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Daheim im Hotel

AUF DER LÄNGLICHEN GLASTAFEL über der Loge rechts vom Eingang des Hotels funkeln goldverziert die Worte: Rezeption. Empfang, Aufnahme also. Es ist knapp vor zweiundzwanzig Uhr. Vor mir baut ein Angestellter die Gepäckstücke des Herrn und der Dame mit unleugbarem Sinn für geometrische Ordnung auf. Jedesmal, wenn wieder ein Koffer durch die Drehtüre hereingetragen wird, weht die feuchte und herbe Nachtruft des späten Winters in die behagliche Wärme der Halle. „Man könnte glauben, daheim zu sein“, meinte ich zum Direktor, der zwar ein wenig müde, aber unerschüttert freundlich den Besucher über die dicken Teppiche zum Rauchsalon geleitet und dabei — ich hatte es wohl bemerkt — einen scharfen Blick auf die Abfertigung der Neuankömmlinge geworfen hat. „Daheim“, setzt mein Gegenüber meinen Satz fort und zündet sich eine Zigarre an. „Daheim? Ja, wenn Sie — soweit private Gespräche möglich sind und über die reinen konventionellen Redensarten hinausgeraten —, wenn Sie unsere Stammgäste fragen, so werden diese sagen, sie seien hier daheim. Aber das besagt noch wenig. Daheim sind diese, besonders jetzt, im Winter, seltenen Gäste eben überall. Der Herr dort und die Dame, die eben zum Lift gehen, sind jedes Jahr um diese Zeit in Wien. Sie sind heuer mit der Bahn angekommen, weil sie dem Wetter nicht trauen; gewöhnlich fliegen sie. Gestern waren sie noch in Salzburg. Vor zwei Tagen telegraphierten sie aus Zürich. Nächste Woche fliegen sie nach Kairo.“ Ob dies nicht für die Gäste Vergleichsmöglichkeiten ergäbe, frage ich, und ob wir in Wien dabei gut abschneiden? Der Direktor denkt eine kurze Weile nach und zieht an der Zigarre. „Vergleichsmöglichkeiten? Sicher! Ob wir gut abschneiden? Gewiß, auch nach internationalen Begriffen. Aber ich bin schon daraufgekommen: Man sucht bei unserem Daheim etwas ganz Eigenes. Nicht die perfekte Hotelmaschine, jene mit einem halben Dutzend Ruftasten im Zimmer, mit Rundfunk und Fernsehapparat, vom Telephon ganz zu schweigen, und von der Möglichkeit, noch um Mitternacht ein Schreibmaschinendiktat zu geben oder ins Diktaphon zu sprechen. Nein, man sucht das wirkliche Heim, und man glaubt es nirgends anders finden zu können als in Österreich, als in Wien. Die anheimelnde Atmosphäre des Zimmers, gut gewählte, versteht sich, echte Bilder, zumindest nette Graphiken, eine Vase aus Augartenporzellan . . . Sehen Sie, Chrom, Silber, Kristallglas und so weiter, echte Spitzen, teure Furniere, Beleuchtungskörper nach dem letzten Schrei: das gibt's auch anderwärts. Bei uns sucht man die gewachsene Kultur. Mit dem Wort Hotelkultur hat man ja viel Unfug getrieben; aber so viel stimmt jedenfalls, daß es Länder mit seelenloser perfekter Hotelmaschinerie gibt, wo auch beim besten Willen nichts auszusetzen ist; und doch — daheim, daheim fühlen Sie sich nicht, und daheim fühlen sich auch andere nicht. Daher die Frage nach bedruckten Stoffen, nach selbstgeknüpften Teppichen, nach alten Mustern für Möbelbespannung, versteht sich, stilgetreuen, nicht vielleicht den allerweltsbekannten Samtquasteln und dem Pseudobiederrneier. Und solch ein Daheim zu bieten, ist schwerer, als eine vollkommene Hotelmaschine internationalen Normformats hinzustellen. Denn letzteres ist nur eine Geldfrage.“

EINE GELDFRAGE war bereits der Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Krieges. „Ich habe vier Jahre nur Geld in den Betrieb hineingesteckt, der nach dem Abzug der Besatzung — mein Haus war von ihr beschlagnahmt — traurig ausgesehen hat“, erzählte mir ein bekannter Hotelier der Inneren Stadt. „Man sollte nicht glauben, was alles eines Souvenirs für wert erachtet wurde. Vom Eßzeug will ich schweigen und von den Aschenschalen auch. Aber sogar kleine Späne von den Betten fanden Liebhaber. Ein Kollege von mir im westlichen Österreich hatte es viel leichter. Er bekam Kredite, obgleich sein Betrieb keinerlei Schäden aufwies, ja man warf ihm das Geld geradezu nach. Hier, in Wien, wie überhaupt östlich der Enns, traute man dem Frieden nicht. Ich habe mich sehr schwer getan und habe manche Nacht vor Sorgen nur stundenweise schlafen können. Nach vier Jahren, also eben jetzt, darf ich ein wenig an die Ausstattung denken. Ich habe mich in Ausstellungen umgesehen, habe Bilder gekauft, war in ganz Österreich wegen alter Model für Leinenhanddrucke unterwegs, habe etliche wirklich schöne Stilschränke bei Versteigerungen erworben.“ Dieser Mann sagte also fast genau dasselbe wie jener, den ich tags vorher gesprochen. *

IN ÖSTERREICH BESTEHEN HEUTE etwa dreißig Betriebe, welche in die Klasse der Luxushäuser einzureihen sind. Bezeichnenderweise liegt ein Drittel dieser Betriebe in Salzburg und Tirol. Die Fachleute verweisen auf die beträchtliche Spanne zwischen diesen Luxusunternehmen und den Häusern der ersten Klasse. Um beide Kategorien glaubt der Inländer einen großen Bogen machen zu müssen, die Brieftasche krümmt sich förmlich bei bestimmten Orten und Namen — und doch ist es, wie der Augenschein lehrt, nur halb so schlimm. Selbst Häuser der ersten Klasse in Innsbruck — eines davon yori Grund auf neu — bieten im Touristenhaus schöne Einbettzimmer um fünfunddreißig Schilling je Tag, selbstverständlich mit fließendem warmem und kaltem Wasser und Telephon. Aber auch dort, wo man es gar nicht erwarten würde — beispielsweise in Krems —, findet man auch nach internationalen Begriffen erstklassige Zweibettzimmer mit Bad um achtzig Schilling zuzüglich der üblichen fünfzehn Prozent Bedienungszuschlag und der Ortstaxe. Ähnliches kann von anderen Orten, etwa von Bregenz, berichtet werden, wo man mir nach einigen Jahren sogar dasselbe Zimmer gab wie beim ersten Aufenthalt, weil man eine genaue Gästekartei führt. Und diese kleinen Aufmerksamkeiten, zu denen noch andere treten (die Lieblingsblumen stehen dort jedesmal auf dem Zimmertisch), ziehen die Grenzlinie zwischen der perfekten Hotelwohnmaschine und dem „Daheim“, das unbewußt in den Vorstellungen der Hotelgäste haust.

IN DEN MONATEN JÄNNER BIS DEZEMBER des Jahres 1958 wurden zufolge den Angaben in den „Statistischen Nachrichten“, welche das Österreichische Statistische Zentralamt in gewohnter Präzision herausgibt, in 900 (in den beiden letzten Monaten 1400) Gemeinden 6,239.139 gemeldete Fremde mit 32,695.167 Übernachtungen gezählt. Gegenüber 1957 hat sich die Zahl der Übernachtungen um nicht ganz neun Prozent erhöht, wobei die Inländer-nächtigungen nur um 3,5 Prozent, dagegen die Ausländerfrequenzen um 12 Prozent zugenommen haben. Der Fremdenverkehr nur im Sommerhalbjahr 1959 erbrachte in den 1400 zitierten Gemeinden 5,4 Millionen Fremde mit 31,1 Millionen Übernachtungen. In den Anteilsätzen der Ausländerfrequenzen führt nach wie vor die Bundesrepublik Deutschland. Von dort sind im Sommerhalbjahr 1959 D-Mark im Schillinggegenwert von 59,4 Miüionen nach Österreich geflossen; an zweiter Stelle, weit zurück, liegen Dollars im Gegenwert von zwölf Millionen Schilling. Statistische Aufgliederungen zeigen aber weiter, daß der Ausländerfremdenverkehr in Wien anders geschichtet ist als in Westösterreich. Hier dominierten die Westdeutschen mit 68 Prozent, die USA brachten es auf knapp vier Prozent; in Wien hingegen sind die Westdeutschen nur mit 23 Prozent, die USA aber mit 18 Prozent vertreten. Die Neigungen dieser Gäste bestimmen auch die Einstellung der gastgewerblichen Betriebe, ihren ganzen Habitus. „Es ist aber ganz falsch, zu glauben“, sagte mir dazu ein Hotelier in Salzburg, „daß dieser Westtrend etwas Naturgegebenes ist, mit dem man sich abzufinden hat. Erstens suchen gerade die Deutschen nicht das, was sie ohnehin zu Hause haben“ — und hier schmunzelt er etwas —, „also beispielsweise die Größe der Erdäpfelportionen, bitte, bei mir heißt es noch immer .Erdäpfel' — nein, man sucht das spezifisch Österreichische. Auch die Amerikaner haben nicht ihr Waldorf-Astoria vor Augen.“

DAS HOTELGEWERBE brachte es auch in Rekordzeiten nur zu einer durchschnittlich dreißigprozentigen Ausnützung der Bettenkapazität. An einigen Orten fürchtet man Existenzschwierigkeiten, falls die Frequenz absinkt, und betrachtet aus diesem Grund das Campingwesen mit zugekniffenen Augen. Hat doch das Camping im Sommerhalbjahr 1959 gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres um 217.730 Frequenzen zugenommen. Die Zahl der Winterübernachtungen zu jener der Sommerübernachtungen, jahrelang beim Verhältnis 1:3 verharrend, ist auf 1:4 gesunken. Das Mißverhältnis zwischen Beherbergungsmöglichkeiten und tatsächlicher Ausnutzung, ist 'eine schwere Belastung für alle Einsaisonbetriebe und muß bei allen Plänen für Hotelneubauten zu Vorsicht und genauester Kalkulation zwingen. Dazu kommt, daß die Fremdenverkehrseinnahmen bei uns je Gast acht Dollar, in Italien zwölf und in der Schweiz siebzehn Dollar betragen. Dort kann man daher ganz anders investieren. So schön die verhältnismäßige Billigkeit im Fremdenverkehrswesen ist — hindern die unzureichenden Einnahmen der Einsaisonbetriebe die Erhöhung des von zahlungskräftigen Fremden geforderten Komforts. Es wird von Zeit zu Zeit laut auf die Pauke geschlagen, wenn ein neuer Hotelbetrieb aufgemacht oder ein Bau begonnen wird. Optimisten verweisen dann auf die „verlorenen Häuser“ — in Wien beispielsweise das,Grand Hotel, in dem jetzt die Atombehörde sitzt —, verweisen auf die hier verlorenen 540 Betten, deuten auf die 400 des verschwundenen „Metropol“, auf die 180 des einstigen „Erzherzog Karl“, auf die 180 Betten des — noch immer — ruinösen „Österreichischen Hofs“, auf Sillers 78, auf das „Continental“ mit seinen 300, das „Dianabad“ mit 125 und das „Union“ mit 120 Betten (im „Union“ ist sinnigerweise die Finanz und der Zoll eingekehrt); ganz zu schweigen von Unternehmen, die es noch zur Zeit der Monarchie gab, wie das Hotel Klomser in der Herrengasse 19. Aber damals — und das vergessen die Plänemacher — stand ein großes Reich, und selbst zwischen 1918 und 1938 war der Reiseverkehr mit unseren nördlichen und östlichen Nachbarn bedeutend größer als heute. „Keine prozentuellen Rekorde und keine D-Mark-Erlöse im Westen können uns darüber hinwegtäuschen, daß wir in Wien mit dem Rücken an der Wand stehen“, sagte mir der Geschäftsführer eines mittleren Hauses der Stadt.

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