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Lebenslauf

Sehr geehrte Firma, oft in meinem Leben habe ich einen Lebenslauf schreiben müssen; ich habe mich für einen guten Schreiber gehalten. Erst später fiel mir in diesen aufsatzhaften Geschreibseln auf, daß ich mit armseliger und zugleich unehrlicher Sprache ein Geschöpf -mich - dargestellt hatte, ein Geschöpf erzeugt hatte, mit dem ich mich absolut nicht identifizieren konnte. Indem ich Vergangenheit, die Zeiten unendlichen Schmerzes immer verschwiegen hatte, trostlose Erinnerungen bewußt ausgemerzt hatte, waren diese Aufsätze bloß eine Ansammlung verstümmelter Sprache. Ich war dann jedesmal verzweifelt, denn abgesehen von den Wechselfällen des Lebens, die sich ja ohnehin nur trocken und langweilig darstellen ließen, wollte ich noch andere Spuren meiner Existenz sichtbar machen.

Aber immer habe ich es nur zu gewöhnlichen Lebensläufen gebracht, wie sie als Anlage zu Bewerbungsschreiben gebracht werden. Diese reinen Konstruktionen, diese verschwommenen Angaben über Tätigkeiten in Klassenzimmern und Betriebsräumen, sind doch nur ein ERSATZLEBENSLAUF. So einen Ersatzlebenslauf will ich Ihnen nicht vorlegen. Ich will indessen versuchen, einen echten Lebenslauf zu schreiben, soweit mich meine Erinnerung nicht im Stich läßt. Ich will versuchen, in einfacher Sprache meinen Lebenslauf niederzuschreiben, will mit redlicher Unbefangenheit ans Werk gehen, also sehr offen sein, ohne mich irgendwie zu schonen, möchte gleich vorausschicken, daß ich in meinem Leben viele Dummheiten begangen habe, aber -soviel mir bewußt ist - keine Schlechtigkeiten. Gewiß ein schwieriges Unterfangen mein Vorhaben, um so mehr, da ich überzeugt bin, daß ich nicht sehr wichtig bin, es daher auch nicht wichtig halte, daß überhaupt etwas über mein bisheriges, recht kurzes Leben niedergeschrieben wird.

Aber Sie, sehr geehrte Firma, führen in Ihrer Ausschreibung einen Lebenslauf als Bedingung an, so will ich mich dieser unterwerfen. Gestatten Sie meine Freiheit, Ihnen offen zu schreiben. Und gestatten Sie mir, einen berühmten Philosophen zu zitieren: „Die simple Schreibart ist schon deshalb zu empfehlen, weil kein rechtschaffener Mann an seinen Ausdrücken künstelt und klügelt. Simpel und edel schreiben erfordert vielleicht die größte Sammlung der Kräfte, weil in einer allgemeinen Bestrebung unserer Seelenkräfte, gefallen zu wollen, sich nichts so leicht einschleicht als das Gesuchte. Ein Mann, der gut schreiben will, soll, soviel er kann, sich bloß durch die Natur der Sache leiten lassen.“ Das sind gescheite Sätze eines großen Philosophen.

Wie Sie bemerkt haben, habe ich mir auch erlaubt, zu Beginn meines Schreibens ebenfalls ein paar Philosophenworte als Motto zu plazieren. Sie werden verwundert sein, daß sich ein kaufmännischer Angestellter soviel mit berühmten Philosophen auseinandersetzt. Nun, ich will Ihnen meine Neigung (manche Leute nennen es verrückte Schwäche) für die Philosophie nicht verheimlichen. Momentan beschäftige ich mich mit dem Zen-Buddhismus. Sie werden jetzt einwenden und sagen, daß Sie einen tüchtigen kaufmännischen Angestellten und keinen Buddhisten suchen. Gemach.

Ja, ich habe jetzt die buddhistische Religion angenommen, nicht aus einer Modetorheit heraus. So etwas liegt mir völlig fern. Ich habe mir den Kopf kahl scheren lassen und meditiere täglich ein paar Stunden. Da ich in Ihrer geschätzten Firma nicht im Verkauf tätig sein werde und nicht direkt mit den Kunden in Berührung komme, ist diese Äußerlichkeit sicher nicht von Belang.

Sie werden bestimmt nach meinen beruflichen Fähigkeiten fragen. Ich versichere Ihnen, daß ich sehr ausdauernd bin. Sie werden es gewiß als großen Vorzug betrachten, wenn ich Ihnen schreibe, daß ich immer JEDE Sache mit allergrößtem Ernst betrieben habe; nichts widert mich mehr an als Halbheiten. Ich bin deshalb jetzt mit großer Seele Buddhist. Die Lehre des Buddha geht aus von der Erfahrung des Lebens. Leben ist Leid, Tod

ist Leid, Geburt und Wiedergeburt ketten den Menschen an das Rad des Daseins.

Diesem unheilvollen Kreislauf kann man nur durch die Erleuchtung entfliehen. Erleuchtung ist die Erkenntnis der großen Wahrheit, daß nur durch Unwissenheit und der aus ihr entspringende Drang nach Existenz die Wesen im irdischen Jammertal festhält. Wer einmal erkannt hat, daß alle Daseinsfaktoren vergänglich und unwirklich sind, daß das eigene Ich eine Illusion ist, der kann übergehen in das Nirvana, einen Zustand, von dem man nur sagen kann, daß er Nicht-Leben, Nicht-Geburt, die große Befreiung, das radikal von der Welt Verschiedene ist. Dieser Befreiung dient die Lehre des Buddha.

Wie aus meinen bisherigen Ausführungen ersichtlich ist, darf ich mich selbst als eigenwilligen Menschen bezeichnen. Meine pazifistische Einstellung brachte mich während meines Präsenzdienstes öfters in Schwierigkeiten und endete schließlich mit meinem Ausscheiden vom Heer.

Mir wurde wegen meines angeblich schwierigen Charakters ein bekannter Psychologe zugeteilt, der sich über meinen Gesundheitszustand zu äußern hatte. Ich habe durch das Gutachten, welches durch Zufall in meine Hände gelangte, einiges sehr Wesentliches über mich erfahren. So schrieb der Gutachter wörtlich: „Bernerts intellektuelle Leistungen liegen weit über dem Altersdurchschnitt (Intelligenzprüfung nach Amthauer).

Er vermag Aufgaben leicht zu fassen, zeigt bei der Lösung Interesse und trotz innerer Unruhe Ausdauer. Vorstellungsablauf flüssig und beweglich, Denkergebnisse werden weniger durch eine gewisse Flüssigkeit als durch emotionale und affektive Bestimmtheit beeinträchtigt, die für Bernerts Handlungen in allen entscheidenden Situationen typisch ist. Bernert sucht, obwohl er oft Mißerfolgserlebnisse und gelegentlich auch Erfolge hatte, immer auf möglichst bequeme Art seine hohen Ansprüche zu befriedigen; diese hohen Ansprüche, die zwar in einem Verhältnis zu seiner guten intellektuellen Leistungsfähigkeit stehen, aber in einem Mißverhältnis zu seinem gegenwärtigen Leistungsvermögen, besonders auch soweit es charakterliche Faktoren (Leistungswille, ruhige Zielstrebigkeit, Ausdauer) umfaßt ...“

Mein Ziel in der Folgezeit war es, meine negativen charakterlichen Eigenschaften zu korrigieren. Seien Sie bitte nicht ungehalten, daß ich einen Teil des Gutachtens in vollem Wortlaut zitierte, aber das Dokument stellt ein sehr objektives Zeugnis dar, während ich - obwohl ich mich bei der Beurteilung meiner Person um allergrößte Aufrichtigkeit bemühe -kaum ganz objektiv sein kann. Ich weiß, ein Lebenslauf sollte leicht überschaubar sein und dem Betrachter die Möglichkeit geben, sich schnell über die wichtigsten Punkte zu unterrichten. Die tabellarische Form ist übersichtlich und wird von vielen Firmen als ideal eingestuft. Ich bin ein Feind von solchen tabellarischen Lebensläufen. Oder können Sie wirklich mit diesen Angaben etwas anfangen:

1968 allgemeinbildender Fernkurs bei Konstantini (München); 1969 Unterricht in englischer Sprache in der Volkshochschule Hietzing; 1970 Unterricht für Betriebswirtschaftslehre bei der Handelsschule Dr. Meurer (weitere Kurse sind geplant); 1963 Kaufmannsgehilfenprüfung; 1966 Stenographenprüfung vor der Handelskammer; 1965 bis 1968 Verkaufskorrespondent bei der Firma Berger & Co.; 1969 bis 1976 stellvertretender Verkaufsleiter und Verkaufskorrespondent bei der Firma... Würde Ihnen wirklich so ein übersichtlicher Lebenslauf zusagen?!

MEIN Lebenslauf sieht nicht so aus. Dieser Lebenslauf hat mit den vielen anderen, die ich im Laufe der Jahre schrieb, nur eines gemeinsam, die Tatsache, daß ich am 10. August

1945 in Pramstadt geboren wurde. Und daß ich Matthias Bernert heiße, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Wohnung meiner Eltern aufwuchs und bis zur zweiten Klasse das nahegelegene - fünf Minuten vom Wohnhaus entfernt - Schiller-Gymnasium am Schiller-Platz besuchte.

Ich weiß nicht, warum ich - als ich am Schiller-Platz die Schule besuchte - gerade Portier werden wollte. Wahrscheinlich deshalb, weü ich täglich in der Schule den Portier sah, der nichts anderes zu tun hatte, als eben in seiner Loge zu sitzen und Kreuzworträtsel zu lösen. Die Mitschüler wollten Flugkapitän, Detektiv oder Großwildjäger werden. Einige meiner Kameraden - wie Stössel zum Beispiel - wollten Kaufmann werden. Stössels Vater besaß in der Stadt zwei riesige Geschäfte, eines davon war ein Hutsalon. Stössel trug Pepita-Anzüge und war Vorzugsschüler. Ich dagegen war einer der schlechtesten in der Klasse. Alle Vorgesetzten meinten, ich sei spätentwickelt und könne durchaus noch ein passabler Mensch werden. Auch das glaubten sie nicht lange. Denn eines Tages wurde ich aus dem Gymnasium rausgeschmissen. Das kam so: In unserem Physiksaal wurde, wenn die Fensterläden dicht verschlossen waren, in der Dunkelheit viel Spaß und Unfug getrieben. Während des Klamauks, meistens stand der Professor vorne völlig hilflos an der Tafel, kreischten etliche Schüler, machten Kopfstände und warfen raffiniert mit Flugkörpern aus Papier und Gummi.

Im Grunde genommen was das alles recht harmlos. Doch einmal beklagte sich der Schüler Stössel, daß ihm sein goldener Füllhalter abhanden gekommen sei. Stössel hatte mit diesem Füllhalter, der wirklich aus reinem Gold war und der soviel wie ein kleines Auto gekostet hatte, oft ausgiebig geprahlt. Das war kein Kunststück, denn viele Schüler hatten ganz billige und sehr filigrane Füllhalter; es gab sogar Schüler - wie mich - die nicht einmal einen ordentlichen Zirkel besaßen. Ich hatte nur einen Zirkelersatz, den ich an einen

Bleistift stecken konnte. Stössel war aus einem sehr wohlhabenden Haus, war Musterschüler, aber er war kein Lump und war auch nicht - abgesehen von seinen Prahlereien - durchaus nicht unsympathisch.

Daher empfand auch niemand Schadenfreude, als Stössel der wertvolle Füllhalter abhandenkam. Der Professor holte in seiner Verzweiflung den Klassenvorstand und beide machten sich voll Eifer nach dem Füllhalterdieb. Zuerst versuchte man es mit der milden Tour: Der Täter (er habe sich bestimmt nur einen Scherz erlaubt, einen Jugendstreich!!) solle sich melden, ihm passiere überhaupt nichts! Die Schüler schauten einander betroffen an, wühlten in ihrem

Kram, doch der Füllhalter kam nicht zum Vorschein. Da versuchte man es mit Polizeipraktiken, man ordnete eine Leibesvisitation an, auch in den Schultaschen der Schüler wurde gründlichst gespäht. Und siehe da -man fand den goldenen Füllhalter ausgerechnet in meiner Schultasche! Alle waren verwundert. Am allermeisten ich natürlich. Die Verwunderung verwandelte sich bald in eine allgemeine Empörung gegen mich.

Ich beteuerte meine Unschuld, schwor hoch und heilig tausend Eide. Doch man glaubte mir kein Wort. Mein Leugnen wurde im Gegenteil noch als besondere Verstocktheit und Verkommenheit ausgelegt. Ich war verloren. Ich wurde wie ein Aussätziger angestarrt. Ich war daher nicht überrascht, als der Klassenvorstand zu mir sagte: „Sie werden mit hundertprozentiger Sicherheit aus der Schule entfernt. Wenn Sie Lust haben, können Sie jetzt gleich in den Park gehen“, er schaute mich flehend an und ich nickte mit Tränen in den Augen. Ich war sehr bestürzt, daß er mich nicht duzte, denn immerhin war ich erst zwölf Jahre alt. Mit zwölf ist man eigentlich noch ein Kind. Aber ich wurde wie ein Erwachsener behandelt.

Ich ging dann anschließend an diese furchtbare Schulstunde in den Park. Es war ein schöner Frühlingstag. Ich entdeckte in der Wiese Löwenzahn und Gänseblümchen ...

Verzeihen Sie, bitte, daß ich ein wenig abgeschweift bin. Ich weiß, Sie forderten nur einen kurzen Lebenslauf. Aber da Ihr Betrieb eher klein ist, erwarte ich mir eine familiäre Atmosphäre, das heißt, daß ich mir vorstelle, daß mein zukünftiger Chef auch meine privaten Sorgen und Freuden voll miterlebt. Wäre Ihre Firma eine riesige Aktiengesellschaft, wo man nicht Mensch, sondern in erster Linie eine Zahl ist, wäre ich sicherlich am falschen Platz.

Ich glaube, daß ich nach einiger Zeit der Einarbeitung bald Ihre rechte Hand sein kann. Ich mache mir allerdings nicht die Illusion, daß ich eine wichtige Person sein werde. Ja, es ist überhaupt meine Ansicht, daß die Zeit, die man tagtäglich im Büro verbringt, eine vergeudete Zeit ist. Damit es zu keinem Mißverständnis kommt und Sie mich besser begreifen: Ich meine, wenn man einmal ein bestimmtes Alter erreicht hat, rast die Zeit unendlich schnell dahin, man fängt dann an, eine Lebensbilanz zu ziehen und möchte schließlich nur mehr Tätigkeiten verrichten, die einem wichtig erscheinen und die einem wirklich Freude machen. Trotzdem, ich denke, im Leben hat man sehr wenig Alternativen. Das ist letztlich auch der Grund, weshalb ich bei Ihrer geschätzten Firma einen neuen Start probieren möchte ...

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