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Zylinder und PS

IN DER BRIEFTASCHE hatte er die Bestätigung über den Erlag der Anzahlung. Nun saß er zum erstenmal am Steuer „seines” Wagens. Der Tankwart des großen Autohauses ließ ein paar Liter Gratisbenzin in den Tank gluckern, eine kleine Aufmerksamkeit der Firma, sozusagen zum Einstand, denn man würde ja noch längere Zeit in Verbindung bleiben, Rate um Rate. Er zupfte an seinen neuen, perforierten Autohandschuhen und überlegte. Dann sagte er selbstsicher durchs heruntergekurbelte Fenster: „Bitt’ schön, füllen S’ mir noch fünfzehn Liter ein! Morgen ist Samstag, da möchten wir a bisserl wegfahren.” Etwas gedämpfter, aber mit der gebotenen Autofahrernoblesse setzte er hinzu: „Und schreiben Sie’s zur ersten Rate dazu!” Der Monat näherte sich seinem Ende, da hieß es halt sparen. Hauptsach’, der Wagen ist da!

Diese kleine Schilderung ist nicht erfunden, das hat sich tatsächlich zugetragen und ist, wir wissen es, kein Einzelfall. Wenn der räsonierende Fasseldippler aus „Wien wörtlich” noch lebte, dann würde er vor der blinkenden Persönlichkeitsprothese aus frischlackiertem Blech und Chrom verächtlich ausspucken und murmeln: „Was braucht ma denn des alles, net? Is eh gnua da!” Das „gnua” wäre dann als summarische Bezeichnung für die große Kühlerparade auf den Parkplätzen aufzufassen.

Der Fasseldippler wackelt um die Ecke, ins dämmerige Seitengassel, wo die Vergangenheit wohnt. Dafür hat soeben der Herr Hofrat den Zebrastreifen überquert und bleibt auf dem Gehsteig stehen, um ein wenig Luft zu holen. Ein lieber, alter Bekannter, man kann viel lernen von ihm. Er ist der Typus des musischen Beamten von einst, sammelt „Viennensia”: kolorierte Veduten von Wien, Litographien, alte Bücher. Einiges ist ererbt, anderes erworben. Für so was gibt der Herr Hofrat sein Geld aus. Natürlich bliebe da kaum etwas, um ein Auto anzuschaffen, von der Erhaltung gar nicht zu reden.

Doch der liebenswürdige Freund trägt das mit Fassung. Was es Neues gäbe, zu Hause und so im allgemeinen, fragt er mich und seufzt: „Mit dem Verkehr wird es jetzt immer ärger. Heute will halt alles, alles fahren. -- Auf Wiedersehen, meine ergebensten Handküsse, an die Frau Mama!” Ich gehe weiter und überlege. Beim Durchhaus zum Michaelerplatz gibt es schon wieder eine kleine Verkehrsadernthrombose, ein Pfropfen aus Simca, Mercedes und Citroen läßt die Zirkulation kurzfristig stocken. Weiter im Gedanken: Seltsam! Den Satz

„Heute will halt alles, alles fahren”, den habe ich schon einmal gelesen, in einem der alten Bücher, wie sie auf den Regalen des hofrätlichen Herrenzimmers stehen. Es trifft sic-h gerade gut, demnächst wird im Historischen Museum der Stadt Wien eine Ausstellung eröffnet, die Alt-Wiener Verkehrsverhältnisse zum Thema hat. Deshalb soll hier an Hand eines Original berichtes der Beweis erbracht werden, daß alles relativ ist, auch die Begriffe von Geschwindigkeit und Wagenluxus …

VOR HUNDERTFÜNFZEHN JAHREN erschien in der Haupt- und Residenzstadt ein originelles zweibändiges Werk mit dem Titel „Curiositäten- und Memorabilien-Lexicon von Wien”. Darin findet man, Stichwort für Stichwort, schön nach dem Alphabet, vielerlei Seltsames und Sinnvolles, Volkstümliches und Höfisches, rechte Narreteien und denkwürdige Überlieferungen „aus alter und neuerer Zeit beschrieben und erklärt. Als Verfasse1’, der, es sei hier vermerkt, einen flotten, fröhlichen Federkiel führte, zeichnete ein Herr Realis. Sein wirklicher Name war allerdings um vieles länger und geradezu von schimmernder Eindrucksfülle, nämlich: Robert Gerhart Walter Ritter von Coeckelberghe-Dtitzele. Insgesamt sechzehn Silben, bitte sehr! Bleiben wir also lieber bei seinem selbstgewählten Namen. Realis, der im Laufe seines Lebens eine Reihe von Büchern über Wien und Wiener Zustände verfaßte, war natürlich -wienerische Selbstverständlichkeit! — nicht an der Donau geboren. Er kam aus Brüssel. Doch er lebte, spazierte, beobachtete, studierte und schrieb im Bereich der Basteien, im Schatten des Stephansturmes, wo sich damals die Leut’, weiß Gott, genauso herumstritten wie zu allen anderen Zeiten.

Im vormärzlichen Wien ging’s nämlich gar nicht so geruhsam zu. Walzerschwung und Polkagaudi wurden in den Tanzsälen gegeigt, doch auf den Straßen gab nicht der Rohrstock mit dem Silberknauf seinen beschaulichen Takt an, o nein! Sapperlot, tagtäglich erlebte man einen klappernden, rasselnden, wiehernden Wirbel, daß einem verflixt „wurlert” zumut werden konnte. Unter dem Stdchwort „Wagenluxus” weiß der Zeitkritiker aus den Tagen der blauen Fracks überraschende Dinge zu berichten:

„Wenn man die Menge und Verschiedenheit der Wagen sieht, welche vom frühen Morgen bis tief in die Nacht in Wiens Straßen rollen und sich tausendfach durchkreuzen, so muß man sich wundern, daß auf den Trottoirs noch Fußgeher angetroffene werden und daß es überhaupt noch Leute gibt, die sich in dieses lebensgefährliche Durcheinander von rennenden Pferden und rasselnden Rädern hineinwagen.”

Bangigkeit erfaßte ihn angesichts der verwirrenden Vielfalt der Fahrzeuge. Die Wiener Wagenbauer sorgten für reiche Auswahl, in Musterkatalogen des Zeitraums von 18 30 bis 1843 zum Beispiel findet man nicht weniger als 112 verschiedene Modelle. Puncto Fahrzeugbau war Wien ein biedermeierliches Detroit mit zahlreichen Exportaufträgen. Und welch subtile Unterscheidungen der einzelnen Typen! Herr Realis ist ein gewiegter Kenner:

,,Kabrioletts vom Lande und aus der Stadt, Fiaker, Gesellschafts-, Zeiselund Steirerwagen, Tilburys, Kaleschen, Kutschen, Coupes, Landaus, Berlinen, Diligencen, Einspänner, Zweispänner, Postchaisen mit vier Pferden, sechsspännige Hofequipagen — dies alles fährt Tag und Nacht ineinander, untereinander, durcheinander, nebeneinander. aneinander und auseinander, bricht Achsen, Räder und Stangen, bleibt stecken, überfährt Menschen und Tiere, wirft um und verursacht hundert Unfälle in unserer sehr belebten Hauptstadt, welche ganz füglich Fußgängerhölle heißen könnte.”

Wenn man dem Originalgenie Herz- manowsky-Orlando Glauben schenken darf, dann ist mitten in dem Wirrwarr vielleicht auch ein k. k. Hofzwerg dahinkutschiert, in einem vergoldeten Equipascherl von Kinderwagengröße, mit vier vorgespannten Ziegenböcken. Der Wanzenböck, liest man, ist sogar sechsspännig gefahren. (War Oberhof zwerg, glaube ich, man müßte einmal in den entsprechenden Jahrgängen des Staatsschematismus nachschlagen.)

HOLDE ÜBERLIEFERTE VORSTELLUNG, daß man zu Zeiten der Kaiser Franz und Ferdinand so recht von Herzen bescheiden gewesen sei und sein Leben nach dem „Stil der Genügsamkeit” eingerichtet habe, wie es Hermann Bahr einmal nannte. Doch unbarmherzig zerstört uns der Sitten- schilderer Realis Illusion um Illusion. Kategorisch stellt er fest:

„Der Fußgänger muß ein eigenes Studium daraus machen, wie er sich durch die vielen engen Gassen und Gäßchen durchwindet, wobei er in steter Lebensgefahr schwebt, weil in Wien keine Bürgersteige bestehen. Und überhaupt: was früher ein Gegenstand des Luxus war, ist gegenwärtig ein allgemeines Bedürfnis geworden. Die

Zahl der Wagen vermehrt sich jährlich, und es ist heute damit so weit gekommen, daß drei Vierteile der Straßen und öffentlichen Plätze von den Wagen in Beschlag genommen sind.”

Wie viele Straßenkehrer der Magistrat wohl täglich ausgeschickt haben mag, um die biedermeiėrlichen Parkplätze sauber zu halten? Solcher Andrang ist aber nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt:

„Wagen und Pferde — davon träumt und phantasiert jeder Großstädter. Dreißig Jahre mißt er in seinem Laden Kattun und Bänder auf dem Graben oder auf dem Kohlmarkt, dreißig Jahre handelt er mit Sirup und Käse auf der Mariahilfer Straße oder Taborstraße, bloß um nach Verlauf dieser mittleren Dauerzeit des menschlichen Lebens das Vergnügen zu genießen, in die eigene Equipage zu steigen und nach Hietzing oder Döbling zu fahren.” Komfnentar überflüssig:

„Wagen und Pferde sind das erste, was ein durch glückliche Spekulation von gestern reichgewordener Börsen-, manu sich anschafft, um nicht hinter seinen Kollegen zurückzustehen.”

Also, ich muß schon sagen, dem Musjeh Rametseder seine Kaleschen ist schon nicht mehr moderat! Das einzig Neuche dran ist s linke Hinterradel, und das ist von einem miserabli- gen Stellmacher eingsetzt. Warum, so frag ich, leist sich der Mensch kein rioblichteres Gefährt nicht?

„Wagen und Pferde verlangt jede Sängerin der Oper oder Ballettänzerin, die kaum den Augenblick erwarten kann,’in einem eleganten Schwimmer zur Probe zu fahren und die bescheidene Choristin, welche zu Fuß geht, mit Kot zu bespritzen.”

Ein Schauspieler zum anderen in der Theaterkantine: „Weißt du, ich bin ja gar nicht versessen auf ein AutOi aber ich muß mir eines ansebaffen, aus Prestigegründen. Fernsehen, Film und so. Wie schaut das aus, wenn man zu Fuß hinkommt! Übrigens, wer winkte mir gestern nach der Vorstellung aus einem funkelnagelneuen, schnittigen Kleinwagen? Der X, na, du weißt schon, der Edelkomparse.”

„Wagen und Pferde endlich wünscht sich das unschuldige Mädchen, welches aus Konvenienz den ersten besten Mann nimmt, um die Modepromena- den des Praters im Monat Mai mitzumachen und sich gemächlich in die

Kissen eines zierlichen Landaus zu- rückzuleltnen, auf dessen Hintersitz ein stattlicher Leibjäger mit wallendem, grünem Federbusch ebenso gemächlich die Arme kreuzt.”

Seht’s, Leuteln, so war’s Anno 1846 in Wien!

UNERWARTETE, HÖCHST BEMERKENSWERTE PARALLELEN, zugegeben. Nach diesen- Schilderungen kann man sich vorstellen, daß die Alt-Wiener Verkehrsdichte auch schon ganz beachtlich gewesen sein muß. Doch, so wollen wir einwenden, die Menschen von damals hatten naturgemäß noch keine Ahnung von Tempo, vom Sauseschritt der Pferdestärken unter der Kühlerhaube,’ von krasser Alltagshetze. Mit zwei, vier, ja sogar sechs Gäulen vorm Kutschbock bekam man wohl Appetit auf Kilometerfressen. Aber, wie schon eingangs erwähnt, alles ist relativ, auch die Vorstellung von Geschwindigkeit. Darum winkt Herr Realis ab und meint:

„Der Satz, daß man in unseren Tagen schneller lebe als sonst, scheint nicht unwahr zu sein. Die fieberhafte Tätigkeit, die uns beseelt, macht es uns unmöglich, den gemessenen und ruhigen Eierweibergang jener Transportmittel zu ertragen, welche der phlegmatischen und abgezirkelten Vergangenheit genügten. Daher will heute alles, alles fahren, und noch dazu recht schnell und halsbrecherisch! So geschieht es, daß das Leben in Wien wie in anderen Hauptstädten, statt dahinzufließen, pfeilschnell auf der Landstraße des Lebens fortrollt.”

Ja, ja, Tempo, Tempo, es war ein Jammer! — Unser biedermeierlicher Zeitgenosse zieht den Chronometer aus dem Tascherl der geblümten Brokatweste - ui jegerl, so spät schon, da heißt’s sich sputen! Eilig empfiehlt er sich von der Nachwelt und entfernt sich im Sturmschritt, daß die Schößeln des ..gschwinden Röckels” nur so fliegen. Sein. Zylinder verschwindet in der brodelnden „Fußgängerhölle”, wo man zu besonderer Pein verdammt ist: zu Wagen und Rad. Die Peitschen knallen, die Rösser wiehern ganz infernalisch, der Teuxel regiert die Deichsel, es gibt kein Halten mehr. Denn im Vormärz, da raste man halt vorwärts …

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