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Schattenbilder aus der Großstadt

Ein elfjähriges Mädchen — sein Gesicht reicht knapp über den Verhandlungstisch im Saal des Jugendgerichtes — hat das Aussehen und die Mimik einer verdorbenen Zwanzigjährigen. Ihr Vater schickte sie mit zwanzig Päckchen Sacharin in den Resselpark, das Stelldichein der Wiener Schleichhändler. Ein Erwachsener verspricht einem vierzehnjährigen Buben hundert Schilling, wenn er ihm das Sacharin des Mädchens bringt. Dieser entreißt dem Kind die Tasche, es schreit und nun stehen beide vor dem Richter. Eine Hausfrau kauft im Resselpark — was ist dort nicht zu haben — Lebensmittelkarten. Sie sind nicht mehr gültig. Sie fälscht sie in gültige um und schickt halbwüchsige Buben einkaufen. Einer wird ertappt, gibt die anderen an und sie stehen nun als Angeklagte vor Gericht.

Wer heute die Akten des Jugendgerichtes durchblättert, wird viele ähnliche Fälle lesen, und wer sie summiert, kommt zu beängstigenden Zahlen der Statistik. Sacharin-handel, sich auf rasche Weise hundert Schilling verdienen und falsche Lebensmittelmarken vertreiben, sind keine normalen Handlungen krimineller Jugendlicher. Hinter ihnen stehen Erwachsene. Niemand wird diese jugendlichen Angeklagten für brave, gute Kinder halten. Dennoch drängt sich die Frage auf: hat diese Jugend nicht teilweise auch die Funktion des Thermometers, das nicht selber an dem Fieber schuld ist, das es registriert?

Einige Beispiele Zwei Lehrlinge, in den Keller zum Holzhacken geschickt, entdecken im Nachbarkeller Dunstobst. Sie vergessen Ort und Zeit, essen so lange, bis sie gesucht und mitten im Schmausen entdeckt werden. Das wertvolle Gepäck daneben ließen sie unberührt liegen. Wahrscheinlich hatten sie schon lange keine Gelegenheit gehabt, sirh ordentlich satt zu essen. Sie kommen in die Statistik der Übeltäter geradeso wie jener Bub, welcher nicht wußte, daß er be“im Ubersteigen eines Zaunes an den Paragraphen des Gesetzes hängenbleiben werde. Sie gehören zu jener gutmütigen Reihe, die nach dem Urteil dem Richter die Hand geben und zu Ihm „Auf Wiedersehen!“ sagen. Sie werden das Gericht kaum wiedersehen, denn sie sind eigentlich keine Rechtsbrecher, sie brauchen bloß einen Vater, der sich um. sie kümmert! Und wahrscheinlich wäre es zu diesen Delikten nicht gekommen, wenn sie ein paar Groschen gehabt hätten, beim Greißler etwas kaufen zu können. Mit allzuviel Kalorien sind diese aufschießenden Buben nicht bedacht.

Eine Birke im Prater, dessen schöner Baumbestand einen Waldmüller begeisterte, wird von zwei Jugendlichen zersägt. „Unser Meister hat uns um Holz geschickt, damit die Werkstatt geheizt werden kann. Ohne Holz dürfen wir nicht heimkommen, hat er gesagt.“

Ein Siebzehnjähriger rollt von einer Plünderung einen großen Käseleib vor sich her. Zu Hause hat die zwölfköpfige Familie sich einmal ordentlich angegessen. Der gleiche Junge nimmt bei der Plünderung der Villa des ehemaligen Gauleiters Scbirach nur die Matratze War am nichts Leichteres? „Ja, Matratzen haben wir dringend gebraucht!“

Der nächste Schritt ist schon der Einbruch: Mehr Gewalt und mehr Risiko. Das erstemal gelang es und nun ist eine Einkommensquelle geschaffen. Einer bezahlte davon Abendkurse, nicht um sie zu besuchen, sondern um die Zusatzkarten zu erhalten. Ein knapp Vierzehnjähriger, elternlos, unterstandslos, bloßfüßig, wird vorgeführt. Er hat in einer Schrebergartenhütte eingebrochen, zwei Dirndlkleider gestohlen und an Ausländerinnen verkauft. Warum? „In einer Kaserne bekommt man täglich zu essen. Viele Buben warten dort darauf. Mich als Kleinsten verjagen sie immer und sagen zu mir: „Wenn du Zigaretten bringst, lassen wir dich auch anstellen. ,Organisiere' was, verkauf die Sachen und dann kommst du zu Zigaretten!“ Kurzgefaßte Anleitung zu Einbruch und Schleichhandel.

Die Mitschuld der Erwachsenen offenbart sich deutlich in vielen Fällen. Ein großer, kräftiger Bursche und sein kleiner Bruder, dem der ältere den Vater ersetzt, fahren von Wien ziemlich weit aufs Land und stehlen eine Gans und einen Sack Erdäpfel. Vielleicht lag Verwunderung in der richterlichen Frage: „Warum so weit?“ Darauf folgte die unbefangene Erklärung: „Aus Znaim ausgewiesen, verdingten wir uns bei der bestohlenen Bäuerin. Drei Monate arbeiteten wir, sie entlohnte uns mit zwei Kilo Mehl und einer Handvoll Erbsen. Unsere Großeltern in Wien, bei denen wir jetzt leben, sind über achtzig Jahre alt und haben nur eine kleine Pfründe. Da dachten wir, daß wir für unsere Plage mehr Lohn verdient hätten und haben uns so Ersatz schaffen wollen.“ Als Zeugin gab die Bäuerin selbst zu, den Buben eigentlich zu wenig für ihre Arbeit gegeben zu haben.

Ein Jugendlicher hat eine Woche hindurch jede Nacht Lebensmittel in einer Schulausspeisung gestohlen. Wie kam er dazu? In einem Auswandererlager bittet die sterbenskranke Mutter, eine Wienerin, Landsleute, ihren Sohn mitzunehmen, damit er nicht verwahrlose. In Wien aber erfährt er: Wenn du nicht ein lästiger Mitesser sein willst, mußt du uns Lebensmittel verschaffen Und er begleitet seine Pflegeeltern bei ihren Einbrüchen. „Konntest du dir nicht eine Arbeit suchen?“ Darauf zeigte der Kleine seinen zerschmetterten linken Ellbogen und sagt: „Ich habe für einen Wirt Sodawasser geführt und für jede Fuhre eine Schnitte Brot bekommen. Aber diese Fuhren waren selten.“ Auf die Bemerkung des Richters: „Du wirst aber eingesperrt werden“, entgegnete der kleine Häftling treuherzig: „Etwas möchte ich schon noch hierbleiben ...“ Hier wird die Strafe zur Wohltat.

Niemals wissen, wo einem ein Platz gegönnt ist, an dem man so etwas wie ein Zuhause hat, und was überhaupt geschehen wird, sind das nicht Gründe, die den jungen Menschen in die innere Ruhelosigkeit treiben und ihm das Gefühl der Verlassenheit geben? Die Methoden, mit welchen man seit Jahren die Kinder vom Heim, soweit sie überhaupt noch eines hatten, wegriß und durch halb Europa jagte, oder wie man sagte „verschickte“, haben ihre Folgen gezeitigt. Bei vielen dieser Jugendlichen l£ßt sich als Ursache ihrer Verirrung der Verlust des Elternhauses, des Familienbodens feststellen. Zerstörte Ehen — jetzt häufig wie nie — sind der Nährboden der Kindertragödien.

Und hat nicht eine verbreitete Verrottung des Rechtsbewußt seins der Erwachsenen selbst eigenartige Begriffe von Mein nd Dein gebildet? Was ist nicht, alles geschehen, nicht nur im Zuge der Kriegsereignisse, sondern weil man eben meinte, das Eigentum oder eine Wohnung oder dieser oder jener Lagerraum seien „freigegeben“ worden. Schlagworte und wilde Propaganda haben manches Unheil angerichtet. Immer die gleiche Verantwortung und sie ist nicht verabredet: „Es hat geheißen, das wäre eine Naziwohnung, darom nahm ich den Plattenspieler.“ Ein Bauernbursch aus dem Marchfeld stahl einen Radioapparat, weil bekanntgemacht wurde: „Nazis werden enteignet.“ Und man spürt den leisen Vorwurf dem Gericht gegenüber: „Wenn ich gewußt hätte, daß auf die Nazi so geschaut wird, hätte ich nichts genommen.“ Etfeser Kriminelle hatte eine in jeder Hinsicht tadellose Beschreibung. Wie soll ein Jugendlicher „herrenlos“ und „nicht herrenlos“ unterscheiden, wenn das Beispiel ihn falsch belehrt, „Das ganze Haus ist hingegangen, sich Sachen holen, da bin ich auch mit einem Handwagerl hin“, verantwortet sich ein Jugendlicher sehr glaubwürdig.

Damit soll nicht geleugnet werden, daß auch unter der Jugend sich richtige „Kriminelle“ finden. Der Bursch, der einer trauernden Mutter unter der Vorspiegelung, von ihrem in einem Lager befindlichen Sohn als Bote um Geld und Kleider geschickt worden zu sein, dreihundert Schilling und zwei Anzüge herauslockt, verdient kein Mitleid. Solche Dinge kommen vor. Die richtigen Einbrecherbanden treten jedoch immer in Verbindung mit Erwachsenen auf, Zumindestens nehmen diese das Diebsgut ab und vertreiben es. Gibt es für diejenigen, welche in Banden von drei bis fünf Jugendlichen, nächtlich ganze Bezirksteile durchstreifen und in vier bis fünf Einbrüchen alles, auch was niet-und nagelfest ist, stehlen, noch eine Entschuldigung? Stets sind Erwachsene dabei. Die Kleinen schlüpfen rascher irgendwo hinein, sind unauffälliger beim Spionieren und arbeiten so für die Großen.

Dann hat jede Gruppe eine Zentrale, von der sie ausgeschickt werden und wohin sie mit der Beute zurückkehren. Dort ist stets jemand, der für sie gut aufkocht, und so führen die Jugendlichen monatelang, unter irgendeinem Vorwand von daheim fernbleibend, ein gutes und üppiges Leben. „Aber von den Mahlzeitresten“, klagt einer, „habe ich nie etwas bekommen, die haben sich die Großen mitgenommen.“

Ofenschirme Papierservietten, Nippes, Billardkugeln, Ventilatoren, Tennisschläger: Was interessiert das einen Buben? Was macht er damit? Der Schwarze Markt nimmt alles, aber auch alles auf. Ohne Hehler keine Stehler.

Bemerkenswert ist das Verhalten der Jugendlichen vor Gericht. Keiner lügt. Alle reden die Wahrheit, sie wirkt erschütternd. Gleichmütig, ohne innere Anteilnahme, ohne Angst, ohne Hoffnung, ohne Ehrfurcht, ganz seelenlos wird alles erzählt. Ein Appell an Ehre, Scham oder gar Gewissen wird nicht verstanden, ist Zeitvergeudung. Diese wirklich Kriminellen sind im Schulwissen schwach, ohne geistige Interessen, haltlos, gefühlsarm, leicht beeinflußbar, ohne soziale Hemmungen, aber im Praktischen geschickt, anstellig und verwendbar. Wo Meister oder Aufseher als Zeugen erscheinen, sagen sie stets, der Junge arbeite sehr gut, sei willig und gehorsam.

Persönlichkeit von der Art eines Don Bosco können durch bloße Anstalten und Organisationen nicht ersetzt werden. Wird unsere Zeit genug christliche Kraft haben, daß sie Menschen hervortreten läßt, die es wagen, bedrohter, erbarmungswürdiger Ju-• gend Heimat, Geborgenheit und Führung zu geben?

Vielleicht liegt da ein Fingerzeig. Das allgemein bekannte Auskunftsmittel sind Heime. Abgesehen von dem Mangel an solchen, sind sie kein Allheilmittel. Sie setzen Pädagogen voraus, die auf den jungen Menschen als Persönlichkeit einwirken, die selbst von einem Charisma getragen sind, das verschüttete Quellen aufbrechen läßt. Wo sind heute die schlichten Menschen, die unter Hintansetzung aller Wenn und Aber verwahrloste und entwurzelte Jugend um sich gesammelt haben? Solche Gestalten gibt es in der Geschichte der Kirche. Heute sind es meist Institute geworden, die zuerst rechnen und dann „aufnehme n“.

Österreichische Lese

--Das Jahr 1854 ha! eklatant erwiesen, daß Österreich seine

Stütze nicht in Deutschland findet. So sei es drum, so soll es auf sich selbst stehen und einzig daran denken, was dieser Stellung frommt! Wenn Österreich seinen eigenen geraden Weg geht, gänzlich unbekümmert, wem er recht ist oder nicht, niemandem von seinem Tun Rechenschaft gibt als seinem eigenen Gewissen, nur diejenigen aufnimmt, die selbst zu ihm kommen, die anderen hingehen läßt, wohin immer sie wollen, so ist mir nicht bange, daß es allein stehen werde. Daß keine große europäische Frage sich ohne Österreich entscheiden läßt, wird man in Deutschland sowie überall begreifen.--

Josef Freiharr v. Zedlitz (Brief vom 5. Jänner 1855 cm Georg v. Cotta)

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