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Liebesbrief an das Alter

Eigentlich wollte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Und ich erzähle sehr gern Geschichten. Aber heute möchte ich noch lieber mit Ihnen reden. Ihnen schreiben. Bitte lesen Sie mich wie einen Brief. Einen Liebesbrief. Und antworten Sie mir. Zum Beispiel mit einem Lächeln. Oder, und das wünsche ich mir am meisten, mit einer Revolution.

Wenn Sie alt sind ...

Es ist merkwürdig. Solange man jung ist, kann man sich das eigene Alter nicht vorstellen. Ebensowenig wie, seinen eigenen Tod. Man weiß zwar, daß es kommen wird. Aber man glaubt nicht daran. Und dann passiert es doch.

Ihnen ist es passiert. Und jetzt sind Sie traurig. Oder sogar bitter. Wie schön ist ein alter Baum. Ein altes Haus. Eine alte Stadt. Und ein alter Mensch sollte etwas Häßliches sein? Das ist eine Verleumdung! Ein böses, lächerliches Gerücht. Sie dürfen ihm keinen Glauben schenken. Falls Sie das je getan haben.

Ich habe schon als junges, als sehr junges Mädchen den Zauber des alten Menschen entdeckt. Oder vielmehr wiederentdeckt. Denn früheren Zeiten war der Eros des Alters vertraut. Ein metaphysischer Eros. Allerdings, es gibt keine Metaphysik mehr. Und somit auch keinen Eros. Na ja, statt dessen haben wir Altersheime gebaut. Es war einmal eine Hierarchie der Jahre. Nicht nur, weil sie reicher an Besitz und Erfahrungen waren, wurden die alten Leute verehrt. Sondern auch, weil die Jahre einst wie Stufen zu Gott geführt haben. Oder zum Teufel. Aber ins Jenseits!

Heute führen sie nirgendwohin. Die Endstation ist Fäulnis und Verwesung. ■,

Früher war das Altern eine Annäherung an Gott, und die Greise haben nach schönen und schrecklichen Geheimnissen gerochen. Nach Hölle und Paradies. Heute riechen sie nur noch nach Tod.

Aber seit wir mit dem Fortschritt leben, ist der Tod keine Pforte in-die Ewigkeit mehr. Sondern eine Obszönität. Die letzte und einzige. Was wollen Sie? Einer materialistischen Gesellschaft bedeutet der alte Mensch nichts weiter als Abfall, dessen man sich auf möglichst hygienische Weise zu entledigen hat.

Es gibt einen schwarzen Materialismus, es gibt einen roten Materialismus. Und dann noch einen ganz roten. Ich persönlich finde alle drei einfach entsetzlich. Und ich wähle eine schwarze, eine rote, eine blaue Metaphysik! Dazu brauche ich Ihre Hilfe.

Als Sie noch jung waren, haben Sie nämlich unsere Welt ganz schön verändert. Nicht Sie allein natürlich. Ihre Väter, Großväter und Urgroßväter haben Ihnen dabei geholfen. Sie haben den Himmel zugesperrt. Sie haben die Hölle zugesperrt. Und Sie haben statt dessen viele Fabriken gebaut. Das war, verzeihen Sie mir, falsch.

Ich weiß nicht, was wir jetzt mit den vielen Fabriken anfangen sollen? Brauchen tun wir sie nämlich nicht. Höchstens für die Vollbeschäftigung. Damit das Geld brav zirkuliert. Und die. Maschine in Gang bleibt. Mein Gott! Selbst wenn Sie von der Vor-

aussetzung ausgehen, daß dieses Leben unser einziges Abenteuer ist -erwarten Sie von diesem Abenteuer wirklich nur Automobüe et cetera?

Sie haben die ganze Erde in eine Fabrik verwandelt. Jetzt merkt niemand mehr, daß sie ein Stern ist. Sie haben das Leben rationalisiert. Jetzt haben Ihre eigenen Lehrlinge' und Gesellen Sie zur Ausschußware erklärt. Das ist natürlich sehr peinlich.

Der alte Mensch reagiert mit einer Mimikry auf die - dummerweise von ihm selbst - veränderte Welt. Er stellte sich jung! Und“ das hat alles noch viel, viel schlimmer gemacht.

Erinnern Sie sich an die Zeit Adolf Hitlers? Jetzt tobt der Rassenhaß zwischen den Alten und Jungen. Ein Haß, der nichts mehr mit Sturm, Drang und Revolte früherer Generationen zu tun hat. Dem alten Men-

Illustration zur Erzählung von Susanne Thaler

sehen droht tatsächlich die Ausstoßung aus der Gemeinschaft. Das Ghetto. Und was tut man dagegen? Alte Frauen verkleiden sich als Teenager. Alte Männer tragen den jugendlichen Links-Drall und ein Tou-pet. Das ist ein bißchen lächerlich, das ist sehr verständlich, das ist so traurig, daß man nicht länger damit weiterleben kann. Man muß übrigens nicht. Die Welt läßt sich - oder haben Sie das schon vergessen? - nämlich sehr leicht verändern.

Tun Sie's ein zweites Mal! Und der beste Teil der Jugend wird Ihr Verbündeter sein.

Erschrecken Sie nicht, wenn ein Teil des besten Teils langes Haar trägt. Er tut es bestimmt nicht, um Sie zu kränken. Sondern weil ihm lange Haare besser gefallen. Mir auch. Denn Ihre und meine Feinde, die geschäftstüchtigen Materialisten mit dem gesunden Menschenverstand, tragen alle kurzgeschnittenes Haar. ;

Der gesunde Menschenverstand ist eine Krankheit, haben Sie das schon

gemerkt? Eine epidemische. Hat man sich einmal angesteckt, wird man sie schwer wieder los. Meistens nie. Denn man überwindet sie nur mit den drei seltensten Eigenschaften: Intelligenz, Demut und Phantasie.

Manche glauben, daß Revolution etwas mit Gewalt zu tun hat. Da irren sie sich. Eine gute Revolution fängt man nicht außen an, sondern innen. Ganz innen. Im Zentrum der eigenen Person.

Das ist natürlich viel schwerer.

An sich ist überhaupt nichts ein Wert. Die echte Jugend nicht. Und die vorgetäuschte schon gar nicht. Obwohl man etwas sehr Schönes daraus machen kann. Aus der Jugend. Und aus dem Alter. Besonders aus dem Alter. Denn die Jugend ist eine schwere, schwierige Zeit. Möchten Sie noch einmal zwanzig sein? Ich nicht. Und dabei hab' ich Verehrer wie Blumen auf der Wiese gehabt. Aber man ist so kompliziert, wenn man jung ist. Man hat sich selbst noch nicht gefunden. Und man sucht sieh an den falschesten Stellen. Später wird man dann immer einfacher. Wenn man Glück hat. Ich habe Glück. Und die meisten anderen auch. Denn ich habe viele gefragt.

Keiner wollte mit seiner Jugendzeit tauschen. Nicht ein einziger. Alle sagte, sie wären froh, daß es vorbei ist. Erwarten Sie also kein Mitleid von der Jugend. Haben Sie es lieber mit ihr! So, wie die Zukunft Mitleid mit der Vergangenheit hat. Denn Sie sind die Zukunft der Jugend. Nicht umgekehrt. Zeigen Sie ihr keine, die trostlos und häßlich ist. Zeigen Sie dem Frühling die Ernte des Herbsts. Dem Sommer, wie weiß und still der Winter sein kann. Voll von Erwartung und Frieden.

Ich selbst habe noch Großeltern gehabt, die nicht wie meine jüngeren Geschwister aussahen. Sie waren gütig, würdevoll und bescheiden. Der Gedanke, eines Tages zu werden wie sie, hatte nichts Abschreckendes für mich. Und so habe ich die ersten weißen Haare im Spiegel mit Freude entdeckt. Ich hatte Herzklopfen, ich war aufgeregt. Wie am Vorabend eines Fests. Einer Reise. Ich trete ins Alter ein wie in ein fremdes Land, das ich von vielen schönen Abbüdungen kenne.

Das ist der zweite Punkt der Revolution, um die ich Sie bitte. Die schönen Abbildungen des Alters.

Verlange ich zu viel von Ihnen? Nehmen Sie Uns die Angst vor dem Alter, indem Sie es bewältigen. Auch die Krankheit, die Einsamkeit, den Verfall. Noch immer halten wir Krankheiten für ein Übel. Das sind sie nicht. Obwohl sie manchmal ein Übel anzeigen. Und beseitigen. Sie glauben mir nicht?

Psyche und Leib sind, daran bestehen kaum Zweifel mehr, eine Einheit. Der Körper ist eine Erscheinungsform unserer Seele. Nicht ihre einzige. Sie sendet ihn aus wie eine Botschaft. Die einzige, die wir verstehen. Ich weiß nicht, ob Sie sich viel mit den neuen Naturwissenschaften befassen? Wenn ja, werden Sie bemerkt haben, daß ich mich im Einklang mit ihren Erkenntnissen befinde. Denn das alte, materialistisch-positivisti-sche Weltbild hat sich inzwischen auf ein System unter unendlich vielen

reduziert Die Naturwissenschaft wird zur Wissenschaft vom Geist, die Physik zur Metaphysik. Sie sind also nicht altmodisch, wenn Sie wieder an eine unsterbliche Seele glauben. Sie sind nu,r altmodisch, wenn Sie es nicht tun. Obwohl die Mode für mich kein Kriterium ist. Und für Sie hoffentlich auch nicht.

Wie es sich nun mit den Krankheiten verhält? Ungewöhnlich. So ungewöhnlich, daß Sie bestimmt an der Wahrheit meiner Worte zweifeln werden. Trotzdem verbürge ich mich für sie. Krankheiten sind Nachrichten, die wir uns selbst schicken. Eine Art drastisches Selbstgespräch. Oder ein Dialog, wenn wir zu antworten verstehen. Krankheiten machen uns darauf aufmerksam, daß etwas nicht mehr stimmt. Und zwar nicht nur mit der Leber oder dem Darm. Sondern mit unserem Leben. Mit - verzeihen Sie, daß ich das unpopuläre Wort nochmals verwende - unserer Seele. Mit uns selbst.

Das muß nichts Böses, das kann sogar etwas Gutes bedeuten. Krankheiten haben das Wachstum unserer Kindheit angezeigt. Waren sie Schwellen, über die wir in einen jeweils neuen Zustand der Reife eintraten. Sie glauben doch nicht im Ernst, daß Sie mit sechzig, siebzig oder achtzig Jahren aufhören, sich zu entwickeln? O nein! Kinderkrankheiten und Alterskrankheuten sind im Grunde dasselbe. Alterskrankheiten sind die Kinderkrankheiten eines neuen Lebens, dessen Initiation oder Einweihung der Tod ist.

Und jetzt sind wir beim dritten Punkt unserer Revolution angelengt. Erkennen Sie den Tod als Ende und Anfang. Als Mysterium, das Ihre Augen und Lippen schließt, um sie zu öffnen.

Ich möchte, daß Sie sich auf Ihren Tod freuen.

„Es ist sehr schön“, sagte der sterbende Erfinder Thomas Edison, „hier auf der anderen Seite.“

Ich weiß, daß die letzten Jahre eines Lebens fast immer sehr einsam sind. Und daß diese Einsamkeit schwer zu ertragen ist. Versuchen Sie trotzdem nicht, ihr zu entrinnen. Es gibt eine Zeit des Blühens, des Reifens, der Früchte. Und es gibt eine Zeit, da müssen wir still werden und warten, bis der Schnee uns bedeckt. Schnee ist etwas sehr Schönes. Wenn er schmilzt, geht eine neue Saat auf. Der Tod mag so etwas ähnliches wie eine Schneeschmelze sein. Es gibt eine Zeit des Lernens, eine Zeit der Geschäftigkeit, eine Zeit des Erfolgs. Und dann gibt es eine Zeit, in der wir die Welt loslassen müssen. Wir vergeuden sie, wenn wir uns an Menschen klammern. Oder an Positionen. Denn es ist die Zeit, da wir in uns selbst einkehren sollen wie in ein Haus, an dem wir ein Leben lang gebaut haben.

Es ist schief, ganz bestimmt. Die Wände haben Sprünge, Staub liegt überall.

Sie meinen, Sie hätten keine Funktion mehr? Wären überflüssig und unnütz? Aber nein, ganz im Gegenteil. Jetzt haben Sie die letzte und schwerste Arbeit vor sich.

Kitten Sie die Sprünge, kehren Sie den Staub, verschließen Sie Ihre Fenster. Zünden Sie alle Lichter an. Schmücken Sie Ihr Haus. Schmük-ken Sie es mit Liebe, öffnen Sie die Tür. Denn jetzt erwarten Sie einen Gast, Sie kennen ihn nicht. Sie kennen nur seine Maske. Die Sense und das Gerippe. Um Mitternacht läßt er sie fallen. Erschrecken Sie nicht. Er ist mein Freund, und ich habe seine Maske durchschaut. Ich verspreche, er tut Ihnen nicht weh. Soll ich verraten, wer er in Wirklichkeit ist?

Erkennen Sie - sich. Und nun adieu. Sollten Sie frieren, so denken Sie daran, daß ich Sie liebhabe. So lieb wie mich selbst.

Denn hinter allen Masken gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Ihnen und mir.

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