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War die Tat geplant?

Denn: Für Massenmörder, die ihre Taten im Zuge der Kriegshandlungen oder sonst auf „höheren Befehl” verübt haben, gibt es die Entschuldigung des „Befehlsnotstandes”, der Bürger darf auch einem verbrecherischen Befehl gehorchen, wenn er sonst sein eigenes Leben gefährden würde. In unserem Lande sind mit dieser Begründung viele Mordtaten ungesühnt geblieben.

Rechtlich anders, sittlich genauso gelagert ist der Fall berechtigter Notwehr; ich darf der Gewalttat zuvorkommen, den Angreifer töten und werde freigesprochen, wenn ich glaubhaft machen kann, daß ich mich in Todesgefahr gefühlt habe.

Rainer Wachalovsky aber mußte sich vom Vorsitzenden fragen lassen, warum er sich nicht selber getötet habe, wenn er es nicht mehr aushielt! Also verlangt man von einem knapp Siebzehnjährigen mehr als von einem Soldaten im Krieg!

Wenn er aber für das Leben der Mutter fürchtete, fragte der Vorsitzende weiter, warum sei er nicht zur Polizei gegangen und habe die Morddrohung des Vaters angezeigt? Er erwiderte: „Das hätte sie nicht gebilligt!”

Welchen Nutzen konnte Wachalovsky von seiner Tat für sich erhoffen? Traut man einem Menschen von überdurchschnittlicher Intelligenz zu, er habe diese Tat geplant und gemeint, er werde nicht entdeckt werden? Wenn er die Tat überhaupt geplant hätte, würde er sie wohl besser geplant haben! Er gab an, der Gedanke, den Vater zu töten, sei ihm erst gekommen, als er den Revolver in der Hand hielt, den er herausgenommen hatte, um ihn vor dem Vater zu verstecken. Dies schien dem Gericht unglaubwürdig; aber wenn er den Mord am Vater geplant hätte, hätte er wohl doch eine Gelegenheit abgewartet, bei der er allein mit ihm war! Der Bruder war ohnedies selten zu Hause, und auch die Mutter ging manchmal einkaufen.

Rainer Wachalovsky kann diesen Mord aber gar nicht geplant haben; sei es, weil ihm der Gedanke daran nicht gekommen ist, sei es, daß er ihn verworfen hat, weil er damit das Gegenteil dessen erreicht hätte, was er wollte: Statt die Mutter zu schützen, hätte er ihre Schande publik gemacht. Was jetzt geschehen ist, wäre auch dann geschehen: Die infernalischen Familienverhältnisse wären aufgedeckt worden, die Mutter wäre als Ehestörerin, der Vater als Schwindler und Sadist gebrand- markt gewesen, die pornographischen Bilder der Mutter in fremde Hände gekommen, vielleicht wäre der Vorwurf des Inzestes (der Mutter mit dem Bruder) genauestens nachgeprüft worden, da man darin ja wohl ein Motiv zur Anstiftung der Tat hätte sehen können! Der Mörder allerdings hätte nach der Tötung des Vaters vielleicht außerordentliche Mflderungsgründe zugesprochen erhalten!

Die sinnlose Tat

Nun aber hat er auch seine „angeblich so heißgeliebte Mutter” getötet, und den Bruder, der ihm „nichts getan” hatte. Dafür hat er selber die einzig stichhältige Erklärung abgegeben: „Ich wollte etwas vollkommen Sinnloses tun.” Man hat diesen Satz ziemlich allgemein so aufge nommen, als habe er erklärt: Ich wollte mir eine ganz besondere Sensation verschaffen. Wer aber eingehend über das alles nachgedacht hat und wer den Ausführungen von Universitätsprofessor Asperger folgte, versteht diesen Satz doch so, wie er allein gemeint sein konnte, nämlich: Ich mußte etwas vollkommen Sinnloses tun!

Etwas Sinnvolles gab es nicht zu tun. Rainer Wachalovsky hatte nicht die geringste Möglichkeit, irgend etwas an den Zuständen in seinem Elternhaus zu ändern, ohne die Lage seiner Mutter noch zu verschlimmern. Auch der ältere Bruder wird wohl nur der Mutter zuliebe in diesem Milieu geblieben sein.

Dem Angeklagten wurde diese Liebe vom Vorsitzenden nicht geglaubt. Er mußte zugeben, daß er auch selbst zuweilen Auseinandersetzungen mit dem Vater gehabt habe;, wegen des Fortgehens am Abend, wegen Kleidung, wegen Geld. Nur deswegen, unterstellte der Vorsitzende, habe der Bursche den Vater gehaßt, denn Gefühle für andere habe er nie gekannt. Man hat ihm vielfach bescheinigt, daß er gefühlsarm sei. Wie sich Kälte mit abgrundtiefem Haß verträgt, hat man zu erklären versäumt. Aber hat Rainer vielleicht auch den Haß nur gelogen, und sollten wir ihm den ebensowenig abkaufen wie die Liebe zur Mutter? Denn, folgerte der Vorsitzende, wie konntest du Geld vom Vater nehmen, wenn du ihn so gehaßt hast? Nein, alles was ihm der Vater gab, sei ihm eben zuwenig gewesen, und deshalb sollte er kaltblütig ermordet werden, dieser „Durchschnittsvater” mit kleinen Fehlern! Wo kämen wir hin, wenn alle Jugendlichen, die mehr Taschengeld haben, moderner gekleidet sein und teure Bücher kaufen wollen, ihre Eltern umbringen würden?

Mich hat”s geschaudert, als ich das hörte. Ich weiß nicht, wo wir hinkämen, ich sehe aber, wo wir bereits sind, wenn ein Richter, der betont, selber Familienvater zu sein, die Zustände im Hause Wachalovsky für „durchschnittlich” hält! Ist also das Infernalische bereits das Normale? — Als infernalisch haben nämlich die Sachverständigen die Verhältnisse bezeichnet: ein möglicherweise wahnsinniger Vater (Eifersuchtsparanoia), der die Mutter vor den Augen (tags) und Ohren (nachts) der heranwachsenden Söhne quält, sie als Hure bezeichnet, ihnen zum Beweis pornographische Bilder zeigt (angeblich von anderen Männern, in Wirklichkeit von ihm aufgenommen). Den die Kinder in den ersten, entscheidenden Jahren ihres Lebens nicht einmal Vater nennen durften, weil er sie gar nicht anerkannt hat; der von einer Invalidenrente gelebt hat, aber seit zehn Jahren Autobesitzer war und aus jeder Stellung nach kürzester Zeit entlassen wurde, einmal sogar wegen fahrlässiger Krida verurteilt wurde; der neben den beiden Frauen noch vielfach andere Verhältnisse hatte und solche noch als Siebzigjähriger anzubahnen suchte; der den 16jährigen Sohn wegen schlechter Noten mit der Reitpeitsche schlägt, ihn aber ohne Führerschein spazierenfahren läßt, wobei er erklärt, falls der Bub erwischt werde, wisse er von nichts.

Gefühle durfte man nicht zeigen!

Muß dieses Kind nicht zwangsläufig verlogen werden? Es renommiert in der Schule, da das mit dem Vater wohl bei bestem Willen nicht möglich ist, mit dem älteren Bruder. Es will mehr scheinen als sein. Es schämt sich dieses Elternhauses, lädt selten Kollegen ein, ist kontaktarm, gefühlskalt. Gefühle aber brauchen, üm sich Zu” entfalten, eftie liebevolle Umgebung. Geistige und seelische Anlagen, die nicht gefördert werden, verkümmern. Bis zu einem gewissen Grad war dies bei Rainer Wachalovsky gewiß der Fall; vor allem aber hat er die Fähigkeit erworben, unter keinen Umständen Gefühl zu zeigen: der Knabe hat Stunden vor dem Spiegel verbracht, um einen unbewegten Ausdruck einzustudieren. Wenn ihm wirklich nichts nahegegangen wäre, hätte er doch die steinerne Miene nicht erlernen müssen! Zu welchem Zweck tat er es? Wollte er vielleicht so männlich wirken wie die Revolverhelden im Kino? Ich glaube, er wollte etwas ganz anderes. Er wird die Erfahrung gemacht haben, daß jede

Regung von Angst oder Abscheu den Vater zu vermehrter Grausamkeit aufstachelte, weshalb völlige Gleichgültigkeit das einzige Mittel war, ihn zu beruhigen! Aber erworbene Eigenschaften, wie eine solche Gefühllosigkeit, kann man nicht fallweise ablegen wie einen Hut. Wer mühsam gelernt hat, nicht zu weinen, der kann nicht mehr weinen. Und gerade darin wurde das Zeichen seiner Kälte und Verstocktheit gesehen.

Wenn nun Rainer Wachalovsky aber doch so intelligent und so verlogen ist, wieso bringt er es dann nicht fertig, die erwartete Zerknirschung einfach zu spielen? Er hat doch auch nach der Aufdeckung der Bluttat einen Schwächeanfall „gespielt” und sich vom Rettungsarzt laben lassen. „Das war doch gespielt oder?” fragte der Vorsitzende den Angeklagten. „Es war nicht vollkommen gespielt!” erwidert dieser. „Nicht vollkommen natürlich!” freut sich der Vorsitzende, „weil du nicht die nötigen medizinischen Kenntnisse hast!” Der Angeklagte aber hatte wohl sagen wollen: „Mir war wirklich schlecht, aber ich hab”s übertrieben.” (Eine verlogene Antwort?) Solche sprachliche Mißverständnisse gab es mehrere: Der Staatsanwalt beschwor die Geschworenen, sich nicht davon beeinflussen zu lassen, daß der Angeklagte im Gespräch mit dem Psychiater gesagt habe: Wenn ich mehr als zwei Jahre sitzen muß, werd ich mich umbringen, nach zehn Jahren komme ich als Schwerverbrecher heraus. — Eine Woge der Entrüstung ging durch das Auditorium, als habe der Bursch damit ein Programm verkündet — wie das dann auch tatsächlich eine Zeitung als Warnung vor verfrühter Entlassung brachte! Ich glaube aber, auch ein Mensch von weniger ausgeprägter Intelligenz würde einsehen, daß man nicht acht Jahre nach dem Selbstmord die Karriere eines Schwerverbrechers einschlafen kann (wie der Journalist sich ausdrückte).

Rainer Wachalovsky wußte genau, daß er etwas Sinnloses tat, aber er „wollte” es tun, weil er es tun mußte. Dies bestätigte Professor Asperger, wenn er sagte, bei einem Jugendlichen, der gezwungen sei, unter einem solchen Druck zu leben, müsse es zur Explosion kommen. Aber an dem ganzen ausführlichen Gutachten Professor Aspergers, das der Anklageschrift in wichtigen Punkten widersprach, interessierte vor Gericht offenbar einzig die Tatsache, daß Rainer Wachalowsky im Augenblick der Tat weder geisteskrank noch sinnesverwirrt war!

Von den lebendigen Phosphorfak- keln des zweiten Weltkrieges hat man gehört, daß sie sich in die Flüsse stürzten, um zu ertrinken, statt zu verbrennen. Vollkommen sinnlos, nicht wahr? Aber eine Zwangsreaktion! Auch für die auf Gefühllosigkeit trainierte Seele eines Jugendlichen kommt der Moment, in dem sie es nicht mehr aushält; dann fällt ein Stichwort aus der Lektüre, aus einem Film wie ein Funke ins Pulverfaß. Schluß machen Tabula rasa Alles auslöschen

„Ja, nur nicht sich selbst!” werden Sie einwenden. Der hat sich doch geduscht, ins Auto gesetzt, debattiert, geplaudert und schließlich die Komödie von der „Entdeckung” der Bluttat gespielt!

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