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Digital In Arbeit

Wie liest man moderne Romane ?

allein, ohne Jagdgehilfen, durch einen Faszikel durchzupirschen. Welch ein Glücksgefühl, wenn man etwas entdeckt hatte, das einem für sein Vorhaben wesentlich und interessant erschien! Von wieviel Geheimnissen umwittert sind doch die Archivalien! Die Berührung mit ihnen bringt einem den Geist der Zeit, aus der sie stammen, so nahe wie nichts anderes. Es geht einem kalt über den Rücken, wenn man ganz vorsichtig und zaghaft über die plastisch erhabenen Schriftzüge einer schon längst vermoderten Hand streicht. Von deren hohen Kämmen glitzert es manchmal golden. Dies kommt daher, daß sich die Hochgeborenen vergangener Zeiten meist eines Streusandes bedient haben, der mit Goldstaub versetzt war. Der Glanz auf den Schriftzügen eines Archivales bezeugt dessen Jungfräulichkeit. — Dort, wo es golden glänzt, hat noch kein anderer herumgestierlt! Zäh und verbissen wurden im Laufe der Zeit alle einschlägigen Archivbestände durchstöbert. Zu einem Teil von mir selbst. Dort, wo persönliches Unvermögen dagegenstand, sprangen mir wohlgesinnte Fachleute hilfsbereit ein. So zum Beispiel ließ ich die nebulosen Schriftzüge Kaiser Karls VI., die zu entziffern ich nicht imstande war, von einem geschulten Paläographen in Klarschrift übertragen, ebenso alle französisch geschriebenen Belege ins Deutsche übersetzen. Mein Interesse konzentrierte sich vor allem auf die kleinen Dinge des Lebens rings um die Figur Franz Stephans von Lothringen, auf seine menschlichen Beziehungen und Beweggründe, nicht auf die großen Geschehnisse der hohen Politik. Mit unendlicher Mühe wurde Detail auf Detail zusammengetragen, von deren Summe ich mir ein wahrheitsgetreues Porträt meines Helden erhoffte.

Am Ende saß ich wiederum hilflos vor einem Riesengebirge von Exzerpten. — Erst nach und nach begann sich mir in stiller Heimarbeit ein Plan abzuzeichnen, den ich dann schließlich mit dem Bleistift in der Hand auf einem weißen, unendlich geduldigen Papier zu verwirklichen trachtete. Ich begann zu schreiben. Nur allzubald mußte ich erkennen, daß es etwas ganz anderes ist, einen mundgerechten Vortrag aufzuzeichnen, als ein Buch zu schreiben. Nun fand ich plötzlich mit meiner bisherigen Arbeitstechnik des immer wieder vor mich hin Sprechens nicht mehr das Auslangen. Ich mußte gründlich umlernen und zwang mich, trotz aller Zweifel an meiner Begabung hierzu, doch immer wieder zum Schreiben. An manchen Tagen ging es leidlich, an manchen gar nicht. Mehr als einmal war ich daran, aufzugeben. Endlich lagen die ersten hundert Maschinschreibseiten vor, die dann durch die freundliche Vermittlung des Herrn Kommerzialrates Prach-ner zum Paul-Neff-Verlag gelangten, dem meine Arbeit nicht mißfiel und der mich zur Fortsetzung derselben ermunterte.

Also machte ich brav weiter, solange mein Vorrat an Exzerpten reichte. — Bis zum Zeitpunkt der Vermählung Maria Theresias mit Franz Stephan waren die Quellen privater Natur im Staatsarchiv ziemlich reichlich geflossen. Von da ab aber versiegten sie. Da ich mir von allem Anfang an vorgenommen hatte, mich immer nur an beweisbare Tatsachen zu halten und nicht ins Fabulieren abzugleiten, wollte ich mit dem Ausbleiben der archivalischen Quellen auch meine Arbeit mit der Hochzeit Maria Theresias abschließen, was ungefähr dem ersten Teil meines nun vorliegenden Buches entsprochen hätte. Damit waren nun die Herren des Verlages in keiner Weise einverstanden und rieten mir trotz des eingetretenen Mangels an entsprechenden Archivalien neuerlich zur Fortsetzung der Biographie unter Benutzung des bereits gedruckten Quellenmaterials. Damit aber wollte ich mich wieder nicht abfinden und ließ ffirs erste einfach alles liegen und stehen.

Ungefähr nach einem halben Jahr nahm ich anläßlich einer Erkrankung das Manuskript wieder einmal zur Hand und fand es jammerschade, ein so schwer erarbeitetes und interessantes biographisches Material

auch weiterhin ungenutzt liegenzulassen. — Ich stürzte mich von neuem in die Arbeit und begann die gesamte einschlägige Literatur durchzuackern. Oft saß ich — wenn es mir das Burgtheaterrepertoire gestattete — von fünf Uhr früh an bis zum Schlafengehen inmitten eines Wustes von Büchern an meinem Schreibtisch und klopfte mir auf meiner Schreibmaschine den einzigen mit ihr vertrauten Zeigefinger der rechten Hand wund.

Das ging monatelang so. — Dann war auch der zweite Teil meiner Arbeit fertig und am 9. Jänner 1961 konnte ich dem Verlag das fertige Manuskript übergeben. Nach dessen Prüfung und Annahme begann für mich ein völlig neuer Lebensabschnitt.

Beinahe Tag für Tag saß ich beim Lektor des Verlages und lernte, wie man aus einem Manuskript ein Buch macht. Nun galt es, fortlaufend Geschriebenes in' Kapitel und Absätze zu unterteilen und übersichtlich anzuordnen, stilistische und orthographische Fehler auszumerzen, Interpunktionen richtigzustellen, mit einem Wort, meine Arbeit in das geliebte Deutsch zu übertragen.

Diese germanistischen Nachhilfestunden bei meinem lieben Herrn Frank in der Gumpendorferstraße zählen zu meinen schönsten Erinnerungen. In seinem mit unzähligen „Fahnen“ geschmückten Kammerl saßen eingehüllt in dichte Wolken von Zigarettenrauch zwei erwachsene Mannsbilder und rauften um Worte und Silben, um Bei- und Gedankenstriche, sowie um unzählige Anführungszeichen aller Grade — und freuten sich dabei wie Schneekönige!

Dann ging's ans große Abschiednehmen. — Ich stehe nicht an zu erklären, daß mich der Augenblick, da ich zum erstenmal Teile meines korrigierten Manuskriptes auf die Reise

Durch Zufall bin ich dahintergekommen, wie man moderne Romane lesen kann, ohne einen geistigen Exitus zu erleiden. Zunächst möchte ich jedoch ein paar Worte darüber sagen, wie sich der Inhalt eines Romans dem Leser früher darbot, nämlich in chronologischer Reihenfolge mit gelegentlichen Rückerin-nerungen und Reflexionen; auch in früheren Zeiten haben ja sowohl Menschen wie Romanfiguren nicht alles ausgesprochen, was sie gedacht haben. Der Leser war jeweils im Bilde über den Zeitpunkt, zu dem sich eine Handlung abspielte; die direkte Rede war in Anführungsstriche gesetzt, so daß man genau zu unterscheiden vermochte, was die handelnden Personen redeten oder was sie nur als Gedanken in ihren Köpfen wälzten, ein Umstand, der sowohl für die Charaktere der Romanfiguren wie für den Fortgang der Handlung von Bedeutung ist. Es gab — und gibt — Romane, die ihre stärkste Wirkung gerade aus diesem Auseinanderfallen von Worten und Gedanken beziehen. Die Schriftsteller waren nämlich, von Ausnahmen immer abgesehen, stets bestrebt, dem Leser die Lektüre ihrer Romane zu erleichtern, indem sie hübsch „der Reihe nach“ erzählten, eine Einteilung in Kapitel vornahmen und Worte und Gedanken eben durch Gänsefüßchen fein säuberlich voneinander schieden. Viele Romanautoren unserer Tage jedoch legen es ganz bewußt darauf an, dem Leser die Lektüre ihrer Werke zu erschweren, sie verrühren Worte und Gedanken, Gegenwart und die verschiedenen Ebenen der Vergangenheit, Taten und Pläne zu einem einzigen Brei. Der Leser muß sich nun der nicht geringen Mühe unterziehen, diesen Klumpatsch aus-

in die Druckerei entlassen mußte, tief beeindruckt hat: Auf der einen Seite überfiel mich eine ganze Armee von Zweifeln, ob denn meine Arbeit überhaupt würdig sei, gedruckt zu werden? Noch fühlte ich mich unbescholten. Wie aber wird es nach dem Ersehenen des Buches sein? — Wird da nicht jeder auf mich deuten und sagen: „Ja, schaut's ihn nur an, das ist der Mann, der sich an eine Aufgabe herangewagt hat,- die er lieber hätte bleiben lassen sollen.“ Noch wäre es Zeit gewesen, das Unheil aufzuhalten.

Dann wieder wurden alle die schönen Stunden lobendig, die ich im Zuge meiner Vorarbeiten in den Archiven und Bibliotheken, in guten Gesprächen mit interessanten Menschen und schreibend in der Geborgenheit meines eigenen Heimes verbracht hatte. Es galt nicht nur vom Manuskript Abschied zu. nehmen, sondern auch von beinahe vier Jahren meines Lebens. Die letzten Phasen im Werden eines Buches, die Entwicklung vom Embryo des Urmanuskriptes über die Fahnen i'nd den Umbruch zum fertig ausgedruckten Exemplar verscheuchten schließlich alle melancholischen Gedanken und lösten in mir, der ich zum erstenmal literarischen Vaterfreuden entgegensah, die üblichen Gefühle vom sachten Staunen bis zum freudigen Stolz aus. Nun war das erste Kind geboren und hat seinen Lebensweg angetreten. Andere folgten nach. Als Vater wünsche ich ihnen natürlich das Allerbeste.

Ich war bemüht, eine saubere Arbeit zu leisten und habe versucht, meine durch ernstes Quellenstudium gewonnenen Erkenntnisse unter Verzicht auf einen detaillierten wissenschaftlichen Apparat in einer angenehm lesbaren Form festzuhalten. Ob mir das gelungen ist, das zu beurteilen, überlasse ich meinen Lesern.

einanderzusortieren, um hinter den Sinn — sofern ein solcher vorhanden ist — zu kommen.

Wer einen der sogenannten modernen Romane liest, ist oft in der Lage eines Menschen, der sich in einem völlig einförmigen Gelände bewegt, in dem es keinen Wegweiser, keinen Anhaltspunkt, keine Markierung gibt und in dem er hilflos umherirrt. Gelegentlich findet er einen kleinen, verborgenen Hinweis, dem er alsbald erleichtert folgt, um schließlich festzustellen, daß er sich wiederum verlaufen hat. Der Leser weiß oft nicht, ob er sich mitten in der Romanhandlung befindet oder ob gerade rückgeblendet wird und wohin, er kennt sich schließlich in der Romanlandschaft nicht mehr aus. Moderne Autoren verschmähen es geflissentlich, dem Leser Brücken des Verständnisses zu bauen. Es bleibe dahingestellt, ob diese Autoren an Ausdruckserschwerung leiden wie introvertierte Menschen oder ob sie lediglich die moderne Romanmasche stricken. Tatsache ist jedenfalls, daß Romane, die in dieser Weise konzipiert sind, eine schwierige Lektüre darstellen. Ich sage es offen (und nehme es hin, daß man ob dieser „altmodischen“ Einsteilung mit literarischen Fingern auf mich zeigt), daß ich, wenn ich einen Roman lese, nicht Rebusse raten, sondern die verschiedenen Handlungsebenen ohne allzu komplizierte Überlegungen unterscheiden können möchte. Die „durchlaufende“ Handlung scheint mir, dem Romannormalverbraucher, immer noch das geeignetste Stilmittel zu sein, um mich zu interessieren und meine Aufmerksamkeit wachzuhalten. Die Mehrzahl der Leser ist zweifellos nicht gewillt, den verwirrenden Kompositionen eines „modernen“ Schriftstellers zu folgen,

es sei denn, man ist nur darauf aus, gewisse überdeutliche erotische Passagen aufzuspüren, an denen ja kein Mangel herrscht.

Es gibt aber, und hier komme Ich auf den Anfang dieser Betrachtung zurück, ein Mittel, diese Art moderner Romane einigermaßen lesbar zu machen. Dieses Mittel ist eine Schere. Jawohl, Sie haben richtig gelesen, eine Schere, eine einfache Papieroder Schneiderschere. Sie ist ein ausgezeichnetes Werkzeug, um sozusagen Ordnung in einen modernen Roman zu bringen. Diese, allerdings recht mühselige Arbeit geht folgendermaßen vor sich: Nach der ersten Lektüre des Romans zerlege man das Buch, indem man die verschiedenen Zeitebenen auseinanderschneidet, sie alsdann ordnet und hiernach durch Zusammenkleben einen ganz normalen zeitlichen Verlauf herstellt. Und siehe da, der Roman ist gar nicht so „modern“, wie er bei der ersten Lektüre schien. Wer sich darüber hinaus noch befleißigt, die Interpunktion zu vervollständigen, 3er hat in den meisten Fällen, abgesehen vom Thema, einen durchaus konventionellen Roman vor sich. Im übrigen habe ich den Verdacht, daß manche Autoren ihre Romane zunächst in der herkömmlichen Weise schreiben, sie alsdann zerlegen, die verschiedenen Teile wie ein Kaleidoskop durcheinanderschütteln und hernach zusammensetzen — weil die moderne Romanmasche es nun eimmal so verlangt.

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