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Hinter Ihnen geht einer…

DIE SONNE selbst bringt es an den Tag. Mit Röntgenatigen betrachtet, lassen GfVjirrnv ‘- ihre Schleier (allen. Wer kennt nicht die Schilder, die allegorisch den durchbohrenden Blick oder das Tagesgestirn benützen, dem Ratlosen den Weg zü zeigen, den er gehen muß? Den Weg ins Detektivbüro. Zum Umschlagplatz für Schicksale, von denen außer den Beteiligten selten jemand etwas erfährt. Die große Kunst des Detektivs heißt Schweigen.

Versuchen Sie einmal, den Chef eines seriösen Detektivunternehmens auszuholen! Sie finden sich einem distinguierten Herrn gegenüber, der Sie grimmig mustert. Eher gibt ein Fels Wasser als dieser Mann Auskunft. Obwohl die Auskunft sein Lebenselement ist. Doch das Vertrauen seiner Kunden und Patienten, daß seine Schweigepflicht unverbrüchlich sei, ist sein Kapital.

Patienten? Gewiß. Der rechte Leiter eines Detektivbüros ist Menschenjäger und Seelenarzt zugleich. Gemüter, von allen Seiten zugemauert, ihm öffnen sie sich. Er kennt die eine, verborgen wühlende Angst des berühmten Chirurgen, dessen Name alle Augenblicke rühmend in den Zeitungen steht. Er weiß, weshalb die von Kontinent zu Kontinent fliegende Violinvirtuosin schlaflose Nächte verbringt, die ihre Konzentration und Karriere untergraben. Er, der den Menschen in seiner ganzen Efbarmungswürdig- keit. durchschaut, der das Leben von seinen schwärzesten Seiten kennt, weiß heilsamen Rat, weiß Trost. Er ist zumeist der erste, der eine ausweglos scheinende Situation mit erfahrenem Blick prüft. Der das Konto des Schuldigen ebenso kennt wie das des Verletzten.

WAFFE DES SOZIALGEWISSENS ist das Detektivbüro, doch eine Waffe besonderer Art. Das scharfgeschliffene Schwert der Wahrheit kann zuschlagen, es schlägt zu. Doch nicht in allen Fällen. Vor der Strafjustiz hat der Schuldige, der entdeckt wird, keine Chance. Er wird verurteilt, bestraft, sein Name wird publik. Sobald ein Verfahren rollt, stopt es keiner mehr ab. In keines Menschen Macht steht es, das Rad der staatlichen Gerechtigkeit zurückzudrehen. Setzt es sich erst in Bewegung, so kreist es bis zum bitteren Ende.

Anders steht es mit dem Menschenschicksal, das von den Rädern und Rädchen des Detektivbüros erfaßt wird, von unauffälligen Recher- chanten verfolgt, von schnellen Blicken durchforscht. Auch hier wird jede Vermutung geprüft, jede Möglichkeit erwogen, wird gejagt, gestöbert, wird Stein um Stein zusammengefügt zum Mosaik einer Tat. die vorschnell oder leichtsinnig war, irr oder voll Niedertracht. Doch immer nur, soweit der Auftrag reicht. Alles andere ist für den Privatdetektiv tabu.

Die Jagd geht rasant vor sich, mit allen streng geübten Gags des scharfen Handwerks, mit aller Präzision automatischer Kleinarbeit. Doch der Vollzug bleibt menschliche Schwäche und Größe, bleibt der Laune Vorbehalten, der Leidenschaft, der Einsicht, der Liebe. Nur selten landen die Kontrahenten vor Gericht. Oft verständigen sie sich mit Vernunft, treffen Agreements. Wo eben die Feuer der Temperamente loderten, folgt die Versöhnung. Eine Tür schließt sich. Schritte gehen davon, von Menschen, die wieder erste, scheue Worte der Gemeinsamkeit finden. Zurück bleibt, manchmal lächelnd, manchmal erschüttert, ein nachdenklicher Mann. Der Detektiv.

VORSICHT. JESUIT! knarrt eine Stimme früh um fünf im Telephon. Der Chef des Detektivbüros richtet sich empört im Bett auf. angelt nach einer Zigarette, um völlig munter zu werden. Fr will sich den Scherz ‘‘erbitten doch die Erklärungen, die aus der Telephonmuschel folgen, machen ihn hellwach und gespannt. Noch ahnt er nicht, daß dieser Fall mit dem Tod eines Mannes enden wird.

Der Anruf kommt aus Bosnien, im Auftrag der Wiener Botschaft einer europäischen Großmacht. Man schreibt das Jahr 5 nach dem ersten Weltkrieg. Bewachen, nicht aus dem Auge verlieren, jeden Schritt melden, knarrt die Stimme weiter mit ihrem fremdländischen Akzent. Ein Rückruf in Bosnien, eine Anfrage in der Botschaft bestätigen, daß es mit dem Auftrag seine Richtigkeit hat.

Großeinsatz am Südbahnhof. Längst bevor der Mittagszug aus dem Balkan eintrifft, sind zuverlässige Beobachter postiert. Der Ankömmling müßte sich in Luft auflösen, wenn er nicht entdeckt werden sollte. Doch es gibt nicht die geringsten Schwierigkeiten. Pater Kehlheim steigt aus, ein würdiger, weißhaariger Herr mit klugem Gesicht. Er läßt sich Zeit, speist ausführlich in einem Restaurant, dann erst begibt er sich in ein Gebäude der Ordensniederlassung und bleibt dort vierundzwanzig Stunden lang verschwunden.

Am Abend kommt der zweite Anruf aus Bosnien. „Kehlheim ist weder Jesuit, noch ist Kehlheim sein wahrer Name”, sagt der nervöse Baß aus Mostar und fügt hinzu: „Der Mann ist bewaffnet.” Acht Tage Beschattung folgen. •Kchihcim ist ständig unterwegs, macht Besuche, immer bei Privatpersonen, Er tritt in Nobel- bezirken ebenso sicher auf wie in Elendsvierteln. Jedes Treffen, jede Adresse, jede Uhrzeit wird der Botschaft durchgegeben.

Der Jesuitenorden wfrd gewarnt, doch bevor die Ordensoberen Gelegenheit haben, Kehlheim auf den Zahn zu fühlen, reist er plötzlich ab. Zwei Detektive folgen ihm über Salzburg und München bis ins Rheinland. Kaum im französischen Machtbereich angelangt, wird er verhaftet. Wenige Wochen später tritt ein Erschießungskommando im Morgengrauen auf einem Truppenübungsplatz am westlichen Rheinufer an. Kehlheim alias Gloster alias Dupont alias Fuchs war englischer Spion. Außer ihm selbst hat höchstens der britische Geheimdienst seinen richtigen Namen gewußt.

DIE JAGD ERHÄLT GESUND. In einem Institut, das seit 1889 als protokollierte Firma eingetragen ist, arbeitete bis vor einiger Zeit ein Detektiv, der in seinem neunten Lebensjahrzehnt stand. Mit 83 Jahren sprang er, wenn es darauf ankam, noch wie ein Jüngling auf Straßenbahnen und Autos auf, 52 Jahre im Dienst des Unternehmens, war er eine der bekanntesten Gestalten des Gewerbes, ein Patriarch unter den Detektiven. Ein Mann, der mühelos arbeitete, hatte er doch überall die besten Verbindungen, einer, der seinen Beruf liebte und in keiner Situation den Humor verlor.

Nicht so, wie es in Kriminalromanen geschildert wird, geht es unter Detektiven zu. Weder Shagpfeifen noch Schlapphüte gehören zu ihrer Ausrüstung. Für den guten Detektiv gibt es nur ein untrügliches Kennzeichen: daß er keine Kennzeichen hat. Im Cafe, auf der Straße, bei der Zollrevision, im Schlafwagen der Wagon Lits — er ist unter den Unauffälligen der Unauffälligste.

Die große Sache ist die Ausnahme. Der Alltag besteht aus kleinen und kleinsten Angelegenheiten. Eine Stockholmer Agentur erkundigt sich in Auftrag einer schwedischen Firma nach der Bonität eines Unternehmens, mit dem Verträge abgeschlossen werden sollen. Der Prokurist einer Bank will wissen, ob Mner seiner Angestellten in letzter Zeit mehr Geld aus- gegeben hat, als er verdient. Tag um Tag solche Angelegenheiten, die routinemäßig in wenigen Stunden erledigt sind Eine Versicherung braucht Zeugen für einen Autounfall, sie findet, ilaß der Polizeibericht bezüglich der Schuldfrage Lücken hat. Das ist weder aufregend noch interessant. Kleinkram.

UNTREUE IM BERUF, in der Geschäftspartnerschaft, in der Ehe ist die häufigste Ursache zu Aufträgen. Doch in der Chronik der Detekteien fehlt nichts, was nicht der blühendsten, der abstrusesten Phantasie entstammen könnte. Da erscheint eine Dame aus den besten Gesellschaftskreisen. Gutgehende Luxusgeschäfte gehören ihr. Doch sobald der Abend naht, ist sie ein einsamer, gehetzter Mensch. Sie lebt allein in ihrer Zehnzimmerwohnung in der City. Sie hat alles Hauspersonal entlassen, weil sie niemandem mehr traut. Die Nächte verbringt sie auswärts in Hotels oder in ihrer Küche verbarrikadiert. Die herrlichen Räume ihrer Wohnung bleiben unbewohnt, die prunkvollen Betten unberührt. Sie spricht mit unterdrückter Nervosität, vollkommen gefaßt, doch ihr letzter Satz: „Helfen Sie mir!” klingt verzweifelt. Sie wird von Insekten verfolgt. Spinnen lassen sich von der Decke herab, wenn sie die Wohnung betritt, Schaben, Asseln, Wespen, Skorpione haben von den Räumen Besitz ergriffen.

Eine absurde Situation, würdig eines Kafka oder Edgar Allan Poe. „Wissen Sie, ich zweifle schon an mir selbst. Aber diese schrecklichen Bestien sind eine Realität. Nichts hilft, keine Vergasung. Ich hätte die Wohnung längst aufgegeben, wenn sie nicht voller Erinnerungen wäre an meinen verstorbenen Mann, an meine gefallenen Söhne…” Was soll man zu solchen Dingen sagen? Ein Beobachter, der sich einige Tage und Nächte unauffällig in der verhexten Wohnung aufhält, klärt den Fall. Ein niederträchtiger Mitbewohner des Hauses, der die Räume in seinen Besitz bringen wollte, verstand es, das Ungeziefer in die Wohnung zu praktizieren …

„FÜR UNGLÜCKLICHE KINDER” - so lautet der Titel einer Stiftung in der Schweiz. Ihre Errichtung war der vorletzte Akt einer Tragödie, die sich über Jahre hinzog. Eines Tages ein Anruf: „Kaufen Sie sofort einen schnellen Wagen, lassen Sie meinen Mann verfolgen, wohin er auch fährt!” Nun, der Wagen wurde nicht gekauft, es wäre zu auffällig gewesen, immer mit demselben Auto in Italien, in Spanien, in Frankreich in der Nähe des Man- • nes zu erscheinen. Daß er ein außereheliches Kind hatte, war bald entdeckt, doch es dauerte Jahre, bis alle Einzelheiten seines Doppellebens ,erforscht seitige Zuneigung. Die Ehe bleibt kinderlos. Der Mann, ein mehrfacher Millionär, Besitzer von Textilfabriken in drei Ländern, wünscht einen Leibeserben. Als das Kind außerehelich zur Welt kommt, errichtet er Geheimkonten, kauft er Häuser und Gründe unter Decknamen, im Ausland. Das alles soll der Sohn einst verwalten. Kurz vor seinem Tod errichtet der große Mann, der nicht den Mut hatte, seiner zuletzt nur mehr um den Bestand des Vermögens besorgten Frau die Wahrheit zu sagen, in der Schweiz die Millionenstiftung „Für unglückliche Kinder”. In welcher Seelennot mag sein Sohn auf gewachsen sein!

JUWELEN, SCHMUCK, SCHECKBÜCHER, alles, was die Begehrlichkeit des Menschen reizt, steht immer wieder im Mittelpunkt von Nachforschungen. Manche Lustspielsituation ergibt sich da. Das Perlenkollier der Gräfin Z„ das nach dem Sommerfest fehlte, unendliche Aufregungen, Szenen, Verdächtigungen hervorruft und sich schließlich friedlich in einer WäscHelade findet, wo es’von der zerstreuten Dame deponiert ward, ist, entsprechend variiert, ein immer wiederkehrendes Motiv. Oft geht die Sache auch anders aus, wie damals, als im Stadtpalais des immens reichen Herrn von Kleeblatt, der einst kurz vor Torschluß auf nicht ganz durchsichtige Weise Baron wurde, ein Diadem verschwand. Als der Privatdetektiv sich nach Vermutungen erkundigt, knurrt ihn die an Adele Sandrock erinnernde Dame des Hauses unwirsch an: „Verdächtig sind alle, junger Mann. Gestohlen aber hat’s die Kinderfrau, verstanden?” Der junge Mann, selbst schon ein gewichtiger Vierziger, versteht. Die Kinderfrau meint: ..Natürlich, ich war’s. Ich bin dreißig Jahr im Haus und wenigstens hundertmal hat’s geheißen, ich jungen Herrn Xaver unter die-Lupe-tfehifiėftL0/’.1” Und richtig, im Dorotheum ertappt, stellt sich heraus, daß der Enkel des Hauses ein Früchterl ist und Versatzzettel, in summa auf 72.000 Schilling lautend, in seiner Brieftasche trägt. Vom Silberbesteck über Siegelringe, einzelne Edelsteine, juwelengeschmückte Spieldosen, bis zum Diadem hat er sich wie eine Elster betätigt und das Geld in schlechter Gesellschaft durchgebracht. Er leugnet nicht: „Ich hab’s mir ja nur bei mir selber ausgeborgt”, erklärt er, „in ein paar Jahren gehört doch alles mir ..

DER EISERNE VORHANG IST EIN SIEB, besonders für jene Detekteien, die noch auf dem Gebiet der alten Monarchie arbeiteten. In tausenden Karteiblättern sind die Namen von Mitarbeitern in allen Ländern verzeichnet, die für fallweise Recherchen zur Verfügung stehen, oft vererbt sich die Mitarbeiterschaft vom Vater auf den Sohn. Auch mit vielen Mitgliedern des Diplomatischen Korps steht man auf dem besten Fuße, man erweist einander Gefälligkeiten.

Der Soziologe erkennt in den Detektivbüros ein Element der Demokratie. Sie garantieren jedem Staatsbürger das Recht auf Auskunft über jeden anderen Staatsbürger, das Recht auf uneingeschränkte Wahrheit. Dieses Recht ist nicht so selbstverständlich, wie es uns heute scheinen mag. Im strengen Feudalstaat wäre es dem kleinen Mann schlecht bekommen, der seine Nase in die Angelegenheiten der Mächtigen gesteckt hätte. Die Etablierung von Auskunfteien im modernen Sinn fällt in den Beginn des vorigen Jahrhunderts und wurde gefördert durch die Entwicklung der neuzeitlichen Nachrichtenmittel. Wo sie entstanden, waren sie Vorläufer und Mitwirkende eines Demokratisierungsprozesses. der still, unsichtbar, ohne Revolutionen und Manifeste in der Gemeinseele der Völker vor sich ging.

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