliche Primitive werden dann die einzigen sein, die zwischen uns und den Erdfremden nicht unterscheiden, die von allem, was geschehen wird, nichts verstehen, die letzten unbefangenen Erdbewohner, Einheimische, Verlorene und Unschuldige in einem.

Staunen und Ekel, wenn die Entdecker den ersten stinkenden Balg eines Menschen öffnen. Vorführung einer Fütterung bei ihnen, Erleuchtung der Verdauung. Nimm an, sie hätten Lichteinheiten statt Personen, und alle Grenzen, auch die zwischen Personen, wären ihnen ein Ekel, Licht statt Fett.

Und wenn sie sich die Erde als ihren Friedhof ausgesucht hätten?

Was mich an den Philosophen am meisten abstößt, ist der Entleerungsprozeß ihres Denkens. Je häufiger und geschickter sie ihre Grundworte anwenden, um so weniger bleibt von der Welt um sie übrig. Sie sind wie Barbaren in einem hohen, geräumigen Haus voll von wunderbaren Werken. Sie stehen in Hemdsärmeln da und werfen methodisch und unbeirrbar alles zum Fenster hinaus, Sessel, Bilder, Teller, Tiere, Kinder, bis nichts übrig ist als ganz leere Räume. Manchmal kommen zuletzt die Türen und Fenster nachgeflogen. Das nackte Haus bleibt stehen. Sie büden sich ein, daß es um diese Verwüstungen besser steht.

Der Weise vergißt seinen Kopf.

Ein Traum ist wie ein Tier, aber ein unbekanntes, und man übersieht nicht seine Glieder. Die Deutung ist ein Käfig, doch der Traum ist nie darin.

Vom Jenseits ist das Nichts übriggeblieben, sein gefährlichstes Erbteil. Die Ehrgeizigen, denen es um Macht zu tun ist, sind immer auf der Suche nach Stichworten. Sie fassen auf, was jemand zufällig in Gesellschaft sagt, und legen es sich als eine Art von Omen zurecht. Der Unbekannte, der ihre Frage beantwortet, ist ihnen gleichgültig. Sie haben gar nicht den Wunsch, ihn wiederzusehen; oft wissen sie nicht, was er treibt, und selbst sein Name mag ihnen entfallen. Er ist für sie vielleicht „ein Pole“ oder „ein Psychologe“. Sie brauchen von ihm nichts als ein Wort, das ihnen auf rätselhafte Weise nützlich erscheint. Sie werden dazu neigen, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen, sobald dieses Wort gefallen ist; es könnte durch andere, die folgen, von seiner Kraft verlieren. Sobald sie allein sind, lösen sie das Wort ganz von dem Urheber ab und wenden es so lange hin und her, bis es etwas Absolutes hat; als käme es von einer höheren Macht, ihnen zu dienen.

Vielleicht war es ein Glück, daß ich mich in früheren Jahren von meinem „Material“ nie überwältigen ließ, daß ich es immer wieder in einiger Distanz von mir gehalten habe. So hatte jedes einzelne Stück seine eigene und nachhaltige Wirkung. Ich konnte über Dinge nachdenken, die sich sonst gegenseitig erstickt hatten. Es hatte vieles Zeit, sich in der Erinnerung zu treffen und zu verbinden, das sonst nur ein kurzes und turbulentes Dasein an der Oberfläche geführt hätte. — So kann ich auch begreifen, warum das ungeheure Material, das ich in den vergangenen Monaten eingesehen habe, mich auf keinen einzigen wirklich neuen Gedanken gebracht hat, — es hat mir nur das bereits Gedachte bestätigt und neuen, ich möchte sagen wissenschaftlichen Mut gegeben.

O Sätze, Sätze, wann werdet ihr euch wieder ineinanderfügen und nie mehr voneinander ablassen? Ich bin von Feinden umgeben, die mich trösten wollen. Sie wollen meinen Trotz brechen, auf zweierlei Weise. Einmal sagen sie, über die Aufgegebene, für die keine Rettung möglich scheint: da es sein muß, wäre es besser, es ist. Oder sie schreien: Ich sterbe! Ich sterbe! Aber ich habe noch nie anerkannt, daß es sein muß, bei niemand, die Zunge soll mir verdorren, die es je anerkennt, und ich will mich eher in stinkende Schwaden auflösen als dazu ja sagen. Und daß die andern alle auch sterben werden, weiß ich, ich nehme es ernst genug, aber daß sie mich damit bedrohen, um meine Angst für sich allein zu haben und sie einem andern, der jetzt bedroht ist, wegzunehmen, das verarge ich ihnen sehr, das will ich niemandem verzeihen.

An den Verwalter der Worte, wer immer er sei: Gib mir dunkle Worte und gib mir klare Worte, aber ich will keine Blumen, den Duft behalte dir selbst. Ich will Worte, die nicht abfallen, Worte, die nicht verblühen. Ich will Dornen und Wurzeln und selten, sehr selten, ein durchscheinendes Blatt, aber andere Worte will ich nicht, die verteile an Reiche.

Wieviel habe ich verlernt, das ich zu wissen glaubte, über wie vieles bin ich ratlos, das mir einleuchtete wie das Licht der Sonne.

Wie oft kann man mit demselben Menschen brechen? — Es ist im Bruch seihst etwas, das ihn rückgängig macht. Das Wegspringen reizt zum Zurückspringen, um diese Kraft des Springens geht es und sie bindet wieder.

Wöchentlich wurden neue Figuren aufgerichtet, zu denen alles beten durfte. Da kam jeder gern und jeder war erleichtert. Es wurde dafür Sorge getragen, daß man die Figuren zu Ende der Woche abtrug und gegen neue vertauschte. Diese hatten andere Namen. Nie wurde ein Name länger als eine Woche verehrt, und nie kehrte derselbe Name zur Verehrung wieder.

Die Sternbilder waren als Ratschläge gedacht, doch niemand hat sie verstanden.

Alle Zauberei, seit sie in die Technik eingegangen ist, ist einem so lästig geworden, daß man es nicht einmal mehr erträgt, in der Kabbala von ihr zu lesen.

Die Zauberei ist gelungen, es hat sich ausgezaubert. Sonst ist nichts gelungen, und darum ist alles andere interessanter und wichtiger als Zauberei,

Mit dem dicken Mantel der Güte bekleidet geht er unter die Leute, so ist ihm nie kalt. Lieber gibt er sein letztes Hemd vom Leibe her als diesen Mantel der Güte. Manchmal malt er sich mit Entsetzen aus, daß ein Verbot darauf bestünde, als gut zu gelten. Der Schweiß tritt ihm auf die Stirn und er eilt wie gehetzt unter seine Opfer, die ihn dankbar und glückstrahlend ' empfangen. Wenn er zwei Leuten, die einander nicht kennen, etwas Gutes getan hat, sorgt er dafür, daß sie sich kennenlernen. Er stellt sich dann vor, wie sie beisammensitzen und über ihn reden. Später läßt er sich berichten, was geredet wurde, von beiden Seiten, und vergleicht es genau. Denn er läßt sich gern um alles betrügen, nur nicht um seine Güte. Er tritt am bescheidensten auf, wenn er das Allerbeste tut, der Effekt ist so größer. Er überdenkt gern sein ganzes Leben und stellt fest, daß es keine Zeit gab, in der er nicht gut war. Er kann kein Begräbnis sehen, ohne sich in die Lage des Verstorbenen hmeinzufühlen, und vielleicht beneidet er ihn ein wenig, weil alle gut über ihn sprechen. Aber er tröstet sich bei der Vorstellung, was sie erst alles über ihn sagen würden, wenn er selber der Verstorbene wäre.

Einmal macht er mit dieser Vorstellung Ernst und läßt die Nachricht von seinem Tod verbreiten. Er abonniert sich bei einem Zeitungsbüro und erhält alle Nachrufe auf sich pünktlich zugestellt. Einige glückliche Tage verbringt er damit, diese Zeitungsausschnitte in ein Album zu kleben. Er ist aber gerecht und unterschlägt auch die Nachrufe nicht, die ihm zu kurz erscheinen. Den stattlichen Band legt er sich als Kissen aufs Bett und schläft darauf. Er träumt von seinem Begräbnis am kommenden Tag und wirft sich, da alle damit schon zu Ende sind, eine Schaufel Güte ins Grab nach.

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