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Nur der Umsatz kann es machen

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In einer Zeitschrift berichtete kürzlich ein Amerikareisender, es sei doch sehr trostreich, daß bei uns in Österreich und überhaupt in Mitteleuropa die Einrichtung des Flascheneinsatzes bestehe. In den USA, wo es dies nicht gibt, seien Bahnlinien, Straßen, Picknickplätze und Campinganlagen von weggeworfenen Flaschen gesäumt, von denen viele zerbrochen sind und Menschen gefährden. Gäbe es in den USA die Einrichtung des Flascheneinsatzes, so wäre es besser um den Landschaftsschutz bestellt.

Leider vollzieht sich unmerklich auch in Österreich die Abkehr vom Flascheneinsatz, offenbar im Zeichen des Wohlfahrtsstrebens und des Bemühens der Verpackungsindustrie bzw. der Erzeuger überhaupt, dem allzu willigen Konsumenten auch die Ausgabe für die Flasche endgültig aufzuhalsen und dadurch ,d i,jU aschenumsatz zu vervielfachen. Die großen Weinhan- delsfirment-'die auch die Bundesländer bereisen lassen und niederösterreichische Weine en gros an Letztverbraucher liefern, nehmen die Flaschen nicht zurück, auch wenn man sie ihnen franko zur Abfüllstation zurückliefert. Der Preis für die Flasche ist entweder im Weinpreis schon inbegriffen oder wird zugeschlagen. Die mannigfaltigen Lebensmittelgeschäfte der Handelsketten schlagen den Flaschenpreis dazu, sind aber von Monat zu Monat mehr indigniert,

wenn man die leeren Flaschen zurückbringt und dafür das Flaschenpfand bekommen will.

Eine große Firma für flüssige Suppenwürze lieferte stets Flaschen zum Nachfüllen, was natürlich eine große Ersparnis bedeutete. Vorbei! Die Flaschen werden mit einem nicht abschraubbaren Verschluß geliefert, der ein Nachfüllen ausschließt. Man muß also eine neue Flasche kaufen, und diese Originalausgabe kostet natürlich mehr als die Nachfüllung alten Stils.

Altpapier? Alte Zeitungen? Einst gefragt und ein Nebenerwerb für sammelnde Kinder, haben sie heute keinen Anwert mehr. Nur noch der Koloniakübel ist Abnehmer dafür, außer man hat so große Mengen, daß man für die Papiermühle interessant ist.

Grerjzfallee,,

aDer Gemeindearzt vöh'Dalaa.s 'lth' Klostertäl beschäftigt 'itn Haushalt' eine Slowenin, die von Jugoslawien ein sechsmonatiges Visum erhielt, um die deutsche Sprache zu erlernen. Österreich erlaubte ihr aber nur einen dreimonatigen Besuchsaufenthalt. Als sich der Arzt bei der zuständigen Stelle beschwerte, wurde ihm bedeutet, das sei die von allen westlichen Staaten Oststaaten gegenüber angewendete Frist. Auf seinen Einwand, daß das nicht stimme und beispielsweise die Schweiz und die Deutsche Bundesrepublik großzügi

ministerium zu wenden.

Wer ist nun schuld, daß wir, daß Österreich eine Türe zum Osten versperrt, durch die unsere Nachbarn in den freien Westen kommen könnten? Ist es die Gewerkschaft, die dafür sorgen zu müssen glaubt, daß unsere stellenlosen österreichischen Dienstmädchen, die es seit Jahren gar nicht mehr gibt, ganz sicher eine Stelle bekommen könnten, wenn sie wollten, findet die Einheit der arbeitenden Klasse ausgerechnet an der Grenze zu einem sozialistischen Vorparadies?

Bitte, Danke!

„Dieser Graben wird auch wieder zugeschüttet. Die Stadt baut hier einen Kanal Wir danken für Ihr Verständnis. Der Bürgermeister.“

So zu lesen in einer oberösterreichischen Stadt, die für ihre Freude an der Erdbewegung bekannt ist.

Wenn auch der Graben durch diese Tafel nicht kürzer, der Lärm nicht leiser und der Schmutz nicht

geringer wird, so werden doch die Mienen der Passanten ein wenig heller. Die Tafel ist ein Beispiel dafür, wieviel mehr menschliche Freundlichkeit noch auf amtlichen Verlautbarungen Platz hätte. Vielleicht wird dieses kleine Zauberwort „bitte“ sogar eines Tages auf amtlichen Vorladungen stehen, und die Finanzämter finden ein passenderes Wort als „Belehrung“ für die Anleitung, die das Ausfüllen eines Formulars zum Vergnügen machen wird.

Gefühl ist alles

Auf dem Boden der Tatsachen, auf dem doch unser stolzes Jahrhundert gebaut ist, sprossen nicht etwa die Realitäten, sondern die Gefühle. Natürlich nicht jene abgegriffenen Gefühle, die Herz und Schmerz reimten und sich der Brust unter Seufzern entrangen. Die neuen Gefühle sind viel subtiler, sie sind förmlich desinfiziert und vor allem •'streng zweckgebunden. Wir kennen rsie: vom Socken- bis zum Kragengefühl; jedesmal ganz neu, aktuell, modern. Das Raumund Bettengefühl — und überhaupt! Man kann das nicht beweisen. Das muß man fühlen, beziehungsweise gefühlt haben.

Wenn eine Firma auf die sonst nicht ungute Idee kommt, eine elektrische Zahnbürste auf den Markt zu bringen, ist es ihr gutes Recht, die Vorzüge ihres Fabrikats zu preisen. Den Textern scheinen jedoch gerade die passenden Superlative ausgegangen zu sein. Darum

noch einmal mit Gefühl. Warum nicht? Ein völlig neues Mundgefühl. Klar!

Allmählich bekommt man, wenn das so weitergeht, ein Magengefühl. Nicht so völlig neu, aber charakteristisch.

Die große Sorge

Es gibt Leute, bei denen das Radio den ganzen Tag erklingt. Nur wenn sie das Wort „Opus“ hören, drehen sie ab. Restinstinkte wirken. Diese sonst oft erfolgreichen Zeitgenossen wissen zwar nicht genau, was eine Sinfonie ist, aber sie haben das seltsame Bedürfnis, in den Genuß von Sinfonien ohne Opus zu kommen. Wie man das anstellt, lehrt ein Blick auf Plakatwände und Veranstaltungsanzeiger, vor allem in den Bundesländern.

Zum Kathreintanz in X spielen die Ypsiloner „Bauernsinfoniker“, zur Weihe einer Schule konzertierten die „Blechsinfoniker“ mit flotten Weisen, zur Unterhaltung dienen — Durst, laß nach! — die „Biersinfoniker“ aus Z. Die „Schräge Philharmonie“ eines Bandleaders ist wenigstens noch heiter und selbstironisch.

Das kommt davon, wenn in einem Land die Musik so populär ist, daß sich schon die Schweinehändler am Wirtshaustisch darüber streiten, ob der Karajan nun einen italienischen Souffleur braucht oder nicht.

Ein-T ag-Revolution

n'L'jiwi oze no nsragonxnosw

Die verheirateten Männer Schwedens haben vom Stockholmer Femr sehen wieder einmal eine schwere Aufgabe erhalten: Am Sonntag, den 24. November, sollten sie ihren Frauen alle Arbeit abnehmen, die Kinder betreuen, für eine feiertagsmäßige Verpflegung sorgen und darüber hinaus noch alles tun, um den Frauen einen schönen und sorglosen freien Tag, einen „Frei-Tag der Frauen“, zu ermöglichen. Damit war von ihnen mehr gefordert, als alle unsere Gesellschaftsreformer in einem Jahrhundert zustande bringen konnten.

Die Fluggesellschaften gaben bekannt, daß sie am 24. November jeden weiblichen Fluggast über zwölf Jahre für den Preis von nur fünfzig Kronen nach jeden anderen Flugplatz Schwedens befördern würden, und der Rückflug, der auch am Montag angetreten werden konnte, sollte dann noch gratis sein! Ein Flug Malmö—Luleä und zurück entspricht etwa der Flugstrecke Frankfurt am Main—Kairo oder Wien—Marokko! Kein Wunder, daß in einer Stunde 3000 Flugkar

ten verkauft wurden und die schwedischen Flugzeuge am 24. November zum erstenmal in der Geschichte des Flugwesens in Schweden alle voll besetzt fliegen konnten!

Die staatliche Eisenbahngesellschaft wollte nicht zurückstehen und erklärte sofort, daß am besagten Tag für alle Frauen eine einfache Fahrkarte als Rückfahrkarte gelten würde, und daß die Reise auch schon am Samstag um 6 Uhr früh angetreten werden könne. An November-Sonntagen fahren die schwedischen Züge fast ganz leer — dieses Entgegenkommen dürfte sich also gelohnt haben.

Und dann folgte ein günstiges Sonderangebot nach dem anderen. Von dem freien Eintritt zur Eisshow angefangen bis zum Angebot, im Atelier von Berufsphotographen und unter sachgemäßer Leitung Porträtaufnahmen in Farbe zu machen, wobei sich noch berühmte Mannequins als Modelle zur Verfügung stellten. Die Frauen fuhren in alle Himmelsrichtungen davon, und die Männer knipsten, daß die Kameras rauchten. Es war eine wunderbare Revolution für einen Tag: Schweden hatte wieder einmal eines jener „Jippos“ gefunden, dem sich in diesem Land niemand entziehen kann!

Eskimosage

Als der Eskimo Davidee ET-54, der bei der Frobisher Bay lebt, Ministerpräsident Pearson schrieb und ihm seine Besorgnisse über die weltpolitische Lage mitteilte, antwortete der Regierungschef und Friedensnobelpreisträger, Davidee möge unbesorgt Zukunftspläne schmieden.

Durch diese Korrespondenz wurde die Öffentlichkeit des riesigen Landes wieder einmal auf Kanadas 12.000 Eskimos aufmerksam. Sie haben Namen und Nummern, da viele von ihnen nur einen Namen haben und die Nummern die Auszahlung der staatlichen Kinderzulagen („Baby Bonus“ genannt) erleichtern.

„Heute erfreuen, sich,, .manche Eskimos einer bemerkenswerten Prosperität, da,; der Preis der See- hundfeile innerhalb eines Jahres von sieben auf 27 Dollar stieg — zum Gutteil dank der starken Nachfrage in Europa. Auch die Konstruktion der Bergwerkstadt Pine Point in den Northwest Territories sollte Eskimos guten Verdienst bringen. Große Blei- und Zinkvorkommen haben zu der Entstehung von Pine Point geführt. Wohlhabend sind auch die Eskimos der Resolute Bay, da deren Jagdgründe bei dem Beaufort Sea sich immer wieder als sehr ergiebig erwiesen. Die mehr als 290 Jahre alte Hudson's Bay Co. — die oft als „romantischeste Firma der Erde“ bezeichnet wird — kauft stets die Schnitzereien der Eskimos, und in manchen Jahren kauft sie bis zu 40 Tonnen davon!

Bis heute sind Kanadas Eskimos sehr genügsam geblieben. Sie sind nicht ehrgeizig und kennen keinen Neid. Spielen sie, geht es ihnen nicht um den Sieg, sondern um die Freude an dem, was sie tun.

Vielleicht, weil sie noch nicht richtig „zivilisiert“ sind!

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